Felsberg (Hessen)

Datei:Felsberg in HR.svg Felsberg ist eine Kleinstadt mit derzeit ca. 10.500 Einwohnern im hessischen Schwalm-Eder-Kreis – ca. 20 Kilometer südlich von Kassel gelegen (Karte NNW, 2008, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0).

Ansicht von Felsberg – Topographia Hassiae, M. Merian um 1650 (Abb. aus: wikipedia.org, gemeinfrei)

In Felsberg lebten erstmals Juden zu Beginn des 16.Jahrhunderts; es waren allerdings zunächst nur wenige. Hingegen waren in den Dörfern der näheren Umgebung damals deutlich mehr jüdische Familien ansässig.

In den 1840er Jahren betrug der jüdische Bevölkerungsanteil an der Gesamtbevölkerung Felsbergs immerhin fast 18%; Zuzüge aus dem ländlichen Umland zu Beginn des 19.Jahrhunderts waren für den relativ hohen jüdischen Bevölkerungsanteil verantwortlich, der ca. 1900 nahezu gleich hoch blieb (siehe Statistik).

An der Ritterstraße besaß die jüdische Gemeinde einen stattlichen Synagogenbau, der im Herbst 1847 feierlich vom Kreisrabbiner Mordechai Wetzlar eingeweiht worden war; dieser bot inklusive Empore ca. 180 Personen Platz. Der Innenraum war dekorativ ausgestattet und besaß 15 Thorarollen, die fast alle von ehemaligen jüdischen Einwohnern, die in anderen Städten zu Wohlstand gelangt waren, gestiftet worden waren.

         

links: Rekonstruktion der Synagogenfassade (Thea Altaras)  -  rechts: Aufn. um 1965 (aus: Paul Arnsberg)

In Felsberg existierte auch eine jüdische Elementarschule; um 1900 besuchten noch etwa 35 jüdische Kinder die einklassige Schule; Anfang der 1930er Jahre wurde sie dann wegen Schülermangels aufgelöst.

   http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20170/Felsberg%20Schule%20151.jpg

Stellenanzeige aus der Zeitschrift „Der Israelit“ vom 3.9.1931   -   ehem. jüdisches Schulhaus (Aufn. J. Hahn, 2008)

http://www.synagogue-center-felsberg.org/wp-content/uploads/2013/10/809.jpg Kantor Hans Bodenheimer in der Synagoge Felsberg (hist. Aufn. aus: synagogue-center-felsberg.org)

Die Anlage des jüdischen Friedhofs in Felsberg (Annastraße) geschah gegen Mitte des 19.Jahrhunderts; die erste Beerdigung fand hier 1866 statt. Zuvor waren die Verstorbenen auf dem israelitischen Sammelfriedhof bei Obervorschütz begraben worden.

Die jüdischen Familien aus Gensungen und Neuenbrunslar zählten zur Gemeinde Felsberg, bis 1910 auch die aus Altenburg.

Die Felsberger Gemeinde war dem Rabbinatsbezirk Kassel zugehörig.

Juden in Felsberg:

    --- um 1595 ....................... eine jüdische Familie,

    --- 1773 ..........................   9   “         “   n,

    --- 1828 ..........................  21   “         “     (ca. 13% d. Bevölk.),

    --- 1835 .......................... 206 Juden,

    --- 1861 .......................... 180   “  ,

    --- 1871 .......................... 168   “   (ca. 16% d. Bevölk.),

    --- 1880 .......................... 176   “   (ca. 17% d. Bevölk.),

    --- 1885 .......................... 179   "   (ca. 18% d. Bevölk.),

    --- 1895 .......................... 132   “   (ca. 14% d. Bevölk.),

    --- 1905 .......................... 115   “   (ca. 12% d. Bevölk.),

--- 1925 ...................... ca. 125   “  ,

    --- 1932 ..........................  85   “  ,*     * andere Angabe: 98 Pers.

    --- 1933 .......................... 105   "  ,    

    --- 1938 ...................... ca.  20   “  ,

    --- 1940 ..........................  keine.

