Essenheim (Rheinland-Pfalz)

Bildergebnis für essenheim karte postleitzahl Essenheim mit seinen derzeit ca. 3.300 Einwohnern gehört heute zur Verbandsgemeinde Nieder-Olm im Landkreis Mainz-Bingen (Karte aus: suche-postleitzahl.org).

Vermutlich bildete sich gegen Ende des 18. Jahrhunderts bzw. Anfang des 19. Jahrhunderts im rheinhessischen Dorfe Essenheim eine kleine jüdische Gemeinde; ein erster Hinweis auf in Essenheim lebende Juden stammt bereits aus dem Jahre 1725. In den 1850er Jahren richtete die Judenschaft in einem angekauften zweistöckigen Wohngebäude in der Klappergasse eine Synagoge ein; ein Teil der Unkosten trug ein Essenheimer Jude, der in die USA ausgewandert war; sein Name wurde später auf einer neben dem Portal angebrachten Tafel verewigt. Dort hieß es: Jacob Lehmann - von hier stiftete dieses Haus - der Verehrung des höchsten Wesens 1857 - renoviert 1889.”  Etwa 30 Jahre später wurde der renovierte Bau von dem Mainzer Rabbiner Dr. Salfeld neu eingeweiht. Ein von der Gemeinde besoldeter Lehrer unterrichtete die Kinder in Religion und übte das Amt des Vorsängers und Schächters aus.

  

Stellenanzeigen aus den Jahren 1868 und 1879

Seit dem Jahre 1877 verfügten die Juden Essenheims über einen eigenen Friedhof an der Wackernheimer Straße; das Gelände war der jüdischen Gemeinde von der Kommune übereignet worden. Bis dahin wurden Verstorbene auf dem Friedhof in Jugenheim beerdigt. Im „Mainzer Tagblatt“ vom 26.Dez. 1877 hieß es zur Einweihung:

In unserm Orte fand heute eine ebenso seltene wie erhebende Feier statt. Die hiesige isr. Gemeinde, welche bisher ihre Todten in der Nähe des drei Stunden von hier gelegenen Ortes Jugenheim begrub, hatte von der Ortsgemeinde einen Platz zur Errichtung eines eigenen Friedhofs zum Geschenk erhalten. Heute wurde die erste Leiche auf diesem Friedhofe beerdigt und bei dieser Gelegenheit das neue Todtenfeld unter Betheiligung sämmtlicher hiesiger Israeliten und einer großen Anzahl christlicher Bewohner - unter ihnen die Geistlichkeit, der Magistrat und die übrigen Behörden - eingeweiht. Herr Rabbiner Dr. Lehmann aus Mainz hielt die Weiherede. In begeisterter Weise hob der Redner hervor, wie die Nacht des Mittelalters gewichen und der frühere Haß der Religionen und Confessionen gegeneinander immer mehr verschwunden sei. Die religiöse Duldung sämmtlicher Bewohner von Essenheim lege von diesem schönen Zuge der Zeit ein nachahmenswerter Zeugniß ab. ...

Die jüdische Gemeinde gehörte zum Rabbinatsbezirk Mainz.

Juden in Essenheim:

         --- 1801 .........................  25 Juden,

    --- 1824 .........................  48   “  ,

    --- 1830 .........................  56   “  ,

    --- 1861 .........................  98   “  ,

    --- 1871 ......................... 126   “  (ca. 10% d. Bevölk.),

    --- 1900/05 ......................  46   “  ,

    --- 1931/33 ......................  22   “  (in 6 Familien),

    --- 1939/40 ......................  keine. 

Angaben aus: P.Weisrock/E.Rettinger/A.Weisrock (Hrg.), Die jüdische Gemeinde von Nieder-Olm, S. 32

Ihren Lebensunterhalt verdienten die Juden Essenheims als kleine Gewerbetreibende; sie lebten in recht bescheidenen Verhältnissen. Im letzten Viertel des 19.Jahrhunderts begann die Aus- und Abwanderung der jüdischen Familien aus Essenheim. Bereits in den ersten Jahren der NS-Herrschaft verließen die wenigen jüdischen Familien Essenheim und siedelten nach Mainz über; die jüngeren emigrierten nach Übersee. Damit löste sich die Gemeinde auf; das Synagogengebäude wurde 1935/1936 verkauft und blieb während des Novemberpogroms unzerstört. Mindestens fünf gebürtige bzw. länger am Ort lebende Juden Essenheims wurden Opfer des Holocaust.

Der am Ortsausgang (an der Wackernheimer Str.) liegende jüdische Friedhof weist heute nur noch ca. zehn Grabsteine auf; die anderen waren in der NS-Zeit zerstört bzw. entfernt worden.

Jüdischer Friedhof in Essenheim (Aufn. N., 2014, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 4.0)

1988 ließ die Kommune Essenheim am Standort der ehemaligen Synagoge - das Backsteingebäude war lange Jahre als Lagerraum benutzt und Ende der 1970er Jahre abgerissen worden - eine Inschriftentafel mit den folgenden Worten anbringen:

Hier stand die Synagoge von Essenheim

geweiht im Jahre 1857.

Bis 1935 diente sie unseren jüdischen Bürgern, die aus der Heimat vertrieben oder in Konzentrationslagern ermordet wurden, als Gebetsstätte.

Die Gemeinde Essenheim 1988

2016 wurden in Essenheim an drei Standorten 15 sog. „Stolpersteine“ verlegt, die an Angehörige vertriebener und ermordeter jüdischer Familien erinnern.

Stolperstein für Wilhelm Stern.jpg Stolperstein für Ella Stern.jpg Stolperstein für Margot Stern.jpg Stolperstein für Inge Elisabeth Stern.jpg

verlegt in der Neubrunnenstraße für Fam. Stern (Aufn. J. Schroeder, 2016, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 4.0)

[vgl. Nieder-Olm (Rheinland-Pfalz)]

Weitere Informationen:

Paul Arnsberg, Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang - Untergang - Neubeginn, Societäts-Verlag, Frankfurt/M. 1971, Bd. 1, S. 171 f.

P.Weisrock/E.Rettinger/A.Weisrock (Hrg.), Die jüdische Gemeinde von Nieder-Olm, in: Nieder-Olmer Dokumentationen 1, Selbstverlag, Nieder-Olm 1988, S. 32

Essenheim, in: alemannia-judaica.de (mit einigen Dokumenten zur jüdischen Ortshistorie)

Stefan Fischbach/Ingrid Westerhoff (Bearb.), “ ... und dies ist die Pforte des Himmels. Synagogen. Rheinland-Pfalz Saarland, Hrg. Landesamt für Denkmalpflege, Mainz 2005, S. 147/148

Lisa Maucher (Red.), Essenheim, Holland, Auschwitz ..., in: „Allgemeine Zeitung – Rhein-Main-Presse“ vom 15.3.2016 (betr. "Stolpersteine")

Video-Film zur Verlegung der "Stolpersteine" in Essenheim: http://ok-mainz.de/blickpunkt-mainz-im-maerz-2/ 

Liste der in Essenheim verlegten Stolpersteine, online abrufbar unter: wikipedia.org/wiki/Liste_der_Stolpersteine_in_Essenheim