Gailingen (Baden-Württemberg)

Datei:Gailingen am Hochrhein in KN.svg Gailingen am Hochrhein ist mit derzeit ca. 3.000 Einwohnern eine kleine Kommune im Landkreis Konstanz (Karte Hagar, 2010, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0).

In Gailingen bestand bis ins 20.Jahrhundert eine der größten Landjudengemeinden Süddeutschlands; der Ort bildete unbestritten das jüdische Zentrum im Hegau.

Gegen Mitte des 17.Jahrhunderts durften erstmals sechs jüdischen Familien aus Vorarlberg mit Zustimmung der Freifrauen von Reinach in Gailingen - am Hochrhein zwischen Bodensee und Schaffhausen gelegen - sich niederlassen. Das Dorf hatte während des Dreißigjährigen Krieges schwer gelitten und sollte mit dem Zuzug von Menschen wieder bewohnbar gemacht werden. Gegen Zahlung hoher Abgaben wurde den Familien 1657 erstmalig hier Schutz gewährt und begrenzte Rechte zugebilligt. Wegen der Grenzlage des Ortes wurde der Handel begünstigt, und immer mehr jüdische Familien zogen hierher; gefördert durch die hiesige Herrschaft konnte sich die jüdische Siedlung im Laufe des 18.Jahrhunderts relativ ungestört entfalten. Bis ca. 1800 bildete die Judenschaft Gailingens eine von der christlichen Umgebung isolierte Genossenschaft; die Vorsteher bzw. Rabbiner der Gemeinde besaßen - kraft der ihnen eingeräumten Disziplinargewalt - eine starke Stellung, die den einzelnen in das religiös-kultische und soziale Leben stark einband. Das Verhältnis zur christlichen Einwohnerschaft des Dorfes war zeitweise gespannt, wenn nicht sogar feindselig; denn die deutliche Zunahme der Juden im Dorf seit Ende des 18.Jahrhunderts war nicht gern gesehen, zumal die Schutzherrschaft ihnen gewisse Vorrechte eingeräumt hatte. Allerdings war die wirtschaftliche Lage der in Gailingen lebenden Juden bis in die erste Hälfte des 19.Jahrhunderts recht bescheiden; erst danach zog mehr Wohlstand ein. Die meisten hier ansässigen Juden übten ein Handelsgewerbe aus, insbesondere als Textilgroßhändler und Viehhändler, aber auch als Kunst- und Antiquitätenhändler.

Gottesdienstliche Zusammenkünfte fanden anfänglich in Privathäusern statt. Gegen Mitte des 18.Jahrhunderts erhielt die Judenschaft die landesfürstliche Erlaubnis zum Bau ihrer ersten Synagoge an der Ramser Straße; über das Gebäude ist kaum etwas bekannt. Bereits 1766 wurde ein größerer Bau bezogen, da die Zahl der Gemeindeangehörigen zunahm. Der schlechte bauliche Zustand des Synagogengebäudes und die weiterhin steigende Zahl der jüdischen Familien in Gailingen führten zum Bau des dritten Gotteshauses, das nahe der bisher benutzten Synagoge stand; allerdings hatte ein Teil der Gemeindeangehörigen gegen den Bau opponiert und dessen Realisierung über Jahre hinausgezögert. Im September 1836 konnte dann die Gemeinde unter Leitung des Bezirksrabbiners Jakob Löwenstein den Neubau schließlich einweihen; es war ein recht schlichtes Gebäude, das ca. 500 Männern und 150 Frauen auf einer Empore Platz bot, wobei die Plätze erblicher Besitz der einzelnen Gailinger Familien waren; wie alle orthodoxen Synagogen war das Gebäude nach Osten, Richtung Jerusalem, ausgerichtet. Ein jüdisches Schulhaus, in dem auch die Rabbinerfamilie wohnte, stand gegenüber dem 1845/1847 erbauten Synagogengebäude; hier fanden im Winter die Gottesdienste statt. Im Keller war eine Mikwe untergebracht.

