Hamm/Sieg (Rheinland-Pfalz)

Bildergebnis für hamm Sieg postleitzahl karte Hamm (Sieg) ist eine Ortsgemeinde mit derzeit ca. 3.300 Einwohnern und Verwaltungssitz der gleichnamigen Verbandsgemeinde im Landkreis Altenkirchen – im äußersten Nordosten des heutigen Bundeslandes Rheinland-Pfalz und ca. 35 Kilometer südwestlich von Siegen gelegen (Karte aus: suche-postleitzahl.org).

In Hamm ist die erste ansässige jüdische Familie im Jahre 1663 urkundlich nachweisbar; dabei handelte es sich um „Jud Lazarus“ aus Gladenbach. Für die beiden folgenden Jahrhunderte liegen allerdings nur spärliche Hinweise auf Ansiedlungen von Juden in Hamm vor. Um 1790 lebten in Hamm vier jüdische Familien, die den Grafen von Sayn schutzgeldpflichtig waren. Die Zahl der jüdischen Bewohner Hamms stieg bis gegen Ende des 19.Jahrhunderts auf fast 100 Personen; die Synagogengemeinde gründete sich offiziell aber erst 1883; ihr angeschlossen waren die Juden aus Betzdorf und Wissen. Vor 1850 hatten die in Hamm lebenden jüdischen Familien gemeinsam mit denen in Altenkirchen eine Gemeinde gebildet.

1832 wurde der Grundstein für eine neue Synagoge gelegt, nachdem ein Gesuch des Gemeindevorstands von der Regierung positiv beschieden worden war. Nachdem dieses Bethaus zu klein geworden war, bemühte sich die Gemeinde ab 1891 um einen Neubau. In dem Schreiben vom Mai 1891 hieß es: ... Die Synagogengemeinde Hamm a.d. Sieg besitzt eine schon ältere Synagoge, welche bei ihren baulichen Einrichtungen und Räumlichkeiten schon längere Jahre für die Seelenzahl nicht mehr ausreicht. Eine dem Bedürfnis entsprechende Vergrößerung und zeitgemäße Verbesserung ist selbst bei einer hierzu erforderlichen Reparatur nicht zu erreichen ... Nach eingehender Sachlage ist die nützlichste und vorteilhafteste Seite, der Bau einer allseitig zweckentsprechenden neuen Synagoge ...”  Der Kölner Oberrabbiner Dr. Frank weihte Mitte August 1894 den relativ großen Synagogenbau feierlich ein. Der Kölner Architekt Franz-Josef Seché verband bei dem Bau maurisch-byzantinische Elemente mit neoromanischen Formen; das Dach war mit einer monumentalen, zwiebelförmigen Haube versehen, auf deren Spitze weithin sichtbar der Davidstern prangte. Die Feierlichkeiten zogen sich mehrere Tage hin und wurden von Repräsentanten beider christlicher Konfessionen, der Kommunalbehörden und zahlreicher Vereine begleitet.

                      

Synagoge in Hamm (hist. Aufnahmen, um 1900, Stadtarchiv)                  

Für religiös-rituelle Besorgungen war von der Gemeinde ein Lehrer angestellt.

Die Anlage eines Friedhofs erfolgte vermutlich schon vor 1700; hier fanden auch verstorbene Juden aus Rosbach - sie gehörten zeitweilig zur Hammer Gemeinde - ihre letzte Ruhe. Ursprünglich diente das Begräbnisareal allen Juden, die entlang der Sieg zwischen Dattenfeld und Kirchen lebten.

