Raudnitz/Elbe (Böhmen)

Bildergebnis für Leitmeritz landkarte Raudnitz a.d.Elbe – einst Stammsitz der Familie Lobkowitz, ca. 25 Kilometer südöstlich von Leitmeritz/Litoměřice gelegen - ist das heutige tschech. Roudnice nad Labem mit derzeit ca. 13.000 Einwohnern (am unteren Kartenrand, Kartenausschnitt: "Sudetendeutsche Gebiete 1938", aus: buecher.de/shop).

http://antiquariat-paulusch.de/wordpress/wp-content/uploads/2014/03/12116.jpg Ansicht von Raudnitz - Farblithographie von 1840

Jüdische Ansässigkeit im nordböhmischen Raudnitz muss zumindest bereits im 16.Jahrhundert bestanden haben, denn aus dem Jahre 1541 ist ein Pogrom nachgewiesen. Als um 1610/1615 die Stadt durch die neuen Landesherren baulich umgestaltet wurde, musste auch das jüdische Viertel mitsamt der Synagoge weichen; an dessen Stelle errichtete der Kapuzinerorden sein Kloster. Die jüdischen Bewohner erhielten nach ihrer Umsiedlung ein neues Wohnareal zugewiesen, das neben Wohnhäusern auch Synagoge, Schule, Spital und einen neuen Begräbnisplatz besaß; Grabsteine des alten Friedhofs wurden z.T. hierher gebracht. Während des Dreißigjährigen Krieges wurde das Ghetto durch marodierende Soldateska niedergebrannt (trotz Schutzgeldzahlung), wieder aufgebaut und 1727/1728 erneut teilweise zerstört.

Die seit 1619 bestehende Synagoge - sie hatte ca. 350 Plätze - wurde bis um 1850 benutzt; infolge des Eisenbahnbaus musste das Gebäude weichen. Daraufhin ließ die Gemeinde 1852 ein neues Synagogengebäude im neoromanischen Stil errichten, in dem bis zu Beginn des Zweiten Weltkrieges Gottesdienste abgehalten wurden. Bis 1872 war Raudnitz Sitz eines Distriktrabbinats.

Das Gelände des (zweiten) Friedhofs – es war kurz vor dem Dreißigjährigen Kriege als Begräbnisstätte angelegt worden - wurde bis ins 19.Jahrhundert genutzt, ehe um 1895 ein neues angelegt wurde; es befand sich in Nachbarschaft zum kommunalen Friedhof.

 

ehem. Zeremonienhalle des neuen jüdischen Friedhofs (hist. Aufn.) und deren Brandruine

Relikte der durch Brand zerstörten Zeremonienhalle sind noch auf dem Gelände zu finden.

Juden in Raudnitz:

--- um 1570 ..........................  23 jüdische Familien,

--- 1592 .............................  14     “        “   ,

--- um 1610 ..........................  12 Häuser,*                * Bevölkerungsangaben liegen nicht vor

--- 1631 .............................  28   “   ,*

--- 1651 ............................. 218 Juden,

--- 1724 ............................. 448   “  ,

--- 1785 .............................  45 Haushalte,*

--- 1840 .............................  63     “    ,*

--- 1893 .............................  79 jüdische Familien,

--- 1902 ......................... ca. 450 Juden,               

--- 1910 ......................... ca. 320   "  ,

--- 1921 ............................. 194   "  (ca. 2% d. Bevölk.),

           --- 1930 ............................. 166   “  .

Angaben aus: Roudnice, in: Jüdische Friedhöfe in der sächsisch-böhmischen Grenzregion, Projekt Shalom, JDC Chemnitz, 1999/2001

und                 Roudnice, in: Institut Terezínské initiativy          

Mit der NS-Okkupation war auch das Ende der jüdischen Gemeinde von Raudnitz verbunden.Die NS-Behörden schlossen 1941 die Synagoge; Ritualgegenstände, Dokumente aus der Synagoge wurden dem zentralen jüdischen Museum in Prag übertragen. Ein Jahr später erfolgte der Abtransport der jüdischen Bewohner ins Ghetto Theresienstadt; von dort dann weiter in die Vernichtungslager auf polnischen Boden.

