Eppertshausen (Hessen)

Datei:Municipalities in DA (district).svg Eppertshausen – derzeit knapp 6.000 Einwohner zählend - ist eine Kommune im nördlichen Bereich des Landkreises Darmstadt-Dieburg – zwischen Darmstadt (im SW) und Aschaffenburg (im NO) gelegen (Karte Hagar 2009, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0).

Die ersten Juden siedelten sich vermutlich bereits seit der zweiten Hälfte des 15.Jahrhunderts in der Region um Eppertshausen (bei Darmstadt) an. Urkundlich nachweisbar ist eine jüdische Ansiedlung in Eppertshausen erstmals in der ersten Hälfte des 18.Jahrhunderts; die Einwohner unterstanden als Schutzjuden zunächst den Herren von Groschlag.

Eine Anfang der 1790er Jahre eingerichtete Synagoge stand in der Schulstraße.

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zwei (voneinander abweichende) Skizzen der Synagoge (links: K.J. Müller, 1985 und rechts: Peter Krickser, aus: eppertshausen.de)

Zeitweilig soll die kleine Gemeinde auch einen Lehrer beschäftigt haben.

Da die Eppertshausener Juden über kein eigenes Begräbnisgelände am Ort verfügten, wurden verstorbene Gemeindemitglieder auf dem jüdischen Friedhof in Dieburg beerdigt. 

Die Juden von Eppertshausen unterstanden dem orthodoxen Provinzial-Rabbinat Darmstadt II.

Juden in Eppertshausen:

         --- um 1800/10 ....................   8 jüdische Familien,

    --- 1829/30 .......................  64 Juden (ca. 7% d. Bevölk.),

    --- 1867 ..........................  46   “  ,

    --- 1880 ..........................  51   “   (ca. 4% d. Bevölk.)

    --- 1900 ..........................  36   “  ,

    --- 1910 ..........................  29   “   (ca. 2% d. Bevölk.),

    --- um 1930 ................... ca.  30   “  ,

    --- 1938 ..........................   6 jüdische Familien,

    --- 1940 ..........................   keine.

Angaben aus: Paul Arnsberg, Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang - Untergang - Neubeginn, Bd. 1, S. 163

Viehhandel, Handel mit Landesprodukten und Gütern des alltäglichen Bedarfs waren die Existenzgrundlagen der Eppertshausener Juden. Mit der gegen Mitte des 19.Jahrhunderts einsetzenden Auswanderungsbewegung nach Nordamerika kehrte auch ein Teil der jüdischen Familien seinem Wohnort den Rücken. Zu Beginn der NS-Zeit lebten in Eppertshausen noch knapp 30 jüdische Bewohner.

Während des Novemberpogroms wurden zunächst jüdische Männer verhaftet (und fünf von ihnen danach ins KZ Buchenwald verschleppt); danach suchte ein Trupp SA-Angehöriger und HJ deren Wohnungen/Geschäfte heim, um diese zu demolieren und zu plündern. Im Verlaufe der gewalttätigen Ausschreitungen - der damalige Bürgermeister war aktiv daran beteiligt - wurde auch die Inneneinrichtung der Synagoge völlig zerstört, das Gebäude selbst blieb aber baulich erhalten. Etwa zur selben Zeit wurde die Gemeinde aufgelöst und das Synagogengebäude veräußert; wenig später wurde es abgebrochen. Die damals noch in Eppertshausen lebenden sechs jüdischen Familien verließen innerhalb weniger Wochen ihren Heimatort und zogen nach Frankfurt/Main; um die Jahreswende 1938/1939 war das Dorf "judenrein".

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zwei J-Kennkarten gebürtiger Eppertshausener Juden - ausgestellt in Frankfurt/M. 1940

Eine Gedenktafel erinnert heute in der Schulstraße mit den Worten:

                                                                      Gedenktafel (Aufn. J. Hahn, 2009)

2013 wurden vor einem Haus in der Hauptstraße sechs sog. „Stolpersteine“ verlegt; sie sollen an Angehörige der jüdischen Familien Adler und Bing erinnern; drei Steine folgten 2015. Zwei Jahre später wurden weitere 23 „Stolpersteine“ in die Gehwege der Schul- und Hauptstraße eingefügt, die Angehörigen der vier jüdischen Familien Rothschild, Moses, Strauss/Siegel und Reis gewidmet sind.

 

In Urberach - heute ein Ortsteil von Rödermark - lebten bereits unter der Ysenburgischen Herrschaft vereinzelt jüdische Familien; als der Ort 1815 hessisch wurde, soll sich eine winzige Gemeinde gebildet haben, die Zeit ihres Bestehens kaum jemals mehr als 40 Personen zählte. Nach 1910/1920 gehörten auch die wenigen Familien aus Ober-Roden zur Gemeinde.

