Kolin (Böhmen)

Die mittelböhmische Stadt am Oberlauf der Elbe - ca. 55 Kilometer östlich von Prag - ist das gleichnamige tschechische Kolin mit derzeit ca. 31.000 Einwohnern.

Kolin beherbergte eine der ältesten und bedeutendsten jüdischen Gemeinden Mittelböhmens.

Seit Anfang des 14.Jahrhunderts lassen sich jüdische Ansiedlungen im mittelböhmischen Kolin nachweisen; wenige Jahrzehnte später bildete sich bereits eine jüdische Gemeinde, die sich im Laufe dreier Jahrhunderte zu einer der bedeutendsten jüdischen Gemeinden Mittelböhmens entwickelte. An der Spitze der Judenschaft standen die Judenältesten - sie mussten ihre Einsetzung vom Magistrat bestätigen lassen -, die auch für die niedere Gerichtsbarkeit zuständig waren. Die Juden Kolins lebten damals vor allem vom Geldverleih in Verbindung mit der Pfandleihe; durch Eintragung ihrer Geldgeschäfte ins Stadtbuch überwachte die Stadt die jüdischen Händler. - Ein ghettoartiger Wohnbezirk soll bereits im ausgehenden 14.Jahrhundert angelegt worden sein und jahrhundertlang bestanden haben. Zeitweise wurden die jüdischen Familien aus der Stadt vertrieben; so ließ König Ferdinand I. 1541 die böhmischen Städte „judenfrei“ machen; die Juden Kolins sollen damals mit ihrer Habe nach Polen gegangen sein. Doch bereits sein Nachfolger erlaubte wieder ihre Ansiedlung. Um 1620 war die jüdische Gemeinde in Kolin die zweitgrößte von Böhmen - trotz mancher Restriktionen, die das Alltagsleben und den Handel der Juden bestimmten.

Kolin Carlo Cappi 1640.jpg

 Historische Bildkarte von Kolin, um 1640 (Abb. aus: wikipedia.org, gemeinfrei)

In der „Judengasse“ im Südwestteil der Stadt errichtete die Koliner Judenschaft vermutlich in der zweiten Hälfte des 17.Jahrhunderts ihre neue Synagoge; eine erste war bereits 1512 genannt worden. Das im Frühbarockstil gestaltete Gebäude wurde in den Folgejahrhunderten mehrfach umgebaut bzw. erweitert. Ganz in der Nähe befand sich die jüdische Volksschule.

Ein Zeugnis aus der frühesten Zeit jüdischer Ansässigkeit ist der Friedhof, der im Laufe der Zeit mehrfach eine Erweiterung erfuhr. Der älteste noch lesbare Grabstein stammt aus dem Jahre 1492; insgesamt sind heute noch mehr als 2.500 Gräber vorhanden. Bekannte Rabbiner sind hier begraben, so z.B. Bezalel ben Jehuda Liva-Löv, Sohn des berühmten Prager Rabbis.

  Kolín Alter Jüdischer Friedhof 356.jpg  

Friedhofseingang (Aufn. jkb, 2010, wikipedia.org, CC BY-SA 3.0) - Grabsteine (Aufn. GFreihalter, 2008, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0)

2012 kveten kolin hrbitov 021.JPG 2012 kveten kolin hrbitov 024.JPG Jewish cemetery Kolin 4786.JPG

alle Aufn. aus: commons.wikimedia.CCO (2012)

Ein neues Bestattungsgelände wurde 1886/1887 im Stadtteil Kolín-Zálabí am rechten Elbufer angelegt und ersetzte den alten jüdischen Friedhof.

Juden in Kolin:

         --- um 1390 ...................... ca.    15 jüdische Familien,

--- um 1575 ...................... ca.    35     “       “    ,

    --- 1718 .............................   138     “       “    ,

    --- 1793 .............................   215     “       “    ,

    --- 1854 ......................... ca. 1.700 Juden (ca. 23% d. Bevölk.),

    --- 1872 .............................   247 jüdische Familien,

    --- 1881 ............................. 1.148 Juden,

    --- 1890 ............................. 1.075   "   (ca. 7% d. Bevölk.),

    --- 1900 .............................   806   “  ,

    --- 1910 .............................   634   “  ,

    --- 1921 .............................   482   “  ,

    --- 1930 .............................   430   “   (ca. 2% d. Bevölk.).

