Preußisch Holland (Ostpreußen)

 Preußisch-Holland, das im 13.Jahrhundert planmäßig von holländischen Lokatoren gegründet worden war, war von 1818 bis 1945 Kreisstadt des gleichnamigen Landkreises im Südwesten Ostpreußens. Es ist die heutige polnische Stadt Paslek mit derzeit ca. 12.000 Einwohnern.

Ende des 17.Jahrhunderts siedelten sich (möglicherweise auch nur kurzzeitig) die ersten jüdischen Familien hier an. Zwischenzeitlich mussten sie die Stadt wieder verlassen und durften sich zu Handelszwecken nur zeitlich befristet hier aufhalten. Erst nach 1812 kam es zu einer dauerhaften Ansässigkeit; nun bildete sich eine Gemeinde, die ihren zahlenmäßigen Höchststand um 1870/1880 mit ca. 180 Angehörigen erreichte. Die Mitgliederzahl nahm aber wenige Jahre später aber schon deutlich ab.

Mitte der 1830er Jahre erstellte die Gemeinde eine Synagoge; dieses Gebäude wurde bis zum Bau eines neuen, aus Backsteinen gefertigten Gotteshauses (1878) genutzt. An der Fassade des Synagogengebäudes war eine Statue von Moses mit den Gesetzestafeln angebracht. Im Jahre 1895 gründete man eine eigene Schule, die damals von 26 Kindern besucht wurde.

Bereits 1817 war ein Friedhofsgelände im Norden der Stadt angelegt worden.

Juden in Preuß. Holland:

    --- 1864 .......................... 160 Juden,

    --- 1871 .......................... 181   "  ,

    --- 1880 .......................... 175   “  (ca. 4% d. Bevölk.),

    --- 1885 .......................... 183   “  ,

    --- 1890 .......................... 169   "  ,

    --- 1895 .......................... 134   “  ,

    --- 1903 .......................... 104   "  ,

    --- 1933 ..........................  41   “  (ca. 1% d. Bevölk.),

    --- 1937 ...................... ca.  30   “  .

Angaben aus: Paslek, in: sztetl.org.pl

Fast alle jüdischen Familien waren im 19.Jahrhundert im Handel engagiert; einige brachten es dabei zu erheblichem Vermögen. So beherrschte die Familie Aris den lokalen Getreidehandel, später dann auch das Pelz- und Textilgeschäft.

  Am Steintor (hist. Aufn., um 1900, aus: wikipedia.org, gemeinfrei)

In der Kreisstadt Preußisch Holland lebten Anfang der 1930er Jahre etwa 15 jüdische Familien; bei Kriegsbeginn wohnten nur noch acht Juden im gesamten Landkreis. Obwohl das Synagogengebäude seit Jahren nicht mehr in Nutzung und bereits veräußert worden war, wurde es während der „Kristallnacht“ im November 1938 in Brand gesetzt.

Reste des jüdischen Friedhofs mit ca. 20 Grabsteinen aus dem 19.Jahrhundert sind heute noch erhalten; ein Teil der Friedhofsfläche ist eingeebnet. Trotz der nur relativ wenigen noch vorhandenen Grabstätten gilt der jüdische Friedhof in Paslek als einer der besterhaltenen der Region.

   schlichte Grabsteine (Aufn. aus: sztetl.org.pl)

cmentarz żydowski w Pasłęku  cmentarz żydowski w Pasłęku cmentarz żydowski w Pasłęku

Einzelne Grabsteine (Aufn. Stanislaw Napiórkowski, aus: kirkuty.xip.pl)

2004 wurden der Friedhof geschändet; Grabsteine wurden von Unbekannten mit nazistischen Symbolen

In Preußisch Holland wurde 1898 die jüdische Malerin Lotte Laserstein geboren. Ihr Studium an der Kunstakademie schloss sie 1927 mit Auszeichnung ab. Eine glänzende Karriere, die man der jungen Malerin prophezeite, scheiterte an den politischen Bedingungen, die sie als Jüdin vom öffentlichen Kunstleben ausgrenzten. Die als „Dreivierteljüdin“ geltende Lotte Laserstein ging 1937 ins Exil nach Schweden. Dort war sie bis zu ihrem Tode als Porträtistin und Landschaftsmalerin tätig. Die in den 1920/1930er Jahren in Deutschland entstandenen Bilder standen der "Neuen Sachlichkeit" nahe und gelten als der Höhepunkt ihres umfangreichen Schaffens.

2013-11-27-MuseumBerlin_WienBerlin_LotteLaserstein_ImGasthaus_2MB.JPG Gemälde von Lotte Laserstein (um 1930)

Im hohen Alter von 94 Jahren starb Lotte Laserstein, die nach ihrer Emigration nie wieder deutschen Boden betreten hat, in ihrer schwedischen Wahlheimat.

 

In Mühlhausen i. Ostpr. (poln. Mlynary) lebten seit 1817 einige Juden; der erste namentlich bekannte war Salomon Laserstein, der mit Wolle und Borsten handelte. Bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts stieg die Zahl der jüdischen Bewohner auf ca. 60 Personen an, nahm danach aber stetig wieder ab. Über eine Synagoge verfügte die hiesige Judenschaft nicht; ein Begräbnisgelände war hingegen vorhanden, das in der ersten Hälfte des 19.Jahrhunderts angelegt worden war und bis zu dessen Aufgabe ca. 25 Gräber zählte.

        http://www.ostpreussen.net/backup2009/daten/ostpreussen/module/data/bilder/24/24220402g.jpg Ortskern von Mühlhausen (hist. Aufn., aus: ostpreussen.net)

Um 1925 zählte die jüdische Minderheit in Mühlhausen nur noch ca. 25 Personen.

Mitte der 1930er Jahre wurde der kleine Friedhof zerstört, die Grabsteine entwendet.

Anm.: Bereits im 14.Jahrhundert sollen Juden sich in und um Mühlhausen aufgehalten haben bzw. sogar ansässig gewesen sein. 1349 beschuldigte man den Juden Rumbuldus, die grassierende Pest mittels Gift herbeigeführt zu haben.

Weitere Informationen:

Robert Helwig, Die Geschichte der Stadt Preußisch Holland, in: Wissenschaftliche Beiträge zur Geschichte und Landeskunde Ostmitteleuropas, Band 46, Marburg, 2. Aufl. 1961 (Nachdruck im Selbstverlag der Kreisgemeinschaft Pr. Holland, 3. Aufl., 1987)

Guido Stark, Geschichte der Stadt Mühlhausen in Ostpr., Nachdruck der Erstausgabe (von 1927), Selbstverlag der Kreisgemeinschaft Pr. Holland, 1987

The Encyclopedia of Jewish Life before and during the Holocaust (Vol. 2), New York University Press, Washington Square, New York 2001, S. 1025/1026

Paslek und Mlynary, in: sztetl.org.pl

Paslek, in: kirkuty.xip.pl