Ravensburg (Baden-Württemberg)

Datei:Ravensburg in RV.svg Ravensburg ist eine Kreisstadt mit derzeit ca. 50.000 Einwohnern und damit größte Kommune des gleichnamigen Landkreises im südlichen Oberschwaben (Karte Hagar, 2010, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0).

1330 wird in der Freien Reichsstadt Ravensburg erstmals eine kleine jüdische Gemeinde erwähnt, die auch über einen Betraum verfügte. Während des Pestpogroms von 1348/1349 wurde diese vernichtet; denn die auf die Burg geflüchteten Ravensburger Juden wurden dort gefangengesetzt und Anfang 1349 von der Bürgerschaft öffentlich verbrannt. Doch spätestens seit 1380 hielten sich wieder Juden - etwa zwölf Familien - in der Stadt auf; sie wohnten in der Judengasse, der heutigen Grüner-Turm-Straße. Ihren Schutz gewährte die Stadt, die sie - gegen Zahlung einer Bürgeraufnahmegebühr - den christlichen Stadtbürgern gleichstellte. 1429/1430 wurden die ansässigen Juden endgültig aus Ravensburg vertrieben, nachdem sie beschuldigt worden waren, einen Ritualmord begangen zu haben (sog. „Ravensburger Blutbeschuldigung“). Zudem waren sie für ein verheerendes Hochwasser verantwortlich gemacht worden; als Strafe dafür wurden einige Juden verbrannt, andere konnten fliehen.

Im Zusammenhang der Vertreibung der jüdischen Bewohner wurde auch die Synagoge („Judenschule") in der Judengasse zerstört.

                         Die „Ravensburger Blutbeschuldigung“ von 1429 von Gebhard Dacher

Das Vorgehen der Stadt Ravensburg gegen die Juden hatte auch Folgen für Glaubensgenossen zahlreicher Städte der Umgebung (z.B. Konstanz, Lindau, Überlingen u.a.), die nun ihrerseits gewaltsam gegen dort lebende jüdische Familien vorgingen. Im Jahre 1431 beschloss der Ravensburger Magistrat, nie wieder Juden aufzunehmen. Dieses Verbot ließ sich die Stadt 1559 vom Kaiser Ferdinand I. ausdrücklich bestätigen. So hieß es u.a. in dem urkundlich der Stadt Ravensburg erteilten Privileg: Dess haben Wir angesehen ihr hochbeschwerlich Obliegen und demütig Bitt, auch die angenehme, getreue und willige Dienst, so sie (Anm. die Bürger von Ravensburg) Weilard unsern Vorfahren am Reich und Uns, ganz gehorsamlich und willfährig erzeigt, auch hierfüro wohl tun mögen und sollen; und darum den vorgenannten Bürgermeistern und Rat der Stadt Ravensburg diese besondere Gnad getan und die Freiheit gegeben: Nämlich daß nun hinfüro kein Jud oder Jüdin gedachten ihren Bürger, Einwohnern etc. weder auf einige liegende oder unbewegliche Hab und Güter, es sei Leben oder eigen, auch kein derselben Brief oder andere Verschreibungen desgleichen einig fahrende und bewegliche Pfand und Güter, wie die Namen haben, ohne ihr Bürgermeister und Rat der Stadt Ravensburg und ihre Nachkommen Vorwissen, Erlaubnis und Bewilligen, weder mit noch ohne Wucher; weder wenig noch viel sondern auch sonst nichts überall, mit oder ohne Pfand mit Leihen oder fürstrecken, auch mit ihnen nichts tauschen, handeln, wechseln, noch einigen Kontrakt, wie der Name haben möge, er werde benennt oder unbenennt, weder mündlich noch schriftlich; heimlich noch öffentlich, um was Sachen das auch wäre oder sein möchte, fürnehmen, unangesehen, ob solche Obligationen, Kontrakt und Schulden mit Hand gegebenen Glauben und Treuen, auch geschwornen Eid bestätigt, darinnen denn auch gar kein verborgener List und Betrug gebracht, solches alles nichtig, kraftlos tod und ab, und das Hauptgut mitsamt darauf folgender Schuld, alles verwürkt und verwürkt und verfallen sein und Bürgermeister und Rat der Stadt Ravensburg zustehen und ohne Verhinderung bleiben soll. ...“

Dieses Ansiedlungsverbot in Ravensburg blieb jahrhundertlang bestehen. So hieß es z.B. noch in einer für die Stadtwache erteilten Instruktion aus dem Jahre 1804: „Da die Juden hier kein Gewerbe oder Handelschaft treiben dürfen, so sind überhaupt keine anderen, als mit der Post oder Kutsche herein- oder durchfahrend in die Stadt einzulassen, die übrigen aber, wenn sie nicht einen Erlaubnisschein zum längeren oder kürzeren Aufenthalt vom Polizeiamt erhalten haben, sind von der Polizeiwacht aus der Stadt zu schaffen."