  Synagoge im Hintergrund (Bildpostkartenausschnitt)

Drei Jahrzehnte später wurde das Synagogengebäude umfassend renoviert.

                                      Kurznotiz aus der Zeitschrift „Der Israelit“ vom 13.Nov. 1867

Die jüdische Elementarschule, die seit 1815 bestand, befand sich anfänglich in einem Privathaus in der Brühlstraße.

 

Stellenanzeigen aus der Zeitschrift "Der Israelit" vom 27.August 1885 und vom 14.Juli 1904

Der in Gailingen tätige Lehrer und Direktor der Handelsschule, Jakob Eisenmann, wurde auch über den Ort seiner Amtstätgkeit bekannt, indem er von ihm komponierte lithurgische Gesänge und „erbauliche Schriften zur jüdischen Erziehung im elterlichen Hause“ veröffentlichte.

   Anzeigen aus den 1890er Jahren

1892 eröffnete in Gailingen die jüdische Handelsschule (mit Internat).

 aus der Zeitschrift „ Der Israelit" vom 15.Sept. 1892

In einem Bericht in der Zeitschrift „Der Israelit“ vom 18.Aug. 1892 hieß es dazu: „... kaufte zu diesem Zwecke einige prächtige Gebäude, die in Bezug auf gesunde Lage und geeignete Räumlichkeiten allen Anforderungen, die man an eine solche Anstalt stellt, in vollkommener Weise entsprechen. Bereits hat auch unser hohes Ministerium, das diesem Projekte sehr wohlwollend gegenüber steht, seine Genehmigung erteilt und sich bereit erklärt, die Oberaufsicht zu führen. In der Anstalt werden außer gründlichem Unterricht in den hebräischen Fächern, wie Pentateuch, Ritual, Mischna, Talmud, Jüdische Geschichte und Literatur alle Disziplinen, einschließlich Musik und Zeichnen, unterrichtet, wie an den Realschulen. ...“

Neben einem eigenen Krankenhaus gab es hier seit den 1890er Jahren auch ein jüdisches Altersheim in der Godmadinger Straße, das von überregionaler Bedeutung war.

Der jüdische Friedhof - am Westrande des Dorfes unterhalb des „Bürgli-Schlosses“ gelegen - war in der zweiten Hälfte des 17.Jahrhunderts angelegt und später mehrfach erweitert worden. Das an einem Steilhang liegende Gelände war den jüdischen Bewohnern laut einem Schutzbrief der Freifrauen von Reinach (1657) auf Pachtbasis zugesagt worden („Jtem soll ihn ein Orth von gnäd herrschaft oder gemeind zu begräbnuss der erth nominirt werden …“). Bis in die 1820er Jahre musste an den Gailinger Grundherrn für die Nutzung des Geländes ein jährliches „Begräbnisgeld“ entrichtet werden. Auf dem Gelände wurden bis ins 19.Jahrhundert auch Verstorbene aus Randegg (bis ca. 1750), Wangen und Worblingen, z.T. auch aus Donaueschingen und anderen Orten beerdigt.

Jüdischer Friedhof Gailingen (Aufn. Gruschke, 2007, aus: wikipedia.org, GFDL)

Das Dorf Gailingen war ab 1827 Sitz eines Bezirksrabbiners, der auch für Randegg, Tiengen, Wangen (bis 1825) und Worblingen (bis 1857) zuständig war; gegen Ende der 1920er Jahre wurde der Rabbinatssitz nach Konstanz verlegt.

               aus der Zeitschrift "Der Israelit" vom 28.April 1927 

Um 1930 waren der jüdischen Gemeinde in Gailingen auch die wenigen jüdischen Familien aus Donaueschingen, Stockach und Allmendshofen angegliedert.