Angaben aus: Paul Arnsberg, Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang - Untergang - Neubeginn, Bd. 1, S.174

Die Juden Felsbergs bestritten ab dem 19.Jahrhundert ihren Lebensunterhalt als Viehhändler und Metzger, als Kolonialwaren- und Textilhändler; ihre wirtschaftliche Lage war insgesamt gut. Die Felsberger Judenschaft war streng-religiös und hielt ihre Geschäfte am Sabbat geschlossen.

   aus der Zeitschrift „Der Israelit“ vom 23.9.1897 

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Beschäftigte der Mazzenbäckerei Griesheim (Aufn. 1908, aus: synagogue-center-felsberg.org)

Bereits Jahrzehnte vor Beginn der NS-Zeit waren Felsberger Juden Ziel antisemitischer Hetze; so wurde in einem Artikel des "Frankfurter Israelitischen Familienblatts" vom 24.11.1911 vermeldet:

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20161/Felsberg%20FrfIsrFambl%2024111911.jpg

Gesellschaftliche und wirtschaftliche Ausgrenzung führten nach 1933 zu Ab- und Auswanderung jüdischer Familien, die seit Generationen am Ort ansässig waren; innerhalb nur weniger Jahre hatte die Mehrzahl Felsberg verlassen.

Bereits einen Tag vor der „Kristallnacht“ kam es in Felsberg zu pogromartigen Übergriffen, die zumeist von lokalen NS-Aktivisten - unter Beteiligung von Zuschauern - initiiert wurden. Alle jüdischen Einwohner Felsbergs sollen aus ihren Häusern auf die Straße getrieben worden sein; dabei erlitt der schwerkranke Robert Weinstein einen Herzinfarkt; er war damit eines der ersten Opfer des Novemberpogroms (Anm. Nach ihm ist heute ein Platz in Felsberg benannt.)

Von den zu Beginn der NS-Zeit noch ca. 80 hier lebenden jüdischen Bewohnern konnten die meisten noch rechtzeitig emigrieren - vor allem in die USA, nach Südamerika und Palästina. Daneben verzogen auch etliche Familien nach Kassel; von hier wurden die meisten deportiert. 1940 sollen bereits keine Juden mehr in Felsberg gelebt haben. Mindestens 15 gebürtige Felsberger Juden sollen dem Holocaust zum Opfer gefallen sein.

Im Frühjahr 1948 kam es vor dem Kasseler Schwurgericht zu einem Prozess gegen einige der am Novemberpogrom 1938 beteiligten Personen; angeklagt waren Personen aus Felsberg und Gensungen. 

Nach 1945 wurde das Synagogengebäude als Turnhalle genutzt; danach befand sich in den Räumen eine Gaststätte.

Eine Gedenktafel, die gegenüber der ehemaligen Synagoge angebracht ist, trägt die Sätze:

Gegenüber steht die ehemalige Synagoge, erbaut von 1842 bis 1865,

im Innern zerstört am 8. November 1938. Zur Erinnerung an unsere jüdischen Mitbürger,

die während des Nationalsozialismus gedemütigt, entrechtet, vertrieben, verschleppt und ermordet wurden.

'Vergessen führt in die Verbannung - Erinnerung jedoch ist das Geheimnis der Erlösung.'

(Jüdische Weisheit).

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20170/Felsberg%20Friedhof%20163.jpg Jüdischer Friedhof Felsberg (Aufn. J. Hahn, 2008)

Auf dem jüdischen Friedhof in Felsberg hat die Kommune einen Gedenkstein mit folgender Inschrift aufstellen lassen:

Zum ewigen Angedenken an unsere jüdischen Bürger,

die Opfer der Gewalt wurden.

Im Jahre 2005 wurde der Hessische Denkmalschutzpreis für die Ausgrabung eines jüdischen Ritualbades in Felsberg vergeben. Reste einer ehemaligen, um 1820 erbauten und in den 1920er Jahren zugeschütteten Mikwe konnten freigelegt werden.

Seit 2010 ist Felsberg Sitz der liberalen jüdischen Gemeinde „Emet weShalom e.V.“ („Wahrheit und Frieden“); die 1995 in Kassel gegründete Gemeinde hatte bislang ihren Sitz in Gudensberg. Nach dem Willen der Gemeindemitglieder soll der einstige Felsberger Betsaal an der Ritterstraße restauriert und dann als interkulturelles Zentrum genutzt werden. Unterstützt wird das Vorhaben durch einen 2012 gegründeten Verein, der hier zudem ein Museum einrichten will, das das jüdische Leben in Nordhessen über die Jahrhunderte hinweg dokumentieren soll.