Erst in der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts zogen wieder einige wenige jüdische Familien nach Ravensburg; sie gehörten der Kultusgemeinde in Buchau an. 1889 wurde durch den Buchauer Rabbiner Dr. Laupheimer erstmals seit dem Mittelalter wieder ein jüdischer Gottesdienst am Ort durchgeführt. Eigene gemeindliche Einrichtungen besaßen die Ravensburger Juden aber nicht; so wurden Einrichtungen des Rabbinats Buchau genutzt.

Juden in Ravensburg:

    --- 1858 ............................  3 Juden,

    --- 1867 ............................ 11   “  ,

    --- 1875 ............................ 41   “  ,

    --- 1885 ............................ 40   “  (in 6 Familien),

    --- 1895 ............................ 57   “  ,

    --- 1910 ............................ 32   “  ,

    --- 1925 ............................ 28   “  ,

    --- 1933 ............................ 23   “  ,

Angaben aus: Ravensburg, in: alemannia-judaica.de

Um 1895 zählte die jüdische Minderheit knapp 60 Personen.

Zu Beginn der NS-Zeit lebten nur noch wenige jüdische Familien in der Stadt; es waren die Familien Adler (Warenhandelshaus Staufia), Bernheim (Viehhandlung), Erlanger (Pferdehandlung), Harburger, Herrmann, Landauer (Warenhaus), Geschwister Knopf (Warenhaus), Rose, Sondermann (Konfektions/Schuhhaus Merkur) und Wallersteiner (Konfektionshaus).

 Stadtzentrum Ravensburgs, 1.Mai 1933 (Abb. aus: Haus der Stadtgeschichte Ravensburg)

Schon am 13.März 1933 - knapp drei Wochen vor dem reichsweiten Boykott jüdischer Geschäfte - postierten sich SA-Posten vor zwei der insgesamt fünf jüdischen Geschäfte in Ravensburg und versuchten potenzielle Käufer am Betreten zu hindern.

 Werbevignette des Konfektionshauses Hermann Wallersteiner (Marienplatz)

http://www.landeskunde-baden-wuerttemberg.de/fileadmin/landeskunde/images/Landesgeschichte/Nationalsozialismus/Ravensburg/Zentrum_von_RV__Zeitgeschichte_04.jpg SA vor dem "Kaufhaus Landauer", 1933 (Abb. Haus der Stadtgeschichte Ravensburg)

Als am 1.April 1933 SA- und SS-Trupps vor den jüdischen Geschäften mit Transparenten Aufstellung nahmen, hatten diese bereits geschlossen. Bis gegen Mitte 1938 waren alle jüdischen Geschäfte - außer das Kaufhaus Wohlwert - aufgegeben bzw. "arisiert" worden. Über die Vorgänge während des Novemberpogroms von 1938 berichtete das „Ravensburger Tageblatt” am 12.11.1938 wie folgt:

Wohlwert bis zur Arisierung geschlossen

Die Nachricht am Mittwochabend, daß das gemeine jüdische Verbrechen in Paris nun doch ein Todesopfer gefordert hat, löste auch in Ravensburg eine ungeheure Empörung in allen Kreisen aus, die sich in der Demolierung der Schaufenster des einzigen, noch jüdischen Geschäftes, des Warenhauses Wohlwert, Luft machte; ebenso kam es zu Aktionen bei anderen Juden in Ravensburg und bei einer Jüdin in Bodnegg. Die männlichen Juden von Ravensburg wurden daraufhin zu ihrer eigenen Sicherheit in Schutzhaft genommen. Das durch die spontane Volkserhebung demolierte Warenhaus wurde polizeilich geschlossen und wird erst nach Übernahme durch einen Arier wieder eröffnet, eine Maßnahme, die allseits begrüßt wird.

Das Kaufhaus Wohlwert, später Warenhandelsgesellschaft „Staufia”, übernahm dann der Ravensburger Kaufmann Wilhelm Dietz. Mitte Oktober 1939 wurden in Ravensburg auch einige jüdische Familien, die aus dem Rheinland ausgewiesen worden waren, vorübergehend untergebracht. Nur wenige der ursprünglich in Ravensburg lebenden Juden blieben hier; acht von ihnen wurden deportiert und fanden den Tod; drei „in Mischehe“ verheiratete Juden überlebten die NS-Zeit in Ravensburg.

                  1983 wurde in der früheren Judengasse, der heutigen Grüner-Turm-Straße, eine Tafel angebracht:

An dieser Stelle befand sich im Mittelalter eine Synagoge (erwähnt 1345) als Mittelpunkt der kleinen jüdischen Gemeinde, die von 1330 bis 1429 in Ravensburg nachweisbar ist. Die Juden lebten ghettoartig in der heutigen Grüner-Turm-Straße, die bis 1934 Judengasse hieß.