Juden in Gailingen:

        --- 1657 .............................   6 jüdische Familien,

    --- 1734 .............................  18   “         “    ,

    --- um 1740/45 .......................  28   “         “    ,

    --- 1809 .............................  88   “         “    ,

    --- 1820 ............................. 140   “         “    ,

    --- 1825 ............................. 596 Juden (ca. 50% d. Einw.),

    --- 1858 ............................. 996   “   (mehr als 50% d. Einw.),

    --- 1875 ............................. 704   “   (ca. 41% d. Einw.),

    --- 1900 ............................. 663   “  ,

    --- 1905 ............................. 572   “   (ca. 35% d. Einw.),

    --- 1910 ............................. 492   “   (ca. 31% d. Einw.),

    --- 1925 ............................. 375   “   (ca. 25% d. Einw.),

    --- 1933 ............................. 314   “   (ca. 20% d. Einw.),

    --- 1939 (Mai) ....................... 237   “  ,

    --- 1940 (Okt.) .................. ca. 180   “  .

Angaben aus: E.Friedrich/D.Schmieder-Friedrich, Die Gailinger Juden, S. 10 f.

und                 Samuel Moos, Die Geschichte der Juden im Hegaudorf Randegg, S. 23

Die Gemeinde Gailingen zählte im 19.Jahrhundert zu den Orten in Baden-Württemberg, die den höchsten Prozentanteil jüdischer Bewohner besaß. Das Zusammenleben zwischen Juden und Christen war im 19.Jahrhundert überwiegend von Toleranz geprägt. Einzelne Juden erreichten angesehene gesellschaftliche Funktionen; so war Hirsch Leopold Guggenheim von 1870 bis 1884 Bürgermeister Gailingens. Wie eng sich das Zusammenleben gestaltete, zeigte der Gebrauch des „Gailinger Jiddisch“ auch durch Nichtjuden; so sind noch heute im Gailinger Dialekt einige jiddische Ausdrücke vorhanden.

Nach 1850 setzte mit der vollständigen bürgerlichen Gleichstellung die Landflucht ein, die zu einer erheblichen Reduzierung des jüdischen Bevölkerungsteiles führte.

Gewerbliche Anzeigen jüdischer Geschäftsleute (aus der 2.Hälfte des 19.Jahrhunderts):


Im 19./20.Jahrhundert gab es im mit einer Rheinbrücke verbundenen schweizerischen Diessenhofen einige jüdische Gewerbebetriebe, die von Familien aus Gailingen betrieben wurden.

Anm.: Die jüdischen Bürger der Hochrheingemeinde Gailingen feierten von ca. 1860 bis 1933 ihre eigene Fasnacht; so wurde Purim in großem Stil mit Umzügen und Bällen gefeiert. Hundert Juden aus der Region und Städten der Nordschweiz hatten sich in Gailingen und Diessenhofen versammelt, um hier das Purim-Fest zu begehen; dabei sollen sie auch Bräuche der alemannischen Fastnacht angenommen haben.

Der Purim-Umzug 1912 von Diessenhofen, Schweiz, auf der heutigen Rheinstraße nach Gailingen. Das Motiv des Wagens auf dem historischen Foto ist der Vorstoß des Polarforschers Amundsen zum Südpol 1911. Purim-Umzug 1912 (hist. Aufn. aus: Jüdisches Museum Gailingen)

Ende der 1920er Jahre erreichte das nationalsozialistische Gedankengut, u.a. von der NS-Ortsgruppe Konstanz verbreitet, auch den Ort Gailingen; die NSDAP-Ortsgruppe Gailingens war recht aktiv; dabei stieß sie auf heftige Gegenreaktionen der ansässigen jüdischen Bevölkerung, aber auch der von Mitgliedern demokratischer Parteien.

