Ellrich (Thüringen)

Bildergebnis für ellrich karte postleitzahl  Nordhausen (Landkreis) Karte Die Kommune Ellrich ist mit derzeit ca. 6.000 Einwohnern die nördlichste Stadt des Freistaates Thüringen; sie liegt im Landkreis Nordhausen/Harz (Karte aus: suche-postleitzahl.org und ortsdienst.de/thueringen/nordhausen).

Erstmalig urkundlich erwähnt wurden in Ellrich ansässige jüdische Familien gegen Ende des 16.Jahrhunderts. Es sollen aber bereits im 14.Jahrhundert hier Juden gelebt haben, die 1348/1349 Opfer des Pestpogroms wurden.

Ansicht von Ellrich - Stich von M.Merian, um 1650 (Abb. aus: wikipedia.org, gemeinfrei)

Erst nach 1620 ließen sich in Ellrich Juden in nennenswerter Zahl nieder. Während des 18. und in der ersten Hälfte des 19.Jahrhunderts wohnten in Ellrich relativ viele jüdische Familien, die hier bereits um 1700 eine Gemeinde gegründet hatten. Ein Teil von ihnen war aus dem nahen Nordhausen zugewandert, ein anderer Teil stammte aus Polen. Gegen Mitte des 19.Jahrhunderts erreichte die jüdische Gemeinde zahlenmäßig ihren Zenit; zunächst galt die Jüdenstraße in der „Vorstadt“ Ellrichs als eigentlicher Kern jüdischer Ansiedlung, so dehnte sich mit dem Anwachsen der Gemeinde ihr Wohngebiet auf die angrenzenden Straßenzüge aus. Eine um 1730 im Fachwerkstil erbaute Synagoge in einem Hinterhaus in der Jüdenstraße war gottesdienstlicher Mittelpunkt der Gemeinde; sie bot 50 Männern und in einem Anbau etwa 30 Frauen Platz. Der Synagogenraum war mit Malereien ausgeschmückt. Genutzt wurde diese Synagoge vermutlich bis in die 1920er Jahre – allerdings zuletzt nur noch an hohen Feiertagen.

In einem Artikel der Zeitschrift „Menorah“ (Heft 9/1926) wird über die Ellricher Gemeinde und deren Synagoge wie folgt berichtet:

"Die Synagoge in Ellrich. Die vielen kleinen Judengemeinden Deutschlands mit ihrer eigenartigen Physiognomie sind in den letzten Jahrzehnten immer stärker dem Untergang preisgegeben. Zu ihnen gehört auch die Gemeinde von Ellrich, einem Städtchen am Rande des Südharzes auf der kürzesten Strecke von Hannover nach Thüringen. Hier lebte noch vor etwa einem halben Jahrhundert eine kleine, aber wertvolle jüdische Gemeinschaft. Berühmte jüdische Führer brachte sie wohl nicht hervor, aber unter ihren Mitgliedern waren einzelne geradezu klassische Typen harmonisch ausgebildeter Persönlichkeiten, bei denen es keine Dissonanz zwischen Leben und Lehre gab, und deren Angedenken noch heute bei allen fortlebt, die das Glück hatten, ihren Umgang zu genießen. Jetzt ist die Gemeinde am Aussterben. Einige wenige Familien sind übrig, ...  Aber noch steht in Ellrich die alte Synagoge, ein Denkmal früherer großer Opferfreudigkeit; doch auch sie ist nahe daran, ein Opfer der Zeit zu werden. Das Äußere des rechteckigen Baues ist im Zustand starker Verwahrlosung: Dach und Mauern sind schadhaft und voll von Sprüngen und Rissen. Das Innere zeigt noch deutlicher die Spuren des langsamen Unterganges; die Farbe der rissigen Wände verblaßt, die Malereien verblichen, das Schnitzwerk an vielen Stellen zerbrochen, die metallenen Leuchter beschädigt. In wenigen Jahren muß der Bau zur Ruine werden, wenn keine helfende Hand ihn stützt. Die Synagoge von Ellrich aber sollte im jüdischen Gesamtinteresse erhalten bleiben, weil sie ein künstlerisches Kulturdenkmal ist. Das ist der schön geschnitzt Almemor, der eigenartig verzierte Oron hakodesch mit dem großen geschnitzten Löwen, die überreichliche Verzierung der Wände mit Sprüchen aus der Bibel, die noch nicht ganz aufgeklärte Inschrift unter der Frauenschul, die auf einen früheren, aus Wilna stammenden Raw hinzudeuten scheint, die eigenartige Vergitterung der Frauenschul, die den Raum harmonisch gliedert, die Leuchterarbeit, die an russische oder polnische Wappenembleme erinnert.  Wenn die Synagoge von Ellrich dem Untergang anheimfällt, so würde eine Quelle zerstört werden, aus der wir Kenntnis empfangen können von den Wanderungen der Juden in Deutschland und Europa, den Kulturelementen, welche sie aus fernen Landen mitgebracht und wieder verwertet haben. ... Wäre es da nicht wichtig, dieses für die historische Kenntnis vom Judentum wichtige Denkmal zu erhalten? Die Synagoge von Ellrich und gar manche Synagoge der untergehenden jüdischen Kleingemeinden in Deutschland, die zu Ruinen zu zerfallen drohen, könnten durch die helfende Hand der Gemeinschaft zu historischen Kulturstätten werden, die der jüdischen Jugend sinnfällig die eigene Geschichte vor Augen führen."                

