Estenfeld (Unterfranken/Bayern)

Datei:Estenfeld in WÜ.svg Estenfeld mit derzeit knapp 5.000 Einwohnern ist eine Kommune im unterfränkischen Landkreis Würzburg und Sitz der gleichnamigen Verwaltungsgemeinschaft (Karte Hagar, 2010, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0).

In der wenige Kilometer nördlich Würzburgs gelegenen Ortschaft Estenfeld gab es eine kleine jüdische Kultusgemeinde, die aber zu keiner Zeit mehr als 50 bis 60 Mitglieder zählte.

Die Anfänge jüdischer Siedlung dürften im ausgehenden 15./beginnenden 16.Jahrhundert liegen; dafür sprechen vereinzelte Hinweise, so z.B. auch eine überlieferte Federzeichnung des Estenfelder „Judenhauses“ aus dem Jahre 1533.

Dauerhaft müssen sich Juden in Estenfeld dann im 17.Jahrhundert angesiedelt haben, denn aus dieser Zeit existiert ein urkundlich niedergelegter „Judenaydt“ in der Dorf- und Gerichtsordnung Estenfelds.

Der Wortlaut:

Judenaydt, Exodi 20.Capitel

So einem Juden ein Aydt auferlegt würdt, soll er zuvor, ehe er den Aydt tut, vor Handen und vor Augen haben ein Buch, darinnen die Gebot Gottes, die dem Moysi auf dem Berg Sinai von Gott geschrieben seyndt, nemblich die Bibel; und mag darmit den Juden bereden und beschweren mit den folgenden Worten: Zeugenaydt: Judt, ich beschwere dich bey dem einigen, lebendingen und allmächtigen Gott, Schöpfer der Himmel und des Erdreichs und aller Ding und bey seinem Thorach und Gesetzen, das er gab seinem Knecht Moysi auf dem Berg Sinai, daß du wollest wahrligen sagen und verjahen, ob dies gegenwärtig Buch sey das Buch, darauf ein Judt einem Christen oder einem Juden einen rechten, gebührligen Aydt tuen und vollführen mög und soll ?

Im späten 17.Jahrhundert gab es vier jüdische Haushalte in Estenfeld; im Folgejahrhundert blieb deren Zahl relativ konstant und schwankte zwischen fünf und sieben Haushaltungen. Trotz dieser überschaubaren Zahl wurde seitens des Bürgermeisters Klage darüber geführt, dass Juden bereits ein Zehntel der Ortsbewohner ausmachten und weitere Zuzüge jüdischer Familien zu einer Wohnungsknappheit bzw. Verteuerung führen könnten. Zudem wurde „mit schädlichen Einflusse auf die moralische Erziehung der Christen-Jugend“ gerechnet.

Bei der Erstellung der Matrikel (1817) waren für Estenfeld sieben Familienvorstände aufgelistet; ihren Lebensunterhalt bestritten sie fast ausschließlich mit Vieh- und Kleinhandel; nur einer betrieb neben dem Pferdehandel auch Ackerbau.

Auf einem Grundstück an der Unteren Straße richtete die Gemeinde eine Art „Gemeindezentrum“ ein, das über einen Betsaal, einen Schulraum und eine Lehrerwohnung verfügte. Ein seitens der kleinen Gemeinde angestellter Lehrer war neben der religiösen Unterweisung der Kinder auch für die rituellen Aufgaben (Vorbeter/Schochet) zuständig. Eine Mikwe war ebenfalls vorhanden, deren Standort aber unbekannt ist.

Verstorbene Estenfelder Juden wurden auf dem alten jüdischen Friedhof in Schwanfeld beerdigt.

Die kleine Gemeinde war dem Bezirksrabbinat Würzburg unterstellt.

Juden in Estenfeld:

    --- 1718 .......................  7 jüdische Familien,

    --- 1746 .......................  5     “       “    ,

    --- 1801 .......................  6     “       “    ,

    --- 1814 ....................... 53 Juden (ca. 8% d. Dorfbev.),

    --- 1848 ....................... 62   “   (in 11 Familien),

      --- 1814 ....................... 53 Juden (ca. 8% d. Dorfbev.),

    --- 1867 ....................... 54   “  ,

    --- 1890 ....................... 28   “  ,

    --- 1900 ....................... 36   “   (ca. 3% d. Dorfbev.),

    --- 1910 ....................... 17   “  ,

    --- 1925 ....................... 16   “  ,

    --- 1933 ....................... 16   “  ,

    --- 1937 ....................... 12   “  ,

    --- 1939 .......................  6   “  ,

    --- 1942 (Juni) ................ keine.

