Kobersdorf/Burgenland (Österreich)

http://karten.plz-suche.org/at/eb58/Karte_Kobersdorf.png Kobersdorf ist eine Marktgemeinde mit derzeit knapp 2.000 Einwohnern im Burgenland im Bezirk Oberpullendorf.

Juden durften sich erstmals 1526/1527 in Kobersdorf (Kabold) gegen Schutzgeldzahlungen und diverse Naturalabgaben an die Grundherrschaft der Weispriach ansiedeln; es waren Familien aus Ödenburg/Sopron, die sich nach der Niederlage des ungarischen Heeres gegen die Osmanen auf der Flucht befanden. Alsbald gründeten sie hier eine Gemeinde mit allen dafür notwendigen Einrichtungen wie Synagoge, Friedhof, Schächthaus und Gemeindegericht. Die engen Behausungen der Juden des Dorfes lagen um die Burg. Schon 1569 zählte die Gemeinde 18 Familien, die in in sieben Häusern wohnten.

Anm.: In Ödenburg/Sopron erinnert heute noch der gotische Synagogenbau aus dem frühen 14.Jahrhundert an die früheren Ansiedlungen von Juden; in den 1970er Jahren erhielt dieser seinen alten Glanz zurück.

Nach vorübergehender Vertreibung bzw. Abwanderung siedelten sich Ende der 1670er Jahre wieder jüdische Familien in Kobersdorf an, die nun Schutzjuden der Grafen Esterházy waren; seit dem 18.Jahrhundert zählte Kobersdorf zu den „Esterházyischen Sieben-Gemeinden”.

Karte der "Heiligen Sieben Gemeinden". (Bild: ORF) Anm.: Der Begriff „Siebengemeinden“ steht synonym für die jüdischen Gemeinden von Deutschkreutz (Németkeresztur), Eisenstadt (Kismarton), Frauenkirchen (Boldogasszony), Kittsee (Köpcsény), Kobersdorf (Kabold), Lackenbach (Lakompak) und Mattersdorf/Matterburg (Nagymarton).

In der religiösen ‚Hierarchie’ rangierte das orthodoxe Kobersdorf an vorderster Stelle der burgenländischen Gemeinden. 1860 ließ die jüdische Gemeinde gegenüber dem Schloss eine neue Synagoge errichten; das Gebäude war im Stile des Historismus erstellt worden.

                                              Synagoge in Kobersdorf (hist. Postkarte)

Das alte Bethaus wurde nur teilweise abgetragen und diente fortan als Bildungsstätte für jüdische Frauen. Seit dem Jahre 1873 beschäftigte die jüdische Gemeinde ständig einen Rabbiner und einen Lehrer. Ganz in der Nähe der Synagoge, an einem Hang des Lampelberges lag der jüdische Friedhof, der als einziger des Burgenlandes im Stile eines Waldfriedhofes angelegt wurde; seine Anfänge gehen bereits ins 16.Jahrhundert zurück.

Zur jüdischen Gemeinde Kobersdorf gehörten um 1930 auch die wenigen jüdischen Familien aus Draßmarkt, Kaisersdorf, Karl, Lindgraben, Oberpetersdorf, Ober Rabnitz, St. Martin, Weingraben und Weppersdorf.

Juden in Kobersdorf:

         --- 1569 .....................  18 jüdische Familien,

    --- 1697 ................. ca. 140 Juden,

    --- 1735 ..................... 184   “  ,   

--- 1785 ................. ca. 300   “  ,

    --- 1828 ..................... 746   “   (ca. 50% d. Dorfbev.),

    --- 1843 ..................... 760   “  ,

    --- 1860 ................. ca. 600   “  ,

    --- um 1870 .............. ca. 300   “  ,

    --- 1880 ................. ca. 340   “   (ca. 30% d. Dorfbev.),

    --- 1900 ..................... 327   “  ,

    --- 1910 ..................... 256   “  ,

    --- 1920 ..................... 284   “  ,

    --- 1934 ................. ca. 170   “   (ca. 13% d. Dorfbev.),

    --- 1938 .....................  95   “  ,

    --- 1939/40 ..................  keine.

