Kochendorf (Baden-Württemberg)

Bildergebnis für bad friedrichshall postleitzahl Kochendorf ist heute ein Teil der Stadt Bad Friedrichshall, die ihren Namen 1935 erhielt und die Doppelgemeinde Jagstfeld-Kochendorf umfasste - im Neckartal zwischen Heidelberg und Heilbronn gelegen (Karte aus: suche-postleitzahl.org).

Im Laufe der Jahrhunderte unterstand der Flecken Kochendorf verschiedenen Herrschaften. Ein erster Hinweis auf jüdische Existenz in Kochendorf findet sich gegen Mitte des 16.Jahrhunderts; weitere Belege sind der 1597 erlassenen Dorf- u. Gerichtsordnung zu entnehmen. Zahlreichere urkundliche Hinweise liegen dann erst wieder ab Ende des 17.Jahrhunderts vor.

Aus dem Jahre 1808 liegt ein Bericht des Schultheiß Gebhard vor, in dem es u.a. hieß:

...

1. In dem Orte Kochendorf sind seit urdenklichen Zeiten Juden von der Herrschaft ... geduldet worden,

2. jedoch unter der Beschränkung, daß nie mehr als 18 Familien sich ansiedeln dürfen. Seit neuen Zeiten und am Ende des Jahres 1807 aber existierten 21 Familien, wovon aber nur 20 den eigentlichen Schutz genießen, ... Die Seelenzahl der sämtlichen Juden ist nach der Seelentabelle vom Jahre 1807 achtzig Seelen.

3. Der vermögliche Teil dieser Juden besitzt zusammen 12 Häuser. ...

6. Die Nahrungszweige der hiesigen Juden sind die gewöhnlichen bekannten Handelschaften mit Vieh, Früchten, alten Kleidern, Alteisen etc. Nur einige haben die herrschaftliche Erlaubnis mit Ellen und Gezeug Handel treiben zu dürfen, auch einer einzigen Familie ist herrschaft- licherseits gestattet Fleisch auszuhauen. ... Zween andere Familien haben die herrschaftliche Concession zum Weinschank für ihre Religionsgenossen, ...

8. Die hiesige Judenschaft bildet eine eigene Gemeinde, die von zween herrschaftlicherseits ernannten Vorstehern, welche alle 2 Jahre im Amt wechseln, regiert werden. Die Gerichtsbarkeit derselben erstreckt sich aber bloß auf ihre kirchliche Verfassung und auf ihre hergebrachten Ceremonien ...

9. Auf bürgerliche Beneficien haben sie durchaus keinen Anspruch, in Hinsicht der Last des Boten- und Scharwachtgehens aber stehen sie mit den Bürgern in gleichem Verhältnisse. Der Leibzoll war hier nie eingeführt und weder fremde noch einheimische Juden haben ihn bezahlt.

Nach 1700 besuchten die Kochendorfer Juden die Synagoge in Oedheim. Um 1740 wurde eine eigener Betraum in einem Privathause eingerichtet. 1806 weihten die Gemeindeangehörigen eine neue, größere Synagoge ein; der Betsaal befand sich im ersten Stock des Gebäudes. Im Keller war vermutlich die Mikwe untergebracht.

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        Vor der Synagoge in Kochendorf    -    Eingangstür (Aufn. 1925/1930)    -    Hochzeitsstein an der Synagoge (alle Aufn. Stadtarchiv)

Für die Erledigung religiöser Aufgaben der Gemeinde war ein angestellter Lehrer zuständig.

Stellenanzeigen von 1872 und 1891

Ihre Verstorbenen begruben die Kochendorfer Juden zunächst auf dem Friedhof in Neckarsulm. Seit Anfang der 1870er Jahre verfügte die jüdische Gemeinde über ein eigenes Bestattungsgelände am Ort in der Flur „Mittlerer Pfad“.

Um 1830 gehörten zur Kochendorfer Gemeinde kurzzeitig auch die Juden aus Neckarsulm und Gundelheim an. Das zuständige Rabbinat war das von Lehrensteinsfeld; zeitweilig soll Kochendorf auch einen eigenen Rabbiner gehabt haben (?).

Juden in Kochendorf:

        --- um 1710 .......................   6 Schutzjuden und ihre Familien,

    --- 1807 ..........................  78 Juden (ca. 9% d. Dorfbev.),

    --- 1828 .......................... 106   “  ,

    --- 1841 .......................... 132   “  ,

    --- 1854 .......................... 155   “  ,

    --- 1864 .......................... 124   “  ,

    --- 1880 ..........................  71   “  ,

    --- 1900 ..........................  40   “  ,

    --- 1910 ..........................  30   “  ,

    --- 1925 ..........................   7   “  ,

    --- 1933 ..........................   7   “  ,

    --- 1936 (Dez.) ...................   keine.

