Güssing/Burgenland (Österreich)

http://karten.plz-suche.org/at/ea8a/G%C3%BCssing_Landkarte_Bezirk.png Bezirk Güssing (gelb eingefärbt)

Die Existenz einer jüdischen Gemeinde in Güssing - zunächst als Tochtergemeinde von Rechnitz - ist seit den 1730er Jahren urkundlich belegt. Die ersten Juden ließen sich vermutlich - gefördert von der Fürstenfamilie Batthyàny - in den 1680er Jahre hier nieder; möglicherweise handelte sich hier um sephardische Juden. (Anm.: Anderen Angaben zufolge sollen sich schon im 15.Jahrhundert aus der Steiermark vertriebene Juden in Güssing ansässig gemacht haben.)

Wegen „Unstimmigkeiten“ mit der Muttergemeinde Rechnitz trennten sich in den 1730er Jahren die Güssinger Juden von dieser und bildeten nun eine selbstständige Kultusgemeinde.

Gegen Mitte des 18.Jahrhunderts waren die knapp 20 jüdischen Familien im herrschaftlichen Stadtmeierhof untergekommen; gegen jährlichen Mietzins wurden ihnen hier religiös-rituelle Einrichtungen wie Synagoge, Mikwe, Rabbinerwohnung zur Verfügung gestellt. Seit 1814 diente dann ein ursprünglich als Baumwollspinnerei geplantes Gebäude als „Judenhaus“. Befand sich die erste Synagoge der Güssinger Juden im Stadtmeierhof, so ließ die Herrschaftsfamilie Batthyány mitten im Ort einen Synagogenneubau errichten, der von der Kultusgemeinde 1840 käuflich erworben wurde; ein Anbau diente als Rabbinerwohnung.      

                                          Synagoge in Güssing (hist. Aufn.) 

Von 1854 bis 1910 gab es am Ort eine jüdische Volksschule, die bis zu vier Klassen umfasste. Ehe der Gemeinde um 1800 ein Beerdigungsareal im Mühlwinkel zur Nutzung überlassen wurde, hatten Verstorbene auf dem alten Friedhof beim Scheibelturm am Stadtgraben ihre letzten Ruhe gefunden. Ein Krankenunterstützungs- sowie ein Bestattungsverein gehörten zum jüdischen Gemeindeleben.

Juden in Güssing:

         --- 1735 ....................  31 Juden,

--- um 1750 .................  18 jüdische Familien,

    --- um 1800 ............. ca. 275 Juden,

    --- 1840 ................ ca. 520   “  ,

    --- 1847 .................... 427   “  ,

    --- 1857 .................... 750   “ (ca. 40% d. Bevölk.),

    --- 1880 ................ ca. 270   “  ,

    --- um 1895 ............. ca. 220   “  ,

    --- 1910 .................... 153   “  ,  

    --- 1920 ....................  94   “  ,

    --- 1934 ................ ca.  75   “  ,

    --- 1938 (März) .............  75   “  ,*     * ca. 150 Pers. mit Jennersdorf

             (Juni) .............  keine.

Angaben aus: Peter F.N. Hörz, Jüdische Kultur im Burgenland, S. 419/420

und                 www.vhs.a-busisness.co.at.

Ihren Lebensunterhalt bestritten die Juden von Güssing im 19.Jahrhundert zumeist als Kleinhändler (Hausierer) und Handwerker. Ihren Höchststand erreichte die Zahl der Gemeindeangehörigen mit ca. 750 Personen gegen Ende der 1850er Jahre. Doch schon Jahre später setzte eine starke Abwanderung in die neuen industriellen Zentren ein, was innerhalb nur weniger Jahrzehnte die Gemeinde ausbluten ließ. Obwohl die Zahl der jüdischen Bevölkerung in Güssing stark zurückgegangen war, spielten Juden in der Zwischenkriegszeit eine nicht unbedeutende Rolle: Samuel Latzer betrieb einen Ziegelofen, die jüdische Firma "Schmergel und Cohn" besaß ein Sägewerk; weiterhin gab es den Molkereibetrieb Farkas, die Fleischhauerei Samuel Heuberger, eine Gemischtwarenhandlung Weiss und das Gasthaus "Jockel-Wirt" der Familie Latzer. Zu Beginn der 1930er Jahre zählte die Kultusgemeinde nicht einmal mehr 100 Angehörige.