Ein Teil des jüdischen Viertels fiel in kommunistischer Zeit „städtebaulichen Maßnahmen“ zum Opfer; einige noch vorhandene Ghetto-Häuser sind in den letzten Jahren restauriert worden.

Auch der um 1895 (neue) jüdische Friedhof blieb in der Nachkriegszeit von Zerstörungen nicht verschont: Grabsteine wurden abgetragen und als Baumaterial benutzt. Nach einem Feuer (1985) blieben von der Trauerhalle nur die Außenmauern stehen. Heute sind auf diesem Gelände nur noch zehn Grabsteine zu finden.

In den 1970er Jahren wurde der in einem verwahrlosten Zustand sich befindende alte, aus dem 17.Jahrhundert stammende Friedhof unter Denkmalschutz gestellt. Auf dem Areal befinden sich ca. 1.700 Grabstellen mit z.T. wertvollen Grabsteinen aus der Zeit des Barock und der Renaissance. In den Mauern der Feierhalle ist eine Inschrift in hebräischer und tschechischer Sprache angebracht: „Der Staub, der auf die Erde zurückfällt als das, was er war,  .... "

       Ansichten des alten jüdischen Friedhofs (Aufn. Ladislav Faigl, 2012)

                            

Auf dem neuen, um 1890 angelegten großflächigen Friedhofsgelände wurden in kommunistischer Zeit fast alle Grabsteine entfernt und zweckentfremdet (als Baumaterial benutzt); auch die das Gelände umgebende Mauer wurde fast vollständig niedergelegt. Nach einem Brand (1985) blieben von der Trauerhalle nur noch die Außenmauern stehen. Nach der „Wende“ wurde die Außenmauer des Friedhofs erneuert; nur zehn Grabsteine sind erhalten.                           Ruine der Trauerhalle (Aufn. L. Faigl, 2012, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0) New Jewish cemetery in Roudnice nad Labem, 08-2012, 02.JPG                                 Einige historische Thora-Rollen aus Raudnitz sind heute noch bei einigen israelitischen Gemeinden in den USA in Benutzung.

 

In Radaun (tsch. Radouň, heute ein Ortsteil von Štětí/dt. Wegstädtl) – etwa zehn Kilometer nördlich von Raudnitz gelegen - wurde gegen Ende des 18.Jahrhunderts ein jüdischer Friedhof angelegt, der bis heute an einstige jüdische Bewohner erinnert, die hier ihre letzte Ruhe fanden. Auf dem Areal - seit 1958 als „geschütztes Kultusdenkmal ausgewiesen – steht auch noch ein jüngst restauriertes Taharahaus.

Aufn. Ladislav Faigl, 2012, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0

Weitere Informationen:

Václav Pesák, Die Judengemeinde in Raudnitz a.d. Elbe im Jahre 1726, in: Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Tschechoslowakischen Republik 4 (1932), S. 291 – 308

F. Löwy (Bearb.), Raudnitz a. d. E., in: Hugo Gold (Hrg.): Židé a židovské obce v Čechách v minulosti a přítomnosti, Židovské nakladatelství, Brno - Praha 1934, S. 522 f.

Jiri Fiedler, Jewish Sights of Bohemia and Moravia, Prag 1991, S. 161/162

Lenka Matusíková, Contribution to the Knowledge of the Jewish Settlements in the Years 1650 and 1674, in: Judaica Bohemiae, Bd. XXXV/1999, S. 141 – 158

Roudnice, in: Jüdische Friedhöfe in der sächsisch-böhmischen Grenzregion, Projekt Shalom, JDC Chemnitz, 1999/2001

Roudnice nad Labem, in: Jewish Virtual Library (basierend auf: Encyclopaedia Judaica, 2008

Jewish community of Roudnice nad Labem (Raudnitz(Elbe), Hrg. Beit Hatfutsot – The Museum of the Jewish People, online abrufbar unter: dbs.bh.org.il/place/roudnice-nad-labem

Jewish Families from Roudnice nad Labem (Raudnitz an der Elbe), Bohemia, Czech Republic, online abrufbar unter: geni.com/projects/Jewish-families-from-Roudnice-nad-Labem-Raudnitz-an-der-Elbe-Bohemia-Czech-Republic/15208