                   Aus einem Schreiben des Badischen Bezirksamtes vom 15.5.1930:

„ ... Die National-Sozialistische Deutsche Arbeiter-Partei entfaltet in letzter Zeit in Gailingen, in dem eine verhältnismäßig hohe Anzahl Angehöriger der israelitischen Religionsgemeinschaft wohnt, eine rührige Tätigkeit, wobei sie planmäßig darauf ausgeht, die jüdischen Einwohner zu verhöhnen und herauszufordern. So fand am 27.4.1930 in Gailingen ein Aufzug der N.S.D.P. statt, zu dem Verstärkung von auswärts herangezogen worden ist. Hierbei wurden hauptsächlich in den Straßen, in denen Israeliten wohnten, Paraden abgehalten, es wurde mit der Fahne geschwenkt, und es wurden die bekannten Hitlerlieder mit "Judentod” usw. und “Deutschland wird von lauter Lumpen und Schiebern regiert” gesungen. ... Dieses Vorgehen der N.S.D.P. hat in Gailingen, insbesondere unter der jüdischen Bevölkerung, zu einer großen Erregung geführt, ... Wir haben daher ... Versammlungen und Aufzüge der Deutschen National-Sozialistischen Arbeiter-Partei unter freiem Himmel in Gailingen bis auf weiteres verboten. ...”

(aus: E.Friedrich/D.Schmieder-Friedrich, Die Gailinger Juden - Materialien zur Geschichte der Jüdischen Gemeinde Gailingen , S. 62/63)

Noch zu Beginn der NS-Zeit war Gailingen eine der größten jüdischen Landgemeinden in Deutschland.

Der Boykott jüdischer Geschäfte wurde in Gailingen am 31.März 1933 durch SA-Angehörige durchgeführt, die sich vor allen jüdischen Geschäfte postierten. Unmittelbare Folge der antijüdischen „Aktionen“ war eine vorübergehende Flucht von mehr als 20 jüdischen Familien ins benachbarte schweizerische Diessenhofen. Die katholische Bauernbevölkerung leistete gegen die antijüdische Politik offen Widerstand; so soll es hier noch 1935 einige SA-Angehörige gegeben haben, die Juden ihre Hilfe anboten.

Seit 1933 war in Gailingen ein Zustrom von Juden aus ganz Deutschland zu verzeichnen, um von hier - legal oder illegal - die Grenze in die Schweiz zu überschreiten.

Zerstörter Synagogeninnenraum (Gemeindearchiv Gailingen)

In den frühen Morgenstunden des 10.November 1938 wurde die Gailinger Synagoge von einem aus Radolfzell kommenden SS-Trupp verwüstet, die Inneneinrichtung herausgeschleppt und in Brand gesteckt; die Angehörigen der jüdischen Gemeinde mussten sich in der Turnhalle - unter SA-Bewachung - versammeln. Anschließend wurden alle durch das Dorf in Richtung Synagoge getrieben; sie mussten nun die Sprengung ihres Gotteshauses mitansehen; die Abrisskosten hatte die jüdische Gemeinde zu tragen. Das aus den 1840er Jahren stammende Schul- und Gemeindehaus mit einem jüdischen Ritualbad im Kellergeschoss blieb hingegen unversehrt. Der Rabbiner der Gemeinde, Dr. Mordechai Bohrer, wurde ins KZ Dachau verschleppt, wo er ums Leben kam. Für die jüdische Dorfbevölkerung wurde nun ein Ausgehverbot verhängt; Familien und Einzelpersonen mussten zwangsweise ihre Wohnungen und Häuser räumen; größtenteils fanden sie Unterkunft im jüdischen Altersheim und im Krankenhaus. Im Oktober 1940 wurden 178 jüdische Bürger Gailingens nach Gurs (Frankreich) deportiert; am helllichten Tage und aller Öffentlichkeit mussten sie bereitstehende Fahrzeuge besteigen, die sie zum Bahnhof brachten.

http://jean-francois.mavel.pagesperso-orange.fr/Images/gailingen.gif Jüdische Bewohner werden abgeholt, Gailingen 22.Okt. 1940

In einer eigens erstellten „Judenkartei“ war der folgende Eintrag vorgenommen worden: „Durch Aktion nach Frankreich ausgewandert". Die meisten von ihnen kamen später in den Ghetto- und Vernichtungslagern im besetzten Osteuropa ums Leben. Mindestens 160 Juden Gailingens - einschließlich der Bewohner des jüdischen Altersheims - wurden Opfer der NS-Verfolgung.