1882 weihte die Urberacher Gemeinde ein neues Synagogengebäude ein; die Festpredigt hielt der Darmstädter Bezirksrabbiner Dr. Marx.

Verstorbene Juden aus Urberach wurden auf dem Friedhof in Dieburg begraben. Die kleine Gemeinde war zunächst dem orthodoxen Bezirksrabbinat Darmstadt II zugehörig; im Jahre 1928 erfolgte der Anschluss an das liberale Rabbinat Darmstadt I.

Juden in Urberach:

         --- 1828 ........................ 40 Juden,

    --- 1861 ........................ 43   “ (ca. 3% d. Bevölk.),

    --- 1880 ........................ 40   “  ,

    --- 1895 ........................ 40   “  ,

    --- 1905 ........................ 28   “  ,

    --- 1924 ........................  4 jüdische Familien.

Angaben aus: Urberach, aus: alemannia-judaica.de

Schon vor 1938 zog die letzte Familie weg, und die Gemeinde löste sich auf. Bereits vor dem Novemberpogrom 1938 war das Synagogengebäude verkauft worden; nach Umbauten wurde es zu Wohnzwecken genutzt.

Zum 70.Jahrestag des Novemberpogroms wurde in der Bahnhofstraße ein Gedenkort für die ermordeten jüdischen Bewohner Rödermarks eingeweiht: Auf dem ehemaligen Grundstück der Familie Strauß wurden ins Pflaster ein Bodenrelief in Form eines Davidsterns eingefügt; zwei Stelen mit ergänzenden Informationen stehen daneben.

Anlässlich des 135. Jahrestages der Einweihung der Urberacher Synagoge wurde am ehemaligen Standort (Bahnhofstraße) eine Gedenkplakette angebracht.

  Am letzten Wohnort der jüdischen Familien in Ober-Roden erinnern seit 2013 sog. „Stolpersteine“. Zwei Jahre später sind 17 „Stolpersteine“ auch in Urberach verlegt worden, so in der Bahnhof- und Darmstädter Straße; sie erinnern an Angehörige der Familien Adler, Katz und Strauss.

 

Im nahegelegenen Münster gab es auch eine kleine jüdische Gemeinde. [vgl. Münster (Hessen)]

Weitere Informationen:

Paul Arnsberg, Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang - Untergang - Neubeginn, Societäts-Verlag, Frankfurt/M. 1971, Bd. 1, S. 163/164 und Bd. 2, S. 316/317

Paul Arnsberg, Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Bilder - Dokumente, Eduard Roether Verlag, Darmstadt 1973, S. 48

Gerhard W.D. Mühlingshaus, Synagogen in Hessen, in: Alfred Höck (Hrg.), Judaica Hassiaca, Band 9, Hessische Blätter für Volks- und Kulturforschung, Neue Folge, Gießen 1979, S. 21 – 31

Karl J. Müller, Damit wir sie nicht vergessen. Das Schicksal der jüdischen Bürger von Eppertshausen, Münster 1985   

Gerhard Wilhelm Daniel Mühlinghaus, Der Synagogenbau des 17. u. 18.Jahrhunderts im aschkenasischen Raum, Dissertation, Philosophische Fakultät Marburg/Lahn, 1986, Band 2, S. 114

Thomas Lange (Hrg.), ‘L’chajim’ - Die Geschichte der Juden im Landkreis Darmstadt-Dieburg, Hrg. Landkreis Darmstadt-Dieburg, Reinheim 1997, S. 220

N. Cubabus/H.-P. Knapp/E. Lotz-Frank, Die „verlorenen Nachbarn“: jüdisches Leben und jüdische Schicksale in Ober-Roden und Urberach bis 1940. Aus der Ortsgeschichte von Rödermark, 2. korr. Aufl., 2009

Eppertshausen, in: alemannia-judaica.de (mit Dokumenten zur jüdischen Ortshistorie)

Urberach, in: alemannia-judaica.de

Thomas Meier (Red.), Verlegung erster Stolpersteine. Erinnerndes Pflastern, in: "Offenbacher Post" vom 22.6.2013

Michael Löw (Red.), Mahnmale auf dem Gehweg in Urberach - „Stolpersteine“ halten Erinnerung an jüdische Familien wach, in: "Offenbacher Post" vom 20.10.2015

Thomas Meier (Red.), Initiative erinnert ans Leid jüdischer Mitbürger, in: op-online.de vom 18.5.2017

Michael Löw (Red.), Urberacher Juden weihten vor 135 Jahren neue Synagoge ein, in: op-online.de vom 26.7.2017

Lara Feder (Red.), Erinnerung an Synagoge. Gedenkplakette wird am Tag der deutschen Einheit enthüllt, in: „Frankfurter Rundschau“ vom 23.9.2017