Frauenkirchen (Burgenland/Österreich)

http://bglv1.orf.at/static/vietnam2/images/site/oesv1/201008/sieben_big.jpg  Der Begriff „Siebengemeinden“ steht synonym für die israelitischen Gemeinden von Deutschkreutz (Németkeresztur), Eisenstadt (Kismarton), Frauenkirchen (Boldogasszony), Kobersdorf (Kabold), Kittsee (Köpcsény), Lackenbach (Lakompak) und Mattersdorf/Matterburg (Nagymarton).

Frauenkirchen (ung. Boldogasszony) war die jüngste der jüdischen „Siebengemeinden“ im Burgenland („Schewa Kehilloth”); ihre Entstehung ging vermutlich auf die Zuwanderung von Juden aus dem benachbarten Mönchhof zurück, von dem sie von der kirchlichen Obrigkeit, dem Abt des Klosters Heiligenkreuz, vertrieben worden waren. Graf Paul Esterházy hatte ihnen – es sollen 29 Familien gewesen sein - im Jahre 1678 die Ansiedlung gewährt. Wegen des Großen Türkenkrieges verminderte sich deren Anzahl um etwa die Hälfte. Gegen Ende des 17.Jahrhunderts ist eine jüdische Gemeinde mit ca. 100 Angehörigen belegt, die am Rande der Ortschaft lebten. Da der erste Esterházysche Schutzbrief auf der Flucht vor den Kuruzzen Anfang des 18.Jahrhunderts verloren gegangen war, erhielten die Juden Frauenkirchens 1714 einen neuen Schutzbrief, der ihnen relativ weitreichende Rechte verlieh. Zur Sicherung der Gunst ihres Grundherrn entrichteten die Juden regelmäßige Abgaben an die Fürsten Esterházy und deren Beamtenschaft.

Zu Beginn des 18.Jahrhunderts bildeten die Juden in Frauenkirchen eine Kultusgemeinde im eigenen Ghetto in der "Judengasse"; sie besaßen eine Synagoge und eine Schule; ein Rabbiner stand an der Spitze der Gemeinde. Die hiesigen Juden lebten nach religiös-orthodoxem Ritus und hielten sich streng an die rituellen Vorschriften.

Durch Großbrände wurde das Ghetto 1758, 1778 und 1781 mehrfach völlig vernichtet, danach aber wieder aufgebaut. Auch die Synagoge erlitt durch einen Brand schwere Beschädigungen; drei Jahre später wurde die neue Synagoge fertiggestellt, deren Einweihung der Oberrabiner Israel Aaron Landesberg vornahm.

 

Jüdisches Viertel und Tempel von Frauenkirchen (hist. Aufn., aus: burgenland.orf.at)

Die orthodoxe Gemeinde verfügte seit 1714 auch über einen eigenen Friedhof, der nahe der am Ortsrand gelegenen Basilika „Maria auf der Heide“ gelegen war.

Juden in Frauenkirchen:

    --- 1696 ...................... ca. 100 Juden,

    --- 1735 .......................... 193   “  ,

    --- 1780 .......................... 363   “  ,

    --- 1842 .......................... 651   “  ,

    --- 1857 .......................... 782   “  ,

    --- 1876 .......................... 864   “   (ca. 30% d. Bevölk.),

    --- 1880 .......................... 629   “  ,

    --- 1900 .......................... 480   “  ,

    --- 1920 .......................... 399   “  ,

    --- 1934 .......................... 386   “   (ca. 12% d. Bevölk.),

    --- 1938 (Aug.) ...................   3 Familien.

Angaben aus: Hugo Gold (Hrg.), Gedenkbuch der untergegangenen Judengemeinden des Burgenlandes, S. 133

und                 Johannes Reiss, Aus den sieben Gemeinden - Ein Lesebuch über Juden im Burgenland, S. 145

Der Aufstieg Frauenkirchens zum wirtschaftlichen Zentrum des burgenländischen Seewinkels war hauptsächlich das Verdienst der jüdischen Bevölkerung, die in der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts bis zu einem Drittel der Gesamtbevölkerung ausmachte; mit mehr als 850 Angehörigen erreichte die Frauenkirchener Kultusgemeinde Mitte der 1870er Jahre ihren personellen Zenit.