In der unmittelbaren Nachkriegszeit bestanden in Gailingen vier Aufnahmelager für Überlebende der in der Region bestandenen KZ-Außenlager; noch Ende 1946 sollen sich hier fast 300 Personen aufgehalten haben.

Die exakte Zahl der auf dem jüdischen Friedhof in Gailingen seit 1650 Bestatteten ist nicht mehr festzustellen; denn die anfangs aus Holz bestehenden Grabdenkmäler waren vergänglich. Heute werden mehr als 1.200 Grabsteine gezählt; der älteste noch vorhandene Grabstein stammt aus dem Jahre 1695.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%2042/Gailingen%20Friedhof%20805.jpg älterer Friedhofsteil (Aufn. J. Hahn, 2004)

Drei Jahre nach Kriegsende wurde auf dem jüdischen Friedhof ein Gedenkstein mit der folgenden Inschrift aufgestellt:

Zum ewigen Gedenken an die Gailinger Juden,

welche am 22.Oktober 1940 deportiert und in den Konzentrationslagern ums Leben gebracht wurden.

Errichtet 19.9.1948

Am ehemaligen Standort der Synagoge wurde Mitte der 1970er Jahre ein kleiner Park angelegt, auf dem ein Gedenkstein steht.

                 http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%2020/Gailingen%20Synagoge%20100.jpg Gedenkinschrift (Aufn. J. Hahn)

Wahrlich, der Ewige ist an dieser Stätte,

und ich wußte es nicht. (Gen. 28,16)

Eingeweiht am 6.September 1836, zerstört am 10.November 1938

Zum Gedächtnis errichtet von der Jüdischen Gemeinde Gailingen, den 25.Juli 1967

Zum 60. Gedenktag der Deportation wurde der Synagogenplatz völlig neu gestaltet. Der Platz zeigt nun die Umrisse der ehemaligen Synagoge; zwei Stelen markieren zudem den Eingang zur ehemaligen Synagoge; auf einer Stele sind die Namen von 210 deportierten jüdischen Gailingern fixiert.

   Aufn. Bernhard Narr, 2004

Das ehemalige, nun unter Denkmalschutz stehende jüdische Schul- und Gemeindehaus gehört heute Kommune Gailingen und wurde auf Initiative des 1997 gegründeten Fördervereins „Bürgerhaus Gailingen e.V.“ Ende der 1990er Jahre saniert; es diente fortan kulturellen Veranstaltungen.

 

Ehem. jüdisches Schul- u. Gemeindehaus (Aufn. Verein für jüdische Geschichte Gailingen e.V., 2011)

Im Gebäude informiert eine Dauerausstellung über die Geschichte der Orte der Region, in denen einst jüdische Gemeinden beheimatet waren; dazu zählen Randegg und Worblingen. Im Kellergeschoss befindet sich die historische Mikwe.

Der im ersten Stock des Gebäudes vom „Verein für jüdische Geschichte Gailingen e.V.“ bewerkstelligte Aufbau eines Jüdischen Museums konnte im Jahre 2012 realisiert werden. „Das Jüdische Museum Gailingen dokumentiert exemplarisch die jüdische Geschichte in Gailingen und am Hochrhein und die Lebenswelt des Gailinger Judentums, berücksichtigt in kleinerem Rahmen aber auch die jüdischen Landgemeinden im Hegau – Randegg, Wangen und Worblingen. Dargestellt werden die regionalen Verflechtungen der jüdischen Gemeinde Gailingen bis Konstanz/Kreuzlingen, Winterthur/Zürich und Waldshut-Tiengen und die vielfältigen Bezüge zum Judentum allgemein sowie zu Staat und Gesellschaft. Unter dem Leitgedanken „Heimat Gailingen“ bewahrt die Dauerausstellung die Erinnerung an die jüdischen Mitbürger und deren Anteil an der Entwicklung des Ortes und der Region.“ (Text aus: jm-gailingen.de)

