Pforzheim (Baden-Württemberg)

Bildergebnis für Pforzheim karte Pforzheim ist heute eine Großstadt mit derzeit knapp 120.000 Einwohnern am Nordrand des Schwarzwalds am Zusammenfluss von Enz, Nagold und Würm – etwa 35 Kilometer südöstlich von Karlsruhe gelegen (Karte aus: suche-postleitzahl.org).

In den 1920er Jahren erreichte der Zahl der jüdischen Einwohner Pforzheims mit mehr als 1.000 Personen ihren zahlenmäßigen Zenit.

In Pforzheim bestand seit dem 12.Jahrhundert eine jüdische Gemeinde; in einer 1067 ausgestellten Urkunde Kaiser Heinrich IV. wird erstmals die Existenz von Juden in Pforzheim erwähnt. Im Zusammenhang eines angeblichen Ritualmordes mit anschließender Verfolgung werden Juden in Pforzheim um 1260 erneut erwähnt. Überlieferungen über Juden in Pforzheim während des Mittelalters sind sehr spärlich. Während der Pestjahre 1348/1349 soll die hiesige jüdische Gemeinde vernichtet worden sein. Doch bereits einige Jahrzehnte später schienen wieder einige Familien in Pforzheim gelebt zu haben. In den folgenden Jahrhunderten waren nur relativ wenige Schutzjuden in Pforzheim ansässig; sie mussten in der „Judengasse“, vermutlich der heutigen Barfüßergasse, wohnen. Als die Stadt während des Pfälzischen Krieges mehrfach zerstört und geplündert wurde, wollte man die jüdischen Einwohner aus der Stadt verweisen.

Pforzheim – Stich von M. Merian, 1643 (Abb. aus: wikipedia.org, gemeinfrei)

Zu Beginn des 18.Jahrhunderts sollen fünf jüdische Familien in Pforzheim gelebt haben; derzeit sollen sie in der Stadt „Kramläden mit allerlei Waren“ betrieben haben. Der Zuzug weiterer Familien scheiterte zunächst am Widerstand der Zünfte und des Stadtrates; sie fürchteten jüdische Konkurrenz bei ihren Geschäften. Erst die napoleonische Besatzungszeit brachte für die etwa 12.000 im Großherzogtum Baden lebenden Juden erhebliche Erleichterungen, doch blieben sie bis 1809 „Schutzbürger“ ohne Wahlrecht und Niederlassungsfreiheit; erst mit dem sog. „Judenedikt“ von 1809 wurden sie vollständig gleichgestellt. 1812 richtete die jüdische Gemeinde in Pforzheim - anstelle ihres 1805 abgebrannten Betsaales - eine bescheidene Synagoge in der Metzgerstraße, am heutigen Waisenhausplatz, ein; vermutlich handelte es sich bei diesem Gebäude um ein umgebautes Bürgerhaus; etwa 20 Jahre später wurde diesem eine Schule angegliedert. Die bis 1876 bestehende Konfessionsschule wurde danach als Religionsschule weitergeführt.

Ausschreibung Lehrerstelle (aus: „Allgem. Zeitung des Judentums" vom 17. Nov. 1874)

In einer privaten Kleinanzeige warb der hiesige Kantor für die in seinem Hause vorhandene „Knabenpension“:

aus: „Allgemeine Zeitung des Judentums" vom 20.Aug. 1878

Einen eigenen Begräbnisplatz gab es von 1846 bis 1877 in der Eutinger Straße; zuvor waren Verstorbene auf dem jüdischen Friedhof in Untergrombach beigesetzt worden. Ab 1878 wurden die Toten auf dem Friedhof „Auf der Schanz“ in der Oststadt (Teil des kommunalen Friedhofs) beerdigt.