Nach dem sog. „Anschluss“ im März 1938 endete auch die Geschichte der jüdischen Gemeinde von Frauenkirchen. Am Orte wurde ein provisorisches „Anhaltelager“ eingerichtet, in das alle Juden des Seewinkels eingewiesen wurden, dazu zählten auch die zur Gemeinde Frauenkirchen gehörende jüdischen Familien aus Andau, Apletlon, Gols, Illmitz, Neusiedl/See, Pamhagen, Tadten und Wallern. Ende März kam es zu ersten Vertreibungen ins tschechoslowakisch/ungarische Grenzgebiet; Mitte April 1938 wurden die meisten Familien über die ungarische Grenze abgeschoben. Ihr zurückgelassenes Eigentum - z.T. schon geplündert - beschlagnahmte die Kommune und veräußerte es weiter an Privatpersonen; zuvor hatten die Juden eine Verzichtserklärung unterschreiben müssen. Die letzten noch im Orte lebenden Juden wurden schließlich 1939/1940 von hier vertrieben. Das Synagogengebäude wurde zerstört und danach abgetragen; auch die kleinen Häuser in der "Judengasse" fielen der Zerstörung anheim; die anfallenden Materialien wurden wieder baulich weiterverwendet.

Abbruch der Synagoge, Jan. 1939 (Aufn. aus: burgenland-orf.at)

Nur ein einziger jüdischer Einwohner Frauenkirchens kehrte nach 1945 hierher zurück; er verstarb am Ort 2003.

Heute erinnert nur noch der ca. 3.000 m² große jüdische Friedhof - am südlichen Ortsausgang in Richtung St. Andrä - mit seinen mehr als 1.300 Gräbern an die ehemalige Frauenkirchener Kultusgemeinde. Die meisten aus Sandstein bestehenden Grabsteine sind derweilen so stark verwittert, dass die Inschriften kaum mehr lesbar sind. Gegen Mitte der 1990er Jahre wurde der Friedhof vom "Verein Schalom" wieder instand gesetzt.

 

Jüdischer Friedhof (links: Aufn. Magnus Manske, 2011, aus: wikipedia.org und rechts: Aufn. 2013, aus: erinnern.at)

Zudem weisen die Straßenbezeichnungen „Judengasse“ und „Tempelgasse“ auf die einstige Anwesenheit einer jüdischen Population am Orte hin. Hingegen suchte man eine Gedenktafel im ehemaligen Judenviertel jahrzehntelang vergeblich.

Der Vereins „Initiative Erinnern Frauenkirchen“ hatte vor einigen Jahren angeregt, im Ort einen sog. „Garten der Erinnerung“ zu schaffen; 2013 wurde für diese Gedenkstätte der Grundstein gelegt, und zwar an jener Stelle, an der einst die Synagoge stand. Herzstück der vom Architekten Martin Promintzer entworfenen Anlage ist eine aus Bronze geschaffene Thorarolle auf einem steinernen kubischen Sockel – geschaffen von der Künstlerin Dvora Barzilai; Tafeln verewigen die Familiennamen der vertriebenen Frauenkirchner Juden.

ProjektentwurfGarten der Erinnerung“ (Abb. aus: burgenland.orf.at)

GedenkstätteTempelplatzFrauenkirchen 03.JPG NS-Opfer (Aufn. W., 2016, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 4.0)

Bei Tiefbauarbeiten waren 2014 Fundamentreste einer Synagoge entdeckt worden, die vermutlich aus dem ausgehenden 17./beginnenden 18.Jahrhundert stammen soll. Die nun durch einen Glaskubus geschützte Ausgrabungsstätte weist Fragmente der ehemaligen barocken Synagoge auf; des weiteren befindet sich hier auch ein Modell des ehemaligen jüdischen Viertels von Frauenkirchen und Fundgegenstände von dort.

 

In einem Gräberfeld bei Halbturn - in der Nähe Frauenkirchens - haben Archäologen im Jahre 2006 das bisher älteste Zeugnis jüdischen Lebens auf österreichischem Boden entdeckt: ein mit einer jüdischen Gebetsformel beschriftetes Amulett aus dem 3.Jahrhundert. Als bisher früheste Zeugnisse jüdischer Kultur innerhalb der heutigen Grenzen Österreichs galten bislang mittelalterliche Briefe aus dem 9.Jahrhundert.

http://www.archaeologie-online.de/uploads/pics/amulett_halbturn.jpg Das jüdische Goldamulett aus Halbturn (Abb. Institut für Ur- u. Frühgeschichte, Univ. Wien)

Weitere Informationen:

Hugo Gold (Hrg.), Gedenkbuch der untergegangenen Judengemeinden des Burgenlandes, Edition ‘Olamenu’, Tel Aviv/Israel 1970, S. 77 ff.

