Adelsberg (Unterfranken/Bayern)

Adelsberg mit derzeit ca. 900 Einwohnern ist seit seiner Eingemeindung 1971 ein Stadtteil von Gemünden - ca. 35 Kilometer nördlich von Würzburg gelegen.

Gegen Ende des 18.Jahrhunderts stellten die jüdischen Familien etwa ein Drittel der Dorfbevölkerung Adelsbergs.

In Adelsberg gab es eine jüdische Gemeinde, deren Anfänge um 1700 anzusetzen sind. Möglicherweise haben aber schon im 15.Jahrhundert (oder eher) einige jüdische Familien hier gelebt, denn aus der Zeit des Spätmittelalters ist ein Friedhof („Judenbegräbnis“) und ein „Judenbad“ in einer alten Flurkarte verzeichnet. Zu welchem Zeitpunkt die jüdischen Familien das Dorf verlassen haben, kann nicht eindeutig nachgewiesen werden.

Erst im späten 17.Jahrhundert müssen wieder jüdische Familien hierher gekommen sein. Als um 1750 der Freiherr Karl Reinhard von Drachsdorf das Schloss erwarb, erließ er zeitgleich eine „Judenordnung“, die die Pflichten seiner Schutzjuden festlegte. Bis ca. 1800 wohnten die meisten Juden im Schlosshof von Adolphsbühl, danach war es ihnen möglich, auch eigene Häuser im Dorfe zu erwerben.

Bei der Erstellung der Matrikel wurden für das Dorf Adelsberg 19 Stellen ausgewiesen; Vieh- und vor allem Waren- u. Kleinhandel waren für die zumeist sehr ärmlichen Verhältnissen lebenden Familien die Haupterwerbsquelle. Gegen Mitte des 19.Jahrhunderts bestand die jüdische Gemeinde aus ca. 60 Angehörigen.

Seit der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts gab es einen Betraum, der vermutlich ein einer Wohnung innerhalb des „Amtshofes“ eingerichtet war. Nach 1775 gab es an seiner Stelle ein größeres „Judenhaus“ mit fünf Wohnungen und einer Synagoge. Nachdem nun die jüdischen Familien in den ersten beiden Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts aus dem Schloss ausgezogen waren, kündigte der neue Besitzer des ehemaligen Schlosses die Nutzung der Synagoge zum Jahre 1848.
Eine neue Synagoge soll dann ca. 1860 in der Adolfbühlstraße erstellt worden sein (vgl. dazu Beschreibung des Gebäudes in: "Mehr als Steine ...", S.  129).

Zu den gemeindlichen Einrichtungen gehörte neben einer Mikwe auch eine kleine Religionsschule. Zeiweise hatte die Gemeinde einen Lehrer verpflichtet, der auch die rituellen Dinge (Vorbeter/Schochet) richtete. Später hatten Adelsberg und Gemünden einen gemeinsamen Lehrer.

Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 6. Februar 1930

Verstorbene wurden auf dem jüdischen Verbandsfriedhof in Laudenbach begraben. Seine letzte Ruhe fand hier auch der Lehrer Jacob Weichselbaum, der mehr als 45 Jahre den jüdischen Kindern Religionsunterricht erteilt hatte. In einem Nachruf hieß es über den Verstorbenen: „Unersetzlich ist für uns sein Verlust. Er war ein Mann von gediegenen weltlichen und religiösen Kenntnissen. Ein aufrichtiger Charakter, bescheiden, freundlich, wohltätig. Er genoss großes Ansehen in weiten Kreisen der Bevölkerung. Der Verlust von zwei hoffnungsvollen Söhnen im Weltkrieg, von denen der eine ebenfalls den Lehrerberuf erwählt hatte, hat ihn tief erschüttert. Sein wahrhaftiges Gottvertrauen hielt ihn aufrecht. Seine Beerdigung gestaltete sich zu einer eindrucksvollen Trauerkundgebung, wie sie unser Ort noch nie gesehen hat. Seiner Ehrwürden Herr Rabbiner Dr. Bamberger in Bad Kissingen schilderte tief bewegte den edlen Charakter des Entschlafenen, seine tiefe Religiosität, sein verdienstvolles Wirken in Schulen, Synagoge, Haus und Gemeinde und erteilte ihm zum Schluß für seine reichen Thorakenntnisse den Chawer-Titel. ...“

                  Grabstein für Jacob Weichselbaum (gest. 1929)

Die kleine Gemeinde unterstand dem Bezirksrabbinat Bad Kissingen.

Juden in Adelsberg:

--- 1699 ..................  3 jüdische Familien,

--- 1740 .................. 12 jüdische Haushaltungen,

--- 1783 .................. 13 jüdische Familien,

--- 1795 .................. 15     “        “   ,

--- 1816 .................. 64 Juden,

--- 1855 .................. 12 jüdische Familien,

--- 1867 .................. 50 Juden,

--- 1880 .................. 63   “  ,

--- 1900 .................. 45   “  ,

--- 1910 .................. 43   “  ,

--- 1925 .................. 38   “  ,

--- um 1933 ........... ca. 20   “  ,

--- 1938 (Dez.) ........... keine.