Der sog. „Anschluss“ an das Deutsche Reich 1938 besiegelte schnell das Ende der jüdischen Gemeinde in Güssing. Nach Misshandlungen und Raub ihres Eigentums verließen die meisten Juden fluchtartig ihren Heimatort; die noch hier Verbliebenen wurden auf Lastwagen verladen und Richtung Ungarn/Jugoslawien abgeschoben. Bereits im Juni 1938 war Güssing „judenfrei“. Der letzte Rabbiner von Güssing war Jakob Grünfeld (geb. 1865), der seit 1895 bis zu seiner Flucht in die USA (1938) hier amtierte. Während des Novemberpogroms wurde die gesamte Einrichtung der Synagoge zerschlagen, aus dem Gebäude herausgeschleppt und verbrannt; eine Brandlegung des Baues misslang aber. Das Synagogengebäude wurde später von den Nationalsozialisten zu einer Fest- und Turnhalle umfunktioniert; Anfang der 1950er Jahre  erfolgte der Abbruch des Gebäudes.                                        

  „Turn- und Festhalle“ in der NS-Zeit (hist. Aufn., aus: P. Genée, Synagogen in Österreich)

Nachweislich sind 14 Güssinger Juden dem Holocaust zum Opfer gefallen; das Schicksal weiterer 40 Personen lässt sich nicht nachverfolgen.

Am ehemaligen Standort der Synagoge - heute befindet sich hier das 1953 errichtete Rathaus - erinnert eine Gedenktafel an das einstige religiöse Zentrum der jüdischen Gemeinde.

Zum Gedenken an den Leidensweg unserer jüdischen Bürger.

Hier stand ihre Synagoge, die von den Nationalsozialisten durch Plünderung entweiht und zweckentfremdet wurde.

Die Stadtgemeinde

Auf dem ehemals großen jüdischen Friedhof im Mühlwinkel, der während der NS-Zeit geschändet wurde und heute z.g.T. überbaut ist, erinnern heute nur noch symbolische Grabsteine an das „Haus des Lebens“. Eine Gedenktafel trägt unter einer hebräischen Inschrift die Worte:

Zum Gedenken an die einst blühende Jüdische Gemeinde Güssing und ihre Mitglieder,

die in der NS-Zeit gedemütigt, beraubt und vertrieben wurden.

Viele von ihnen wurden ermordet. Wir gedenken ihrer Leiden und Opfer.

Israelitische Kultusgemeinde Graz

Im Jahre 2001 entdeckte man in Graz Grabsteine, die vom Güssinger Friedhof stammten; sie wurden an ihren alten Standort zurückgebracht.

Jüdischer Friedhof (Aufn. S., 2016, aus: wikimedia.org, CC BY-SA 4.0)

Weitere Informationen:

Michael Hetfleisch, Die Juden in Güssing, in: Stadtgemeinde Güssing (Hrg.), Stadterhebung Güssing, Güssing 1973, S. 215/216

Berth Rothstein, Der “Béla von Güssing” aus dem Burgenland (Österreich) erzählt seine 70jährige Lebensgeschichte, Eisenstadt 1978

Wolfgang Häusler, Probleme der Geschichte des westungarischen Judentums in der Neuzeit, in: Burgenländische Heimatblätter, Band 42, Eisenstadt 1980, S. 69 - 100

Paul Hajszány, Bilder-Chronik der Stadt Güssing 1870 - 1970, Güssing 1990

Paul Hajszány, Die Juden in Güssing, Maschinenmanuskript, Güssing 1991

Ursula Linkhorst/Peter F.N. Hörz, Jüdische Kultur in Güssing, Seminararbeit am Institut für Volkskunde, Universität Wien 1991

Patricia Steines, Mahnmale: Jüdische Friedhöfe in Wien, Niederösterreich und Burgenland, Wien 1992

Pierre Genée, Synagogen in Österreich, Löcker Verlag, Wien 1992, S. 96/97

Rudolf Kropf (Hrg.), Juden im Grenzraum: Geschichte, Kultur und Lebenswelt der Juden im Burgenländisch-West-ungarischen Raum und in den angrenzenden Regionen vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Symposium im Rahmen der ‘Schlainiger Gespräche’ (1990), Eisenstadt 1993

Burgenländische Volkshochschulen (Hrg.), Zerstörte Gemeinden im Burgenland - Eine Spurensuche 2002, in: www.vhs.a-business.co.at

Peter F.N. Hörz, Jüdische Kultur im Burgenland. Historische Fragmente – volkskundliche Analysen, in: Veröffentlichungen des Instituts für Europäische Ethnologie der Universität Wien, Band 26, Wien 2005, S. 413 – 425

Gert Polster, Die Entwicklung der israelitischen Kultusgemeinden Güssing, Rechnitz und Stadtschlaining in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts, in: Das Judentum im pannonischen Raum vom 16. Jahrhundert bis zum Jahr 1914, Kaposvár 2009

Philip Halper, Die jüdische Gemeinde in Güssing. Vertreibungen, "Arisierungen" und Rückstellungen, Diplomarbeit Universität Wien 2012

Burgenländische Forschungsgesellschaft (Hrg.), Jüdische Kulturwege im Burgenland – Rundgänge durch die „Sieben Gemeinden“ (Schewa Kehillot) und die Gemeinden des Südburgenlandes, Broschüre, 1. Aufl., Eisenstadt 2016, S. 34/35, auch online abrufbar unter: forschungsgesellschaft.at