Hagen (Nordrhein-Westfalen)

Hagen - „das Tor zum Sauerland“ - ist mit derzeit ca. 190.000 Einwohnern eine Großstadt im südöstlichen Teil des Ruhrgebiets.

Die frühesten schriftliche Zeugnisse über die Existenz von Juden im Flecken Hagen stammen aus dem Anfang des 18.Jahrhunderts; demnach lebten um 1720 vier jüdische Familien in Hagen, das damals knapp 700 Einwohner zählte. Haupterwerbsquelle der Hagener Juden war der Hausierhandel. Bis zur Emanzipation in der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts wurde ein weiterer Zuzug durch den Magistrat und die Bürgerschaft weitgehend verhindert. Bereits seit Beginn des 18.Jahrhunderts hatten die Juden in Hagen einen Betraum besessen, der wechselnd in verschiedenen Privathäusern untergebracht war. Ab 1819 waren Synagoge und Schule in einem älteren Fachwerkgebäude in der Wasserstraße zu finden.

Die im Jahre 1854 neu konstituierte Synagogengemeinde Hagen, zu der die Untergemeinden Schwelm, Herdecke sowie Volmarstein gehörten, weihte 1859 ihr neues Gotteshaus in der Potthofstraße feierlich ein. Nach einem Umbau wurde es 1895 erneut eingeweiht.

                                  

Synagoge in Hagen (Potthofstraße), rechts: hist. Aufn. von 1910 (Stadtarchiv, aus: wikipedia.org, CCO)

Die jüdische Schule in Hagen besuchten im 19.Jahrhundert durchschnittlich 30 Kinder; sie war lange Jahre in der Wasserstraße untergebracht; 1893 bezog man ein neues Schulgebäude in unmittelbarer Nähe der Synagoge; ab 1902 ging die Schulträgerschaft in öffentliche Hand über.

Der jüdische Friedhof befand sich seit ca. 1825 in der Böhmerstraße.

Juden in Hagen:

    --- 1722 ....................   4 jüdische Familien,

    --- 1795 ....................   4     “       “    ,

    --- 1805 ....................   6     “       “    ,

    --- 1815 ....................  43 Juden,

    --- 1821 .................... 132   “  ,

    --- 1834 ....................  94   “  ,

    --- 1842 ....................  65   “   (in 10 Familien),

    --- 1857 .................... 110   “  ,

    --- 1865 .................... 140   “  ,

    --- 1875 .................... 309   “  ,

    --- 1885 .................... 336   “  ,

    --- 1895 .................... 460   “   (1,1% d. Bevölk.),

    --- 1905 .................... 494   “  ,

    --- 1925 .................... 650   “  ,

    --- 1930 .................... 679   “   (0,4% d. Bevölk.),

    --- 1939 ....................   ?   “  .

Angaben aus: Barabara Gase, Geschichte der Juden in Hagen, S. 18 und S. 27

Die meisten Juden Hagens waren in die städtische Gesellschaft weitgehend integriert. Der sich Ende des 19.Jahrhunderts ausbreitende Antisemitismus konnte auch in Hagen Fuß fassen; so gab es hier zahlreiche Sympathisanten der Christlich-Sozialen Arbeiterpartei des Antisemiten Adolf Stöcker, der 1903 im Rahmen einer Wahlkampfveranstaltung etwa 500 Zuhörer mobilisieren konnte. Auch der antisemitisch ausgerichtete „Alldeutsche Verband”, der später „Deutsch-Völkischer Schutz- und Trutzbund” hieß, war in Hagen aktiv; die hiesige Ortsgruppe verfügte um 1900 etwa 230 Mitglieder. Seit Frühjahr 1922 existierte in Hagen eine Ortsgruppe der NSDAP.

Kurz nach der NS-Machtübernahme kam es auch in Hagen zu ersten Boykotten. Um der NS-Propaganda und den Boykottmaßnahmen die Spitze zu nehmen, ließ die jüdische Gemeinde Ende März in der „Hagener Zeitung” die folgende Anzeige schalten:

An die Hagener Bürgerschaft !