Angaben aus: Rudolf M. Wlaschek, Juden in Böhmen - Beiträge zur Geschichte d. europäischen Judentums ..., S. 25

http://postcards.maxzone.eu/pohlednice/Kolin.jpg Teilansicht der Stadt Kolin (hist. Postkarte)

Im Jahre 1938 verzeichnete Kolin zahlreiche jüdische Flüchtlinge, die aus dem Sudetenland hierher gekommen waren.

In der Okkupationszeit fielen die allermeisten jüdischen Bewohner Kolins dem Holocaust zum Opfer. Ein erster Deportationstransport verließ Kolin Mitte Juni 1942. Insgesamt wurden ca. 2.200 Juden aus Kolin und Umgebung in drei Transporten nach Theresienstadt verschleppt; von hier aus führte der Weg für die meisten ins Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau; nur etwa 140 Menschen sollen überlebt haben.

Nach Kriegsende gründete sich in Kolin wieder eine kleine jüdische Gemeinde, die sich aber bereits 1950 wieder auflöste.

Der ehemalige Rabbiner von Kolin, Dr. Feder, war einziger Überlebender seiner Familie. Er war 1945 aus Theresienstadt wieder nach Kolin zurückgekehrt und wurde in den 1950er Jahren zum Oberrabbiner von „Böhmen und Mähren“ ernannt. Auf dem jüdischen Friedhof ließ er einen Gedenkstein aufstellen, der die Namen aller ermordeten Koliner Juden auflistete.

Das aus dem 17.Jahrhundert stammende und erhalten gebliebene barocke Synagogengebäude in der Judengasse ist in seinem Innern restauriert worden und stellt heute ein kulturhistorisch wichtiges Denkmal für die jüdische Geschichte von Böhmen dar. Der Originalstuhl des Rabbiners und einige Thorarollen aus der Synagoge Kolin befinden sich heute in London.

 Kolín Synagoge 300.jpg

 Synagogengebäude - Straßenfront (Aufn. jkb, 2010, aus: commons.wikimedia.org bzw. GFreihalter, 2017, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0) 

  Innenraum nach der Restaurierung (Aufn. Miroslav Sova, 2012)

Etwa 50 sanierte ehemalige „Ghettohäuser“ bezeugen noch heute die jüdische Geschichte der Stadt.

In den letzten Jahren wurden in den Straßen Kolins zahlreiche sog. „Stolpersteine“ verlegt.

Kolín, Na Hradbách, Stolpersteine, rodina Federová.jpg  Aufn. Stribrohorak, 2017, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0

Stolperstein für Alfred Fischer.jpg Stolperstein für Edita Fischerova.jpg Stolperstein für Elsa Hellerova.jpg Stolperstein für Josef Feder.jpg Stolperstein für Eva Ornsteinova.jpg Stolperstein für Karel Ornstein.jpg

alle Aufnahmen: Chr. Michelides, 2016, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 4.0

 Joseph Abraham Friedländer wurde 1753 in Kolin geboren. Als Anhänger der jüdischen Aufklärung hatte er später sein Wirkungsfeld in Westfalen, wo er 1832 zum Landrabbiner von Brilon berufen wurde. Dort veränderte er die Gottesdienstformen: Das Hebräische trat zu Gunsten des Deutschen zurück; deutschsprachiger Chorgesang, Orgelspiel und eine auf deutsch gehaltene Sabbat-Predigt wurden von ihm eingeführt. Im biblischen Alter von beinahe 100 Jahren verstarb Friedländer 1852 in Brilon.