Das jahrzehntelang als Gaststätte bzw. bis 2013 als Pizzeria genutzte Gebäude dient seit 2016 nun wieder als Gotteshaus.

Der Künstler: Gunter Demnig mit den drei Stolpersteinen für Isaak, Siegmund und Malchen Kruck, die er vor dem Robert-Weinstein-Haus an der Felsberger Obergasse verlegte. Fotos: Féaux de Lacroix Gunter Demnig mit den drei sog. „Stolpersteinen“, die vor dem Robert-Weinstein-Haus (Obergasse) verlegt wurden (Aufn.Féaux de Lacroix). Weitere acht Steine wurden 2019 in die Gehwegpflasterung in der Untergasse eingelassen.

Der jüdische Bildhauer Leopold Fleischhacker (1882-1946) wurde als erstes von zehn Kindern des Lehrers Moses Fleischhacker in Felsberg geboren. 1895 verließ die Familie Felsberg und zog nach Düsseldorf, wo Leopold F. eine Ausbildung an der Kunstgewerbeschule absolvierte; 1905 schloss er ein Studium an der Berliner Kgl. Akademischen Hochschule für die Bildenden Künste ab. Er war freier Künstler und gestaltete und fertigte Plastiken, oft für Grabmale und Kriegerdenkmäler. Nach Zerstörung seines Ateliers in Düsseldorf 1938 verließ er mit seiner Frau Deutschland und lebte in Brüssel im Untergrund. Ein Jahr nach Kriegsende verstarb er hier.

Weitere Informationen:

Paul Arnsberg, Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang - Untergang - Neubeginn, Societäts-Verlag, Frankfurt/M. 1971, Bd. 1, S. 174 - 176

Paul Arnsberg, Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Bilder - Dokumente, Eduard Roether Verlag, Darmstadt 1973, S. 51

Wolfgang Prinz/Deborah Tal-Ruttger, Die jüdische Gemeinde in Felsberg. 700 Jahre Stadt Felsberg 1286 – 1986, Felsberg 1986, S. 84 - 94

Thea Altaras, Synagogen in Hessen - was geschah seit 1945 ?, Verlag K.R. Langewiesche Nachfolger Hans Köster Verlagsbuchhandlung, Königstein (Taunus) 1988, S. 48 – 50

Felsberg mit Altenburg, Gensingen und Neuenbrunslar, in: alemannia-judaica.de (mit zahlreichen Dokumenten zur Historie der Gemeinde)

Stephanie Kluth, Leben und Werk des deutsch-jüdischen Künstlers Leopold Fleischhacker (1882 - 1946), in: Brocke/Pomerance/Schatz (Hrg.), Neuer Anbruch - Zur deutsch-jüdischen Geschichte und Kultur, Metropol-Verlag, Berlin 2001, S. 311 – 336

Christian Lehmann, Jüdischer Friedhof Felsberg unbekannte Schicksale – Register des jüdischen Friedhofs in Felsberg (pdf-Dateien)

Manfred Schaake (Red.), Verein zur Rettung der Synagoge will das Gebäude kaufen, in: "Hessische Niedersächsische Allgemeine" vom 2.11.2014

Manfred Schaake (Red.), Einst Pizzeria, bald Synagoge: Gebäude in Felsberg wird wieder Gotteshaus, in: "Hessische Niedersächsische Allgemeine - HNA" vom 5.8.2016

Synagogue Center Felsberg (Hrg.), Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde in Felsberg, online abrufbar unter: synagogue-center-felsberg.org/ (Anm. mit vielen personenbezogenen Informationen)

Auflistung der in Felsberg verlegten Stolpersteine, online abrufbar unter: wikipedia.org/wiki/Liste_der_Stolpersteine_in_Felsberg

Kurt Schilde, Frühe Novemberpogrome 1938 und die Ermordung Robert Weinsteins, in: Gegen Verdrängen und Vergessen, Band 12, Verlag Hentrich & Hentrich, 2016

Manfred Schaake (Red.), Felsberger Synagogen-Verein trennt sich von Robert-Werinstein-Haus, in: "Hessische Niedersächsische Allgemeine" de vom 29.6.2018

Christina Thiery (Red.), Stolpersteine werden in Felsberg verlegt, in: "Hessische Niedersächsische Allgemeine - HNA" vom 4.5.2019