Angaben aus: Hugo Gold (Hrg.), Gedenkbuch der untergegangenen Judengemeinden des Burgenlandes, S. 86

Eine der ältesten jüdischen Familien in Kobersdorf war die seit ca. 1700 ansässige Familie Riegler; David Zwi Riegler gründete 1887 eine genossenschaftliche Sparkasse, die allen Einwohnern des Ortes zur Verfügung stand. - Im Jahre 1895 wurden zahlreiche Häuser der Judengasse von einer verheerenden Überschwemmung des Schwarzbachs zerstört, worauf vermehrt jüdische Familien abwanderten. Die Kobersdorfer Juden hießen danach im Volksmund „die Einseitigen”, weil sie inzwischen nur noch einen Häuserbogen am Fuße des alten Schlosses bewohnten.

Judenviertel“ in Kobersdorf (hist. Aufn.) 

Aus einem Reisebericht des Journalisten Otto Abeles von 1927: „ ... Als jüngst der gestrenge Rabbi von Zelem (Deutschkreutz) in Kobersdorf weilte, stellte er entrüstet fest, das Gitter der Frauenabteilung in der neuen Schul sei nicht undurchsichtig genug, und forderte die Baalebatim auf, ein so dichtes Drahtnetz anzubringen, wie es in Zelem die Frauen vor den Blicken der Männer einwandfrei bewahrte. Er kam bei den Kobersdorfern nicht gut an. ... Sie sind einfache Leute, die Kobersdorfer. Eine Kehilla ‘prosterer’ Juden, meist Viehhändler und Hausierer, die tagsüber auswärts sind oder gar erst vor Sabbateingang nach Hause kommen und wenig Zeit, auch nicht besondere Neigung zum ‘Lernen’ haben. Sie sind fromm und treu, aber lassen sich durch noch frömmere oder gar fanatische von auswärts nicht ins Bockshorn jagen. ... Das rühmliche Kobersdorfer Sauerwasser, die würzige Waldluft, die weiten Spaziergänge in die Berge locken nämlich zahlreiche Sommerfrischler hierher, die Bauernhäuser und die jüdischen Wirtsleute sind auf sie eingerichtet, Kobersdorf ist der Kurort unter den ‘Schewa Kehillot’. ”  (aus: „Wiener Morgenzeitung” vom 3.März 1927)

Ab Ende des 19.Jahrhunderts ging die Zahl der in Kobersdorf lebenden Juden stetig zurück; zu Beginn der 1930er Jahre war ihre Zahl auf unter 200 Personen gesunken. Wie die Kobersdorfer Ortschronik vermeldet, waren die „jüdischen Bürger von Kobersdorf ... voll integriert sowohl im Bereich von Kunst und Kultur, als auch im Bereich des Sportes. Bei allen Veranstaltungen des öffentlichen Lebens waren sie mit eingeschlossen”. Anfang der 1930er Jahre zählten zur Kobersdorfer Gemeinde noch die Juden aus Draßenmarkt, Kaiserdorf, Karl, Lindgraben, Oberpetersdorf, Ober-Rabnitz, St. Martin, Weingraben und Weppersdorf; in den genannten Ortschaften hatten sich im Verlaufe des 19.Jahrhunderts einzelne Familien mosaischen Glaubens niedergelassen.