  Den Memorialstein für Gailingen schufen Mitglieder des Hegau-Jugendwerkes und der Hochrheinschule Gailingen (Abb. aus: mahnmal-neckarzimern.de)

Der in Gailingen 1843 geborene Leopold Löwenstein, Sohn des damaligen dortigen Rabbiners Jakob Löwenstein, absolvierte nach seiner Schulzeit in Tauberbischofsheim bzw. Karlsruhe ein Universitätsstudium verschiedener Fachrichtungen in Würzburg, das er mit seiner Promotion abschloss; gleichzeitig hatte er die Talmudschule des orthodoxen Rabbiners Seligmann Bär Bamberger besucht. Dr. Leopold Löwenstein wirkte dann in verschiedenen Städten, so in Eisenstadt/Burgenland, in Hamburg, ab 1868 bis 1870 in Güstrow und 1871/1872 in Tauberbischofsheim, ehe er in seinem Geburtsort die Rabbinerstelle annahm. Ab 1886 bis zu seinem Tod amtierte er als Bezirksrabbiner für die Rabbinate Merchingen, Mosbach und Wertheim. Löwenstein starb 1923; sein Grab befindet sich auf dem jüdischen Friefdhof in Mosbach.

 

Hinweis: Am gegenüberliegenden Ufer des Rheins liegt die Schweizer Ortschaft Diessenhofen (mit einer Holzbücke verbunden), in der es vor Jahrhunderten eine jüdische Gemeinde gegeben hatte. Im 19./20.Jahrhundert betrieben Gailinger Juden hier einzelne Gewerbebetriebe vgl. dazu: Schaffhausen/Schweiz

 

In Stockach – wenige Kilometer nordöstlich von Singen gelegen – gab es auf Grund der nur wenigen hier lebenden Personen jüdischen Glaubens keine eigene Gemeinde; vielmehr gehörten die Stockacher Juden der Kultusgemeinde Gailingen an; Anfang der 1930er Jahren waren es kaum noch zehn Personen.

An einige Opfer der NS-Gewaltherrschaft erinnern 13 in der Hauptstraße und der Tuttlinger Straße verlegte sog. „Stolpersteine“.

D-BW-KN-Stockach - Stolperstein 'ROTHSCHILD, Alfred'.jpg D-BW-KN-Stockach - Stolperstein 'ROTHSCHILD, Fanny'.jpg D-BW-KN-Stockach - Stolperstein 'ROTHSCHILD, Trude Renate'.jpg D-BW-KN-Stockach - Stolperstein 'ROTHSCHILD, Wolfgang Walter'.jpg verlegt in der Tuttlinger Straße für die Familie Rothschild, die sich durch Emigration in die USA retten konnte (Aufn. A., 2016, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 4.0)

 

In Donaueschingen - etwa 50 Kilometer von Gailingen entfernt - existierte von 1650/1660 bis 1743 eine kleine jüdische Gemeinde. Noch zu Beginn des 18.Jahrhunderts hatten 18 jüdische Familien hier gelebt; ihnen standen damals ein Betsaal und ein eigenes Friedhofsgelände zur Verfügung.

Erst in der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts kann wieder von einer nennenswerten Ansiedlung von Juden gesprochen werden. In den 1880er Jahren waren es ca. 35 Personen, zu Beginn der NS-Zeit dann nur etwa 20 Personen mosaischen Glaubens.

Jüdische Händler aus der Region waren auf den Donaueschinger Pferdemärkten präsent.