Angaben aus: W.Angerbauer/H.G.Frank, Jüdische Gemeinden in Kreis und Stadt Heilbronn, S. 129

Zu Beginn des 19.Jahrhunderts verdienten die Juden Kochendorfs ihren Lebensunterhalt zumeist im Handel mit Vieh, Früchten und Gebrauchtwaren; einige besaßen die Erlaubnis zum Handel mit „Ellen und Gezeug“, zwei Familien war der Weinausschank an ihre Glaubensgenossen gestattet. Seit Mitte des 19.Jahrhunderts nahm die Zahl der Juden in Kochendorf stetig ab; während ein Teil in die USA auswanderte, verzog der andere Teil in größere Städte, so nach Heilbronn, Stuttgart und Frankfurt/Main. Nach 1900 schrumpfte die Zahl der Gemeindeangehörigen weiter, sodass nur noch sehr wenige Familien am Ort verblieben; ihren Lebensunterhalt verdienten diese im Vieh- und Mehlhandel. Noch vor Beginn der NS-Zeit war die jüdische Gemeinde aufgelöst worden; die evangelische Kirchengemeinde erwarb das von 1806 bis 1925 genutzte Synagogengebäude und veräußerte es anschließend an einen Privatmann. Von den sieben zu Beginn der NS-Zeit in Kochendorf lebenden Juden sind mindestens zwei Opfer der Shoa geworden.

Heute erinnert am Gebäude der ehemaligen Synagoge eine schlichte Hinweistafel an dessen früheren Zweck.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%2019/Kochendorf%20Synagoge%20002.jpg http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%2026/Kochendorf%20Synagoge%20155.jpg ehem. Synagogengebäude vor u. nach dem Umbau um 1950/2003)

Der jüdische Friedhof von Kochendorf weist ca. 30 Grabsteine auf - der älteste von 1874 und der jüngste von 1914.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%2026/Kochendorf%20Friedhof%20151.jpg 

Jüdischer Friedhof Kochendorf (Aufn. J. Hahn, 2003 und Aufn. Sarang, 2010, aus: wikipedia.org, CCO)

Von September 1944 bis März 1945 bestand in unmittelbarer Nähe zum Ortskern und einem Salzbergwerk ein Konzentrationslager (als  Außenlager des KZ Natzweiler-Struthof), in dem Häftlinge durch Arbeit vernichtet wurden. Mindestens 447 Häftlinge kamen im Lager und auf dem anschließenden Todesmarsch ums Leben.

Weitere Informationen:

Paul Sauer, Die jüdischen Gemeinden in Württemberg und Hohenzollern. Denkmale - Geschichte - Schicksale, Hrg. Archivdirektion Stuttgart, Kohlhammer Verlag, Stuttgart 1966, S. 36/37

Egon Fieß, Beiträge zur Geschichte der jüdischen Gemeinde in Kochendorf, in: Bad Friedrichshall 1933 - 1983, Bad Friedrichshall 1983, S. 405 - 429

Lothar Hantsch, Juden in Kochendorf, in: Bad Friedrichshall 1933 - 1983, Bad Friedrichshall 1983, S. 430 - 436

Gerhard Wilhelm Daniel Mühlinghaus, Der Synagogenbau des 17. u. 18.Jahrhunderts im aschkenasischen Raum, Dissertation, Philosophische Fakultät Marburg/Lahn, 1986, Band 2, S. 224

W.Angerbauer/H.G.Frank, Jüdische Gemeinden in Kreis und Stadt Heilbronn. Geschichte - Schicksale - Dokumente, in: Schriftenreihe des Landkreises Heilbronn, Hrg. Landkreis Heilbronn, 1986, S. 126 - 133

Frowald G.Hüttenmeister (Bearb.), Der jüdische Friedhof in Kochendorf, Unveröffentlichte Grunddokumentation des Landesdenkmalamtes Baden-Württemberg, 1991

Joachim Hahn/Jürgen Krüger, “Hier ist nichts anderes als Gottes Haus ...” Synagogen in Baden-Württemberg, Teilband 2: Orte und Einrichtungen, Konrad Theiss Verlag GmbH, Stuttgart 2007, S. 18 - 20

Kochendorf, in: alemannia-judaica.de (mit zahlreichen Text- u. Bilddokumenten zur jüdischen Ortshistorie)

Ein Konzentrationslager in Kochendorf, online abrufbar unter: kz-kochendorf.de