                                                      Skizze der Ellricher Synagoge (Nordseite)

 

hist. Innenansichten der Ellricher Synagoge (Abb. aus der Zeitschrift „Menorah“ von 1926)

                        Anm.: Vom Synagogengebäude gibt es heute keine baulichen Überreste mehr.

Zur Verrichtung religiös-ritueller Belange hatte die Ellricher Gemeinde einen Religionslehrer verpflichtet.

   http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20157/Ellrich%20AZJ%2013081861.jpg

Stellenangebote aus "Allgemeine Zeitung des Judentums" vom 9. 8. 1847 und 13.8.1861

Ihre erste Begräbnisstätte besaß die Judenschaft Ellrichs vor dem Wernaer Tor; um 1785 wurde ein neuer, relativ großer Friedhof vor dem Walkenrieder Tor, am Ende der heutigen Töpferstraße, angelegt.

Juden in Ellrich:

        --- um 1570 .........................   5 jüdische Familien,

--- 1701 ............................  20     “       “    ,

    --- 1727 ............................  26     “       “    ,

    --- 1770 ............................  97 Juden,

    --- 1787 ............................ 114   “  ,

    --- 1812 ............................ 119   “  ,

    --- 1816 ............................ 141   “  ,

    --- 1840 ............................ 146   “  ,

    --- 1861 ............................  93   “  ,

    --- um 1900 .........................  32   “  ,

    --- 1910 ............................  46   “  ,

    --- 1924 ............................  16   “  (in 4 Familien),

    --- 1933 ............................  14   “  ,

    --- 1938 ............................   9   “  ,

    --- 1939 ............................   keine.

Angaben aus: Helmut Drechsler, Die Geschichte der Ellricher Juden von der Jahrhundertwende bis 1945

und                 Helmut Eschwege, Geschichte der Juden im Territorium der ehemaligen DDR, Band II, S. 837 f.

Ab 1880/1890 wanderten vermehrt Ellricher Juden aus - städtische Zentren wurden für ihre Handels- und Geschäftstätigkeiten zunehmend attraktiver. Eventuell könnte auch der große Stadtbrand des Jahres 1860 einige bewogen haben, einen Neuanfang in einem anderen Orte zu wagen. Bei diesem Schadensfeuer waren auch die Wohnhäuser von 16 jüdischen Familien zerstört worden.

Die zu Anfang des 20.Jahrhunderts noch in Ellrich lebenden Juden bestritten ihren Lebensunterhalt zum einen im industriellen Bereich - so waren zwei Familien im Besitz von Webereien -, zum anderen im Handelssektor.

Geschäft der jüdischen Fam. Frohnhausen (Heimatmuseum)

Zu Beginn der NS-Zeit verließen einige der wenigen noch in Ellrich lebenden Juden die Kleinstadt; sie verzogen in umliegende größere Städte. 1938 wohnten nur noch zwei jüdische Familien und drei Einzelpersonen in Ellrich. Am Morgen des 10.November 1938 zog ein SA-Trupp durch Ellrich, der das noch bestehende jüdische Geschäft der Familie Nußbaum demolierte und die Inhaber unter Gejohle zum Rathaus trieb. Die Wohnungen der anderen jüdischen Einwohner wurden aufgebrochen und die Menschen drangsaliert. Anschließend machte sich der SA-Trupp daran, das Synagogengebäude in Brand zu setzen, nachdem Teile der Inneneinrichtung geplündert worden waren. Wegen der Brandgefahr für die Nachbargebäude durfte die Feuerwehr den Brandherd löschen; das beschädigte Gebäude wurde danach abgerissen. Die Ellricher Juden wurden von den NS-Behörden danach nach Nordhausen verschleppt; über ihr weiteres Schicksal ist kaum etwas bekannt.