Juden in Hamm:

         --- 1789 ...........................   4 jüdische Familien,

--- um 1800 ........................   7     “       “    ,

--- 1817 ...........................  39 Juden,

    --- 1846 ...........................  48   “  ,

    --- 1858 ...........................  58   “ (in 11 Familien),

    --- 1880 ...........................  98   “  ,

    --- 1895 ...........................  99   “  ,

    --- 1903 ........................... 145   “  ,

    --- 1925 ...........................  61   “  ,

    --- 1933 ....................... ca.  60   “  ,

    --- 1935 ...........................  70   “  ,*   * mit Betzdorf, Kirchen u. Wissen

    --- 1938 ...........................  58   “  .*

Angaben aus: Stefan Fischbach/Ingrid Westerhoff, Synagogen. Rheinland-Pfalz und Saarland, S. 179

Die Lebensgrundlage der mehrheitlich in ärmlichen Verhältnissen lebenden jüdischen Familien bildete bis gegen Mitte des 19.Jahrhunderts der Kleinhandel und das Schlachtgewerbe. Um 1930 lebten etwa 50 bis 60 Personen mosaischen Glaubens in der Kleinstadt.

Bereits Monate vor dem Novemberpogrom war die Synagoge Ziel eines Anschlages von NS-Gefolgsleuten; das Mobiliar des Innenraumes wurde demoliert. Das jüdische Gotteshaus wurde dann in der Nacht vom 9./10.November 1938 endgültig zerstört: Nationalsozialisten drangen ins Gebäude ein, plünderten und legten anschließend Feuer. Das „Nationalblatt“ - Parteiorgan der NSDAP - berichtete am 11.11.1938:

                 Das Volk hat gesprochen

... In Hamm, der früheren Hochburg des Judentums unseres Kreises, kam die begreifliche Unruhe der Bevölkerung spontan zum Durchbruch. Schon bald nach Bekanntwerden der Trauernachricht aus Paris bildeten sich in den Straßen Ansammlungen von Volksgenossen, die ihren gerechten und gesunden Zorn über die jüdische Untat laut zum Ausdruck brachten und in ihrer Empörung in unmißverständlicher Weise gegen jüdische Gebäude vorgingen. Es ist verständlich, daß es dabei Scherben gab. ... Und endlich sank dann in der Frühe des Donnerstags der hochragende Judenstern, der fast ein halbes Jahrhundert das Ortsbild von Hamm in herausfordernder Weise verunziert hatte. ...

                                                       Brandruine der Hammer Synagoge Nov. 1938 (Aufn. Stadtarchiv)

Nur wenige Tage später mussten die letzten jüdischen Geschäfte schließen.

Nach dem Pogrom verließen die meisten jüdischen Familien Hamm und verzogen vor allem nach Köln. Ende 1941 bzw. Mitte 1942 mussten sie sich den großen Deportationstransporten anschließen, die Riga, Minsk und Theresienstadt als Ziel hatten; fast alle wurden Opfer der „Endlösung“. Insgesamt sollen 31 Angehörige der jüdischen Gemeinde Hamms ermordet worden sein.

Die Synagogenruine wurde 1945 völlig abgetragen; das Gelände blieb bis heute unbebaut. Am 40.Jahrestag der Pogromnacht wurde hier ein Mahnmal des Künstlers Erwin Wortelkamp – eine Metallplastik - enthüllt, das eine durch aufsteigende Flammen berstende Kuppel der Synagoge zeigt; in der umgebenden Pflasterung sind zwei Steine der ehemaligen Synagoge Hamms eingelassen.

steinernes Relikt des Synagoge (Aufn. Freimut Bahlo, 2009, aus: wikipedia.org, gemeinfrei)

Bei Sanierungsarbeiten des Synagogenplatzes wurden 2007 Überreste einer Mikwe entdeckt, die zeitlich der ersten hölzernen Synagoge Hamms zugeordnet werden.

An den während der NS-Zeit weitestgehend zerstörten Friedhof erinnern heute nur noch ca. 120 Grabsteine; seit 1985 steht das etwa 1.800 m² große Gelände unter Denkmalschutz.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20229/Hamm%20Friedhof%20203.jpg

Jüdischer Friedhof in Hamm (Aufn. J. Hahn, 2009) und alte Grabsteine (Aufn. Hermann Josef Ammel, 2011)

Der heimische Bildhauer Arnold Morkramer hat ein Modell der Hammer Synagoge gefertigt, das im „Haus der Kultur“ seinen Platz gefunden hat. Das „KulturHausHamm“ - eine Stätte der Bewahrung und Begegnung - ist das ehemalige Wohnhaus der jüdischen Familie David, das in unmittelbarer Nähe der Synagoge liegt.

