Preußisch-Friedland (Westpreußen)

Bildergebnis für schlochau westpreußen In Preußisch-Friedland (poln. Debrzno) - einer Ackerbürgerstadt ca. 15 Kilometer südwestlich von Schlochau (Człuchów) gelegen - lebten zu Beginn des 19.Jahrhunderts etwa 15 jüdische Familien. Ihr Zuzug begann, als die Aufnahmebedingungen in Preußisch-Friedland etwas erleichtert wurden. Bis in die 1880er Jahre wuchs die Gemeinde bis auf ungefähr 290 Personen an.

Neben einem eigenen Friedhof - belegt seit dem 18.Jahrhundert - besaß die hiesige Judenschaft ein in den Jahren 1900/1901 errichtetes neues Synagogengebäude an der Stretziner Straße; der Standort des alten Bethauses ist unbekannt. Um den Bau bewerkstelligen zu können, hatte der Gemeindevorstand Jahre zuvor einen Spendenaufruf erlassen, in dem es hieß: „Seit vielen Jahren ist es ein dringendes Bedürfnis der hiesigen Gemeinde an Stelle unseres jetzigen, über 80 Jahre alten, aus Fachwerk erbauten Gotteshauses ein neues zu errichten. Ist ja das Gebäude dem Verfalle schon nahe und entspricht in Größe und Einrichtung weder der Mitgliederzahl der gemeinde, noch den gesetzlichen Vorschriften. Unsere geringen Geldmittel gestatten uns aber nicht die Erfüllung des so sehnlichen Wunsches. Denn wenn die Mitgliederzahl der Gemeinde auch gewachsen ist, so ist die Steuerkraft keine größere geworden, zumal wir gezwungen sind, das Gehalt für zwei Beamte, Lehrer und Kantor, aufzubringen. Obwohl uns bekannt ist, daß die Opferwilligkeit zur Unterstützung im Elend befindlicher Brüder wie zu anderen Zwecken der Hebung des Judentums vielfach in Anspruch genommen wird, wagen wir doch mit Rücksicht auf die vorliegenden Verhältnisse an unsere verehrten Glaubensgenossen die ergebene Bitte zu richten: Der Vorstand der Synagogen-Gemeinde J. Lazarus – J. Rau - L. Freundlich“

 

Synagogengebäude in Preußisch-Friedland (hist. Aufn., um 1925/1930)

Der von der Gemeinde genutzte Friedhof soll bereits im 16.Jahrhundert angelegt worden sein; dessen Standort befand sich in Richtung des Dorfes Dobrin.

Juden in Preußisch-Friedland:

--- 1812 ..........................   22 jüdische Haushalte,

--- 1831 ..........................  141 Juden (ca. 9% d. Bevölk.),

--- 1840 ..........................  173   "  ,

--- 1849 ..........................  191   “  ,

--- 1871 ..........................  272   “   (ca. 9% d. Bevölk.),

--- 1880 ..........................  287   “  ,

--- 1895 ...................... ca.  250   “  ,

--- 1903 ...................... ca.  200   “  ,

--- 1913 ...................... ca.  150   “  ,

--- 1928 ..........................  127   “  ,

--- 1932 ..........................  118   “  ,

--- 1940 ..........................  keine.

Angaben aus: Gerhard Salinger, Zur Erinnerung und zum Gedenken. Die einstigen jüdischen Gemeinden Westpreußens, Teilband 3, S. 620 f.

Preußisch-Friedland, hist. Postkarte um 1915 (Abb. aus: wikipedia.org, gemeinfrei)

Um 1930/1933 lebten in Preußisch-Friedland noch etwa 120 Juden (etwa 3% d. Bevölkerung), die fortan unter antisemitischen „Aktionen“ litten und um ihre weitere wirtschaftliche Existenz fürchten mussten.

In der „Kristallnacht“ vom November 1938 wurden die Synagoge zerstört und jüdische Geschäfte demoliert, einige Männer ins KZ Sachsenhausen eingewiesen. In den Folgemonaten suchten die noch hier ausharrenden Juden ihr Heil in der Emigration. Im März 1940 wurden die sich noch in der Stadt aufhaltenden Juden in ein Internierungslager nach Schneidemühl verschleppt und von hier aus deportiert.

Der alte jüdische Friedhof – zwischen Preußisch-Friedland und Dobrin gelegen – machte über Jahrzehnte hinweg einen verwahrlosten Eindruck; die noch vorhandenen wenigen Grabsteine waren von der Vegetation völlig überwuchert. Inzwischen ist das Gelände weitgehend wieder freigelegt; der älteste hier noch vorhandene Grabstein stammt aus dem Jahr 1715.

Debrzno - cmentarz żydowski

Relikte des jüdischen Friedhofs (Aufn. Miguel Calatayud, 2002 und Michael Steier, aus: kirkuty.xip.pl)

Von der Synagoge sind nur noch spärliche Fundamentreste vorhanden.

 

Etwa drei Kilometer südlich von Preußisch-Friedland befand sich das Dorf Dobrin, in dem im ausgehenden 18.Jahrhundert eine Reihe jüdischer Familien lebte. Als Dobrin dann unter die Ausweisungsbestimmungen fiel und die betroffenen Juden sich nun in Preußisch-Friedland niederlassen wollten, weigerten sich die Vertreter der Bürgerschaft Preußisch-Friedlands, sie in der Stadt aufzunehmen. Daraufhin wanderten die Dobriner Juden zumeist nach Camin ab.

Weitere Informationen:

Max Aschkewitz, Zur Geschichte der Juden in Westpreußen, in: Wissenschaftl. Beiträge zur Geschichte und Landeskunde Ost-Mitteleuropas, Marburg/Lahn 1967

The Encyclopedia of Jewish Life before and during the Holocaust (Vol. 2), New York University Press, Washington Square, New York 2001, S. 1025

Gerhard Salinger, Zur Erinnerung und zum Gedenken. Die einstigen jüdischen Gemeinden Westpreußens, New York 2009, Teilband 3, S. 619 – 631

Debrzno, in: sztetl.org.pl

Michael Steier (Red.), Debrzno, in: kirkuty.xip.pl