In der Zeit vom Mai 1944 bis April 1945 waren im KZ-Außenlager Ellrich-Juliushütte (zum KZ Dora-Mittelbau gehörig) Tausende von Häftlingen, darunter auch viele jüdische, untergebracht. Die durchschnittliche Belegung des Lagers betrug etwa 8.000 Häftlinge, zeitweilig waren es bis zu 12.000. Die Zahl der Opfer wird auf 6.000 bis 8.000 Menschen geschätzt. Die meisten der insgesamt 20.000 durch Ellrich gegangenen Häftlinge waren Polen, Sowjets, Franzosen, Ungarn, Belgier, Tschechen und Deutsche. Die Häftlinge wurden vor allem bei unterirdischen Bauvorhaben in der Region, aber auch bei Straßen- und Tiefbauarbeiten und Arbeiten in Rüstungsbetrieben eingesetzt. Ein zweites KZ-Lager befand sich in Ellrich-Bürgergarten.

Der an der Töpferstraße bestehende jüdische Friedhof der Ellricher Kultusgemeinde weist auf einer Fläche von ca. 2.500 m² heute noch etwa 75 Grabsteine auf; der jüngste Stein datiert von 1915.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20294/Ellrich%20Friedhof%20152.jpg Teilansicht des jüdischen Friedhofs in Ellrich (Aufn. J. Hahn, 2010)

1988/1994 ließ die Stadtverwaltung Ellrich an der Außenmauer des jüdischen Friedhofs in der Karlstraße eine Gedenktafel anbringen:

Zum Gedenken an die jüdische Gemeinde

1591 - 1938

Noch heute erinnert in Ellrich die Straßenbezeichnung „Jüdenstraße“ daran, dass früher hier jüdische Familien wohnten.

Im Rahmen des Projektes „Miteinander in Ellrich. Spurensuche – Jüdische Familien damals“ (ein Gemeinschaftsprojekt der Oberschule Ellrich und des Familienvereins Ellrich) sind 2015 an mehreren Stellen der Altstadt sog. „Stolpersteine“ verlegt worden.

File:Ellrich-Stolperstein-Max-Bernstein-CTH.JPG File:Ellrich-Stolperstein-Selma-Bernstein-CTH.JPG verlegt in der Lindenstraße 1 (alle Abb. C., 2015, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0)

und in der Großen Bahnhofstr.  Ellrich-Stolperstein-Selmar-Ballin-1-CTH.JPG Ellrich-Stolperstein-Bertha-Ballin-CTH.JPG Ellrich-Stolperstein-Elisabeth-Ballin-CTH.JPG Ellrich-Stolperstein-Else-Margarete-Ballin-CTH.JPG

 Der Rabbiner und Historiker Levi Herzfeld wurde 1810 in Ellrich geboren. Seit 1842 war er Landesrabbiner von Braunschweigund hatte dieses Amt mehr als vier Jahrzehnte bis zu seinem Tode inne. Herzfelds Leben war von zahlreichen Aktivitäten geprägt; so leitete er u.a. die Braunschweiger Rabbinerversammlung (1844) und das Institut zur Förderung der israelitischen Literatur. Als Hauptwerke des gemäßigt jüdischen Reformers gelten „Vorschläge zu einer Reform der jüdischen Ehegesetze“, „Geschichte des Volkes Israel“ und „Handelsgeschichte der Juden des Altertums“. Levi Herzfeld verstarb 1884 an seinem Wirkungsort in  Braunschweig.

 

In Sülzhayn - heute Ortsteil der Stadt Ellrich - soll sich nach 1570 eine kleine jüdische Gemeinschaft herausgebildet haben. Deren Angehörige waren 1558 aus Nordhausen vertrieben und von den Herren von Spiegel als Schutzjuden im Dorfe aufgenommen worden. Eine kleine jüdische Gemeinde von Sülzhayn existierte wohl bis zu Beginn des 19.Jahrhunderts. Spuren jüdischer Ansässigkeit gibt es heute nicht mehr.

