Eichstätt (Bayern)

Datei:Eichstätt in EI.svg Eichstätt ist heute eine Kreisstadt mit derzeit ca. 14.000 Einwohnern im gleichnamigen Landkreis in Oberbayern – ca. 25 Kilometer nordwestlich von Ingolstadt gelegen (Karte Hagar, 2010, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0).

Bis zur Ausweisung der Juden, die um 1450 durch den Eichstätter Bischof Johannes von Eych erfolgte hatte in Eichstätt eine jüdische Gemeinde bestanden, die sich vermutlich am Ende des 13.Jahrhunderts gebildet hatte; ein erster schriftlicher Beleg stammt aus dem Jahre 1292. Nachdem 1298 eine erste Verfolgungswelle Süddeutschland und damit auch die Bischofsstadt Eichstätt erfasst hatte, forderte dann der Pestpogrom (1349) weitere Opfer; so sollen bei einem „Aufstand des Pöbels“ in Eichstätt lebende Juden erschlagen worden sein. Unter dem Schutz der Bischofs waren um 1400 etwa zehn jüdische Familien in der Stadt geduldet. Eine "Judenschule", die sich in der Webergasse befand, ist aus dieser Zeit bezeugt; vermutlich haben die Eichstätter Juden ghettoartig in der ‚Judengasse’ zusammengelebt. Ihr damaliger Begräbnisplatz lag außerhalb der Mauern „an der Juden Freithofe zu Westen gelegen“. Auf Verlangen des Domkapitels erfolgte im Jahre 1446 die Vertreibung aller Juden aus Eichstätt und fast allen anderen Orten des Hochstifts. Das Friedhofsareal ging an den Bischof über, der es dann an christliche Stadtbewohner veräußerte; auch die mittelalterliche Synagoge wurde kirchlicher Besitz.

Mehrere Jahrhunderte lang war keine dauerhafte jüdische Ansässigkeit in der Stadt zugelassen worden. Im Laufe des 17./18.Jahrhunderts wurden gegen Geldzahlungen kurzfristige Aufenthaltserlaubnisse erteilt.

Eichstätt gegen Mitte des 19.Jahrhunderts, Illustration P. Stumpf (Abb. aus: wikipedia.org, gemeinfrei)

Erst nach Aufhebung des Ansässigkeitsverbots 1861 siedelten sich jüdische Familien wieder in Eichstätt an, die aus Pappenheim und Thalmässing stammten. Sie waren zumeist kleine Kaufleute, die mit Landesprodukten und Textilien handelten; ihre wirtschaftliche Situation besserte sich im Laufe der Jahre, sodass es ihnen bald möglich war, in Eichstätt Wohn- und Geschäftshäuser im Stadtzentrum zu erwerben.

Da ihre Zahl aber zu gering war, um eine eigene Kultusgemeinde bilden zu können, schlossen sich die Juden in Eichstätt 1872 zu einer „Israelitischen Betgesellschaft“ zusammen. Ihr erster Betraum war im Obergeschoss eines Privathauses in der Westenstraße untergebracht. Von 1903 bis 1933 befand sich dann der Betsaal der Gemeinde im ersten Stock eines Gebäudes in der Pfahlstraße; zeitweilig war im gleichen Hause die Wohnung des jüdischen Lehrers, der auch das Amt des Schächters und Vorbeters ausübte.

 http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20100/Eichstaett%20Israelit%2007111907.jpg

Stellenanzeigen aus der Zeitschrift „Der Israelit“ vom 9.Juli 1903 und vom 7.Nov. 1907

Begräbnisse Eichstätter Juden fanden auf dem jüdischen Friedhof in Thalmässing oder auf dem in Pappenheim statt.

Juden in Eichstätt:

         --- um 1400 ...................... ca. 10 jüdische Familien,

    --- 1450 bis 1861 ....................  keine,

    --- 1900 ............................. 49 Juden,

    --- 1910 ............................. 46   “  ,

    --- 1925 ............................. 30   “  ,

    --- 1933 ............................. 27   “  ,

    --- 1938 (Dez.) ......................  keine.

Angaben aus: Brun Appel, Zur Geschichte der Juden in Eichstätt

Die wenigen jüdischen Familien waren aber nicht wirklich in die kleinstädtische katholische Gesellschaft von Eichstätt integriert; nach 1900 wanderten viele Juden in süddeutsche Großstädte ab und die Zahl der Juden in Eichstätt nahm stetig ab.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20391/GUTTENTAG-KAUFHAUS-FOTO.jpg Textilkaufhaus Guttentag* am Domplatz (hist. Aufn.)

* Im Frühjahr 1936 verließ die Familie Guttentag auf Grund der Folgen des Boykotts und einer drohenden "Arisierung" ihres Kaufhauses die Stadt; ihr gelang eine Emigration nach Südafrika.

