Haaren (Nordrhein-Westfalen)

Haaren - derzeit ca. 2.000 Einwohner - ist seit 1975 ein Ortsteil von Bad Wünnenberg im Kreis Paderborn - knapp 20 Kilometer südlich der Kreisstadt gelegen.

Die Existenz eines Juden im Dorfe Haaren ist erstmals gegen Ende des 18.Jahrhunderts belegt. Hier lebten in der Folgezeit stets nur wenige jüdische Familien; es waren nie mehr als 50 Personen. Aus den 1830er Jahren stammt dieser Bericht eines Ortsbeamten über die Haarener Juden:

„ ... In der hiesigen Gemeinde wohnen die Juden Salmon Kahn, Salmon Rose, Wittwe Sternau, Isaac Hesse, Aron Grünewald und Salmon Rosenthal. Der Salmon Kahn treibt hauptsächlich Ackerwirtschaft, worauf er Knecht, Magd, Pferde hält; daneben treibt er einen Höcker-, Pferde- und Kornhandel. In all diesen Eigenschaften beträgt sich derselbe überhaupt in stattsbürgerlicher und moralischer Hinsicht so, daß sich gegen ihn durchaus nichts erinnern läßt. Als Ackerwirt besorgt er fleißig den Ackerbau und widmet sich diesem selbst; sein Gesinde behandelt er gut, hält selbes zum Fleiße und allem Guten an. Insbesondere gestatte er demselben die erforderliche Zeit zum Gottesdienste und behandelt es im ganzen so, wie es Gesetz und Menschenliebe mit sich bringt. Als Handelsmann steht er im Rufe eines soliden und rechtlichen Mannes, und insbesondere kann man ihm keine wucherliche oder sonst unerlaubte Handelsweise zur Last legen. Seine Vermögens-Verhältnisse sind mittelmäßig. ... Die Grundstücke, welche vorbedachte Juden besitzen, haben sie theils von ihren Eltern geerbt, theils selbst angekauft, und so auf eine ganz rechtmäßige und honette Art erworben. Überhaupt haben sich die hiesigen gewerbetreibenden Israeliten bei Subhastationen und freiwilligen Verkäufen von Grundstücken nur immer zum Vortheile der verkaufenden Interessenten hervorgethan, und man hat nie vernommen, daß sie sich irgend eines sittlich oder gesetzlich unerlaubten Kunstgriffs bedient hätten, ...

(aus: Hans Liedtke, Über die früheren Verhältnisse der Juden in Büren, S. 99)

Zu gottesdienstlichen Treffen versammelten sich die Haarener Juden in einem Betraum, der sich im Obergeschoss des Hauses eines Gemeindeangehörigen befand. Bis 1859 soll es eine kleine jüdische Privatschule in Haaren gegeben haben.

Zur Gemeinde Haaren zählten auch die jüdischen Familien aus umliegenden Dörfern, so aus Atteln, Etteln, Helmern und Husen.

Zu den gemeindlichen Einrichtungen zählte auch ein eigenes Beerdigungsgelände an der Helmerner Straße, das bereits um die Mitte des 18.Jahrhunderts angelegt worden war.

Juden in Haaren:

--- um 1790 ................  3 jüdische Familien,

--- 1809 ................... 41 Juden,

--- 1843 ................... 44   “  ,

--- 1858 ................... 76   “  ,

--- 1869 ................... 64   “  ,

--- 1895 ................... 34   “  ,

--- 1925 ................... 19   “  ,

--- um 1935 ................  6 jüdische Familien,

--- 1939/40 ................  eine  "        "  ().

Angaben aus: Elfi Pracht, Jüdisches Kulturerbe in Nordrhein-Westfalen, Reg.bez. Detmold, S. 479

und                Jost Wedekin, Bad Wünneberg – Haaren, n: Historisches Handbuch der jüdischen Gemeinschaften in Westfalen , S. 222

1933 wurden auch in Haaren Geschäfte jüdischer Eigentümer boykottiert. In den Folgejahren verzeichnete man mehrere Anschläge auf Wohungen und Geschäfte, bei denen Scheiben zu Bruch gingen. 1937 stellte die SA an den Ortseingängen Schilder auf, die die Aufschrift „Juden sind hier unerwünscht“ trugen; gleichzeitig wurden auch jüdische Häuser/Geschäfte markiert.

Während des Novemberpogroms wurde die Inneneinrichtung des Betraumes vollständig demoliert, das Inventar anschließend auf die Straße geworfen. In einem Bericht der Bürgermeisterei Atteln vom 17.11.1938 hieß es dazu:

„ ... Die Synagoge in Haaren, die sich in dem Hause des Juden Otto Emmerich daselbst No. 97 befindet, ist vollständig zerstört worden. Die Inneneinrichtung ist zertrümmert und aus dem 1.Stock durch das Fenster auf die Straße geworfen ... ... Besonders in den ersten Tagen nach Ausführung der Aktion hat sich die Bevölkerung rege mit der Maßnahme beschäftigt. Gegen die Verhaftung und den Abtransport der Juden hat sie nichts einzuwenden. Dies wird vielmehr von verschiedenen Kreisen begrüßt. Einzig und allein hat die Bevölkerung allgemein an den Zerstörungen Anstoß genommen. ...”