  Anzeigen von 1874

Über eine Synagoge bzw. einen Betsaal verfügte die jüdische Minorität am Orte vermutlich nicht; ihre Angehörigen waren anfangs der Gemeinde Randegg, seit ca. 1895 der Gemeinde Gailingen angeschlossen. Zu hohen Feiertagen suchten die Juden Donaueschingens die Synagoge in Gailingen auf. Ihre Verstorbenen wurden auf dem jüdischen Friedhof in Gailingen begraben.

Das größte Geschäft am Ort war das "Kaufhaus Guggenheim & Cie". Die Familie Guggenheim war in Donaueschingen eine sehr angesehene Familie, die sich an die alte jüdische Regel hielt, den zehnten Teil ihrer Einnahmen an Sozialeinrichtungen und bedürftige Glaubensgenossen zu spenden.

zwei Geschäftsanzeigen des Kaufhauses Guggenheim* um 1900 und 1932

                          *Im Herbst 1938 wurde das Kaufhaus „arisiert“ und unter neuem Namen „Kaufhaus Willi Schuler“ weitergeführt.

Bis 1938 hielten sich noch drei jüdische Geschäftsleute mit ihren Familien in Donaueschingen auf.

Während des Novemberpogroms 1938 zog ein randalierender Mob vor die Häuser jüdischer Bürger, drang in mehrere Wohnungen ein und verwüstete diese. Während fast alle Juden Donaueschingens noch emigrieren konnten, wurden zwei von ihnen im Oktober 1940 nach Gurs deportiert.

Weitere Informationen:

F.Hundsnurscher/G.Taddey, Die jüdischen Gemeinden in Baden - Denkmale, Geschichte, Schicksale, Hrg. Archivdirektion Stuttgart, Kohlhammer Verlag Stuttgart 1968, S. 98 – 106

E.Friedrich/D.Schmieder-Friedrich (Hrg.), Die Gailinger Juden - Materialien zur Geschichte der Jüdischen Gemeinde Gailingen aus der Blütezeit u. den Jahren der gewaltsamen Auflösung, Schriftenreihe des Arbeitskreises für Regionalgeschichte e.V., No. 3, Konstanz 1981

Juden in Baden 1809 - 1984. 175 Jahre Oberrat der Israeliten Badens, Hrg. Oberrat der Israeliten Badens, Karlsruhe 1984

Thomas Warndorf, Gailingen am Hochrhein. Beiträge zur soziokulturellen Geschichte eines Judendorfes, Maschinenmanuskript, Konstanz 1985

Samuel Moos, Die Geschichte der Juden im Hegaudorf Randegg, Hrg. im Auftrag der Gemeinde Gottmadingen, Hegau-Bibliothek Band 42/1986, S. 22 f.

Detlef Girres, Gailingens Geschichte im Spiegel seiner wichtigen Gebäude, in: Beiträge zur Gailinger Geschichte No. 3/1987

Joachim Hahn, Erinnerungen und Zeugnisse jüdischer Geschichte in Baden-Württemberg, Konrad Theiss Verlag, Stuttgart 1988, S. 303 - 305

Regina Schmid, Verlorene Heimat. Gailingen - Ein Dorf und seine jüdische Gemeinde in der Weimarer Zeit, in: Schriftenreihe des Arbeitskreises für Regionalgeschichte e.V. Konstanz, No. 7, Konstanz 1988

Eckhardt Friedrich, ‘Zu erinnern und nichts zu vergessen’ - Zur Geschichte der Gailinger Juden und wie mit ihr umgegangen wird, in: Erhard R. Wiehn (Hrg.), Oktoberdeportation 1940 ..., Konstanz 1990

Gisela Roming, Die demographische Entwicklung der jüdischen Gemeinden Gailingen und Randegg zwischen Schutzherrschaft und Emanzipation, in: Landjudentum im süddeutschen- u. Bodenseeraum, Forschungen zur Geschichte Vorarlbergs, Bd. 11, Dornbirn 1992

