Ketsch (Baden-Württemberg)

Bildergebnis für ketsch baden-Württemberg Ketsch ist heute eine Kommune im Rhein-Neckar-Kreis mit derzeit ca. 13.000 Einwohnern – etwa 20 Kilometer südlich von Mannheim gelegen (Karte Hagar, 2010, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0).

Die Wurzeln der kleinen jüdischen Gemeinde von Ketsch liegen in der ersten Hälfte des 18.Jahrhunderts, als das Dorf zum speyrischen Herrschaftsbereich gehörte. Die Existenz jüdischer Familien in Ketsch wird erstmals 1727 erwähnt.

Bereits um 1750 gab es einen Betsaal, dessen Standort nicht mehr bekannt ist. Zeitweise suchten auch die Juden aus Schwetzingen die Ketscher Synagoge auf. Da um 1800 nur zwei jüdische Familien am Ort lebten, besuchten diese nun die Gottesdienste im Schwetzinger Betraum. Mitte der 1820er Jahre insistierten zwei Juden in Ketsch erfolgreich auf die Einrichtung einer eigenen Synagoge. Als Synagogengebäude diente nun ein um 1775 erbautes Haus in der Hockenheimer Straße, das im Besitz eines jüdischen Gemeindemitglieds war.

                                                                         Skizze des Bethauses (Robert Fuchs) 

Ab 1824/1827 bildete Ketsch eine autonome israelitische Kultusgemeinde; zur ihr zählten auch die jüdischen Bewohner im benachbarten Brühl.

Über einen eigenen Lehrer verfügte die kleine Gemeinde nur kurzzeitig; vermutlich erteilte ansonsten der Schwetzinger Lehrer den hiesigen Kindern Religionsunterricht.

 aus: "Großherzoglich Badisches Anzeige-Blatt für den See-Kreis" vom 5.3.1853

Ihre verstorbenen Gemeindemitglieder beerdigten die Ketscher Juden auf dem Friedhof in Bruchsal oder in Wiesloch, nach 1893 dann in Schwetzingen. 

Seit 1827 gehörte die Gemeinde Ketsch zum Rabbinatsbezirk Heidelberg.

Juden in Ketsch:

        --- um 1730 .......................  27 Juden,

    --- um 1800 .......................   2 Familien,

    --- 1825 ..........................  24 Juden,

    --- 1840 ..........................  27   “  ,

    --- 1853 ..........................  44   “  (in 8 Familien),

    --- 1900 ..........................  14   “  ,*   * andere Angabe: 27 Pers.

    --- 1925 ..........................  16   “  ,

    --- 1933 ..........................  13   “  ,

    --- 1935 ..........................  12   “  ,

    --- 1936 ..........................   4   “  .

Angaben aus: Die ehemalige jüdische Religionsgemeinschaft, in: Heimatchronik Ketsch, Ketsch, o.J., S. 352

Anfang der 1930er Jahre gehörten jüdischen Familien noch ein Manufakturwarengeschäft, eine Lebensmittelhandlung und ein Textilgeschäft; bis 1932 bestand die Ziegelei von Gustav Kaufmann.    

1937 löste sich die jüdische Gemeinde auf. Bereits zwei Jahre zuvor hatte der Ortsrat in einer Satzung beschlossen, den Zuzug von jüdischen Familien nach Ketsch zu unterbinden. In der Pogromnacht 1938 wurde der Betraum verwüstet und anschließend ‚ausgeräumt’, eine Brandlegung unterblieb aber; auch zwei in jüdischem Besitz befindliche Anwesen wurden zerstört. Nach der „Kristallnacht“ lebten keine jüdischen Bewohner mehr am Ort, so dass der Bürgermeister an das Badische Bezirksamt in Mannheim vermelden konnte: „Die Gemeinde Ketsch ist somit judenfrei.”

Mindestens sechs Juden aus Ketsch sind dem Holocaust zum Opfer gefallen.

Anm.: Das Gedenkbuch des Bundesarchivs verzeichnet 13 in Ketsch geborene jüdische Bürger, die dem NS-Völkermord zum Opfer gefallen sind.

Das ehemals als Synagoge genutzte Gebäude wurde bis in die 1990er Jahre als Wohnhaus genutzt, dann abgerissen.

 

Zu Beginn des 20.Jahrhunderts lebten in Brühl nur wenige Personen mosaischen Glaubens.

Gegenüber dem Rathaus in Brühl erinnert ein Gedenkstein mit der Inschrift:

1938 - 1998. Zum Gedenken an Frieda, Lena und Martha Rhein und an alle Opfer von Verfolgungen.

Gemeinde Brühl - 9. November 1998

Inzwischen sind dort auch sog. „Stolpersteine“ verlegt worden, die den drei verschleppten und ermordeten jüdischen Bewohnerinnen gewidmet sind.

"Stolpersteine" für Fam. Rhein, Hauptstr. (Aufn. Lenhardt, 2014, aus: mz.de) http://www.rnz.de/cms_media/module_img/31/15550_1_org_Stolpersteine_fuer_Kopf_und_Herz_atex_3f6e166f9d0de2139b9dd80b97bb2f71_onlineBild.jpg

Weitere Informationen:

Rudolf Stern, In jenen Jahren. Ein Tatsachenbericht, Heidelberg 1958 (liegt nur als Manuskript vor)

Franz Hundsnurscher/Gerhard Taddey, Die jüdischen Gemeinden in Baden, Stuttgart 1968, S. 152/153

Robert Fuchs, Die Kirchengeschichte von Ketsch, 3. Abschnitt: die ehemalige israelitische Gemeinde Ketsch, o.J.

Die ehemalige jüdische Religionsgemeinschaft, in: Heimatchronik Ketsch, Ketsch o.J., S. 350 - 352

Peter Kaiser, Ketsch im Nationalsozialismus, Magisterarbeit Universität Mannheim, Ketsch 2000 (Manuskript)

Ketsch mit Brühl, in: alemannia-judaica.de

Joachim Hahn/Jürgen Krüger, “Hier ist nichts anderes als Gottes Haus ...” Synagogen in Baden-Württemberg, Teilband 2: Orte und Einrichtungen, Konrad Theiss Verlag GmbH, Stuttgart 2007, S. 243/244

Ralf Strauch, "Von angesehenen Bürgern zu Verfolgten", in: "Schwetzinger Zeitung" vom 6. 11. 2013 

Reimer Schölermann (Bearb.), Gegen das Vergessen - Die jüdische Familie Rhein und die anderen Brühler NS-Opfer, Broschüre 2013 

Stefan Kern (Red.), Stolpersteine für Kopf und Herz in Brühl, in: „Rhein-Neckar-Zeitung“ vom 22.2.2014

Auflistung der Stolpersteine in Brühl, online abrufbar unter: .wikipedia.org/wiki/Liste_der_Stolpersteine_in_Brühl_(Baden)