Schwegenheim (Rheinland-Pfalz)

Bildergebnis für schwegenheim karte postleitzahl Schwegenheim ist mit derzeit knapp 3.000 Einwohnern seit 1972 einer von fünf Ortsteilen der Verbandsgemeinde Lingenfeld im Landkreis Germersheim – ca. zehn Kilometer südwestlich von Speyer gelegen (Karte aus: suche-postleitzahl.org).

Erste jüdische Familien siedelten sich vermutlich Anfang des 18.Jahrhunderts im kurpfälzischen Dorfe Schwegenheim an; als hausierende „Landjuden“ lebten sie - wie die allermeisten ihrer Glaubensgenossen - in äußerst ärmlichen Verhältnissen. Nach kurzzeitiger Abwanderung aus Schwegenheim, zumeist in die Städte Landau und Speyer, kehrten die Familien zu Beginn des 19.Jahrhunderts wieder ins Dorf zurück; allerdings war die Zahl der jüdischen Dorfbewohner relativ gering. Um 1830 ließ die kleine jüdische Gemeinschaft ein winziges Synagogengebäude in der Hauptstraße errichten; es löste eine Betstube ab.

Synagoge in Schwegenheim, Bildmitte (hist. Aufn., aus: Landesamt) http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20237/Schwegenheim%20Synagoge%20181.jpg

                  Aus dem Jahre 1883 ist die Synagogenordnung für die Gemeinde Schwegenheim überliefert, in der es u.a. hieß:

Der Bürgermeister der Gemeinde Schwegenheim hat in Gemäßheit des durch Art. 71 Abt. 5 der Gemeindeordnung dann der Art. 32 und 106 des Polizeistrafgesetzbuches für das Königreich Bayern ihm eingeräumten Befugnis folgende Synagogen-Ordnung erlassen.

§ 1   Die Eröffnungszeit des Gottesdienstes wird der Gemeinde vom Vorstande des Synagogen-Ausschusses durch Anschlag auf einer am Eingange der Synagoge angebrachten Tafel bekannt gegeben und hat sich jeder beim Eintritte in die Synagoge sofort auf seinen bestimmten Platz zu verfügen und daselbst mit Anstand zu verbleiben bis der Gottesdienst geschlossen ist.

Versammlungen, sowie jeder störende Geräusch im Hofe oder in der Umgebung der Synagoge während oder vor dem Gottesdienste sind untersagt.

§ 2   Jede Störung des Gottesdienstes im Innern der Synagoge durch lautes Sprechen, Lachen auffallende Gebarden, geräuschvolles Ein- und Austreten, Erscheinen in unanständiger Kleidung und andere Unziemlichkeiten sind verboten. ...

§ 4   Ebenso ist verboten während des Gottesdienstes der heiligen Lade den Rücken zuzukehren.

§ 5   Kinder, welche das Alter der Schulpflicht noch nicht erreicht haben, werden in der Synagoge nur zum Zwecke der Verrichtung der üblichen Totengebete für ihre verstorbenen Eltern zugelassen. ...

Ein jüdischer Lehrer erteilte den Kindern in der Betstube Elementarunterricht. Mit Ablauf des Jahres 1875 wurde die jüdische Schule aufgehoben, da die Zahl der Schüler sehr stark zurückgegangen war; von da an besuchten diese die kommunale Schule.

Die Besetzung der Religionslehrerstelle in Schwegenheim war einem häufigen Wechsel unterworfen.

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Anzeigen aus: "Der Israelit" vom 18.4.1884, 11.7.1887, 15.5.1893 und 16.5.1904

Zur israelitischen Gemeinde Schwegenheim zählten auch die im benachbarten Weingarten lebenden Juden; gegen Mitte des 19.Jahrhunderts entsprach deren Zahl in etwa der der Familien in Schwegenheim.

Zunächst wurden verstorbene Juden auf einer angekauften Fläche im Kirchgarten begraben; als dies nicht mehr möglich war, fanden Begräbnisse für Schwegenheimer Juden auf dem jüdischen Friedhof in Essingen, ab 1816 dann in Oberlustadt statt.

