Halsdorf (Hessen)

Datei:Marburg Biedenkopf Wohratal.png Halsdorf ist heute ein Ortsteil von Wohratal mit ca. 800 Einwohnern im hessischen Landkreis Marburg-Biedenkopf (Karte Andreas Trepte, 2006, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 2.5).

Sichere Hinweise auf jüdisches Leben in Halsdorf und Umgebung liegen erst ab der Mitte des 18.Jahrhunderts vor; in einem Bericht über die „Judentättigkeit“ von 1774 soll es damals vier in Halsdorf lebende Familien gegeben haben. Zur Synagogengemeinden in Halsdorf gehörten auch die Juden aus Josbach und Wohra. Die Zahl der Wohraer Juden war nach 1860 stets größer als die in Halsdorf. Die Gemeinde besaß seit den 1850er Jahren eine Synagoge, die in einem umgebauten Gebäude am Buchenweg untergebracht war. Außerdem existierten in Wohra und Josbach eigene Beträume. Im Kellergeschoss des Synagogengebäudes stand den Gemeindeangehörigen eine Mikwe zur Verfügung, die aus einem nahen Brunnen gespeist wurde.

Mit der Besorgung der religiös-rituellen Aufgaben war seitens der Gemeinde ein Lehrer betraut; die Besetzung dieser Stelle war im 19.Jahrhundert einem andauernden Wechsel unterworfen.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20151/Schweinsberg%20Israelit%2010011877.jpg Ausschreibung von Lehrer- bzw. Vorsängerstellen ("Der Israelit" vom 10.1.1877)

Neben der Synagoge befand sich in einem Backsteingebäude die jüdische Elementarschule, die bis in die 1930er Jahre betrieben wurde; um 1860/1870 wurden in der Halsdorfer Schule immerhin mehr als 50 Schüler unterrichtet; 1925 waren es nur noch zehn.

Bis ca. 1900 diente der zentrale jüdische Friedhof in Hatzbach als Beerdigungsstätte für Verstorbene der Halsdorfer Kultusgemeinde; ab 1903 konnte dann ein Areal am Ort, nahe des christlichen Friedhofs, als „Guter Ort“ genutzt werden, auf dem auch verstorbene Gemeindeangehörige aus Josbach und Wohra begraben wurden.

Die Gemeinde gehörte zum Rabbinatsbezirk Oberhessen mit Sitz in Marburg.

Juden in Halsdorf:

         --- um 1745 .......................   4 jüdische Familien,

--- um 1785 .......................   2     “       “    ,

    --- 1835 ..........................  31 Juden,

             ..........................  54   “  ,*   *gesamte Gemeinde (mit Wohra u. Josbach)

    --- 1861 ..........................  40   “  ,

    --- 1871 ..........................  51   “  ,

    --- 1893 .......................... 123   “  ,*

    --- 1895 ..........................  29   “  ,

    --- 1905 ..........................  29   “  ,

    --- 1924 ..........................  42   “  ,

    --- um 1930 .......................  30   “  (in 7 Familien),

    --- 1941 (Dez.) ...................  keine.

Angaben aus: Paul Arnsberg, Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang - Untergang - Neubeginn, Bd. 1, S. 317                          

Die jüdischen Familien in Halsdorf, Wohra und Josbach verdienten um 1920/1930 ihren Lebenserwerb im Handel mit Gütern des alltäglichen Bedarfs und im Viehhandel; nebenbei betrieben einige auch eine kleine Landwirtschaft. In Josbach gab es die Mazzenfabrik der Familie Steinfeld, die weit über die Region bekannt war.

1936 wanderte die erste der insgesamt sieben jüdischen Familien unter dem zunehmenden Druck der Nationalsozialisten aus. Auf Grund des schnellen Rückgangs der Gemeindeangehörigen wurde noch vor dem Novemberpogrom das Synagogen- und das Schulgebäude geschlossen; die rituellen Gegenstände verbrachte man nach Marburg, wo sie im November 1938 vernichtet wurden. Die Halsdorfer Synagoge blieb beim Novemberpogrom zwar äußerlich unzerstört, doch wurde der Synagogenraum geplündert. Das Schulgebäude ging 1940 in kommunale Hand über und wurde zeitweilig als örtliche Volksschule genutzt; die ehemalige Synagoge ging in den 1960er Jahren in Privatbesitz und wurde danach - wie dann auch das Schulgebäude - zu Wohnzwecken genutzt.