Nach dem sog. „Anschluss” (März 1938) finden sich nur noch sehr wenige Belege über das Schicksal der Kobersdorfer Juden; die allermeisten waren nach Wien geflohen, um von hier aus ihre Emigration vorzubereiten. Deren Eigentum wurde in der Regel entschädigungslos eingezogen oder weit unter Wert veräußert, Möbel und Hausrat zur öffentlichen Versteigerung gebracht. Der letzte Rabbiner Kobersdorfs, Simon Goldberger, wurde 1938 über die „Grüne Grenze“ nach Ungarn abgeschoben und dabei schwer misshandelt; sein weiteres Schicksal und das seiner Familie sind nicht bekannt.

    http://www.burgenland.at/fileadmin/_processed_/csm_Juden_unerwuenscht__afd6fcacef.jpg Transparent in einem burgenländischen Dorf (Abb. aus: burgenland.at)

Während der „Kristallnacht“ wurde die Kobersdorfer Synagoge verwüstet, jedoch nicht zerstört. In den Folgejahren diente diese als Lagerraum, zeitweilig als Exerzierhalle der hiesigen SA. Dass das Gebäude die NS-Zeit unbeschadet überstand, war dem damaligen Bürgermeister zu verdanken.

Nach Kriegsende kehrten nur drei Kobersdorfer Juden zurück; insgesamt sollen die Shoa 44 ehemalige jüdische Dorfbewohner überlebt haben.

Kobersdorf ist heute der einzige Ort der „Siebengemeinden“, in dem das Synagogengebäude noch erhalten ist; der aus Privatleuten bestehende „Verein zur Erhaltung und kulturellen Nutzung der Synagoge Kobersdorf”, der 1995 das baufällige Synagogengebäude von der Israelitischen Kultusgemeinde Wien gekauft hatte, bemüht sich nach Kräften, das Haus vor dem endgültigen Verfall zu bewahren und als Denkmal für die ausgelöschten jüdischen Gemeinden des Burgenlandes zu erhalten. Doch ein seit Jahren schwelender Rechtsstreit zwischen dem Verein und der IKG Wien um Rückabwicklung des 1995 getätigten Kaufes lähmt jede Aktivität hinsichtlich einer Restaurierung des Gebäudes.

 Synagoge 2006 u. 2016 (Aufn. Earnest B., aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0)

Das Gebäude der jüdischen Schule, in dessen Räumen auch das Frauenbad untergebracht war, wurde in den 1950er Jahren abgetragen. Dem Abriss fiel auch das unmittelbar neben dem Schulgebäude gelegene Mazzen-Backhaus zum Opfer.

2017 wurde in Kobersdorf ein Mahnmal enthüllt, das an die ehemaligen jüdischen Bewohner des Ortes erinnert. In den schwarzen granitenen Stein wurden die Namen von 219 jüdischen Kobersdorfer eingraviert, die 1938 noch im Ort gelebt haben, ehe sie vertrieben oder ermordet wurden.

Das jahrelang stark vernachlässigte, in einem Wäldchen gelegene jüdische Friedhofsgelände wurde Ende der 1980er Jahre im Auftrag der burgenländischen Landesregierung saniert. Mehr als 1.000 Grabsteine legen heute noch Zeugnis davon ab, dass es in Kobersdorf eine große jüdische Gemeinde gegeben hat.


Jüdischer Friedhof in Kobersdorf (Aufn. Hadinger und Bwag, 2012, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0 at)

Weitere Informationen:

Josef Loibersbeck, Beiträge zur Geschichte des Burgenlandes, in: “Volk und Heimat” No. 14/1958

Margarethe Hausensteiner, Kobersdorf. Ein Ort in seiner Geschichte, Tradtion und Entwicklung, Kobersdorf o.J.

M. Philipp Riegler, Geschichte der Juden in Kobersdorf, in: Hugo Gold (Hrg.), Gedenkbuch der untergegangenen Judengemeinden des Burgenlandes, Edition ‘Olamenu’, Tel Aviv 1970, S. 84 ff.

Herbert Rosenkranz, Verfolgung und Selbstbehauptung. Die Juden in Österreich 1938 - 1945, Herold-Verlag, Wien 1978

Widerstand und Verfolgung im Burgenland 1934 bis 1945 - eine Dokumentation, Hrg. Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes, Wien 1979, S. 294 ff.

