Quatzenheim (Elsass)

Das Dorf Quatzenheim mit derzeit ca. 800 Einwohnern liegt im Unterelsass - ca. 15 Kilometer nordwestlich von Straßburg entfernt.

Die Anfänge einer jüdischen Gemeinschaft im Dorfe Quatzenheim reichen bis ins 18.Jahrhundert zurück; in den 1870/1880er Jahren erreichte die Zahl der Gemeindeangehörigen mit etwa 300 Personen ihren Höchststand; der jüdische Anteil an der Dorfbevölkerung war erheblich.

Seit den 1770er Jahren existierte in Quatzenheim ein Betraum in einem Privathause; 1818/1819 baute man dieses Gebäude zu einer Synagoge um.

    Synagoge in Quatzenheim (hist. Aufn., aus: judaisme.sdv.fr)

Zu den gemeindlichen Einrichtungen zählte auch eine kleine Schule. Die Unterweisung der Kinder war im 19.Jahrhundert einem seitens der Gemeinde angestellten Lehrer übertragen, der neben dem Rabbiner auch als Vorbeter und Schochet fungierte.                                  

                              Schüler der jüdischen Schule in Quatzenheim (1907)

Ein jüdischer Begräbnisplatzes wurde 1793 am Ortsausgang in Richtung Wingersheim angelegt. Der von einer Sandsteinmauer umgebene Friedhof wird bis zur Gegenwart belegt.

 http://www.alemannia-judaica.de/images/Alsace%203/Quatzenheim%20Cimetiere%20110.jpg

 Eingangspforte und Teilansicht des jüdischen Friedhof in Quatzenheim 

 

 Grabstein mit symbolischen Gesetzestafeln und alte Grabsteine von ca. 1840 (alle Aufn. J. Hahn, 2004)

Im 19.Jahrhundert war Quatzenheim Sitz eines Rabbinats; nach der Auflösung des Rabbinats von Wingersheim übernahm Quatzenheim im Jahre 1880 dessen Aufgaben für die folgenden drei Jahrzehnte. 1910 wurde das Rabbinat aufgelöst.

Juden in Quatzenheim:

    --- 1784 .........................  22 jüdische Familien,

    --- 1807 ......................... 151 Juden,

    --- 1846 ......................... 252   “  ,

    --- 1861 ......................... 305   “  ,

    --- 1870 ......................... 304   “  ,

    --- 1910 ......................... 132   “  ,

    --- 1936 .........................  60   “  ,

    --- 1953 .........................  45   “  ,

    --- 1960 .........................  20   “  .

Angaben aus: Michel Rothé/Max Warschawski, Les synagogues d’Alsace et lieur histoire, S. 41

Hauptstraße in Quatzenheim (hist. Aufn., aus: judaisme.sdv.fr)

Aus den Erinnerungen von Max Warschawski, dem Oberrabbiner von Straßburg: „ ...Am Sabbatmorgen kamen wir erst um zehn Uhr in die Schule. Wir waren von der Schule befreit und kamen vom Gottesdienst in der Synagoge direkt in die Schule. Daß man am Sabbat nicht schrieb und auch keine Handarbeit verrichtete, war allgemein bekannt. Jeder wußte das. Nach dem Mittagessen gab es den Nachmittagsgottesdienst. Danach ging man spazieren oder plauderte im Schulhof, ... Am Abend ging man dann wieder in die Synagoge. Die Metzgereien im Dorf waren alle koschere Metzgereien, und die Lebensmittelgeschäfte hatten jüdische Besitzer. Es war ein jüdisches Leben ohne große Probleme. Im Dorf waren die Leute allgemein praktizierende, sich bekennende Juden. Aber vom Judentum selbst, von der Wissenschaft des Judentums erfuhren wir nicht viel. ...”

Die Juden, die 1940 - im Jahre der deutschen Besetzung - noch in Quatzenheim lebten, wurden nach Südfrankreich deportiert; zahlreiche von ihnen wurden von hier aus in die Vernichtungslager abtransportiert und dort ermordet. Mindestens 24 Personen wurden Opfer der „Endlösung“.

Nach Kriegsende wurde keine neue jüdische Gemeinde in Quatzenheim gegründet. Am Eingang des israelitischen Friedhofs in Quatzenheim erinnert heute ein Gedenkstein an die jüdischen NS-Opfer des Dorfes.

Das ehemalige Synagogengebäude ist in einem guten Bauzustand erhalten und dient seit langem Wohnzwecken.

Ehem. Synagogengebäude (Aufn. R. Hammann, 2012, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 4.0)

Ausdruck des in jüngster Vergangenheit sich verstärkenden Antisemitismus in Frankreich war auch eine im Febr. 2019 erfolgte Schändung von nahezu 100 Gräbern auf dem jüdischen Friedhof in Quatzenheim. „Unbekannte“ hatten zahlreiche Grabsteine mit Hakenkreuzen beschmiert.

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron ...n jüdischen Friedhof von Quatzenheim.   | Foto: AFP Präsident Macron auf dem jüdischen Friedhof von Quatzenheim (Aufn. AFP)

 

Die kleine israelitische Gemeinde von Wintzenheim-Kocherberg war später Teil der Quatzenheimer Gemeinde; ihre Entstehung reicht in die erste Hälfte des 18.Jahrhunderts zurück. Ein erster Betraum datiert aus dem Jahre 1752. Der Neubau einer Synagoge erfolgte 1895; im Gebäude befanden sich auch die Schule und das rituelle Bad.

                                       Synagoge von Wintzenheim (hist. Aufn., Bildausschnitt)

Juden in Wintzenheim:

    --- 1784 .........................  18 jüdische Familien,

    --- 1846 ......................... 109 Juden,

    --- 1861 ......................... 102   “  ,

    --- 1870 ......................... 106   “  ,

    --- 1910 .........................  78   “  ,

    --- 1936 .........................   8   “  .

Angaben aus: Michel Rothé/Max Warschawski, Les synagogues d’Alsace et lieur histoire, S. 146

In der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg löste sich die Gemeinde auf.

Nach 1945 wurde das ehemalige Synagogengebäude zu Wohnzwecken umgebaut; das Eingangsportal blieb erhalten.

                                                             Ehem. Synagoge (Aufn. Rothé, um 1985) 

Weitere Informationen:

Max Warschawski, Souvenirs de Quatzenheim (Twatzene), Manuskript von 1978

Paul Assall, Juden im Elsaß, Elster Verlag Moos GmbH, Bühl-Moos 1984, S. 169 f.

Michel Rothé/Max Warschawski, Les synagogues d’Alsace et lieur histoire, Jerusalem 1992

Quatzenheim, in: alemannia-judaica.de

Bärbel Nückles (Red.), Quatzenheim. Unbekannte schänden auf elsässischem Friedhof 96 jüdische Gräber, in: "Badische Zeitung" vom 19.2.2019