Delitzsch (Sachsen) mit Bitterfeld

  Delitzsch ist eine Kreisstadt mit derzeit ca. 27.000 Einwohnern im Nordwesten des Freistaates Sachsen - ca. 25 Kilometer nördlich von Leipzig gelegen (Karte aus: delitzsch-online.de).

 Delitzsch - Kupferstich M. Merian, um 1650 (Abb. aus: wikipedia.org, gemeinfrei)

Vermutlich haben sich bereits vor 1348 jüdische Familien in Delitzsch aufgehalten; urkundliche Beweise dafür liegen aber nicht vor, doch erinnert die ehemalige Bezeichnung "Jüdengasse" für den östlichen Teil der Ritterstraße an ihren frühen Aufenthalt.

In der ersten Hälfte des 16.Jahrhunderts mussten alle Juden das Kurfürstentum Sachsen verlassen; eine erneute zögerliche Ansiedlung erfolgte erst wieder gegen Ende des 18.Jahrhunderts. 1861 gründete sich in Delitzsch eine kleine Gemeinde, der auch die jüdischen Familien aus Bitterfeld, Brehna und Eilenburg angeschlossen waren; 1883 gab sie sich ihr „Neues Statut“. In den beiden Folgejahrzehnten war eine ständige Fluktuation der Gemeindeangehörigen zu verzeichnen; erst nach 1880 wohnten die meisten über einen längeren Zeitraum hinweg hier; dabei wählten die jüdischen Bewohner zunehmend Bitterfeld als ihren Wohnsitz, da hier durch die Industrialisierung bessere Lebens- und Wirtschaftsbedingungen herrschten.

Eine eigene Synagoge gab es in Delitzsch nicht; vermutlich fanden Gottesdienste in Privatwohnungen oder einem angemieteten Raume statt. In Bitterfeld befand sich um 1905 am Ratswall ein Betsaal für die dortigen Juden. Die jüdischen Kinder wurden in den allgemeinbildenden Schulen der einzelnen Orte unterrichtet, nur jüdischer Religionsunterricht wurde separat erteilt.

Am westlichen Ortsrand, im Rosenthal, legte die kleine Gemeinde um 1860 ihren Friedhof an.

Juden in Delitzsch/Bitterfeld:

         --- 1861 .......................... 16 jüdische Familien,

    --- 1870 .......................... 71 Juden,*  

    --- um 1880 ....................... 21 jüdische Familien,*

    --- 1910 .......................... 26 Juden,

             .......................... 43   “  ,***

    --- 1925 .......................... 13   “  ,**

             .......................... 32   “  ,***

    --- 1933 ...................... ca. 10   “  ,

    --- 1939 .......................... keine.  

* Gemeinde (mit Bitterfeld u. Eilenburg),  ** Delitzsch,  *** Bitterfeld

Angaben aus: Günter Wagner, Die jüdische Gemeinde in Delitzsch - Bitterfeld - Erlenburg 1861 - 1945

Nach dem Ersten Weltkrieg lebten in Delitzsch nur noch sieben jüdische Bewohner. 1929 verlegte man den Sitz der Gemeinde zunächst nach Bitterfeld und nannte sich „Synagogengemeinde Delitzsch-Bitterfeld, Bitterfeld”; 1938 wurde die Restgemeinde von der in Halle/Saale übernommen.

In Delitzsch wurden am 1.4.1933 die beiden bestehenden jüdischen Geschäfte boykottiert. Hetzartikel der Lokalpresse - verstärkt ab 1935 - versuchten eine antisemitische Stimmung in der Bevölkerung zu erzeugen, die während des Novemberpogroms auch hier zum Ausbruch kam. In Bitterfeld wurde die NS-Agitation noch massiver betrieben; besonders die „Mitteldeutsche National-Zeitung” attackierte mehrfach „arische“ Käufer, die - trotz Warnungen - weiterhin jüdische Geschäfte betraten. Ziel der „Vergeltung für den Mordanschlag” war in Delitzsch das einzige, noch existierende jüdische Geschäft (Kaufhaus Jacobsohn), dessen Einrichtung durch hiesige SA-Angehörige und dem Mob völlig zertrümmert wurde. Auch der kleine jüdische Friedhof wurde geschändet, in der Andachtshalle Feuer gelegt.

                   Aus der „Delitzscher Kreiszeitung” vom 11.11.1938:

Nichts Jüdisches mehr in Delitzsch

Volkszorn räumte die letzten äußeren Zeichen jüdischer Niederlassungen in Delitzsch fort.

Auch in Delitzsch hatte die Empörung über den feigen und gemeinen Mord an einem Deutschen und gegen schuldiges Judentum einen drastischen Ausdruck gefunden. Laden und Wohnung eines jüdischen Geschäftsinhabers wurden zerstört, die jüdische Kapelle ... dem Erdboden gleichgemacht. Damit dürften wohl endgültig und für immer die letzten äußerlichen Zeichen jüdischer Niederlassung in Delitzsch verschwunden sein. Delitzsch ist nun in seinem äußeren Stadtbild völlig judenrein. Der Davidstern, der uns hinter dem Schloß so oft fremd und störend im Blickfeld lag, ist verschwunden, und in Delitzsch braucht kein Geschäft und kein Laden mit besonderen Kennzeichen als arisches Geschäft bezeichnet werden, denn das letzte Judengeschäft ist ausgeräumt ...