In den 1920er Jahren tauchten in der Kleinstadt erstmals antisemitische Schmierereien auf. Wie fast überall in Deutschland wurde auch in Eichstätt am 1.April 1933 jüdische Geschäfte boykottiert. In den Folgejahren gaben die jüdischen Familien ihre Geschäfte hier auf. Aus einem Bericht der NSDAP-Kreisleitung Eichstätt vom Mai 1935:

„ ... Die Judenfrage wurde in unserem Kreis vorbildlich vom Kreisleiter behandelt, die fast jede Ortschaft erfaßte und die, soweit ersichtlich, den gewünschten Erfolg zeitigt. Leider kann man hier noch nicht sagen, daß alle Volksgenossen die Judenfrage erkannt haben. Das liegt aber wohl daran, daß die Kirche hemmend wirkt und auf leisen Sohlen Opposition treibt.”

Drei Jahre später konnte dann die Kreisleitung Eichstätt vermelden: "Eichstätt, 30.11.1938 ... Bei der Judenaktion war das Volk restlos in der Hand der Partei. Es wird einmütig gut geheißen, daß die Propaganda sich nicht auf die Abwehr beschränkt, sondern besonders England und Amerika gegenüber zum Angriff vorgegangen ist. Hierauf ist zurückzuführen, daß die Hochstimmung keine Abminderung erfahren hat. ...”

Die letzte in Eichstätt lebende jüdische Familie verließ unmittelbar nach dem Pogrom die Stadt, nachdem SA-Angehörige Türen und Fenster ihres Hauses eingeschlagen hatten. Am 8. Dezember 1938 gab die Regierung von Mittelfranken bekannt, dass Eichstätt „judenfrei“ sei. Mindestens 20 Eichstätter Juden konnten nicht mehr emigrieren; sie wurden von ihren neuen Wohnorten aus deportiert und kamen zumeist in den „Lagern des Ostens“ ums Leben.

Unmittelbar nach Kriegsende wurde in ehemaligen Jägerkaserne in Eichstätt ein DP-Camp eingerichtet, in dem zeitweilig mehr als 1.300, meist aus Osteuropa stammende Juden untergebracht waren. Hier bereiteten sie ihre Auswanderung u.a. nach Palästina/Israel vor. Im Herbst 1949 wurde das DP-Camp geschlossen.

Das Gebäude in der Pfahlstraße, in dem die „Jüdische Betgesellschaft“ zuletzt ihre gottesdienstlichen Zusammenkünfte abgehalten hatte, blieb erhalten; es wird gewerblich und für Wohnzwecke genutzt. Eine Gedenk- oder Hinweistafel ist bislang nicht vorhanden.  

2015/2016 wurden an verschiedenen Standorten in der Stadt sog. „Stolpersteine“ verlegt, die an jüdische Familien erinnern sollen, die vom NS-Regime verfolgt, vertrieben oder ermordet wurden. Initiiert wurde die Teilnahme der Stadt Eichstätt am „Stolperstein“-Projekt von Schüler/innen des hiesigen Gabrieli-Gymnasiums.

Am Graben 21 Eichstätt -Stolpersteine Haenlein Westenstr 1 Eichstätt -Stolpersteine Dachauer

verlegte Stolpersteine Am Graben und in der Westendstraße (Aufn. W., 2016, aus: wikipedia.org, CCO)

Domplatz 5 Eichstätt -Stolperstein GuttentagStolperstein“ für Salomon Guttentag, Domplatz (Abb. aus: wikipedia.org)

Weitere Informationen:

Germania Judaica, Band II/1, Tübingen 1968, S. 192/193

Baruch Z. Ophir/F. Wiesemann (Hrg.), Die jüdischen Gemeinden in Bayern 1918 - 1945. Geschichte und Zerstörung, München/Wien 1979, S. 170/171

Israel Schwierz, Steinerne Zeugnisse jüdischen Lebens in Bayern. Eine Dokumentation, Hrg. Bayrische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit, München 1992, S. 307

Joachim Hahn, Jüdisches Leben in Esslingen. Geschichte, Quellen und Dokumentation, in: Esslinger Studien Band 14/1994, S. 255/256 (demografische Angaben zur Familie Guttentag)

Brun Appel, Zur Geschichte der Juden in Eichstätt, in: Faltblatt ‘Wider das Vergessen’ - Eichstätter Projektwochen Nov. 1996

Brun Appel, Die jüdische Gemeinde Eichstätt vom Mittelalter bis zur Shoa, Eichstätt 2002 (Vortrag) 

Eichstätt – Jüdisches DP-Lager, in: after-the-shoah.de

Eichstätt, in: alemannia-judaica.de (mit Dokumenten zur jüdischen Ortshistorie)

Stolpersteine in Eichstätt – Gedenken an die jüdischen Opfer des Nationalsozialismus (Flyer), hrg. vom Gesprächskreis Christentum-Judentum, Eichstätt 2015

Eva Chloupek (Red.), Elf weitere „Stolpersteine“, in: „Donau-Kurier“ vom 2.11.2016

Auflistung der in Eichstätt verlegten Stolpersteine, online abrufbar unter: wikipedia.org/wiki/Liste_der_Stolpersteine_in_Eichstätt