[vgl. Untergrombach (Baden-Württemberg)]

Juden in Pforzheim:

        --- 1709 ............................     5 jüdische Familien,

    --- 1784 ............................    13 jüdische Familien (85 Personen),

    --- 1789 ............................   100 Juden (ca. 2% d. Bevölk.),

    --- 1801 ............................   103   “  ,

    --- 1810 ............................    95   “  ,

    --- 1825 ............................   128   “  ,

    --- 1837 ............................   118   “  ,

    --- 1846 ............................   146   “   (1,7% d. Bevölk.),

    --- 1861 ............................   168   “  ,

    --- 1875 ............................   287   “   (1,2% d. Bevölk.),

    --- 1900 ............................   536   “  ,

    --- 1910 ............................   766   “   (1,1% d. Bevölk.),

    --- 1925 ............................   886   “   (1,3% d. Bevölk.),

    --- 1927 ........................ ca. 1.000   “  ,

    --- 1933 ............................   770   “   (1% d. Bevölk.),

    --- 1939 ........................ ca.   200   “  ,

    --- 1940 (Nov.) ................. ca.    40   “  ,*      * in ‘Mischehe' lebende Juden

Angaben aus: Gerhard Brändle, Die jüdischen Mitbürger der Stadt Pforzheim, S. 8

Wegen des starken Wachstums der jüdischen Gemeinde von Pforzheim wurde Ende 1892 an der Zerrennerstraße ein neuer repräsentativer Synagogenbau im maurisch-gotischen Stil - ein Werk des bekannten Architekten Ludwig Levy aus Karlsruhe - eingeweiht. An den Feierlichkeiten - die Festpredigt hielt Stadtrabbiner Dr. Adolf Schwarz aus Karlsruhe - nahmen auch Vertreter der Stadt und der christlichen Konfessionen teil. Zu diesem Zeitpunkt zählte die jüdische Gemeinde in Pforzheim knapp 500 Mitglieder.

Über die Einweihung berichtete die „Allgemeine Zeitung des Judentums“ am 13. Januar 1893:

Pforzheim, 2. Januar. Am 27. Dezember d.J. wurde die feierliche Einweihung der nach den Entwürfen des Architekten Ludwig Levy, Professor an der Baugewerkschule in Karlsruhe, neu erbauten Synagoge vollzogen. Zu derselben waren als Vertreter des großherzoglichen Kultusministeriums sowie des großherzoglichen Oberrats die Herren Ministerialrat Becherer und Regierungsrat Dr. Mayer aus Karlsruhe, sowie außerdem Herr Konferenzrabbiner Dr. Sondheimer aus Heidelberg erschienen. Als Festprediger funktionirte Herr Konferenzrabbiner Dr. Schwarz von Karlsruhe. Mehrere Nachbargemeinden, insbesondere diejenige zu Karlsruhe, waren durch Abgeordnete vertreten. Die staatlichen und städtischen Behörden betheiligten sich nahezu vollzählig an der Feier. Ferner waren die drei Abgeordneten von Stadt und Bezirk in der zweiten Kammer der Landstände anwesend. Die rege Betheiligung von Seiten aller Konfessionen, namentlich auch der evangelischen und altkatholischen Geistlichkeit, sowie ganz besonders die Mitwirkung von Sängern und Sängerinnen der beiden ersten Gesangvereine der Stadt zeigten aufs Erfreulichste, in welcher Eintracht die verschiedenen Bekenntnisse daselbst leben. – Die Feier begann um 3 ½ Uhr mit der Ceremonie der Uebergabe des Schlüssels durch den Architekten Herrn Professor Levy an den Vorstand der Gemeinde, Herrn Heinrich Netter, welcher solchen an Herrn Ministerialrath Becherer als Vertreter der großherzoglichen Regierung weiter gab. Aus dessen Händen empfing denselben Herr Rabbiner Dr. Schwarz, welcher nach einer kurzen Ansprache an die Versammelten die Pforte des Tempels erschloß. Mit dem Chor aus dem Oratorium ‚Samson’ von Händel: ‚Höre Jakobs Gott, o Ewiger, hör’,’ begann die Feier im Innern des Gotteshauses. - ... erfolgte alsdann die feierliche Einbringung der Thorarollen durch den Rabbiner und die vier ältesten Gemeindemitglieder. – Hierauf folgte die Predigt des Rabbiners Dr. Schwarz. ... Es folgte die Fürbitte für Kaiser und Großherzog, Reich und Heimatland, Stadt und Gemeinde, dann das herrliche Beethoven’sche ‚Die Himmel rühmen des Ewigen Ehre’ und das Schlußgebet des Rabbiners.   