                                   Ehem. Synagogen- u. Schulgebäude (Aufn. J. Hahn, 2008)

Da zahlreiche jüdische Familien Beziehungen zu Verwandten in den USA unterhielten, wanderten die allermeisten nun in Richtung Nordamerika aus.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20254/Wohratal%20Gedenkstein%20110.jpg Für die ermordeten Angehörigen der jüdischen Gemeinden Wohra und Halsdorf steht am Gebäude der Gemeindeverwaltung Wohratal in Wohra ein Gedenkstein (Aufn. Helmut Hermann, aus: alemannia-judaica.de); eine dort angebrachte bronzene Tafel trägt die folgende Beschriftung:

Die Gemeinde Wohratal erinnert sich ihrer Einwohner, die von Handlangern der menschenverachtenden Gewaltherrschaft des Nazi-Regimes zwischen 1933 und 1945 wegen ihrer Volkszugehörigkeit, ihres Glaubens, ihrer Überzeugung oder ihres Widerstandes verfolgt, vertrieben, verschleppt, gefoltert und ermordet wurden. Mehr als ein Drittel der Mitglieder der jüdischen Gemeinden Wohra und Halsdorf ließ ihr Leben. Die jüdischen Gemeinden existieren nicht mehr.

Die Wohraer Synagoge wurde 1992 von der jüdischen Gemeinde Giessen in ihr Gemeindezentrum nach Gießen umgesetzt.

Die Opfer mahnen uns: Wehret den Anfängen! 1994.

Seit Mitte der 1990er Jahre steht im jüdischen Gemeindezentrum in Gießen der ca. 150 Jahre alte Fachwerkbau der Landsynagoge von Wohra; dieses in Wohra abgetragene, in Fulda restaurierte und in Gießen wiederaufgerichtete Gebäude stellt an seinem neuen Standort ein „lebendiges Denkmal für das Landjudentum“ dar und soll eine „Brücke von der Vergangenheit in die Gegenwart“ schlagen.

 

In Josbach - heute ein Stadtteil von Rauschenberg - lebten um 1900 ca. 40 jüdische Bewohner, die ihren Lebensunterhalt vorwiegend durch Viehhandel bestritten. Seit den 1850er Jahren gab es im Ort die Mazzot-Fabrik von Isaak Steinfeld, deren Fabrikate weit über die Region hinaus versandt wurden. 

                          http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20151/Josbach%20Israelit%2026021925.jpg Anzeige aus dem Jahre 1925

Seit 2002 befindet sich an der Ortskirche ein Gedenkstein mit -tafel, der die folgenden Worte trägt: „Die Gemeinde Josbach gedenkt ihrer Einwohner, die durch die Gewaltherrschaft des Nationalsozialistischen Regimes zwischen 1933 und 1945 wegen ihrer Volkszugehörigkeit, ihres Glaubens, ihrer Überzeugung oder ihres Widerstandes verfolgt, verschleppt, vertrieben, gefoltert oder ermordet wurden. Auch alle jüdischen Familien Josbachs waren betroffen. DIE OPFER MAHNEN UNS - WEHRET DEN ANFÄNGEN.

2015 und 2016 wurden in Josbach sog. „Stolpersteine“ verlegt, die an ehemalige jüdische Dorfbewohner erinnern; insgesamt sind nahezu 30 Steine verlegt.

Weitere Informationen:

Paul Arnsberg, Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang - Untergang - Neubeginn, Societäts-Verlag, Frankfurt/M. 1971, Bd. 1, S. 317 - 319

B.Händler-Lachmann/U.Schütt, “ unbekannt verzogen” oder “weggemacht”. Schicksale der Juden im alten Landkreis Marburg 1933 - 1945, Verlag Hitzeroth Druck u. Medien GmbH & Co.KG, Marburg 1992

B.Händler-Lachmann/H.Händler/U.Schütt, Purim, Purim, ihr liebe Leut, wißt ihr was Purim bedeut ? Jüdisches Leben im Landkreis Marburg im 20.Jahrhundert, Hitzeroth Verlag, Marburg 1995, S. 18/19 und S. 29/30

Klaus-Dieter Engel/Jürgen Fischer, Die Juden von Halsdorf, in: Chronik 1200 Jahre Halsdorf – ein Buch zum Dorf, Halsdorf 2002

Halsdorf mit Wohra, Josbach und Ernsthausen, in: alemannia-judaica.de (mit diversen Textbeiträgen zur jüdischen Ortsgeschichte)

Uwe Klinck, Josbach. 1197 – 1997 (ergänzt bis 2010). Aspekte aus der Geschichte eines oberhessischen Dorfes, 2. Aufl. 2010

Josbach hat seine ersten „Stolpersteine“, in „Neueste Rauschenberger Nachrichten“, online abrufbar unter: rauschenberg.de (von 2015)

Klaus Böttcher (Red.), Jüdische Familien erhalten „Gesicht“, in: „Oberhessische Presse“ vom 26.1.2016

Verlegte „Stolpersteine“ in Josbach, online abrufbar unter: josbach.de (von 2016)