Freystadt (Westpreußen)

 In der ca. 30 Kilometer östlich von Graudenz bzw. westlich von Deutsch-Eylau liegenden Kleinstadt Freystadt (poln. Kisielice) gab es vermutlich bereits im 17.Jahrhundert eine winzige jüdische Gemeinde; denn aus dieser Zeit ist die Anlage eines Friedhofs belegt. Als erste Familie fand die von Moses Meyer Pottlitzer Erwähnung. Allerdings war die Zahl der jüdischen Familien bis zu Beginn des 19.Jahrhunderts streng limitiert, nur wenige Schutzjuden waren zugelassen.

Ihren Höchststand erreichte die jüdische Bevölkerung in den 1870/1880er Jahren mit mehr als 250 Personen. Aus dieser Zeit stammte auch ein neues Synagogengebäude auf dem Hinterhausgelände an der Marktstraße und ein neu angelegtes Beerdigungsareal.

Juden in Freystadt:

    --- 1816 ........................  12 Juden,

--- 1831 ........................  77   “   (ca. 7% d. Bevölk.) ,

    --- 1846 ........................ 123   “   (ca. 6% d. Bevölk.),

    --- 1871 ........................ 276   “   (ca. 10% d. Bevölk.),

    --- 1880 ........................ 268   “  ,

    --- 1890 .................... ca. 200   “   (in 43 Familien),

    --- 1900 .................... ca. 150   “  ,

    --- 1910 .................... ca. 100   “  ,

    --- 1922 .................... ca.  75   “  ,

    --- 1933 ........................  32   “  ,

    --- 1939 (Mai) ..................  eine jüdische Familie.

Angaben aus: Gerhard Salinger, Freystadt, in: Die einstigen jüdischen Gemeinden Westpreußens, Bd. 3, New York 2009, S. 575 f.

                             Marktstraße in Freystadt (hist. Postkarte, um 1900)

Um die Jahrhundertwende setzte – wie überall in den Kleinstädten – eine Abwanderung ein.

Im November 1923 (!) kam es in Freystadt zu einem Pogrom: Die Plünderung jüdischer Geschäfte veranlasste den Landrat, eine Schutzpolizei-Hundertschaft gegen den Mob einzusetzen. Die wegen Landfriedensbruchs und schweren Einbruchs überführten Täter wurden zu längeren Haftstrafen verurteilt.

Anfang der 1930er Jahre lebten noch ca. 30 jüdische Personen in Freystadt. Die bereits in den 1920er Jahren erfolgten antisemitischen Angriffe setzten sich nach 1933 fort; gegen Ende der 1930er Jahre lebten keine Juden mehr hier. Bereits 1931 war das Synagogengebäude zweimal Ziel gewalttätiger Maßnahmen gewesen; 1938 wurde es vollends zerstört. Die einzige, noch im Jahre 1939 hier lebende jüdische Familie Lindner musste Freystadt verlassen und verzog nach Berlin.

Im Verlauf des 20.Jahrhunderts wurden beide jüdischen Friedhöfe Freystadts zerstört.

Weitere Informationen:

Max Aschkewitz, Der Anteil der Juden am wirtschaftlichen Leben Westpreußens um die Mitte des 19.Jahrhunderts, in: Zeitschrift für Ostforschung 11/1962, S. 482 ff.

Max Aschkewitz, Zur Geschichte der Juden in Westpreußen, in: Wissenschaftliche Beiträge zur Geschichte und Landeskunde Ost-Mitteleuropas, hrg. vom Johann Gottfried Herder-Institut No. 81, Marburg 1967

The Encyclopedia of Jewish Life before and during the Holocaust (Vol. 1), New York University Press, Washington Square, New York 2001, S. 244

Gerhard Salinger, Zur Erinnerung und zum Gedenken. Die einstigen jüdischen Gemeinden Westpreußens, New York 2009, Teilband 3, S. 575 – 579

Christa Mühleisen, 675 Jahre Freystadt (online abrufbar unter: aefl.de) Anm.: Stadtgeschichte mit historischen Bildmaterial

Kisielice, in: sztetl.org.pl