Komotau (Böhmen)

 Bildergebnis für udlice landkarte http://www.goerkau.de/pictures/gallery/90Karte_web.jpg Die nordböhmische, am Südrand des Erzgebirges liegende Stadt Komotau (tsch. Chomutov) war seit Mitte des 13.Jahrhunderts im Besitz des Deutschen Ordens, seit 1605 Königsstadt. Zu Beginn des 20.Jahrhunderts betrug der deutsche Bevölkerungsanteil ca. 90% (Karte aus: heimatkreis-komotau.de und historische Landkarte um 1900, aus: goerkau.de).

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Ansicht von Komotau gegen Mitte des 17.Jahrhunderts (Abb. aus: wikipedia.org, gemeinfrei)

Als 1421 die Stadt Komotau von den Hussiten eingenommen wurde, fielen fast alle in der Stadt lebenden bzw. sich hier aufhaltenden Juden den Eroberern zum Opfer; dem Angebot, sich taufen zu lassen und so am Leben zu bleiben, kamen die meisten Juden nicht nach; so starben sie in den Flammen.

In den Jahrzehnten nach 1468 sind urkundlich mehr als 50 Juden in Komotau nachweisbar. Schutzherr waren damals die Herren von Lobkowitz. In der niederen Vorstadt befanden sich die meisten Judenhäuser und auch die beiden Synagogen. Der sog. „Freiheitsbrief“ von 1515 erlaubte es der Stadt Komotau, Juden das Wohnen, Betreiben eines Handwerkes und Ausübung von Handelstätigkeit in der Stadt und den Vorstädten zu verbieten. Daraufhin veräußerten die Juden ihre Immobilien, einschließlich der beiden Synagogen, und verließen im Laufe der nächsten Jahre die Stadt. Dieses Verbot wurde im Laufe der Zeit mehrfach bekräftigt und blieb bis 1848 in Kraft. Erst danach ließen sich in der aufblühenden Industriestadt, die viele Erwerbsmöglichkeiten bot, immer mehr jüdische Familien nieder. Anfang der 1860er Jahre lebten in der bis dato „judenfreien“ Stadt etwa 200 Menschen mosaischen Glaubens. Die Zahl der jüdischen Einwohner blieb ab 1880/1890 bis in die 1930er Jahre mit 500 bis 600 Personen nahezu konstant.

Bereits in den 1860er Jahren war die Zahl der Juden Komotaus so groß geworden, dass man an die Einrichtung eines eigenen Betsaals dachte; bis dahin hatte man Gottesdienste im nahen Eidlitz, Bielenz bzw. Horschenz aufgesucht. Die jüdischen Familien, die zunächst in zwei getrennten Gemeinschaften in Hinterhäusern Betlokale nutzten, kamen 1873 überein, in einem Haus in der Frohngasse einen gemeinsamen Betraum zu errichten. Nachdem der neugewählte Vorstand die Gemeinde-Statuten verabschiedet hatte, wurde ein „Tempelbau-Komitee“ gebildet, das mit der Realisierung eines Synagogenneubaus beauftragt wurde. Im Jahre 1876 konnte die neue Synagoge eingeweiht werden; die Feierlichkeiten leitete Dr. Maybaum, der damals Rabbiner in Saaz war.

Aus dem Programm zur Einweihungsfeierlichkeit:


            http://heimatkreis-komotau.de/synagoge01.jpg

Synagoge in Komotau (links: hist. Ansicht, um 1900  -  rechts: Zeichnung, aus: Komotauer Jahrbuch No.6)

Von dieser Zeit an entwickelte sich die Komotauer Gemeinde kontinuierlich; sämtliche jüdischen Gemeinden im Bezirk Komotau - dazu zählten Bielenz, Eidlitz, Görkau und Horschenz - wurden 1890 zu einer zentralen Synagogengemeinde vereint, die in Komotau ihren Sitz hatte.

Verstorbene Gemeindemitglieder fanden auf dem 1892 neu angelegten jüdische Friedhof in Komotau ihre letzte Ruhe, aber auch in Bielenz, Eidlitz und Horschenz.

Juden in Komotau:

        --- 1848 ............................. einige jüdische Familien,

    --- 1870/75 ...................... ca.   100 jüdische Familien,

    --- 1880 ......................... ca.   560 Juden (ca. 5% d. Bevölk.),

    --- 1890 .............................   525   "  ,

    --- 1900 .............................   512   “  ,

    --- 1910 .............................   531   “  ,

    --- 1921 .............................   483   “   (ca. 1% d. Bevölk.),

    --- 1930 .............................   444   “  .

Angaben aus: Rudolf M. Wlaschek, Juden in Böhmen - Beiträge zur Geschichte des europäischen Judentums, S. 25

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Marktplatz von Komotau (Abb. aus: wikipedia.org CCO)  -  Plattner Straße in Komotau (hist. Postkarte)

In der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen umfasste die Komotauer Gemeinde ca. 200 Familien. Im Jahre 1926 feierten sie anlässlich des 50.Jahrestages der Synagogeneinweihung einen Festgottesdienst.

In den Wochen vor dem „Münchner Abkommen” von 1938 verließen die meisten jüdischen Familien die Stadt, um sich in Sicherheit zu bringen. Die noch in der Stadt verbliebenen Juden wurden im November 1938 von der SA gezwungen, sich auf dem Hauptplatz einzufinden, wo sie sich einer mehrhundertköpfigen Menge zur Schau stellen mussten. Während des Novemberpogroms ließ man - unter Aufsicht der Feuerwehr (!) - die Synagoge in Komotau kontrolliert niederbrennen.