Die kleine Gemeinde gehörte zum Rabbinat Landau.

Juden in Schwegenheim:

        --- 1808 ..........................  7 Juden,

    --- 1823 .......................... 22   "  ,

    --- 1835 .......................... 27   “  ,

    --- 1848 .......................... 44   “   (in 11 Familien),

    --- 1875 .......................... 34   “  ,

    --- 1900 .......................... 28   “  ,

    --- 1925 ...................... ca. 30   “  ,*    * mit Weingarten und Lingenfeld

    --- 1933 .......................... 25   “  ,

    --- 1940 ..........................  6   “  .

Angaben aus: Ute Heintz, 1000 Jahre Schwegenheim. 985 - 1985

In den ersten Jahren nach der NS-Machtübernahme 1933 blieben die jüdischen Einwohner zunächst am Ort wohnen; erst 1938/1939 setzte die Abwanderung ein. Während des Novemberpogroms von 1938 wurden die Synagoge und die Läden jüdischer Besitzer von auswärtigen SA-Angehörigen demoliert.

Bereits Ende 1940 haben in Schwegenheim keine Juden mehr gelebt; die letzten sechs waren im Oktober d.J. nach Gurs deportiert worden.

Ende 1991 wurde an einer Mauer gegenüber des Standortes der ehemaligen Synagoge (Moritz-Walther-Weg) eine Gedenktafel angebracht, die folgende Inschrift trägt:

Die Bürger von Schwegenheim gedenken ihrer jüdischen Mitbürger.

Hier stand die Synagoge von 1830 bis 11.November 1938

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20237/Schwegenheim%20Synagoge%20180.jpg

Anmerkungen:

Schatzfund, um 1340-1349 (Historisches Museum der Pfalz, Speyer CC BY-NC-SA) Der Silberschatz von Lingenfeld ist Teil der großen Judaica-Sammlung im Historischen Museum der Pfalz in Speyer. Aufgefunden wurde der in einem Tongefäß versteckte Schatz (sechs teilvergoldete Silbergefäße, gefüllt mit mehr als 2.000 Silbermünzen und Schmuck) von hiesigen Bauern im Jahre 1969. Sie verschwiegen ihren Fund und verkauften ihn weit unter Wert an Privatleute bzw. an Kunsthändler; doch konnte später der größte Teil sichergestellt und dem Museum übergeben werden. Die Silbergefäße und Schmuckstücke von Lingenfeld - sie stammen aus dem 14.Jahrhundert - lassen vermuten, dass es sich hier um Gegenstände aus Pfandgeschäften eines jüdischen Geldverleihers handelt, der auf seiner Flucht vor Pogromen in Speyer sein Bargeld und wertvolle Pfänder mitgenommen und bei Lingenfeld vergraben hatte.

Weitere Informationen:

G. Stein, Der Schatzfund von Lingenfeld, in: Geschichte der Juden in Speyer. Beiträge zur Speyerer Stadtgeschichte Bd. 6/1981, S. 65 f.

Ute Heintz, 1000 Jahre Schwegenheim. 985 - 1985, hrg. im Auftrag der Ortsgemeinde Schwegenheim, Schwegenheim 1984, S. 146 - 154 und S. 178/179

Schwegenheim mit Lingenfeld und Weingarten (Pfalz), in: alemannia-judaica.de (mit diversen Dokumenten zur jüdischen Ortshistorie)

Stefan Fischbach/Ingrid Westerhoff (Bearb.), “ ... und dies ist die Pforte des Himmels “. Synagogen. Rheinland-Pfalz Saarland, Hrg. Landesamt für Denkmalpflege, Mainz 2005, S. 337/338

Otmar Weber, Die Synagogen in der Pfalz von 1800 bis heute. Unter besonderer Berücksichtigung der Synagogen in der Südwestpfalz, Hrg. Gesellschaft für Christlich-jüdische Zusammenarbeit Pfalz (Landau), Dahn 2005, S. 146

Der Silberschatz von Lingenfeld – Ausstellung im Historischen Museum der Pfalz Speyer (2004/2005)