 

Zur jüdischen Gemeinde Hamm gehörten auch die in Betzdorf lebenden Familien; ihr Zuzug nach Betzdorf war erst nach 1850 erfolgt. Anfang der 1930er Jahre lebten hier immerhin bis zu 20 jüdische Familien, die als Kaufleute und Viehhändler ihren Lebenserwerb bestritten. Neben einem Betraum verfügte die kleine Gemeinschaft, der auch Familien aus Kirchen und Herdorf angeschlossen waren, seit ca. 1920 auch über ein Beerdigungsgelände am Ort; zuvor waren Verstorbene in Hamm beerdigt worden. Auf der Folgen des Wirtschaftsboykotts und der Repressalien verließen bis 1939 alle jüdischen Familien den Ort. Namentlich sind zehn Juden Betzdorfs bekannt, die Opfer der „Endlösung“ geworden sind. 

Auf dem von 1921 bis 1936 belegten jüdischen Friedhof an der Eberhardystraße – er ist Teil des kommunalen Friedhofs - sind 13 Grabsteine vorhanden.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20229/Betzdorf%20Friedhof%20200.jpg Abb. aus: Verein "Betzdorfer Geschichte e.V."

Nahe des früheren Betraums erinnert seit 1988 eine Gedenk-Rosette an die kleine jüdische Gemeinschaft Betzdorfs.

Die Gedenkrosette am Übergang zur Viktoriastraße. Gedenkrosette (Aufn. Claudia Geimer, aus: rhein-zeitung.de)

 

In Rosbach - wenige Kilometer siegabwärts von Hamm - gab es bis in die NS-Zeit eine kleine jüdische Gemeinde, deren Angehörige im 19.Jahrhundert vor allem vom Viehhandel (oft verbunden mit Metzgerei) lebten. Um 1900 gehörten der Rosbacher Judenschaft knapp 50 Angehörige an. Seit Ende der 1870er Jahre besaßen sie eine eigene Synagoge, einen Holzbau (in der Bergstraße). Über einen Begräbnisplatz verfügten sie aber nicht, deshalb begrub man die Toten auf dem jüdischen Friedhof in Hamm. Von den ca. 20 jüdischen Bewohnern Rosbachs wurden die meisten 1942 deportiert. Ihr Bethaus war im Nov. 1938 zerstört worden.

Die in Windeck-Rosbach eingerichtete „Gedenkstätte „Landjuden an der Sieg“ - sie ist in dem denkmalgeschützten Fachwerkhaus der jüdischen Familie Seligmann untergebracht - informiert den Besucher über die Geschichte der ehemaligen jüdischen Gemeinden entlang der Sieg.

In zwei Verlegeaktionen (Herbst 2011/Frühjahr 2012) wurden zahlreiche sog. „Stolpersteine“ in den Straßen der Ortsteile Windecks verlegt.

Stolperstein Windeck Rosbach Mittelstraße 20 Julius Seligmann Stolperstein Windeck Rosbach Mittelstraße 20 Frieda Seligmann Stolperstein Windeck Rosbach Mittelstraße 20 Selma Seligmann  Stolperstein Windeck Gerressen Rosa Meier.jpg Stolperstein Windeck Gerressen Leopold Meier.JPG

verlegt in der Mittelstraße (Rosbach) und in der Ennebacher Straße (Gerressen) - Aufn. T., 2014, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 4.0)

vgl. Rosbach (Nordrhein-Westfalen)

 

In der Verbandsgemeinde Wissen – östlich von Hamm/Sieg gelegen – wurden 2011 sechs sog. „Stolpersteine“ verlegt, die jüdischen Verfolgten gewidmet sind, so u.a. in der Maarstraße für Angehörige der Familie Bär.