[vgl. Brilon (Nordrhein-Westfalen)]

Ignaz Petschek, ein böhmischer Großhändler und einer der einflussreichsten Kohlenmagnaten Europas, wurde 1857 in Kolin geboren. Nach einer Ausbildung als Bankkaufmann ging er in die Selbstständigkeit; mit Hilfe von Kontakten zur Wiener Anglobank schuf er einen gewaltigen Bergbaukonzern, der seines gleichen suchte. Nach dem Ersten Weltkrieg erweiterten die Gebrüder Petschek ihr Industrieunternehmen. Mit dem Erwerb des Unternehmens „Anhaltische Kohlenwerke AG“ im Jahre 1932 befand sich mehr als die Hälfte der Braunkohlenförderung Mitteldeutschlands im Besitz der Familie Petschek. 1934 starb Ignaz Petschek in Aussig. (Anm.: 1938 wurde der Petschek-Konzern im Zuge der „Arisierung“ zerschlagen und die Familie P. enteignet.)

 

Im Dorfe Kovanitz (tsch. Kovanice) lebten um 1700 sieben jüdische Familien, die in der zweiten Hälfte des 18.Jahrhunderts über eine hölzerne Synagoge verfügten. Als nach einem Brand das Gotteshaus zerstört wurde, errichtete die Dorfjudenschaft - sie war mittlerweile bis auf ca. 130 Personen angestiegen - ein neues Synagogengebäude. Nach 1848 war die Zahl der Gemeindeangehörigen stark rückläufig. In den 1870er Jahren fusionierte die Gemeinde mit der Nimburgs (mit Sitz in Kovanitz). Als um 1890 fast keine Juden mehr in Kovanitz lebten, löste sich die vereinigte Gemeinde wieder auf, während die Nimburger Juden erneut autonom wurden. 1916 verstarb der letzte jüdische Einwohner von Kovanitz. - Auf dem 1830 angelegten jüdischen Friedhof, der in den 1990er Jahren wieder hergerichtet wurde, findet man heute noch ca. 250 Grabsteine; am Eingangstor befindet sich eine Gedenktafel.

Das ehemalige Synagogengebäude ist baulich noch erhalten.

 

Wenige Kilometer elbeabwärts der Stadt Kolin liegt Podiebrad (tsch. Podebrady); hier sind jüdische Familien erstmals in den Jahrzehnten nach dem Dreißigjährigen Krieg nachgewiesen. Gegen den Willen der einheimischen Bevölkerung, aber mit Unterstützung der adligen Herrschaft – diese zog wirtschaftlichen Nutzen aus jüdischer Anwesenheit -, bestritten die hier lebenden Juden ihren Lebensunterhalt im Handel, der Weinbranntherstellung und als Steuereinnehmer.

Die nur aus kaum mehr als zehn Familien bestehende Gemeinschaft besaß einen Betraum in der Vorstadt; ein Friedhof wurde hier aber erst 1898 angelegt. Um 1930 lebten in Podiebrad ca. 110 Personen mosaischen Glaubens; im nahen Umland kamen weitere 140 Personen dazu. 1942 wurden auch die Angehörigen der Gemeinde Podiebrad nach Theresienstadt deportiert, von dort dann weiter in die Todeslager in Ostpolen.

Nach 1945 gründete sich aus Überlebenden der Shoa ein Synagogenverein, der 1946 immerhin etwa 170 Mitglieder besaß; doch diese Zahl reduzierte sich dann in den Folgejahren.

 

Weitere Kilometer elbeabwärts ist die Kleinstadt Nimburg (tsch. Nymburk) - auch Neuenburg a.d.Elbe - gelegen, in der sich im letzten Viertel des 19.Jahrhunderts eine kleine israelitische Gemeinde bildete. Anfang der 1890er Jahre setzte sich die dortige Judenschaft aus ca. 120 Personen zusammen; in dieser Zeit wurden eine Synagoge und eine Schule eröffnet.

 

Synagoge unten rechts auf der hist. Postkarte, um 1930 (aus: zanikleobce.cz)

Anfang der 1930er Jahre lebten noch ca. 80 Juden in Nimburg. Das mit vier Zwiebeltürmen verzierte Synagogengebäude wurde bis 1939 für gottesdienstliche Zusammenkünfte benutzt. In der nach 1945 verwaisten, aber inzwischen restaurierten Synagoge – sie wird heute museal genutzt - findet man heute eine Dauerausstellung zur Stadtgeschichte.

