Abterode (Hessen)

Abterode ist heute ein Ortsteil der Gemeinde Meißner im hessischen Werra-Meißner-Kreis - knapp 40 Kilometer östlich von Kassel gelegen.

Im 18.Jahrhundert war die jüdische Gemeinde in Abterode die größte Dorfgemeinde in der Landgrafschaft Hessen. Der erste namentlich bekannte jüdische Bewohner des Dorfes Abterode ist um 1600 urkundlich erwähnt. Bereits im 17.Jahrhundert soll in Abterode eine verhältnismäßig große jüdische Gemeinde bestanden haben, die sich in der ersten Hälfte des 18.Jahrhunderts zur größten in Nordhessen entwickelte. Dass jüdische Familien sich hier - im teilautonomen Viertel der Landgrafschaft Hessen - so zahlreich niederlassen konnten, lag vor allem daran, dass die Landesherrschaft, die Quartfürsten, mit den jährlichen Steuerleistungen ihre Kassen auffüllte. Schutzbriefe, die ein Aufenthaltsrecht garantierten, wurden aber weiterhin von der landgräflichen Regierung in Kassel ausgestellt. Die Wohnsitze der Abteroder Juden lagen überwiegend in der Ortsmitte.

Ihre erste Synagoge, die vermutlich am Hinterweg gelegen war, weihte die Abteroder Judenschaft um 1730 ein, nachdem sie zuvor einen einfachen Betraum genutzt hatte. Eine neue Synagoge, bestehend aus roten Sandsteinquadern, errichtete die Judenschaft 1870 auf dem Grundstück Hinterweg 1. Ein separater Eingang führte auf die Frauenempore. Der Innenraum war mit einer kunstvollen Ausmalung geschmückt, die Pflanzenornamente und stilisierte Vorhänge zeigte.

   Synagoge in Abterode (hist. Aufn. um 1900, aus: K.Kollmann/Th.Wiegand, Spuren einer Minderheit)

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20221/Abterode%20Israelit%2015091921a.jpg http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%2093/Abterode%20Israelit%2005051927.jpg

Stellenausschreibungen aus der Zeitschrift "Der Israelit" vom 15.Sept. 1921 und vom 5.Mai 1927

Ab den 1830er Jahren gab es in Abterode auch eine jüdische Elementarschule. Sie löste die bestehende Religionsschule ab, die in der Region einen guten Ruf hatte. Zu Beginn der NS-Zeit wurde der Schulbetrieb wegen Schülermangels eingestellt, danach existierte für einige Jahre noch eine von nur wenigen Kindern besuchte private jüdische Schule.

Die Gemeinde besaß am Rehberg einen eigenen Friedhof, der um 1660 oder - anderen Angaben zufolge - in der ersten Hälfte des 18.Jahrhunderts angelegt worden war. Er wurde auch von den Familien der zur Synagogengemeinde gehörigen Juden aus Frankershausen, Germerode und Vockerode, später auch Allendorf, genutzt.


Alte, schön gestaltete Grabsteine (Aufn. Landesgeschichtliches Informationssystem Hessen)

Zur jüdischen Gemeinde Abterode, die zum Rabbinatsbezirk Kassel zählte, gehörten auch die wenigen Juden aus Germerode und Vockerode.

Juden in Abterode:

     --- um 1630 ..................   7 jüdische Familien,

     --- um 1665 ..................  16     “       “   ,

     --- 1744 .....................  39     “       “   (ca. 23% d. Bevölk.),

     --- 1812 .....................  53     “       “   ,  

     --- 1835 ..................... 234 Juden,

     --- 1861 ..................... 158   “  ,

     --- 1871 ..................... 139   “  ,

     --- 1885 ..................... 183   “   (ca. 18% d. Bevölk.),    

     --- 1905 ..................... 167   “  ,

     --- 1924 ..................... 102   “   (ca. 11% d. Bevölk.),

     --- 1933 .....................  91   "  ,

     --- 1939 .....................  31   “  ,

     --- 1940 .....................  10   “  ,

     --- 1941 (Dez.)...............  keine.

Angaben aus: Paul Arnsberg, Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang - Untergang - Neubeginn, Bd. 1, S. 25

und                 K.Kollmann/Th.Wiegand, Spuren einer Minderheit - Judenfriedhöfe und Synagogen ..., S. 73

Die meisten Juden in Abterode waren Händler und Kleinkaufleute. Sie lebten vom Vieh-, Manufaktur-, Lebensmittel- und Textilhandel; im Laufe des 19.Jahrhunderts kamen auch einige Handwerksberufe hinzu. Gegen Mitte des 19.Jahrhunderts war ein deutlicher Rückgang der jüdischen Dorfbevölkerung zu verzeichnen, danach blieb ihre Zahl mit ca. 150 Personen bis um 1910 nahezu konstant.