Wir verurteilen es mit allen unseren deutschen Glaubensgenossen auf das Entschiedenste, daß im Auslande unwahre Behauptungen über die Vorgänge in Deutschland aufgestellt und zu einer Boykottbewegung und Hetze gegen Deutschland benutzt worden sind. Wir erklären feierlichst, daß die jüdischen Deutschen, besonders die jüdischen Einwohner Hagens, jede Einmischung des Auslandes in innerdeutsche Verhältnisse ablehnen.

Synagogengemeinde Hagen,

Centralverein Deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens,

Reichsbund jüdischer Frontsoldaten

Die Juden wurden langsam aus dem Wirtschaftsleben gedrängt; ihre Geschäfte mussten bald schließen.

                  Anzeige in der „Hagener Zeitung” vom 11.7.1936

In den Jahren 1933 bis 1940/1941 verließen ca. 290 Juden ihre Heimatstadt Hagen.

Antisemitisches Plakat in Hagen-Haspe, 1935 (Stadtarchiv Hagen)

Vorläufiger Höhepunkt antijüdischer Kampagnen waren die Gewalttätigkeiten der Pogromnacht, die auch in Hagen zur Brandlegung und Vernichtung der Inneneinrichtung der Synagoge sowie zur Zertrümmerung jüdischer Geschäfte führten.

Äußerlich fast unbeschädigte Synagoge (Aufn. Ende 1938, Stadtarchiv Hagen)

Aus der „Hagener Zeitung” vom 11.11.1938:

Judenfeindliche Kundgebungen in Hagen

Nachdem am Mittwochabend die erschütternde Nachricht von dem Hinscheiden des durch jüdische Mörderhand erschossenen Gesandtschaftsrat vom Rath bekannt geworden war, machte sich auch in Hagen, wie überall in Deutschland, eine starke Erregung bemerkbar. Sie löste sich in der Nacht vom Mittwoch zum Donnerstag in judenfeindlichen Demonstrationen und Aktionen aus. Die Schaufenster jüdischer Geschäfte, besonders in den Straßen der Mittelstadt, wurden zertrümmert, und der berechtigte Zorn der Demonstrierenden richtete sich auch gegen die Ladeneinrichtungen dieser Geschäfte. In der Synagoge ging die Inneneinrichtung in Flammen auf. ... Die judenfeindlichen Aktionen sind inzwischen abgeschlossen.

In der Stadtchronik wurde am 19.Nov. 1938 der folgende Eintrag vorgenommen:

An vielen Orten, so auch in Hagen, kam es infolgedessen in der Nacht vom 9. auf den 10. Nov. zu Gewaltaktionen ... drang in ihre Wohnungen ein, zertrümmerte die Schaufenster und warf die Auslagen auf den Bürgersteig. So geschah es bei den Firmen S. Münzer, S. Cohen, Sally Stern, Necha Wagner. Auch brach man in die Synagoge ein und steckte das Innere in Brand und zertrümmerte auch die Utensilien der Schulklasse und die Möbel des Predigers und Lehrers Abt. Drei Juden, Münzer, Dr. David u. Dr. Melchiker, die sich zur Wehr gesetzt hatten, wurden schwer mißhandelt und mußten ins Marienhospital geschafft werden, wo sie sich heute, den 19. noch befinden. Schon 14 Tage vor dem 9. waren alle Ostjuden in einem Sammeltransport an die polnische Grenze geschafft worden. …“(gekürzte Version)

Ende 1941/1942 wurden die noch in Hagen verbliebenen Juden deportiert; in Sammeltransporten wurden die meisten von ihnen im Laufe des Jahres 1942 in die Region Lublin, nach Riga oder Theresienstadt verfrachtet. Insgesamt sollen mehr als 150 jüdische Bürger Hagens dort ums Leben gekommen sein; das Schicksal weiterer 150 Juden Hagens ist unbekannt.