Angaben aus: Christian Will, Estenfeld - Das Dorf im Kürnachtal und sein Ortsteil Mühlhausen, S. 346

und                 Synagogen-Gedenkband Bayern (Unterfranken), Band III/1, Mehr als Steine ..., S. 610

Zu Beginn des 20.Jahrhunderts war die Zahl der Gemeindeangehörigen schon so weit gesunken, dass man Schwierigkeiten hatten, einen Minjan zu stellen; deshalb wurden Beter von auswärts hinzugezogen, die man für ihre Anwesenheit entlohnte. So konnte man noch bis Anfang der 1930er Jahre an hohen Feiertagen Gottesdienste abhalten.

Das bereits Ende der 1920er Jahre nicht mehr regelmäßig genutzte Synagogengebäude wurde 1938 verkauft; zu diesem Zeitpunkt wohnten noch zwölf Juden in Estenfeld. Über den Verbleib der Ritualien ist nichts bekannt.

Von den Ausschreitungen während des Novemberpogroms waren auch die wenigen jüdischen Einwohner Estenfelds betroffen; die Inneneinrichtung eines Anwesens wurde zertrümmert, der unzerstörte Rest wohl öffentlich versteigert. Ein Jahr darauf mussten alle in das „Judenhaus Löwenthal“ ziehen. Im Oktober 1942 wurden die letzten sechs jüdischen Einwohner deportiert, damit war Estenfeld „judenrein“.

1990 wurde das einstige Synagogengebäude - jahrzehntelang als Wohnhaus benutzt - abgerissen. Am Rathaus erinnert eine kleine Gedenktafel daran, dass bis 1942 im Ort jüdische Familien gelebt haben.

            Gedenktafel am Rathaus (Aufn. J. Hahn, 2007)  http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%2091/Estenfeld%20Synagoge%20131.jpg

Am ehemaligen Standort der Synagoge erinnert seit 2007 eine Stele an drei jüdische Familien Estenfelds, deren Angehörige deportiert und ermordet wurden.

 Estenfeld TafelGedenksteele.jpg Gedenkstele (Aufn. bcr, 2018, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 4.0)

In etwa zeitgleich wurden in Estenfeld an drei Verlegeorten elf sog. „Stolpersteine“ in das Gehwegpflaster eingelassen, die den Mitgliedern der drei Familien gewidmet sind. Initiiert wurde die Verlegung vornehmlich von Schüler/innen der Mittelschule Kürnachtal Estenfeld.

Estenfeld Stolpersteine Familie Birn.jpg Estenfeld Stolperstein Meyer, Emma.jpg Estenfeld Stolperstein Meyer, Babette.jpg Estenfeld Stolperstein Meyer, Max.jpg

"Stolpersteine" für die Fam. Birn, Zinnergasse und Fam. Meyer, Bäckerstraße (Aufn. bcr 2018, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 4.0)

Weitere Informationen:

Baruch Z. Ophir/Falk Wiesemann, Die jüdischen Gemeinden in Bayern 1918 - 1945. Geschichte und Zerstörung, Oldenbourg-Verlag, München/Wien 1979, S. 289

Christian Will, Estenfeld - Das Dorf im Kürnachtal und sein Ortsteil Mühlhausen (Gemeindechronik), Hrg. Gemeinde Estenfeld 1982, S. 109 und S. 344 - 349

Jutta Sporck-Pfitzer, Die ehemaligen jüdischen Gemeinden im Landkreis Würzburg, Hrg. Landkreis Würzburg, 1988, S. 55/56

Israel Schwierz, Steinerne Zeugnisse jüdischen Lebens in Bayern - Eine Dokumentation, Hrg. Bayrische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit, München 1992 (2.Aufl.), S. 55 

Christian Will, Estenfeld im Wandel des zwanzigsten Jahrhunderts, Estenfeld 2001

Estenfeld, in: alemannia-judaica.de

Nadja Hoffmann (Red.), Gedenkstein gegen das Vergessen. Christian Will möchte an das Schicksal der Estenfelder Juden erinnern, in: „Main-Post“ vom 11.1.2007

Nadja Hoffmann (Red.), Stolpersteine für Estenfeld. Gedenken an jüdische Mitbürger – Projekt der Schule, in: „Main-Post“ vom 21.2.2007

Dirk Rosenstock (Bearb.), Die unterfränkischen Judenmatrikeln von 1817. Eine namenkundliche und sozialgeschichtliche Quelle, in: Veröffentlichungen des Stadtarchivs Würzburg, Band 13 (2008), S. 274

Axel Töllner/Hans-Christof Haas (Bearb.), Estenfeld, in: W.Kraus/H.-Chr.Dittscheid/G.Schneider-Ludorff (Hrg.), Mehr als Steine ... Synagogen-Gedenkband Bayern, Band III/1 (Unterfranken), Kunstverlag Josef Fink, Lindenberg/Allgäu 2015, S. 604 - 612

Auflistung der in Estenfeld verlegten Stolpersteine, online abrufbar unter: wikipedia.org/wiki/Liste_der_Stolpersteine_in_Estenfeld