Bereits innerhalb der ersten drei Jahre nach der NS-Machtübernahme gaben die meisten jüdischen Bewohner ihre Geschäfte auf, gingen entweder in die Emigration oder zogen in größere Städte um, vor allem nach Kassel und Frankfurt/M. Zu der christlichen Bevölkerungsmehrheit Abterodes bestand bis Mitte der 1930er Jahre ein relativ gutes Verhältnis, wie ein Bericht der Ortspolizeibehörde vom November 1937 verdeutlicht: ... Natürlich gibt es auch da einige vergessene deutsche Volksgenossen, die trotz aller Aufklärung nicht von den Juden lassen, ihnen ihre Arbeiten verrichten und ihnen auch sonst in Diensten stehen. ...Die meisten jüdischen Geschäfte im Ort waren Ende 1935 bereits geschlossen; die noch über Land ziehenden Händler hatten in ihrem Gewerbe mit Behinderungen und Schikanen zu kämpfen. Während des Novemberpogroms wurde die Inneneinrichtung der Synagoge von überwiegend auswärtigen SA-Angehörigen total vernichtet, und auch an Wohnungen jüdischer Bürger entstanden Schäden. Abteroder Juden wurden verhaftet und nach Eschwege abtransportiert. Von den Abteröder Juden wanderten acht nach Palästina aus, sechs nach Amerika, sechs in die Niederlande, zwei nach Afrika und einer nach Neuseeland aus. Die letzten sieben jüdischen Bewohner meldeten sich 1940/1941 nach Witzenhausen ab, andere waren bereits zuvor innerhalb Deutschlands verzogen. Zusammen mit anderen Juden aus der Region wurden die nach Witzenhausen verzogenen Personen Anfang Dezember 1941 nach Riga deportiert.

Nach Angaben des „Gedenkbuches – Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland“ sind 47 gebürtige bzw. länger in Abterode lebende jüdische Personen Opfer der Shoa geworden.

Anfang der 1990er Jahre wurde das ehemalige Synagogengebäude saniert und restauriert und damit wieder in einen würdigen Zustand versetzt. So wurde das in der Pogromnacht 1938 beschädigte Gebäude – es war 1944 an den Spar- und Darlehenskassenverein Abterode verkauft und in ein Lagerhaus umgebaut worden - von späteren Einbauten wieder befreit. Künftig will ein privater Trägerverein im Obergeschoss einen Lern- und Gedenkort einrichten.

Ehemaliges Synagogengebäude (Aufn. J. Hahn, 2009)http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20205/Abterode%20Synagoge%20171.jpg

Wenige Jahre zuvor hatte man auf dem Dachboden eine Genisa entdeckt, die verschiedene alte religiöse Ritualgegenstände beinhaltete.

Genisafund: ein Thora-Wimpel http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20210/Abterode%20Gen%20171.jpg

Für weitere Restaurierungsmaßnahmen, die 2018 durchgeführt werden sollen, sind jüngst von der Deutschen Stiftung Denkmalschutz Finanzmittel zur Verfügung gestellt worden.

Eine bronzene Gedenktafel, auf der auch die stilisierte Vorderfront des Synagogengebäudes abgebildet ist, trägt die Worte:

Ehemalige Synagoge der jüdischen Gemeinde Abterode. Erbaut 1871.

Seit 1944 im Besitz des Spar- und Darlehenskassenvereins Abterode. Niederlassung der Raiffeisenbank Meißnervorland eG., die das bis dahin als Zahlstelle und Lager genutzte Gebäude in 1992/93 grundlegend renovierte. Dem Schicksal der Abteröder Synagoge und ihrer Gemeinde gedenkt die Eintragung Abterodes im Tal zerstörter jüdischer Gemeinden „Yad Vashem“ in Israel.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20205/Abterode%20Synagoge%20172.jpg Aufn. J. Hahn, 2009

Der Abteroder Friedhof gehört zu eine der größten erhaltenen jüdischen Begräbnisstätten im Werra-Meißner-Kreis. Gegenwärtig sind hier noch fast 500 Grabsteine vorhanden, die zumeist aus dem 19.Jahrhundert stammen.

Blick auf den jüdischen Friedhof Abterode (Aufn. J. Hahn, 2009)

Weitere Informationen:

Paul Arnsberg, Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang - Untergang - Neubeginn, Societäts-Verlag, Frankfurt/M. 1971, Bd. 1, S. 25/26

Thea Altaras, Synagogen in Hessen - was geschah seit 1945 ? Verlag K.R. Langewiesche Nachfolger Hans Köster Verlagsbuchhandlung, Königstein (Taunus) 1988, S. 70 - 72

K.Kollmann/Th.Wiegand, Spuren einer Minderheit - Judenfriedhöfe und Synagogen im Werra-Meißner-Kreis, Verlag Jenior & Pressler, Kassel 1996, S. 58/59 und S. 73 - 76

The Encyclopedia of Jewish Life before and during the Holocaust (Vol. 1), New York University Press, Washington Square, New York 2001, S. 19

Abterode, in: alemannia-judaica.de (mit zahlreichen, zumeist personenbezogenen Text- und einigen Bilddokumenten zur jüdischen Ortshistorie)

Martin Arnold, Die jüdische Gemeinschaft in Abterode am Meißner. Von der Entstehung im 17.Jh. bis zur Auslöschung im Jahr 1941, in: Zeitschrift des Vereins für hessische Geschichte und Landeskunde 121/2016, S. 53 - 74

André Winternitz (Red.), Ehemalige Synagoge erhält Fördermittel für Sanierung, in: rottenplaces-Magazin vom 25.10.2017

Constanze Wüstefeld (Red.), Abterode: Verschollene jüdische Schriften aufgetaucht, in: HNA vom 8.3.2018

Elisabeth Bennighof (Red.), Alte jüdische Schriften und Gegenstände in Abterode entdeckt, in: lokalo24.de vom 14.72018