Widerstand und Verfolgung im Burgenland 1934 bis 1945 - eine Dokumentation, Hrg. Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes, Wien 1979, S. 294 ff.

Margit Parlow, Jüdische Kultur im Burgenland – Frauenkirchen, Seminararbeit am Institut für Volkskunde, Universität Wien, 1991

Shalom Fried, Auf den Spuren jüdischen Lebens im Burgenland. Das Erbe der Schewa Kehiloth, in: Mahnmale. Jüdische Friedhöfe in Wien, Niederösterreich und Burgenland, Wien 1992, S. 116 ff.

Beiträge zur Geschichte der Juden im Burgenland, in: Studientagungen, Friedenszentrum Stadtschlaning 1994

Pierre Genee, Synagogen im Burgenland, in: Schlomo Spitzer (Hrg.), Beiträge zur Geschichte der Juden im Burgenland (Tagungsberichte), Wien 1995

Johannes Reiss, Aus den sieben Gemeinden - Ein Lesebuch über Juden im Burgenland, hrg. aus Anlaß des Jubiläums 25 Jahre Österreichisches Jüdisches Museum Eisenstadt 1997, S. 145 ff.

Wegweiser für Besucher der jüdischen Friedhöfe und Gedenkstätten in Wien, Niederösterreich, Burgenland, Steiermark und Kärnten, Hrg. Verein Schalom zur Wiedererrichtung u. Erhaltung der Jüdischen Friedhöfe, Wien 2000

Burgenländische Volkshochschulen (Hrg.), Zerstörte Gemeinden im Burgenland - Eine Spurensuche 2002, in: www.vhs.a-business.co.at

Herbert Brettl, Die jüdische Gemeinde in Frauenkirchen, Hora-Verlag, Halbturn 2003 (2.Aufl. 2008 und 3. erw. Aufl., 2016)

Informationen der Burgenländischen Forschungsgesellschaft, Eisenstadt 2005

Peter F.N. Hörz, Jüdische Kultur im Burgenland. Historische Fragmente – volkskundliche Analysen, in: Veröffentlichungen des Instituts für Europäische Ethnologie der Universität Wien, Band 26, Wien 2005, S. 239 – 256

Mein Vater war ein heimatloser Aramäer ...“ - Die jüdische Gemeinde von Frauenkirchen von 1678 bis 1938, Ausstellung im Franziskanerkloster in Frauenkirchen, April – Oktober 2013

E.Brugger/M.Keil/A.Lichtblau/Chr.Lind/B.Staudinger, Geschichte der Juden in Österreich, Verlag Carl Ueberreuter, Wien 2013, S. 354 – 359 u. S. 435/436

Naama G. Magnus, Auf verwehten Spuren – Das jüdische Erbe im Burgenland, Teil 1: Nord- und Mittelburgenland, hrg. vom Verein zur Erhaltung und kulturellen Nutzung der Synagoge Kobersdorf, 2013

Herbert Brettl, Garten der Erinnerung – Internetpräsentation zur Geschichte der Juden in Frauenkirchen, online abrufbar unter: garten-der-erinnerung.at

Burgenländische Forschungsgesellschaft (Hrg.), Jüdische Kulturwege im Burgenland – Rundgänge durch die „Sieben Gemeinden“ (Schewa Kehillot) und die Gemeinden des Südburgenlandes, Broschüre, 1. Aufl., Eisenstadt 2016, S. 18/19, auch online abrufbar unter: forschungsgesellschaft.at

Wolfgang Weisgram (Red.), Neue Gedenkstätte für alte Synagoge in Frauenkirchen, in: derStandard.at vom 28.5.2016

Benjamin Schwab, Die virtuelle Rekonstruktion der Synagoge in Frauenkirchen, Diplomarbeit TU Wien, 2016

Benjamin Schwab (Red.), Die Synagoge von Frauenkirchen, in: „DAVID – Jüdische Kulturzeitschrift“, Heft 116 (April 2018)