Im März 1946 konstituierte sich die jüdische Kultusgemeinde für Hagen und Umgebung neu; Vorsitzender der neuen jüdischen Gemeinde wurde Richard Hirschfeld, ein Überlebender des KZ Dachau. Zum Gemeindebezirk gehörte die Region Hagen, Siegen, Hochsauerlandkreis und Märkischer Kreis. Im Jahre 1960 wurde die neu erbaute Synagoge in der Potthofstraße eingeweiht; dort hatte auch die alte gestanden.

 Synagogenfassade (Aufn. aus: juedische-allgemeine.de)  

1961 gab die Stadt Hagen ein Gedenkbuch heraus, das die Schicksale der jüdischen Bürger dokumentierte. Auf dem jüdischen Friedhof in Hagen-Delstern erinnert ein Gedenkstein an die Geschehnisse. Der ehemalige jüdische Friedhof in der Böhmerstraße wurde 1966 aufgelassen; die sterblichen Überreste der hier Begrabenen wurden auf den bereits 1920 eingeweihten jüdischen Friedhof in Hagen-Eilpe umgebettet.

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/8/86/Hagen,_J%C3%BCdischer_Friedhof.JPG/1024px-Hagen,_J%C3%BCdischer_Friedhof.JPG

Jüdischer Friedhof Hagen-Eilpe (Aufn. Klaus Bärwinkel, 2015, aus: commons.wikimedia.org)

Durch die Aufnahme jüdischer Flüchtlinge aus der ehemaligen Sowjetunion hat sich die Zahl der Mitglieder der Hagener Gemeinde deutlich erhöht; 2005 zählte die Kultusgemeinde etwa 340 Angehörige.

 http://www.lyrikwelt.de/stolpersteine/bilder/elberfelderstr-stolpersteine.jpg Seit Seit 2005 werden in Hagen und in den Ortsteilen Haspe u. Hohenlimburg sog. „Stolpersteine“ verlegt (Aufn. aus: lyrikwelt.de); inzwischen sind im gesamten Stadtgebiet mehr als 90 Steine zu finden (Stand: 2014).

Der heute zu Hagen zählende Ortsteil Hohenlimburg besaß auch eine jüdische Gemeinde. Ab 1986 dient die Alte Synagoge Hohenlimburg als Mahn- und Gedenkstätte.

[vgl. Hohenlimburg (Nordrhein-Westfalen)]

Die Juden in Herdecke - es waren zu keiner Zeit mehr als 50 Personen - gehörten der Synagogengemeinde Hagen an. Die erste nachweisbare jüdische Ansiedlung in Herdecke erfolgte in der zweiten Hälfte des 17.Jahrhunderts, nachdem der brandenburgische Kurfürst einen befristeten Schutzbrief für einen jüdischen Geldverleiher ausgestellt hatte. Die wenigen jüdischen Familien bestritten im 19.Jahrhundert ihren bescheidenen Lebenserwerb als Kleinhändler und Metzger. Neben einer Betstube war ein eigenes Begräbnisgelände (als Teil des Zeppelin-Friedhofs) vorhanden. Gegen Ende des 19.Jahrhunderts lebten nur noch ca. 25 jüdische Bewohner im Ort, Anfang der 1930er Jahre waren es nur noch drei Familien. Sie mussten im November 1938 tatenlos mitansehen, wie ein SA-Rollkommando ihr Eigentum demolierte; am Tag darauf setzten Schulkinder - auf Weisung des damaligen Rektors der „Horst-Wessel-Schule“ - das Zerstörungswerk fort. Die (vier) jüdischen Männer wurden festgenommen und ins KZ Sachsenhausen überstellt; nach einem Monat kamen sie frei und mussten nun ihre Auswanderung betreiben. Im Mai 1939 war Herdecke „judenfrei“ - wie es im NS-Jargon hieß.

Sog. „Stolpersteine“ erinnern auch in Herdecke an ehemalige jüdische Bewohner.

verlegt an der Hauptstraße (Aufn. W. Creutzenberg)

Weitere Informationen:

Synagogen-Gemeinde Hagen (Hrg.), Bericht über die Entwicklung der Synagogen-Haupt-Gemeinde Hagen in den letzten 50 Jahren, Hagen 1898

Fritz Schemann, Zur Geschichte der Juden in Hagen, in: Hagener Heimatblätter - Monatliche Beilage zur Hagener Zeitung (Ausgaben der Jahre 1933/1934)

(Reprint: H.Ch.Meyer, Aus Geschichte u. Leben der Juden in Westfalen, ner-tamid-verlag, Frankfurt/M.1962, S. 19 ff.)