Nur mit einem kurzen Hinweis berichtete die konservative Zeitschrift „Der Israelit“ in ihrer Ausgabe am 13.Jan. 1893:

                                                                           Synagoge in der Zerrennerstraße (hist. Aufn., Stadtarchiv Pforzheim)

           aus der Zeitschrift „Der Israelit“ vom 24. Juni 1920 

Von 1926 bis 1938 benutzte die „Israelitische Bethausgemeinschaft” - eine religiös-orthodoxe Gruppe - (ausgestattet mit dem Inventar der geschlossenen Synagoge von Menzingen) einen Betsaal in der Rennfeldstraße; dieser „Adas Jeschurun“ gehörten vor allem ostjüdische Zuwanderer an, die um die Jahrhundertwende vor Pogromen aus Osteuropa geflohen waren und auf eine strenge Auslegung der Religionsgesetze bestanden.

Über die 1926 erfolgte Einweihung berichtete „Der Israelit“ wie folgt:

"Pforzheim, 5. Sept. Am gestrigen Schabbat Nizawim WaJelech wurde das neue Beit Haknesset (Synagoge) der hiesigen Adaß Jeschurun in Benutzung genommen und damit einem lange gefühlten Bedürfnis entsprochen, da die Räume, welche bisher den Zwecken der Gemeinde dienten, in jeder Beziehung unzulänglich waren ... Von einer größeren Feier mußte aus äußeren Gründen Abstand genommen werden, und des freudigen Anlasses wurde deswegen beim Gottesdienst am Schabbat gedacht. In seiner Ansprache gab der 2. Vorsitzende, Herr S. Puder, einen geschichtlichen Ueberblick über die Entstehung des Minjan, welches sich aus den kleinsten Anfängen im Jahre 1905 bis zu dem jetzigen Bestande trotz der schweren Zeit des Krieges und der Nachkriegszeit entwickelt hat und nur unter Aufwendung größter Energie und erheblicher materieller Opfer für jedes Mitglied zu erhalten war. Herr J. Goldberg schloß die Reihe der Redner mit geistvollen Zitaten aus Midrasch und Gemara.
Die Adaß Jeschurun verfügt jetzt über eine schöne und würdige Synagoge mit 60 Männer- und 50 Frauenplätzen, welche bereits alle vergeben sind. Der Badische Oberrat der Israeliten hat durch den Synagogenrat in dankenswerter Weise eine sehr schöne Inneneinrichtung, welche früher der leider eingegangenen Gemeinde Menzingen bei Bruchsal gehörte, ... zur Verfügung gestellt. Es ist zu wünschen, daß die Adaß Jeschurun, welche das traditionell gesinnte Element in der Pforzheimer, von jeher neologen Gemeinde darstellt, den vielen und schweren Aufgaben, welche ihrer warten, mit Gottes Hilfe gerecht werden kann."

Jüdische Geschäftsleute besaßen um 1930 in Pforzheim etwa 20 Schmuck- und Uhrenfabrikationsstätten; ebenfalls stellten sie einen erheblichen Teil der Großhändler und Exporteure in dieser Branche; auch zahlreiche jüdische Einzelhandelswarengeschäfte bestimmten das Stadtbild Pforzheims.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20355/Pforzheim%20Dok%2013100.jpg Zentrum Pforzheims* (hist. Karte, um 1905, aus: Sammlung P.K. Müller)

* Anm.: Das Kaufhaus der Geschwister Knopf ganz links auf der Ansichtskarte.

In den 1920er Jahren erreichte die jüdische Gemeinde Pforzheim zahlenmäßig ihren Höchststand. Zu dieser Zeit kam es in der Stadt schon zu antisemitischen Ausschreitungen: Wände wurden beschmiert und Flugblätter riefen zum Judenhass auf.