Angaben aus: Leonard Scherg, Jüdisches Leben im Main-Spessart-Kreis. Orte, Schauplätze, Spuren

Zu Beginn der NS-Zeit lebten in Adelsberg noch etwa 20 Einwohner jüdischen Glaubens. Als es dann immer schwieriger wurde, einen Minjan zu erreichen, konnten Gottesdienste ab Mitte der 1930er Jahre nur noch mit Unterstützung jüdischer Männer aus Heßdorf abgehalten werden.

Im März 1938 kam es in Adelsberg zu Ausschreitungen gegen die jüdischen Bewohner: Fenster der Synagoge und der von jüdischen Familien bewohnten Häuser wurden eingeschlagen.

Beim Novemberpogrom 1938 - es lebten derzeit noch elf Juden im Dorf - warfen uniformierte NSDAP-Mitglieder die Synagogefenster ein. Tagsdarauf erschien ein Trupp SA-Männer und einige Zivilisten aus Gemünden und zerstörte – unter den Augen zahlreicher Dorfbewohner - die Inneneinrichtung der Synagoge. Die meisten Ritualien konnten von Gemeindegliedern noch in Sicherheit gebracht werden (Anm.: Anderen Angaben zufolge sollen sie vernichtet worden sein). Auch Wohnungen der noch hier lebenden Juden wurden verwüstet. Zwei Wochen nach diesen Ausschreitungen verließen die meisten Juden das Dorf, die letzte Familie Anfang Dezember 1938.

Anm.: Gegen Kriegsende wurde das Synagogengebäude durch Beschuss zerstört. Dessen Überreste wurden 1951/1952 abgetragen und später das Grundstück wurde neu bebaut.

Vier Jahre nach Kriegsende fand ein Prozess gegen 13 der an den Ausschreitungen im November 1939 in Adelsberg Beteiligten vor dem Landgericht Würzburg statt; zwölf der Angeklagten erhielten Gefängnisstrafen zwischen drei Monaten und zwei Jahren.

Der (bislang) einzige Hinweis darauf, dass jüdische Familien im Dorf gelebt haben, ist auf dem Kriegerdenkmal des Adelsberger Friedhofs zu finden: die Namen von zwei im Ersten Weltkrieg gefallenen Juden sind hier verzeichnet.

Inwieweit die von privater Seite geplante Verlegung sog. „Stolpersteinen“ inzwischen realisiert worden ist, konnte nicht recherchiert werden.

Weitere Informationen:

Baruch Z. Ophir/Falk Wiesemann, Die jüdischen Gemeinden in Bayern 1918 - 1945. Geschichte und Zerstörung, Oldenbourg-Verlag, München/Wien 1979, S. 247/248

Stefan Reis, “Wie Haß entsteht und wohin er führen kann” - Vom Leben und Sterben der Juden im Raum Gemünden, Hrg. Historischer Verein Gemünden und Umgebung, Heft 3/1990

Israel Schwierz, Steinerne Zeugnisse jüdischen Lebens in Bayern - eine Dokumentation, Hrg. Bayrische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit, München 1992, S. 32

Werner Fella, Adelsbergs Juden mußten zu Neujahr dem Ortspfarrer Geschenke bringen, in: Jüdisches Leben prägte die Region (VI), MP vom 12./13.9.1992

Leonard Scherg, Jüdisches Leben im Main-Spessart-Kreis. Orte, Schauplätze, Spuren, Hrg. Förderkreis Synagoge Urspringen e.V., Haigerloch 2000, S. 15 f.

The Encyclopedia of Jewish Life before and during the Holocaust (Vol. 1), New York University Press, Washington Square, New York 2001, S. 423/424

Adelsberg, in: alemannia-judaica.de (mit Dokumenten zur jüdischen Ortshistorie)

Dirk Rosenstock (Bearb.), Die unterfränkischen Judenmatrikeln von 1817. Eine namenkundliche und sozialgeschichtliche Quelle, in: Veröffentlichungen des Stadtarchivs Würzburg Band 13, Würzburg 2008, S. 121/122.

Bernd Wirthmann, Adelsberg 1008 - 2008. Geschichte(n) eines Dorfes und seiner Bewohner – Ortschronik, 2008

Hans Schlumberger/Cornelia Berger-Dittscheid (Bearb.), Adelsberg, in: W.Kraus/H.-Chr.Dittscheid/G.Schneider-Ludorff (Hrg.), Mehr als Steine ... Synagogengedenkband Bayern, Band III/1 (Unterfranken), Kunstverlag Josef Fink, Lindenberg/Allgäu 2015, S. 123 - 134