Stadt Hagen (Hrg.), Gedenkbuch zum tragischen Schicksal unserer jüdischen Mitbürger. Erinnerung und Achtung, Anklage, Mahnung und Verpflichtung, Hagen 1961/1962

Harold Hammer-Schenk, Synagogen in Deutschland. Geschichte einer Baugattung im 19. u. 20.Jahrhundert, Hans Christians Verlag, Hamburg 1981, Teil 1, S. 187/188

Barabara Gase, Geschichte der Juden in Hagen, in: Beiträge zur Geschichte der Stadt Hagen und Grafschaft Mark, Hagener Hefte No. 14/1986

Hermann Zabel, Zerstreut in alle Welt - Zur Geschichte und Nachgeschichte einer jüdischen Kleinstadtgemeinde, Hagen 1988

A.Böning/H.Zabel (Hrg.), Gedenkschrift zu Ehren der ehemaligen jüdischen Mitbürger Hohenlimburgs, Hagen 1988

Elmar Hartmann, Kirchen und Synagoge in Hohenlimburg, Hrg. Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit, Hagen 1990

Henry P. David, Hagen und die Familie David, in: Heimatbuch Hagen und Mark - Hagener Heimatkalender 32/1991, S. 30 - 37

Uwe Schledorn, Eine vergessene Geschichte. Die Hagener jüdische Schule im 19.Jahrhundert, in: Heimatbuch Hagen und Mark - Hagener Heimatkalender 33/1992, S. 74 f.

Benno Reicher, Jüdische Geschichte und Kultur in NRW - ein Handbuch, in: Kulturhandbücher NRW, Band 4, S. 135 - 144, Hrg. Sekretariat für gemeinsame Kulturarbeit in NRW, 1993

Tania Laven, Die Hagener Jüdische Synagogengemeinde, in: Heimatbuch Hagen und Mark - Hagener Heimatkalender 35/1994, S. 124 - 126

Hermann Zabel, Mit Schimpf und Schande aus der Stadt, die ihnen Heimat war. Beiträge zur Geschichte der jüdischen Gemeinde Hagen, Hagen 1994

G. Birkmann/H. Stratmann, Bedenke vor wem du stehst - 300 Synagogen und ihre Geschichte in Westfalen u. Lippe, Klartext Verlag, Essen 1998, S. 65 - 69

Michael Brocke (Hrg.), Feuer an dein Heiligtum gelegt - Zerstörte Synagogen 1938 in Nordrhein-Westfalen, Ludwig Steinheim-Institut, Kamp Verlag, Bochum 1999, S. 220/221

Ralf Blank (Red.), „Es war das Bild von Ausschreitungen des Straßenpöbels“ - Der Judenpogrom im November 1938 in Hagen und Hohenlimburg, hrg. vom Historischen Centrum Hagen, Hagen 2002 (online abrufbar unter: historisches-centrum.de)

Adalbert Böning, Geschichte und Gegenwart der Juden in Hagen, in: Heimatbuch Hagen und Mark - Hagener Heimatkalender 45/2004, S. 225 - 232

Elfi Pracht-Jörns, Jüdisches Kulturerbe in Nordrhein-Westfalen - Regierungsbezirk Arnsberg, J.P.Bachem Verlag, Köln 2005, S. 137 – 158 und S. 216 – 219

Ralf Blank/Stephanie Marra/Gerhard E. Sollbach, Hagen - Geschichte einer Großstadt und ihrer Region, Klartext-Verlag Essen 2008

Willi Creutzenberg, Juden ausgegrenzt und schließlich aus Herdecke vertrieben, in: "Westdeutsche Allgemeine Zeitung" vom 9.11.2013

Willi Creutzenberg, Juden aus Herdecke werden Opfer der Nazis, in: "Westdeutsche Allgemeine Zeitung" vom 18.1.2014