Unmittelbar nach der NS-Machtübernahme 1933 setzten in Pforzheim antijüdische Maßnahmen ein; als erste mussten fast 20 polnische jüdische Familien die Stadt verlassen. Am Abend des 31.März 1933 begann in Pforzheim der „Abwehrfeldzug gegen die jüdische Hetze im Ausland”; in der Nacht klebten SA-Kolonnen antijüdische Parolen an Eingängen und Schaufenstern: „Ein Lump und Landesverräter ist, wer in jüdischen Geschäften kauft!“ oder „Geschlossen, da abgereist nach Palästina!“. Am 1. April wurden alle jüdischen Geschäfte von SA-Posten abgeriegelt.

                   Aus dem lokalen „Pforzheimer Anzeiger” vom 1.4.1933:

Der Boykott in Pforzheim

Der Abwehrfeldzug gegen die jüdische Hetze im Ausland nahm in Pforzheim bereits gestern seinen Anfang im Warenhaus Schocken. In den späten Nachmittagsstunden des Freitags versperrten SA.-Leute den Ausgang nach der Brüderstraße, worauf sie sich in das Warenhaus begaben und die Käufer zum Verlassen des Hauses aufforderten. Es entstand ein starkes Gedränge, darauf erschien Standartenführer Rilling von der Pforzheimer SA., der dafür sorgte, daß alle Uebergriffe unterblieben. ... Pünktlich um 10 Uhr setzte der Boykott der jüdischen Geschäfte ein. ... Bis zum Abschluß dieser Ausgabe verlief die Boykottbewegung ohne Zwischenfälle. Die Schaufenster der jüdischen Geschäftsläden waren schon am frühen Vormittag von sämtlichen Plakaten und Aufschriften wieder gereinigt Man wird von seiten der beauftragten Stellen, die die Boykottmaßnahmen durchführen, nach Kräften jede Aufreizung der Bevölkerung vermeiden.

(aus: Gerhard Brändle, Die jüdischen Mitbürger der Stadt Pforzheim - Dokumentation, S. 73)

Mitte 1933 lebten - laut Volkszählung - in Pforzheim 770 Juden; 1933/1934 emigrierten etwa 200 Personen. Zwischen 1935 und 1937 ebbte die Abwanderung ab, um 1938 wieder stark zuzunehmen. 

1936 wurden die jüdischen Kinder in Pforzheim von den öffentlichen Schulen verwiesen; für die etwa 60 Kinder - einschließlich der aus Königsbach - musste eine eigene Schule eingerichtet werden.

In der Pogromnacht vom November 1938 wurden Geschäfte und Wohnungen geplündert; am 10.11. wurde die Synagoge von einem SA-Kommando gesprengt, nachdem zuvor die gesamte Inneneinrichtung verwüstet worden war; Kultgeräte wurden in den nahen Mühlkanal geworfen; zahlreiche Pforzheimer Schüler waren Zeugen der Zerstörung. 1939 musste das Synagogengebäude auf Kosten der Gemeinde abgetragen werden.

        

Zerstörte Synagoge in Pforzheim (alle Aufn. Stadtarchiv)

Am 10.November wurde ebenfalls der Betsaal der „Adas Jeschurun“ geplündert und zerstört; auch das jüdische Friedhofsareal „Auf der Schanz“ wurde geschändet. Den alten jüdischen Friedhof in der Eutinger Straße ließen die städtischen Behörden 1940 einebnen.

Mehr als 20 jüdische Männer wurden in Haft genommen und ins KZ Dachau verschleppt, wo sie mehrere Wochen festgehalten wurden. Anfang 1939 lebten in der Stadt Pforzheim noch etwa 200 Juden; die in Pforzheim Verbliebenen mussten bald darauf in „Judenhäuser” ziehen.

