Kardasch-Retschitz (Böhmen)

Die südböhmische Ortschaft Kardasch-Retschitz ist das heutige tschechische Kardašova Řečice mit derzeit ca. 2.300 Einwohnern - etwa zehn Kilometer nordwestlich der Bezirksstadt Neuhaus/Jindřichův Hradec gelegen.

Erstmals werden jüdische Bewohner in der Region gegen Ende des 13.Jahrhunderts erwähnt; im Dorf selbst sollen aber erst zu Beginn des 15.Jahrhunderts Juden gelebt haben, deren Aufenthalt vermutlich nicht von längerer Dauer war. Als Kleinhändler und Hausierer schlugen sie sich mehr schlecht als recht durchs Leben.

Die in Kardasch-Retschitz ansässigen jüdischen Familien hatten ihre Behausungen im "jüdischen Viertel"; ihre Häuser wurden bis 1920 durch römische Zahlen gekennzeichnet. Zwischen ihren Wohnhäusern stand die 1708 aus Holz erbaute Synagoge, die ein bereits um 1650 erwähntes Bethaus ablöste. Großbrände legten 1840 und 1863 das gesamte jüdische Viertel in Schutt und Asche. Bei dem Schadensfeuer von 1863 wurde auch die Synagoge vollständig zerstört; doch bereits ein Jahr später errichtete die Gemeinde einen Neubau.

   

Synagoge in Kardasch-Retschitz (hist. Aufn. aus: Jiří Fiedler, ŽIDOVSKÁ OBEC V KARDAŠOVĚ ŘEČICI )

Südöstlich der Ortschaft existierte vermutlich seit dem 17.Jahrhundert ein jüdischer Friedhof; der älteste vorhandene Grabstein trägt die Jahreszahl 1647; auf diesem Beerdigungsgelände wurden auch Juden aus umliegenden Ortschaften begraben.

Juden in Kardasch-Retschitz:

--- um 1680/90 ...................   8 jüdische Familien,

--- um 1715 ......................  10     “        “   ,

--- 1783 .........................  15     “        “   ,

--- 1811 .........................  15     “        “   ,

--- 1840 ......................... 136 Juden (6,5% d. Bevölk.),

--- 1857 ......................... 160   "  ,

--- 1880 ......................... 100   “  ,

--- 1890 .........................  64   “  ,

--- 1900 .........................  52   “  ,

--- 1921 .........................  22   “   (ca. 1% d. Bevölk.),

--- 1938/39 ......................  18   “  ,

--- 1942 .........................  19   “  ,

        (Mai) ....................  keine.

Angaben aus: Internationales Kirchhofprojekt IAJGS (Tschechische Republik)

und                Jiří Fiedler, ŽIDOVSKÁ OBEC V KARDAŠOVĚ ŘEČICI (online)

In der ersten Hälfte des 19.Jahrhunderts wuchs die Zahl der in Kardasch-Retschitz lebenden Juden deutlich an; damit verstärkte sich auch ihr wirtschaftlicher Einfluss in der Stadt. Doch als ab 1850/1860 eine starke Abwanderung in die größeren Städte einsetzte, sank ihre Bedeutung bereits wieder; innerhalb von nur vier Jahrzehnten verringerte sich die Zahl der Gemeindeangehörigen um mehr als zwei Drittel.

Sofern ihnen vorher nicht die Emigration/Flucht gelungen war, wurden die Kardascher Juden im Frühjahr 1942 über Theresienstadt in die Vernichtungslager deportiert; keiner von ihnen soll die Shoa überlebt haben.

Ende der 1950er Jahre wurde das marode Synagogengebäude abgerissen. Einziges verbliebenes Zeugnis früherer jüdischer Ansässigkeit in Kardašova Řečice ist der jüdische Friedhof; eine letzte Beerdigung fand hier 1965 statt.

Jüdischer Friedhof und alte Grabsteine (alle Aufn. Jitka Erbenová, 2012, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0)

File:ŽH Kardašova Řečice 11.jpg File:ŽH Kardašova Řečice 07.jpg

Weitere Informationen:

Internationales Kirchhofprojekt IAJGS (Tschechische Republik)

Jiří Fiedler, ŽIDOVSKÁ OBEC V KARDAŠOVĚ ŘEČICI (online abrufbar)

Jewish Families from Kardašova Řečice, Bohemia, Czech Republic, online abrufbar unter: geni.com/projects/Jewish-Families-from-Karda%25C5%25A1ova-%25C5%2598e%25C4%258Dice-Bohemia-Czech-Republic/15269

Jewish cemetery in Kardašova Řečice, onliner abrufbar unter: commons.wikimedia.org/wiki/Category:Jewish_cemetery_in_Kardašova_Řečice (mit div. Aufnahmen)