Detlef Girres, Auf den Spuren des jüdischen Gailingen, in: A.Frei/J.Runge (Hrg.), Erinnern - Bedenken - Lernen. Das Schicksal von Juden, Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern zwischen Hochrhein und Bodensee in Jahren 1933 - 1945, 2.Aufl., Sigmaringen 1993, S. 107 - 123

Naftali Bar/Giora Bamberger, Der jüdische Friedhof in Gailingen, Memor-Buch (2 Bände). Gemeinde Gailingen, Verein für die Erhaltung des Jüdischen Friedhofes in Gailingen, Gailingen/Zürich 1994

A.P. Kustermann/D.R.Bauer (Hrg.), Jüdisches Leben im Bodenseeraum. Zur Geschichte des alemannischen Judentums ..., Schwabenverlag Ostfildern 1994, S. 46 f.

Manfred Bosch (Hrg.), Alemannisches Judentum - Spuren einer verlorenen Kultur, Edition Isele, Eggingen 2001, S. 95 - 109 und S. 227 ff.

Ulrich Baumann, Zerstörte Nachbarschaften. Christen und Juden in badischen Landgemeinden 1862 – 1940, in: Studien zur jüdischen Geschichte Band 7, Dölling und Galitz Verlag, Hamburg 2001

Michael Brocke/Christiane E. Müller, Haus des Lebens - Jüdische Friedhöfe in Deutschland, Reclam Verlag, Leipzig 2001, S. 106/107

Gailingen, in: alemannia-judaica.de (mit zahlreichen Dokumenten aus allen Bereichen der jüdischen Ortshistorie)

Donaueschingen, in: alemannia-judaica.de (mit diversen Dokumenten)

Gisela Roming, Geschichte der jüdischen Gemeinde Gailingen, in: Franz Götz (Hrg.), Gailingen - Geschichte einer Hochrhein-Gemeinde, Hegau-Bibliothek, Band 98, Gailingen/Tübingen 2004, S. 291 - 380

Joachim Hahn/Jürgen Krüger, “Hier ist nichts anderes als Gottes Haus ...” Synagogen in Baden-Württemberg, Teilband 2: Orte und Einrichtungen, Konrad Theiss Verlag GmbH, Stuttgart 2007, S. 139 - 143

Jüdische Kultur im Hegau und am See“, in: HEGAU – Zeitschrift für Geschichte, Volkskunde und Naturgeschichte des Gebietes zwischen Rhein, Donau und Bodensee, Jahrbuch 64/2007, S. 47 - 58 und S. 149 – 184

Markus Wolter, particularly hard - Die Stadt Radolfzell im Nationalsozialismus, Freiburg 2010, S. 13/14 (Pogrom 1938)

Hans-Hermann Seiffert, "In Argentinien gerettet - in Auschwitz ermordet. Die Schicksale der jüdischen Familien Salomon Guggenheim aus Konstanz und Abraham Guggenheim aus Donaueschingen 1933-1942, Hartung-Gorre Verlag, Konstanz 2010

Helmut Fidler, Jüdisches Leben am Bodensee, Frauenfeld/Stuttgart/Wien 2011

Martina Wiemer, Jüdisches Leben in Donaueschingen, online abrufbar unter: juedischesleben-donaueschingen.de

Verein für jüdische Geschichte Gailingen e.V., Homepage des Museums Gailingen, in: jm-galingen.de

Der jüdische Friedhof in Gailingen, in: juedische-friedhoefe.info

Franz-J. Filipp (Red.), Donaueschingen: Flyer statt Stolpersteine, in: „Schwarzwälder Bote“ vom 9.5.2014

Auflistung der in Stockach verlegten Stolpersteine, online abrufbar unter: wikipedia.org/wiki/Liste_der_Stolpersteine_in_Stockach