Etwa 200 Pforzheimer Juden wurden am 22.Oktober 1940 zusammen mit fast allen badischen Juden über Karlsruhe ins südfranzösische Internierungslager Gurs verfrachtet; nur jeder Vierte überlebte. Die etwa 40, noch in Pforzheim lebenden Juden waren entweder sog. „Mischlinge“ oder mit „arischen“ Ehepartnern verheiratet; sie mussten hier Zwangsarbeit leisten. Noch im Februar 1945 (!) ging ein letzter Deportationstransport nach Theresienstadt. Insgesamt fielen etwa 200 Juden aus Pforzheim dem NS-Terror zum Opfer; etwa 30 Personen starben in Gurs, die meisten in „Lagern des Ostens“.

Bei einem Prozess im Jahre 1947 wurden elf Pforzheimer wegen der Synagogenzerstörung zu Haftstrafen verurteilt.

Im November 1967 wurde zur Erinnerung an die verfolgten jüdischen Bürger Pforzheims in der Zerrennerstraße ein Gedenkstein mit folgendem Text enthüllt:

Unweit dieser Stelle stand von 1893 bis 1938 die Synagoge der Jüdischen Gemeinde.

Frevlerhände zerstörten sie am 10.November 1938.

Der Erinnerung an dieses Haus und dem Andenken der ehemaligen jüdischen Mitbürger widmet die Stadt Pforzheim diesen Stein. ...

Der alte bis 1877 in Nutzung gewesene jüdische Friedhof an der Eutinger Straße wurde 1985 als Gedenkstätte hergerichtet. In einer Mauer sind Reste von alten Grabsteinen zu sehen. Eine Gedenktafel informiert über die Friedhof:

JÜDISCHER FRIEDHOF

Auf dem 1878 hier eingerichteten jüdischen Friedhof fanden bis 1940 378 Tote ihre letzte Ruhestätte.

In Pforzheim besteht seit dem 12.Jahrhundert eine Jüdische Gemeinde.

Sie hatte etwa ab 1800 bis 1878 in der Oststadt einen Friedhof, den die Nationalsozialisten 1940 einebneten.

Mehr als 200 Pforzheimer Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft sind in Gurs (Südfrankreich), Auschwitz und anderen Konzentrationslagern begraben, verscharrt oder verbrannt worden. Die Grabsteine mahnen zu Toleranz und Humanität.

Auf dem neuen jüdischen Friedhof – Teil des Kommunalfriedhofs – sind etwa 380 Grabstätten vorhanden.

  Auffällige Grabdenkmäler (Aufn. J. Hahn, 2003/2009)

                  Am Denkmal zur Erinnerung an die Deportation nach Gurs informiert eine Tafel mit dem ff. Text:

„Auf Gleisen unweit dieser Stelle begann am 22. Oktober 1940 für 186 jüdische Pforzheimerinnen und Pforzheimer der Transport in das südfranzösische Lager Gurs, den 'Wartesaal des Todes'; neun weitere wurden aus anderen Orten verschleppt. In Gurs und anderen französischen Lagern starben 45 der Deportierten an Unterernährung, wegen fehlender ärztlicher Hilfe und aus Verzweiflung. Ab 1942 wurden 95 von ihnen in den Vernichtungslagern des Ostens ermordet, allein 78 in Auschwitz. Durch die Hilfe christlicher und jüdischer Organisationen sowie der Résistance überlebten 55 der aus Pforzheim nach Gurs Deportierten in Frankreich oder fanden Asyl im Ausland.“

Über Jahrzehnte lebten nur relativ wenige Juden in Pforzheim; erst in den 1980er Jahren gründete sich eine neue Israelitische Kultusgemeinde. 2005 setzte sich die jüdische Gemeinde Pforzheim aus mehr als 400 Mitgliedern zusammen; die meisten sind jüdische Zuwanderer aus Regionen der ehemaligen Sowjetunion. - Seit Jahren sollte die größer gewordene Gemeinde eine neue Heimstatt bekommen. Konkrete Planungen für ein jüdisches Gemeindezentrum - initiiert durch den „Verein ProSynagoge Pforzheim e.V.“ - lagen auch vor, wurden aber in dieser Form verworfen.