 

Synagoge kurz vor und nach der Zerstörung (aus: Komotauer Jahrbuch No.6, in: komotau.de)

In der Folgezeit wurden die wenigen in der Stadt lebenden Juden vertrieben bzw. verschleppt.

Nach 1945 kehrten keine jüdischen Bewohner wieder in ihre Heimatstadt zurück.

Im Bezirksmuseum (Okresni Muzeum v Chomutove) wird - neben Ausstellungen zur Stadt- und Regionalgeschichte - auch die jüdische Geschichte Nordwestböhmens dokumentiert.

Am Platz der ehemaligen Synagoge vermisst man bis auf den heutigen Tag eine Gedenktafel o.ä.

Noch bis in die 1980er Jahre wies der jüdische Friedhof noch Grabsteine auf; doch inzwischen hat man das Begräbnisareal eingeebnet, alle Steine und die Trauerhalle entfernt. Nur ein 2008 auf dem ehemaligen Friedhof erstellter Gedenkstein weist auf die ehemaligen jüdischen Einwohner und auf das zu einer Grünfläche umgestaltete Gelände hin.

Der jüdische Dichter und Lyriker Max Fleischer, gebürtig in Komotau (1880-1941), der auch durch seine Nachdichtungen chinesischer Lyrik bekannt wurde, kam in einem Konzentrationslager ums Leben.

 

Erste jüdische Ansiedlung im Dorfe Bielenz (tsch. Bílence) soll bereits im ausgehenden 16./beginnenden 17.Jahrhundert erfolgt sein; um 1750 sind zehn jüdische Familien nachweisbar; zu Beginn des 19.Jahrhunderts wurden ca. 80 Familien gezählt; sie lebten als Kaufleute und Handwerker, aber auch als Bauern. Neben einem Friedhof besaß die Gemeinde seit Mitte der 1820er Jahre besaß die Gemeinde eine Synagoge mit Schule. Zu Beginn des 20.Jahrhunderts führte die Abwanderung der jüdischen Bewohner in größere Städte dazu, dass sich die Gemeinde auflöste. Die ehemalige jüdische Schule wurde an Privatleute verkauft. Das Synagogengebäude ging in kommunale Hand über, die sich ihrerseits verpflichtete, als Gegenleistung den jüdischen Ortsfriedhof zu pflegen. Das veräußerte Gebäude diente nach 1928 einem Kindergarten als Domizil.

 

Im Dorfe Horschenz (Horenec) - ca. sechs Kilometer südöstlich von Komotau - existierte seit dem ausgehenden 17.Jahrhundert eine jüdische Gemeinde. Eine um 1750 eingerichtete Synagoge wurde 1839 durch einen Neubau ersetzt. Vor dem Dorf lag der gemeindliche Friedhof.

Das Ende der Horschenzer Judengemeinde war um 1890 besiegelt.

 

Im unweit von Komotau gelegenen Görkau (tsch. Jirkov) ist eine kleine jüdische Gemeinde seit der ersten Hälfte des 17.Jahrhunderts dokumentiert. Gegen Mitte des 19.Jahrhunderts lebten im Ort elf jüdische Familien. Mitte der 1840er Jahre ließ die Judenschaft eine neue Synagoge erbauen. Das Gebäude überstand die NS-Zeit unversehrt und dient schon jahrzehntelang als Lagerraum.

     Ehem. Synagoge in Görkau (Aufn. Pavel Frýda 2009, aus: zanikleobce.cz)

vgl. Görkau (Böhmen)

Weitere Informationen:

Ignaz Krahl: Geschichte der königlichen Stadt Komotau. Komotau 1914

Rudolf Wenisch/Emil Krakauer (Bearb.), Geschichte der Juden in Komotau, in: Hugo Gold (Hrg.), Die Juden und Judengemeinden Böhmens in Vergangenheit und Gegenwart, Brünn/Prag 1934, S. 299 – 304

Germania Judaica, Band III/1, Tübingen 1987, S. 663/664

Rudolf M.Wlaschek, Zur Geschichte der Juden in Nordostböhmen unter besonderer Berücksichtigung des südlichen Riesengebirgsvorlandes, in: Historische und landeskundliche Ostmitteleuropa-Studien, Band 2, Marburg/Lahn 1987

Rudolf M. Wlaschek, Juden in Böhmen - Beiträge zur Geschichte des europäischen Judentums im 19. und 20.Jahrhundert, in: Veröffentlichungen des Collegium Carolinum, Band 66, R.Oldenbourg-Verlag, München 1997

Geschichte der Juden in Komotau, in: Komotauer Jahrbuch, Folge 6/2001, Nürnberg 2001, S. 102 - 111

Jörg Osterloh, Nationalsozialistische Judenverfolgung im Reichsgau Sudetenland 1938 - 1945, in: Veröffentlichungen des Collegium Carolinum, Band 105, Verlag R. Oldenbourg, München 2006, S. 215

Jitka Mládková (Red.), In Chomutov erinnert ein neues Denkmal an jüdische Bewohner, in: Radio Praha vom 20.5.2008

The Jewish Community of Chomutov (Komotau), Hrg. Beit Hatfutsot – The Museum of the Jewish People, online abrufbar unter: dbs.bh.org.il/place/chomutov

Stanislav Ded (Red.), Richard Goldmann und seine Botschaft an uns, in: Wilfried Heller (Hrg.), Jüdische Spuren im ehemaligen Sudetenland - Beiträge einer internationalen Tagung in Cheb (Eger), 2017, S. 143 - 156