Rauischholzhausen (Hessen)

Datei:Marburg-Biedenkopf Ebsdorfergrund.png Die kleine Ortschaft Rauischholzhausen - derzeit ca. 1.100 Einwohner - ist heute ein Gemeindeteil von Ebsdorfergrund (Kreis Marburg-Biedenkopf) - ca. zwölf Kilometer südöstlich von Marburg gelegen (Karte Andreas Trepte, 2006, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 2.5).

In Rauischholzhausen, vormals Holzhausen genannt, kann nach dem Dreißigjährigen Krieg von ersten Ansiedlungen von Juden ausgegangen werden; urkundliche Belege dafür stammen allerdings erst aus dem 18.Jahrhundert; danach besaßen die Reichsfreiherren von Holzhausen das Judenregal.

Ein neues Synagogengebäude wurde Anfang der 1870er Jahre zwischen zwei bäuerlichen Anwesen errichtet. Zur Verrichtung religiöser Aufgaben der Gemeinde war ein Lehrer angestellt; neben der Unterweisung der jüdischen Kinder war er zugleich als Vorbeter und Schochet tätig.

In der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts gab es in Rauischholzhausen eine jüdische Elementarschule, die einheimische Kinder zusammen mit denen aus Wittelsberg und Roßdorf besuchten. Wegen Schülermangels wurde die Schule nach dem Ersten Weltkrieg ausgelöst.

Der jüdische Friedhof in Rauischholzhausen diente auch Verstorbenen aus Dörfern der Umgebung wie Ebsdorf, Leidenhofen, Mardorf, Roßdorf und Schweinsberg als letzte Ruhestätte.

Die Gemeinde, der auch die wenigen Familien aus Wittelsberg abgeschlossen waren, gehörte zum Provinzialrabbinat in Marburg.  

Juden in Rauischholzhausen:

         --- 1749 ......................... 22 Juden (in 4 Familien),

    --- 1855 ......................... 76   “   (in 18 Familien),

    --- 1835 ......................... 57   “   (ca. 9% d. Bevölk.),

    --- 1861 ......................... 78   “   (ca. 12% d. Bevölk.),

    --- 1885 ......................... 62   “  ,

    --- 1905 ......................... 52   “   (in 10 Familien),

    --- 1924 ......................... 29   “  ,

    --- 1932/33 .................. ca. 20   “  ,

    --- 1939 ......................... 18   “  ,

    --- 1942 (Okt.) .................. keine.

Angaben aus: Paul Arnsberg, Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang - Untergang - Neubeginn, Bd. 2, S. 205

Die am Ort lebenden Familien verdienten ihren Lebensunterhalt zumeist im Viehhandel und sog. „Nothhandel“. Die Familie Rülf war eine der ältesten und weitverzweigten Familien in Rauischholzhausen; sie lebte dort seit Ende des 18.Jahrhunderts. Angehörige dieser Familie erlangten im 19.Jahrhundert als Rabbiner Bedeutung; weit über die Grenzen der Region wurde der 1831 geborene Isaak Rülf bekannt.

 Isaak Rülf, Sohn des Viehhändlers Juda Rülf, legte im Alter von 23 Jahren seine Rabbiner-Prüfung ab. Mitte der 1860er Jahre promovierte er an der Universität Rostock, um anschließend Rabbiner im Memel zu werden. Während seiner 30jährigen Rabbinertätigkeit engagierte er sich vor allem auf sozialem Feld: so brachte er Hilfsmaßnahmen für jüdische Flüchtlinge aus Russland auf den Weg und initiierte Aktionen für hilfsbedürftige Juden, die in Orten der Region lebten; dadurch verdiente er sich seinen Spitznamen „Rabbi Hülf“. Nach Niederlegung seines Rabbineramtes (1898) übersiedelte er nach Bonn; hier widmete er sich wissenschaftlichen und religiösen Themen; sein fünfbändiges Hauptwerk ist „System einer neuen Metaphysik“. Er starb im Jahre 1902 bei einem Verkehrsunfall.

Die meisten jüdischen Bewohner hatten Rauischholzhausen bereits vor der NS-Machtübernahme verlassen; nur noch etwa 20 Personen lebten in den 1930er Jahren im Dorfe. Vermutlich konnten bereits gegen Ende der 1920er Jahre nicht mehr regelmäßig Gottesdienste abgehalten werden. Im Sommer 1935 wurde der Innenraum der Synagoge durch „unbekannte Täter“ verwüstet, ein halbes Jahr später die Synagoge völlig ausgeplündert und die Thorarolle in Brand gesteckt; auch hier wurden die Täter nicht gefunden. Die noch in Rauischholzhausen lebenden Juden suchten seitdem die Synagoge in Mardorf auf. Noch vor dem Novemberpogrom war das Synagogengrundstück von zwei Anliegern erworben worden. Trotzdem kam es zu weiteren Beschädigungen des inzwischen zu Lagerzwecken genutzten Gebäudes, das dann vermutlich ein Jahr später abgebrochen wurde. (Anm.: Einer anderen Angabe zufolge soll das Synagogengebäude bereits 1935 abgebrochen worden sein.)

Im September 1942 mussten die hier verbliebenen jüdischen Bewohner Rauischholzhausen verlassen; sie wurden nach Theresienstadt deportiert; nur drei von ihnen sollen das Kriegsende überlebt haben.

Im ehemaligen Schloss Rauischholzhausen war unmittelbar nach Kriegsende eine Landwirtschaftsschule untergebracht, die junge Juden auf ihre künftige Tätigkeit in Palästina vorbereitete.

Einziger Hinweis darauf, dass in Rauischholzhausen früher Juden gelebt haben, ist der noch vorhandene jüdische Friedhof mit seinen etwa 130 Gräbern.

  

Teilansicht der Friedhofs (Aufn. J. Hahn, 2008) und einzelne Gräber (Aufn. aus: Rauischholzhausen.info)

Weitere Informationen:

Paul Arnsberg, Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang - Untergang - Neubeginn, Societäts-Verlag, Frankfurt/M. 1971, Bd. 2, S. 204 - 208

Barbara Händler-Lachmann/Ulrich Schütt, "unbekannt verzogen" oder "weggemacht". Schicksale der Juden im alten Landkreis Marburg 1933 – 1945, Marburg 1992 

Barbara Händler-Lachmann/Harald HändlerUlrich Schütt, 'Purim, Purim, ihr liebe Leut, wißt ihr was Purim bedeut?' Jüdisches Leben im Landkreis Marburg im 20. Jahrhundert, Marburg 1995

Angaben von Helmut Vogler (Ortsvorsteher von Rauischholzhausen), 2005

Alfred Schneider, Die jüdischen Familien im ehemaligen Kreise Kirchhain. Beiträge zur Geschichte und Genealogie der jüdischen Familien im Ostteil des heutigen Landkreises Marburg-Biedenkopf in Hessen, Hrg. Museum Amöneburg 2006, S. 336 - 360

Annamaria Junge, "Niemand mehr da "- Antisemitische Ausgrenzung und Verfolgung in Rauischholzhausen 1933 – 1942, Jonas Verlag, Marburg 2012

Rauischholzhausen mit Wittelsberg, in: alemannia-judaica.de (mit zahlreichen Informationen zu Rabbi Rülff)