 

Das zehn Kilometer südöstlich von Kolin gelegene Kuttenberg (tsch. Kutná Hora) war im 12.Jahrhundert als Bergmannssiedlung gegründet worden; im späten Mittelalter gelangte der Ort wegen seiner Silberbergwerke zu enormen Reichtum. Jüdische Familien durften über Jahrhunderte hinweg keine festen Wohnsitze in der "Bergwerkstadt" Kuttenberg haben; deshalb hielten sie sich zu Handelszwecken auch nur kurzzeitig hier auf. Erst mit dem Wegfall der Restriktionen (1848) wurde Ansässigkeit erlaubt. So kamen aus dem nahen Dorfe Malin – hier gab es in der ersten Hälfte des 19.Jahrhunderts eine recht ansehnliche israelitische Gemeinde - etliche Familine nach Kuttenberg. Doch erst 1893 gründete sich hier offiziell eine Gemeinde, die damals aus ca. 170 Angehörigen bestand und sich in der Folgezeit noch dadurch vergrößerte, dass sich jüdische Familien aus dem ländlichen Umland der Gemeinde anschlossen. 1920/1921 zählte die Kuttenberger jüdische Gemeinde mehr als 300 Personen, von denen etwa 2/3 in der Stadt selbst lebten.

Im Frühsommer 1942 wurden die jüdischen Familien aus Kuttenberg und Umgebung deportiert.

An die jüdische Geschichte des Ortes erinnern heute die Ruine der alten Synagoge von 1880 und das im Jahre 1902 errichtete Synagogengebäude - ein nach Plänen des Architekten Bohuslav Moravec im Jugendstil errichtetes Gotteshaus.

Die profanierte Synagoge – seit Jahrzehnten von der Hussitischen Kirche genutzt - ist seit 2015 ein geschütztes Kulturdenkmal. Seit 2008 befindet sich vor dem Gebäude ein Holocaust-Denkmal.

     

Synagoge, Kutna Hora.jpg 

Synagogengebäude (hist. Aufn.) und dessen heutiges Aussehen (Aufn. Th. Ledl, 2017, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 4.0)

Kutná Hora, Vnitřní Město, Smíškova, synagoga, památník 01.jpg Holocaust-Denkmal (Aufn. D. Baránek, 2011, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0)

Stolperstein für Bedrich Pick.jpg Stolperstein für Evzen Pick.jpg Stolperstein für Marie Pickova.jpg Aufn. Chr. Michelides, 2016, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 4.0

 

Nur wenige Kilometer von Kuttenberg entfernt liegt die Kleinstadt Maleschau (tsch. Malešov), in der jüdische Ansiedlung erstmals 1719 Erwähnung fand; derzeit sollen hier sieben Familien gelebt haben. Ihre Anzahl steigerte sich bis um 1840 auf ca. 20 Familien mit ca. 140 Personen. Die meisten wohnten in der „Judenstraße“. Nach 1848 verließen die meisten Familien den Ort, um sich im nahen Kuttenberg oder anderen Städten niederzulassen. Wenige Jahrzehnte später löste sich die Gemeinde auf; die verbliebenen Angehörigen schlossen sich der Gemeinde Kuttenberg an. Der seit dem 18.Jahrhundert bestehende Friedhof diente auch den Juden der Kuttenberger Gemeinde als Begräbnisstätte. Anfang der 1930er Jahre lebten in Malesov nur noch acht Bewohner mosaischen Glaubens.

Das Synagogengebäude – vermutlich aus dem ausgehenden 18.Jahrhundert – wurde in den 1980er Jahren abgerissen. Das am Rande des Dorfes sich befindende, von einer Mauer umfriedete Friedhofsgelände weist heute noch ca. 210 Grabsteine auf.

Jüdischer Friedhof Malešov (Aufn. Jstojanov, 2012, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0)

 

In Kohljanowitz (tsch. Uhlirske Janovice) – ca. 20 Kilometer südlich von Kolin – sind jüdische Bewohner erstmals um 1690 urkundlich genannt. Ein Betraum fand erstmals 1724 Erwähnung; etwa sieben Jahrzehnte später wurde eine Synagoge errichtet. Der jüdische Friedhof wurde erst in den 1830er Jahren angelegt. Um 1880 bestand die jüdische Ortsbevölkerung aus ca. 190 Personen, bis Anfang der 1930er Jahre hatte diese sich durch Abwanderung um zwei Drittel dezimiert. Zwei Großfeuer zu Beginn des 20.Jahrhunderts richteten erhebliche Zerstörungen an; der Neubau der Synagoge konnte alsbald eingeweiht werden (1914). 1942 erfolgte die Deportation der jüdischen Familien aus dem Dorf.