1939 lebten keine jüdischen Bewohner mehr in Delitzsch.

Nur der jüdische Friedhof „Im Rosenthal“ erinnert heute noch an die kleine jüdische Gemeinschaft; anlässlich des 50. Jahrestages der Pogromnacht wurde am Friedhofseingang eine Gedenktafel angebracht.

1976 und 2010 wurde der Friedhof geschändet; bei der letzten Schändung wurde das Gelände flächendeckend verwüstet und sämtliche Grabsteine von ihren Sockeln gestoßen.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20254/Delitzsch%20Friedhof%202001010.jpg Aufn. Frank Pfütze, 2010

Bereits 2006 wurden im Stadtgebiet von Delitzsch mehrere sog. „Stolpersteine“ verlegt. 2012 wurden in der Lindenstraße drei Steine für die Familie Pinkus ins Gehwegpflaster eingelassen.

Vier weitere "Stolpersteine" - verlegt 2012 in der Burgstraße - erinnern in Bitterfeld an vier Mitglieder der Familie Nussbaum.

 

In Greppin, einem Ortsteil der Stadt Bitterfeld-Wolfen, wurden 2019 erstmalig drei sog. „Stolpersteine“ verlegt, die an Angehörige der jüdischen Familie Mottek (sie betrieb im Ort ein Textilkaufhaus) erinnern; ihnen gelang es, in die USA - via England - zu emigrieren.

 

Seit dem ausgehenden 17.Jahrhundert ist eine Ansiedlung von Juden in Eilenburg nachweisbar. Um 1880 hatten sechs Familien hier ihren Wohnsitz. Die Zahl der in Eilenburg lebenden Juden erreichte nach dem Ersten Weltkrieg einen Höchststand von ca. 100 Personen; schon Anfang der 1930er Jahre sollen aber nur noch 15 Juden im Ort gelebt haben.

Jüngst wurden auf Initiative von Schüler/innen des Martin-Rinckart-Gymnasiums in den Gehwegen Eilenburgs die ersten sog. "Stolpersteine" verlegt; insgesamt findet man zwölf Steine (Stand 2016).

Weitere Informationen:

M.Brocke/E.Ruthenberg/K.U.Schulenburg, Stein und Name. Die jüdischen Friedhöfe in Ostdeutschland (Neue Bundesländer/DDR und Berlin), in: Veröffentlichungen aus dem Institut Kirche und Judentum, Hrg. Peter v.d.Osten-Sacken, Band 22, Berlin 1994, S. 261 und S. 290 - 293

Günter Wagner, Die jüdische Gemeinde in Delitzsch - Bitterfeld - Erlenburg 1861 - 1945, in: Veröffentlichungen zur Delitzscher Geschichte, Heft 15, Hrg. Landratsamt und Stadtverwaltung Delitzsch, 1998

Stadt Delitzsch (Bearb.), Stolpersteine in Delitzsch (Kurzbiografien der Opfer), online abrufbar unter: delitzsch.de

Kurt Menzel, Die Verfolgung der Juden durch die Nazi-Diktatur in der Region Bitterfeld-Wolfen 1933 – 1945. Eine Dokumentation, Selbstverlag, 2010

Frank Pfütze (Red.), Unbekannte schänden jüdischen Friedhof in Delitzsch, in: „Leipziger Volkszeitung“ vom 8.4.2010

Christine Jacob (Red.), Stolpern und nie vergessen, in: „Leipziger Volkszeitung“ vom 9.11.2012

Lisa Garn (Red.), Mahnmal: Neue Stolpersteine in Bitterfeld, in: "Mitteldeutsche Zeitung" vom 28.3.2013

Kathrin Kabelitz (Red.), Fünf Steine – fünf Schicksale. Stolpersteine in Eilenburg und Kospa verlegt, aus: „Leipziger Volkszeitung“ vom 5.5.2014

Kathrin Kabelitz (Red.), Eilenburg soll stolpern, in: „Leipziger Volkszeitung“ vom 23.3.2015

Heike Liesaus (Red.), Gymnasiasten verlegen am 6.Mai Stolperstein in Gedenken an Hans Freimann, in: „Leipziger Volkszeitung“ vom 22.4.2016

Auflistung der in Bitterfeld-Wolfen verlegten Stolpersteine, online abrufbar unter: wikipedia.org/wiki/Liste_der_Stolpersteine_in_Bitterfeld-Wolfen

Tim Fuhse (Red.), Gedenken an jüdische Familie – Greppin erhält seine ersten Stolpersteine, in: „Mitteldeutsche Zeitung“ vom 26.2.2019