Im Jahre des Kriegsbeginns lebte nur eine (?) jüdische Familie im Ort.

 

Die Haarener Familie Tobias wurde als letzte jüdische Familie von Haaren via Bielefeld nach Auschwitz deportiert, wo fast alle Familienmitglieder ermordet wurden. Lediglich Walter Tobias konnte in einem Arbeitskommando überleben, starb dann aber in Theresienstadt zehn Tage nach der Befreiung.

Im Jahre 2006 wurde ein Gedenkstein an Erinnerung an die ehemaligen jüdischen Bewohner Haarens, die Opfer der Shoa wurden, gesetzt und eingeweiht; auf dem Stein sind die 28 ermordeten Personen namentlich aufgeführt.

Gedenkstein für die Shoa-Opfer (Aufn. R. Uhl, aus: bw-haaren.blogspot.com) http://2.bp.blogspot.com/_r-wIPp00vMo/SQBGEbXqhDI/AAAAAAAACVc/e8L3PK3fBLw/s320/gedenksteinImg_7538k.jpg

Hinweis: Im Dorfe Haaren – heute in die Stadt Aachen eingemeindet - gab es auch eine kleine jüdische Gemeinde (siehe dazu: Aachen)

In (Bad) Wünnenberg selbst existierte auch eine kleine jüdische Gemeinde, die sich offiziell um 1855 konstituierte und der auch die Juden von Bleiwäsche, Fürstenberg und Leiberg angehörten. Die Zahl der Gemeindeangehörigen erreichte im 19.Jahrhundert maximal 40 Personen. Zu den Einrichtungen der winzigen Gemeinde zählten ein eigener Friedhof (in der Oberstadt am Hoppenberg) und ein kleines, aus Fachwerk erstelltes Synagogengebäude. Auch eine eigene Schule ist seit den 1860er Jahren belegt; sie bestand allerdings nur wenige Jahrzehnte. Anfang der 1930er Jahre lebte nur noch eine einzige jüdische Familie in Wünnenberg.

http://www.juedische-friedhoefe.info/files/Juedische%20Friedhoefe/Friedhoefe/Sauerland/Wuennenberg/Wuennenberg%203.JPG Jüdischer Friedhof in Wünnenberg (Aufn. aus: juedische-friedhoefe.info)

Weitere Informationen:

Horst-Dieter Krus (Red.), Heimatbuch der Stadt Wünnenberg, Hrg. Stadt Wünnenberg, 1987 S. 562 (‘Die jüdischen Schulen’)

Elfi Pracht, Jüdisches Kulturerbe in Nordrhein-Westfalen, Regierungsbezirk Detmold, J.P.Bachem Verlag, Köln 1998, S. 478 - 480

Michael Brocke (Hrg.), Feuer an dein Heiligtum gelegt - Zerstörte Synagogen 1938 Nordrhein-Westfalen, Ludwig Steinheim-Institut, Kamp Verlag, Bochum 1999, S. 219

Margit Naarmann, Ende und Neuanfang. Zum Schicksal der ländlichen Juden im Hochstift Paderborn 1933 – 1945, in: Stefan Baumeier/Heinrich Stiewe (Hrg.), Die vergessenen Nachbarn. Juden auf dem Lande im östlichen Westfalen, Verlag für Regionalgeschichte, Bielefeld 2006, S. 237 ff.

Simone Flörke (Red.), Erinnerung wachhalten – Gedenkstein-Einweihung und Dokumentation über Landjuden in Haaren, in: „Paderborner Kreiszeitung - Neue Westfälische“ vom 8.11.2006

Jost Wedekin, Der jüdische Friedhof in Haaren, in: Die Landjuden von Haaren. Eine Gedenkschrift zur Aufstellung des Gedenksteins am jüdischen Friedhof, Haaren 2006, S. 24/25

Jost Wedekin, Verfolgt – vertrieben – vernichtet. Das Schicksal der jüdischen Familien Bähr und Tobias aus Haaren, in: Die Warte. Heimatzeitschrift für die Kreise Daderbrorn und Höxter, 68. Jg., No. 114/2007, S. 10 - 12

Jost Wedekin, Die Landjuden von Haaren. Eine fast vergessene Minderheit, Lichtenau 2008

Jost Wedekin, Bad Wünneberg – Haaren, n: Historisches Handbuch der jüdischen Gemeinschaften in Westfalen und Lippe. Die Ortschaften und Territorien im heutigen Regierungsbezirk Detmold, Ardey-Verlag, Münster 2013, S. 215 - 226

Brigitta Wieskotten (Red.), Jüdische Familie forscht in Haaren nach Spuren ihrer Vorfahren, in: „Neue Westfälische“ vom 12.8.2016