Pierre Genée, Synagogen in Österreich, Löcker Verlag, Wien 1992, S. 92/93

Shalom Fried, Auf den Spuren jüdischen Lebens im Burgenland. Das Erbe der Schewa Kehiloth, in: Mahnmale. Jüdische Friedhöfe in Wien, Niederösterreich und Burgenland, Wien 1992, S. 116 ff.

Peter Aster/Monika Berger, Die Geschichte der Juden in Kobersdorf, Seminararbeit am Institut für Volkskunde, Universität Wien, 1992

Pierre Genee, Synagogen im Burgenland, in: Schlomo Spitzer (Hrg.), Beiträge zur Geschichte der Juden im Burgenland (Tagungsberichte), Wien 1995

Johannes Reiss, Aus den sieben Gemeinden - Ein Lesebuch über Juden im Burgenland, hrg. aus Anlaß des Jubiläums 25 Jahre Österreichisches Jüdisches Museum, Eisenstadt 1997, S. 165 ff.

Naama Magnus, Neues von der Synagoge Kobersdorf, in: DAVID - Jüdische Kulturzeitschrift, Heft 71 (Dez. 2006)

Informationen der Burgenländischen Forschungsgesellschaft, Eisenstadt 2005

Peter F.N. Hörz, Jüdische Kultur im Burgenland. Historische Fragmente – volkskundliche Analysen, in: Veröffentlichungen des Instituts für Europäische Ethnologie der Universität Wien, Band 26, Wien 2005, S. 293 – 310

Erwin J. Hausensteiner, Die ehemalige jüdische Gemeinde Kobersdorf, Eigenverlag, 2008

Judith Susanna Welz-Käsznar, Synagoge Kobersdorf - Revitalisierung. Verbliebene jüdische Geschichte im Burgenland, Diplomarbeit an der Technischen Universität Wien, Wien 2008

Norbert Lehner/Stefan Lentsch, „Vertrieben und Vergessen. Auf den Spuren des Judentums im Burgenland“ (Film), Erstausstrahlung 28.2.2010 im ORF2

Naama G. Magnus, 150 Jahre Synagoge Kobersdorf, in: DAVID - Jüdische Kulturzeitschrift, Heft 84 (April 2010)

Naama G. Magnus, Auf verwehten Spuren – Das jüdische Erbe im Burgenland, Teil 1: Nord- und Mittelburgenland, hrg. vom Verein zur Erhaltung und kulturellen Nutzung der Synagoge Kobersdorf, 2013

Josef Tiefenbach, Erhaltung und Verwaltung des kulturellen Erbes am Beispiel der Synagoge Kobersdorf oder wie man diese Aufgabe auch verstehen kann, in: Jakob Persch/Karin Sperl (Hrg.), Fokus Burgenland – Spektrum Landeskunde, Festschrift für Roland Widder, Eisenstadt 2015, S. 491 - 498

Burgenländische Forschungsgesellschaft (Hrg.), Jüdische Kulturwege im Burgenland – Rundgänge durch die „Sieben Gemeinden“ (Schewa Kehillot) und die Gemeinden des Südburgenlandes, Broschüre, 1. Aufl., Eisenstadt 2016, S. 22/23 (auch online abrufbar unter: forschungsgesellschaft.at)

N.N. (Red.), Kobersdorfer Synagoge von Verfall bedroht, in: volksblatt.at vom 3.9.2017

N.N. (Red.), Mahnmal in Kobersdorf eröffnet, in: burgenland ORF.at vom 4.9.2017

Heike Hausensteiner (Red.), Judenverfolgung. Gedenken von unten, in: „Wiener Zeitung“ vom 13.2.2018

Edith Grünwald (Red.), Kobersdorf: neuer Anlauf für die Synagoge. Das Land verhandelt mit Besitzer-Verein über die Zukunft des verfallenden Bethauses, in: kurier.at vom 23.10.2018