Das ehemalige Synagogengebäude wird heute von der Hussitischen Gemeinde genutzt.

 

ehem. Synagoge (Aufn. Cs:SJU, 2009, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0 Uhlířské Janovice, Zdravotní ulice, synagoga.jpg

Auf dem hiesigen jüdischen Friedhof findet man nur noch vereinzelte Grabsteine bzw. -relikte.

 

In Kreuz-Kosteletz (tsch. Kostelec u Křížků) - ca. 20 Kilometer westlich von Kolin - sind wenige jüdische Familien seit ca. 1700 nachweisbar; ein erster Betraum wird 1714 erwähnt. Gegen Mitte des 19.Jahrhunderts erreichte die jüdische Dorfbevölkerung mit ca. 30 Familien ihren Höchststand. Aus der Frühzeit jüdischer Ansässigkeit stammt der Friedhof, dessen älteste lesbare Grabsteine von 1724 datieren. Um 1845 wurde ein neuer Betraum eingeweiht. Nach 1900 war die jüdische Gemeinde in Kreuz-Kosteletz in Auflösung begriffen. 1921 lebten nur noch drei jüdische Bewohner im Dorf.

Jüd. Friedhof (Aufn. R. Zitko, 2009, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0)

 

In Böhmisch-Brod (tsch. Cesky Brod) war gegen Mitte des 19.Jahrhunderts nur einer jüdischen Familie erlaubt worden sich hier niederzulassen. Zu Beginn des 20.Jahrhunderts zogen weitere Familien aus umliegenden Dörfern zu und bildeten eine kleine Gemeinde; diese setzte sich um 1930 aus ca. 70 Angehörigen zusammen. 1942 wurden die wenigen jüdischen Bewohner nach Theresienstadt „umgesiedelt“; von hier aus erfolgte ihre Deportation in die Vernichtungslager.

 

Im Dorf Přistoupim - in unmittelbarer Nähe von Böhmisch-Brod (Český Brod) gelegen und heute Teil der Stadt - lebten um 1725 drei jüdische Familien, die die Kernzelle der späteren Gemeinde bildeten. Um 1785 wurde hier ein eigener Friedhof angelegt; eine im neoromanischen Stil gestaltete Synagoge errichtete die kleine Gemeinde – sie bestand derzeit aus knapp zehn Familien – in den 1840er Jahren. Die jüdische Bevölkerung, die mehrheitlich im nördlichen Teil des Dorfes wohnte, erreichte gegen Ende des 19.Jahrhunderts mit ca. 200 Personen ihren Höchststand. Infolge Abwanderung reduzierte sich der jüdische Bevölkerungsteil innerhalb kürzester Zeit; 1930 lebten im Dorf nur noch zehn Juden. - Seit ca. 1950 dient das ehemalige Synagogengebäude als Sitz der Kommunalverwaltung.

 Bildergebnis für Pristoupim synagoga

Ehem. Synagoge mit Gebotstafeln auf dem Dachfirst (Aufn. Vojnikov, 2010, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0)

Auf dem jüdischen Friedhof, der einen gepflegten Eindruck macht, findet man heute noch etliche Grabstätten.

Aufn. Vojnikov, 2010, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0

 

In Planian bzw. Planeis (tsch. Plaňany) – einer kleinen Ortschaft ca. 15 Kilometer westlich von Kolin – erinnert das um 1850 erbaute ehemalige Synagogengebäude daran, dass hier vormals eine jüdische Gemeinde existent war. Nach der Abwanderung der jüdischen Familien wurde das Gebäude in den 1920er Jahren an die Hussitische Gemeinde verkauft. Seit 2006 gehört es zum geschützten Kulturgut.