Anfang des Jahres 2006 erhielt die aus mehr als 400 Mitgliedern bestehende Jüdische Gemeinde in Pforzheim in einem ehemaligen Gebäude der Landeszentralbank in der Emilienstraße ein neues Domizil. Die neue Synagoge wurde in Anwesenheit des früheren aschkenasischen Oberrabbiners von Jerusalem, Israel Meir Lau, und des damaligen Ministerpräsidenten Baden-Württembergs, Günter Oettinger, feierlich eingeweiht.                                            

  Einzug in die neue Synagoge Jan. 2006 (aus: juedische-allgemeine.de)

                                                           Vorhang des Thoraschreins (Aufn. J. Hahn, 2006)

Seit 2008 werden auch im Stadtgebiet von Pforzheim sog. „Stolpersteine“ verlegt; inzwischen erinnern fast 300 dieser Gedenktäfelchen an Opfer der NS-Gewaltherrschaft (Stand: 2019).

verlegt in der Neßlerstraße (Aufn. aus: commons.wikimedia.org) https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/d/d2/Stolperstein_Pforzheim_David_Hedwig.jpeg  https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/5/58/Stolperstein_Pforzheim_Marx_Hermann.jpeg  https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/6/6a/Stolperstein_Pforzheim_Braun_Lilly.jpeg

2010 wurde von Schüler/innen der Alfons-Kern-Schule ein Gedenkstein – in Form eines gerissenen Davidsterns – am Pforzheimer Güterbahnhof und eine Doublette beim zentralen Deportationsmahnmal in Neckarzimmern aufgestellt.

   Mahnmal für die Deportationsopfer (aus: mahnmal-neckarzimmern.de)  http://mahnmal-neckarzimmern.de/pagemaster/c1zlijecb9x8i0fvn7osnop8cx41lk-full.jpg

Im Foyer des Volksbank-Gebäudes erinnert seit 2014 eine dreiteilige Gedenk-Installation des siebenbürgischen Künstlers Peter Jacobi an die ehemalige Synagoge, die hier gestanden hat.

 

In Bad Wildbad – einem Kurort im heutigen Landkreis Calw, ca. 25 Kilometer südlich von Pforzheim gelegen - hat es zu keiner Zeit eine jüdische Gemeinde gegeben. Auf Grund des hier seit dem 19.Jahrhundert bestehenden Kurbetriebes, der auch von zahlreichen jüdischen Gästen genutzt wurde, gab es in Wildbad neben jüdischen Kurärzten auch ein größeres Hotel („Hotel Weil“), das streng rituell geführt wurde: So besaß es einen eigenen Schächter (Schochet) und innerhalb der Hotelanlage gab es einen Betsaal, in dem Gottesdienste in traditioneller Form abgehalten wurden. 

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20149/Wildbad%20Israelit%2015041889.jpg  http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20339/Wildbad%20Weil%20Wildbadfuehrer%201910%2001.jpg  http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20320/Wildbad%20CV-Ztg%2017041924.jpg

 

Weitere Informationen:

F.Hundsnurscher/G.Taddey, Die jüdischen Gemeinden in Baden - Denkmale, Geschichte, Schicksale, Hrg. Archivdirektion Stuttgart, Kohlhammer Verlag, Stuttgart 1968, S. 231 - 237

Gerhard Brändle, Antisemitismus in Pforzheim 1920 - 1980. Gurs - Vorhölle von Auschwitz, Pforzheim 1980

Harold Hammer-Schenk, Synagogen in Deutschland. Geschichte einer Baugattung im 19. u. 20.Jahrhundert, Hans Christians Verlag, Hamburg 1981, Teil 2, Abb. 270

Hannelore Künzl, Islamische Stilelemente im Synagogenbau des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, Verlag Peter Lang, Frankfurt/M. 1984, S. 404 ff.