 

In Werna - ebenfalls Ortsteil von Ellrich - bestand im 18./19.Jahrhunderteine sehr kleine jüdische Gemeinde. Eine 1793 erbaute (oder renovierte) Synagoge und vermutlich auch eine Mikwe waren vorhanden; ihr Standort ist unbekannt. Die Gemeinde bestand bis in die erste Hälfte des 19.Jahrhunderts. In den Folgejahrzehnten waren noch einzelne jüdische Familien im Dorf ansässig. 

Weitere Informationen:

Rahel Wischnitzer-Bernstein, Alte Synagoge Ellrich, in: Jüdisches Gemeindeblatt für Berlin vom 28.11.1937

Rahel Wischnitzer-Bernstein, Die Synagoge Ellrich am Südharz, in: Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums, Heft 1 (1939), S. 493 - 508

Harold Hammer-Schenk, Synagogen in Deutschland. Geschichte einer Baugattung im 19. u. 20.Jahrhundert, Hans Christians Verlag, Hamburg 1981, Teil 1, S. 18 und Teil 2, Abb. 1

Helmut Drechsler, Die Geschichte der Ellricher Juden von der Jahrhundertwende bis 1945, in: Beiträge zur Heimatkunde aus Stadt und Kreis Nordhausen, Heft 8/1983, S. 43 f.

Peter Kuhlbrodt, Die Synagoge in Ellrich, in: Beiträge zur Heimatkunde aus Stadt und Kreis Nordhausen, Heft 9/1984, S. 72 - 77

Gerhard Wilhelm Daniel Mühlinghaus, Der Synagogenbau des 17. u. 18.Jahrhunderts im aschkenasischen Raum, Dissertation, Philosophische Fakultät Marburg/Lahn, 1986, Band 2, S. 111 - 113

Helmut Eschwege, Geschichte der Juden im Territorium der ehemaligen DDR, Dresden 1990, Band II, S. 837 f.

Manfred Bornemann, Chronik des Lagers Ellrich 1944/45. Ein vergessenes Konzentrationslager wird neu entdeckt, Hrg. Landratsamt Nordhausen, Nordhausen 1992

M.Brocke/E.Ruthenberg/K.U.Schulenburg, Stein und Name. Die jüdischen Friedhöfe in Ostdeutschland (Neue Bundesländer/DDR und Berlin), in: Veröffentlichungen aus dem Institut Kirche und Judentum, Hrg. Peter v.d.Osten-Sacken, Band 22, Berlin 1994, S. 324/325

Monika Kahl, Denkmale jüdischer Kultur in Thüringen - Kulturgeschichtliche Reihe, Band 2, Hrg. Thüringisches Landesamt für Denkmalpflege, Bad Homburg/Leipzig 1997, S. 63/64

Gedenkstätten für die Opfer des Nationalsozialismus - Eine Dokumentation II, Hrg. Bundeszentrale für pol. Bildung, Bonn 1999, S. 813 ff.

Stefan Litt, Juden in Thüringen in der Frühen Neuzeit (1520 – 1650), in: Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Thüringen, Kleine Reihe, Bd. 11/2004, S. 55 – 58

Peter Kuhlbrodt, Verzeichnis der Nordhäuser jüdischen Familien zur Zeit des Neuanfanges im Jahre 1808, 1922 und 1929, online-Beitrag von 2006 (beinhaltet auch eine Zusammenstellung der in Ellrich 1808 lebenden jüdischen Familien) 

Israel Schwierz, Zeugnisse jüdischer Vergangenheit in Thüringen. Eine Dokumentation, hrg. von der Landeszentrale für politische Bildung Thüringen, Sömmerda 2007, S. 100 – 103 und 247/248

Ellrich, in: alemannia-judaica.de (mit Dokumenten zur jüdischen Ortshistorie)

Sülzhayn und Werna, in: alemannia-judaica.de

Liste der Stolpersteine in Ellrich, in: „Thüringer Allgemeine“ vom 19.6.2015

Auflistung aller in Ellrich verlegten Stolpersteine, online abrufbar unter: wikipedia.org/wiki/Liste_der_Stolpersteine_in_Ellrich