Plaňany, husitský kostel.jpg Ehem. Synagogengebäude (Aufn. Aktron, 2010, aus: commons.wikimedia.org, CC BY 3.0)

Weitere Informationen:

Moritz Popper, Zur Geschichte der Juden in Kolin im 14.Jahrhundert, in: Monatszeitschrift für die Geschichte u. Wissenschaft des Judentums (1894)

Tobias Jakobovits, Jüdisches Gemeindeleben in Kolin (1763 - 1768), in: Jahrbuch der Gesellschaft für die Geschichte der Juden in der Cechoslovakischen Republik 1/1929, S. 332 – 368

Jar. Polák-Rokycana (Bearb.), Kuttenberg, in: Hugo Gold (Hrg.), Židé a židovské obce v Cechách v minulosti a prítomnosti, Židovské nakladatelství, Brno - Praha 1934, S. 327

Ferdinand Seibt (Hrg.), Die Juden in den böhmischen Ländern. Vorträge der Tagung des Collegium Carolinum in Bad Wiessee November 1981, München/Wien 1983

Germania Judaica, Band III/1, Tübingen 1987, S. 655/656

Rudolf M.Wlaschek, Zur Geschichte der Juden in Nordostböhmen unter besonderer Berücksichtigung des südlichen Riesengebirgsvorlandes, in: Historische und landeskundliche Ostmitteleuropa-Studien, Bd. 2, Marburg/Lahn 1987

Jiří Fiedler, Jewish Sights of Bohemia and Moravia, Prag 1991, S. 95 – 97 (Kolin), S. 99 (Kreuz-Kosteletz), S. 110/111 (Maleschau), S. 134/135 (Podiebrad) und S. 154/155 (Přistoupim)

P.Ehl/A.Parík/Jirí Fiedler, Alte Judenfriedhöfe Böhmens und Mährens, Paseka-Verlag, Prag 1991, S. 157 - 159

Rudolf M. Wlaschek, Juden in Böhmen - Beiträge zur Geschichte des europäischen Judentums im 19. und 20.Jahrhundert, in: Veröffentlichungen des Collegium Carolinum, Band 66, R. Oldenbourg-Verlag, München 1997

The Encyclopedia of Jewish Life before and during the Holocaust (Vol. 2), New York University Press, Washington Square, New York 2001, S. 646

Radio Prag, Kolin vor 60 Jahren: Ausrottung einer böhmischen Gemeinde, 2004

A Brief History of the Jews of Kolin during the Occupation 1939–45, online abrufbar unter: kehillatisrael.net/nemecke-brod/

Marek Nekula/Walter Koschmal (Hrg.), Juden zwischen Deutschen und Tschechen. Sprachliche und kulturelle Identitäten in Böhmen 1800 - 1945, R. Oldenbourg Verlag, München 2006, S. 73 ff.

The Jewish Community of Kolin (Kolin), Hrg. Beit Hatfutsot – The Museum of the Jewish People, online abrufbar unter: dbs.bh.org.il/place/kolin

The Jewish Community of Podebrady (Podiebrad), Hrg. Beit Hatfutsot – The Museum of the Jewish People, online abrufbar unter: dbs.bh.org.il/place/podebrady

The Jewish Community of Kutna Hora (Kuttenberg), Hrg. Beit Hatfutsot – The Museum of the Jewish People, online abrufbar unter: dbs.bh.org.il/place/kutna-hora

Jewish Families from Malešov, Czech Republic, online abrufbar unter: geni.com/projects/Jewish-Families-from-Male%25C5%25A1ov-Czech-Republic/25768

Synagoge in Kolin (in tschechischer Sprache), online abrufbar unter: cestyapamatky.cz/kolinsko/kolin/synagoga (mit diversen Aufahmen der restaurierten Synagoge)

Der jüdische Friedhof von Kolin (mit einer Vielzahl von Aufnahmen), in: commons.wikimedia.org/wiki/Category:Old_Jewish_cemetery_in_Kolín

Auflistung der in Kolin verlegten Stolpersteine, online abrufbar unter: commons.wikimedia.org/wiki/Category:Stolpersteine_in_Kolín

Auflistung der in Kutna Hora verlegten Stolpersteine, online abrufbar unter. .wikipedia.org/wiki/Liste_der_Stolpersteine_in_Kutná_Hora