Fritz Pfrommer, Jüdischer Friedhof unter dem Fahrzeugschuppen, in: "Pforzheimer Kurier" vom 10. 8. 1984

Gerhard Brändle, Die jüdischen Mitbürger der Stadt Pforzheim - Dokumentation, Hrg. Stadt Pforzheim, Pforzheim 1985

Joachim Hahn, Erinnerungen und Zeugnisse jüdischer Geschichte in Baden-Württemberg, Konrad Theiss Verlag, Stuttgart 1988, S. 433 - 436

Gerhard Brändle, Jüdische Gotteshäuser in Pforzheim, Hrg. Stadt Pforzheim, Pforzheim 1990

Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu Stätten des Widerstandes und der Verfolgung 1933 - 1945, Baden-Württemberg I, VAS-Verlag, Frankfurt/M. 1991, S. 111

Monika Preuß, Der jüdische Friedhof auf der Schanz in Pforzheim - Dokumentation der Grabinschriften, Hrg. Stadt Pforzheim, Pforzheim 1994

Monika Preuß (Bearb.), Der alte jüdische Friedhof in Pforzheim, Unveröffentlichte Grunddokumentation des Landesdenkmalamtes Baden-Württemberg, 1994

Franz-Josef Ziwes (Hrg.), Badische Synagogen aus der Zeit von Großherzog Friedrich I. in zeitgenössischen Photographien, G.Braun Buchverlag, Karlsruhe 1997, S. 56 - 59

Gerhard Brändle, Jüdisches Pforzheim. Einladung zur Spurensuche, Haigerloch 2001

Michael Brocke/Christiane E. Müller, Haus des Lebens - Jüdische Friedhöfe in Deutschland, Reclam Verlag, Leipzig 2001, S. 117

Joachim Hahn/Jürgen Krüger, “Hier ist nichts anderes als Gottes Haus ...” Synagogen in Baden-Württemberg, Teilband 2: Orte und Einrichtungen, Konrad Theiss Verlag GmbH, Stuttgart 2007, S. 376 - 380

Gerhard Brändle, Dokumentation der zwischen 1919 und 1945 geborenen bzw. ansässigen jüdischen Bürgerinnen und Bürger und deren Schicksal, online abrufbar unter: pforzheim.de/kultur-bildung/geschichte/juedische-buerger

Uri Kaufmann (Bearb.), „Jüdisches Leben in Pforzheim“ – Ausstellung in der Galerie Pforzheim, 2011 (als Broschüre erschienen 2012)

Christiane Twiehaus, Synagogen im Großherzogtum Baden (1806 - 1918). Eine Untersuchung zu ihrer Rezeption in den öffentlichen Medien, in: Schriften der Hochschule für jüdische Studien Heidelberg, Heidelberg 2012, S. 109 - 114 

Pforzheim, in: alemannia-judaica.de (ausführliche Dokumentation der jüdischen Ortshistorie, auch mit zahlreichen Angaben zu Gemeindeangehörigen) 

Bad Wildbad (Jüdische Geschichte), in: alemannia-judaica.de

Löbliche Singergesellschaft 1501 von Pfortheim (Bearb.), Stolpersteine in Pforzheim, online abrufbar unter: stolpersteine-pforzheim.de (Anm.: informative Internetpräsentation mit interaktiver Karte der Verlegeorte)

Christian Schoger (Red.), Gedenkinstallation von Peter Jacobin in Pforzheim erinnert an zerstörte Synagoge, in: "Siebenbürgische Zeitung" vom 29.1.2014

Anke Baumgärtel (Red.), Fast 200 Stolpersteine in Pforzheim, in: „Pforzheimer Zeitung“ vom 23.5.2016

N.N. (Red.), Pforzheim. Neue Stolpersteine kommen, in: „Pforzheimer Zeitung“ vom 21.4.2017

N.N. (Red.), Gedenken an Opfer der NS-Zeit: Pforzheim erhält neue Stolpersteine, in: „Pforzheimer Zeitung“ vom 13.2.2018

Götz Bechtle (Red.), Bad Wildbad. Arbeitskreis befasst sich mit „Stolpersteinen“, in: „Schwarzwälder Bote“ vom 16.1.2019

Olaf Lorch-Gerstenmaier (Red.), Verlegung von 23 neuen Quadern: „Stolpersteine“ erinnern an Nazi-Verfolgte, in: „Pforzheimer Zeitung“ vom 29.3.2019