Stolpersteine Wissen Maarstrasse Familie Bär.jpg Stolperstein Wissen Rathausstrasse Liebmann Hony.JPG Aufn. T., 2014, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 4.0

Weitere Informationen:

Mechthild Brand, Die Jüdische Gemeinde in Hamm. Als Beispiel für die Geschichte der Juden in Deutschland, in: Der Märker, Heft 4/1975 und Heft 1 - 4 /1976

Anna Dartmann, Die soziale, wirtschaftliche und kulturelle Entwicklung der Jüdischen Gemeinde in Hamm 1327 - 1943, Hamm 1977

Günther Heuzeroth, Jüdisch-deutsche Mitbürger unserer Heimat. Die Judenschaft zu Hamm/Sieg, in: Heimatjahrbuch des Kreises Altenkirchen (Westerwald) 1975 - 1978

Brigitte Burbach, Hamm an der Sieg. Dorf - Kirchspiel - Gemeinde, Hamm 1986, S. 131 - 146

Horst Moog, Erinnerungen an eine Dorfsynagoge, in: Heimatjahrbuch des Kreises Altenkirchen 39/1996, S. 164 - 167

Horst Moog, Nur Erinnerung ermöglicht Versöhnung. 60 Jahre nach dem Pogrom in Hamm/Sieg, Hamm 1998

Brigitte Burbach, Jüdische Familien aus Hamm unter dem Nationalsozialismus, in: Heimatjahrbuch des Kreises Altenkirchen 47/2004, S. 238 - 245

Claudia Maria Arndt (Hrg.), Unwiederbringlich vorbei. Geschichte und Kultur der Juden an Sieg und Rhein. 10 Jahre Gedenkstätte „Landjuden an der Sieg“, Siegburg 2005

Thomas Bartolosch, „Weg des Erinnerns", in: Schriftenreihe des Betzdorfer Geschichtsvereins e.V., No. 1/2005, Betzdorf 2005

Stefan Fischbach/Ingrid Westerhoff (Bearb.), “ ... und dies ist die Pforte des Himmels “. Synagogen. Rheinland-Pfalz Saarland, Hrg. Landesamt für Denkmalpflege, Mainz 2005, S. 179/180

Kunibert Stock (Red.), Wo wohnten die jüdischen Familien im Hammer Land, in: Heimat-Jahrbuch des Kreises Altenkirchen 2005, S. 271 - 274

Ernst Helmut Zöllner, Betzdorfer Bürger und Bürgerinnen mit jüdischem Glauben - Wo wohnten sie? Was wurde aus ihnen?, in: Heimatbuch des Kreisheimatvereins Altenkirchen 2007 (auch online abrufbar unter: argewe.lima-city.de)

Ulf Steffenfauseweh (Red.), Altes jüdisches Tauchbad entdeckt. Bei Sanierungsarbeiten in Hamm eine 'Mikwe' der Holzsynagoge ausgegraben - Heimatforscher Dieter Krämer ist begeistert, Artikel in der "Rhein-Zeitung" vom 9.3.2007

Brigitte Burbach, so doch mein Vaterland. Menschen jüdischen Glaubens in Hamm an der Sieg, Hamm 2007

Dieter Krämer (Red.), Die Mikwe (jüdisches Tauchbad) in der alten Hammer Synagoge, in: ? (2007)

Hamm (Sieg) mit Wissen, Betzdorf und Kirchen, in: alemannia-judaica.de (mit Dokumenten zur jüdischen Ortshistorie)

Jüdischer Friedhof in Hamm (Sieg), in: alemannia-judaica.de (mit zahlreichen Aufnahmen)

Betzdorf, in: alemannia-judaica.de

G. Bäumer/G. Hermann/E.-H. Zöllner, Nicht vergessen. Opfer von Krieg und Gewalt. Aus dem Amt Betzdorf, in: Reihe: Betzdorfer Geschichte(n) - Schriftenreihe des Betzdorfer Geschichtsvereins e.V.. Betzdorf 2008 

Auflistung der verlegten Stolpersteine in Windeck, online abrufbar unter: wikipedia.org/wiki/Liste_der_Stolpersteine_in_Windeck 

Auflistung der verlegten Stolpersteine in Wissen, online abrufbar unter: wikipedia.org/wiki/Liste_der_Stolpersteine_in_der_Verbandsgemeinde_Wissen