1429 wurden die jüdischen Mitbürger aus der Stadt vertrieben. Erst im 19.Jh. konnten sich in Ravensburg wieder Juden niederlassen. Doch blieb ihre Zahl so klein, daß es nicht zur Wiedererrichtung einer Synagoge kam.

Sie wurden in der Zeit des Nationalsozialismus 1933 bis 1945 erneut verfolgt und vertrieben.

Abb. Haus der Stadtgeschichte Ravensburg

In Ravensburg trägt eine Schule den Namen der 1891 in Breslau geborenen Edith Stein, die 1942 in Auschwitz-Birkenau ermordet wurde.

Im Ravensburger Stadtteil Burach lebte seit 1925 die Familie Dr. Ludwig Erlanger, die auf ihrem landwirtschaftlichen Gut (einem Musterbetrieb für Obstanbau) nach 1933 jüdische Jugendliche zur Auswanderung nach Palästina ausbildete.

Der Burachhof (hist. Aufn., um 1935, aus: SWR) 

1938 wurde die Familie gezwungen, den Hof zu verkaufen; daraufhin wanderte Ludwig Erlanger mit seiner Familie nach Palästina aus, wo er sich eine bescheidene Existenz in dem von Rexinger Juden gegründeten Kollektiv Shavei Zion bei Naharija aufbaute. Seit 1990 erinnert eine Gedenkstele auf der „Ludwig-Erlanger-Anlage“ an die Geschichte dieser Familie. 

Seit 2006 wurden in Ravensburg 13 sog. „Stolpersteine“ verlegt; sie erinnern vor den ehemaligen Geschäfts- und Wohnhäusern an die Angehörigen von sieben jüdischen Familien.

Ravensburg Marienplatz61 Stolpersteine Adler Familie.jpg  Ravensburg Gespinstmarkt27 Stolpersteine Rose Familie.jpg

verlegt für Fam. Adler, Marienplatz und Fam. Rose, Gespinstmarkt (Aufn. G.Demnig, 2012, aus: wikipedia.org, CCO)

Anm.: Im Bayrischen Nationalmuseum München befindet sich ein sog. „Kopfziegel“ des spätmittelalterlichen Grünen Turms aus Ravensburg, der einen aufmodellierten Kopf trägt und unschwer die Darstellung eines Juden wiedergeben soll.

[vgl. Bad Buchau (Baden-Württemberg)]

Weitere Informationen:

Rabbiner Dr. Schweizer (Weikersheim), Die Juden in der alten schwäbischen Reichsstadt Ravensburg, in: „Der Israelit“ vom 29.7.1909  /2.8.1909 /1 9.8.1909

Germania Judaica, Band II/2, Tübingen 1968, S. 676 – 678 und Band III/2, Tübingen 1995, S. 1173 - 1177

A. Dreher, Geschichte der Reichsstadt Ravensburg, o.O. 1972

Peter Eitel, Die spätmittelalterlichen „Kopfziegel“ vom Grünen Turm in Ravensburg und ihre Bedeutung, in: Schriften des Vereins für Geschichte des Bodensees und seiner Umgebung, 95. Jg. (1977), S. 135 – 140

Moritz Stern, Beiträge zur Geschichte der Juden am Bodensee und in seiner Umgebung, in: Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland AF 1/1887

Joachim Hahn, Erinnerungen und Zeugnisse jüdischer Geschichte in Baden-Württemberg, Konrad Theiss Verlag, Stuttgart 1988, S. 448

Manfred Hauser, Antisemitismus und Schicksal der Juden in Ravensburg, in: Peter Eitel (Hrg.), Ravensburg im Dritten Reich - Beiträge zur Geschichte der Stadt, Oberschwäbische Verlagsanstalt Ravensburg, 1997, S. 304 – 332

Peter Eitel (Hrg.), Ravensburg im Dritten Reich. Mit Beiträgen von W. Heinz, J. Koppmann, W-U. Strittmatter, u.v.a., Ravensburg 1998

Hermann Hörtling, Was ist aus ihnen geworden? Auf der Suche nach den Ravensburger Juden, in: Peter Eitel (Hrg.), Ravensburg im Dritten Reich - Beiträge zur Geschichte der Stadt, Oberschwäbische Verlagsanstalt Ravensburg, 1997, S. 333 – 341

Peter Eitel, Ravensburg im 19. und 20. Jahrhundert. Politik, Wirtschaft, Bevölkerung, Kirche, Kultur, Alltag. Thorbecke, Ostfildern 2004

Joachim Hahn/Jürgen Krüger, “Hier ist nichts anderes als Gottes Haus ...” Synagogen in Baden-Württemberg, Teilband 2: Orte und Einrichtungen, Konrad Theiss Verlag GmbH, Stuttgart 2007, S. 384/385

Jüdische Kultur im Hegau und am See“, in: HEGAU – Zeitschrift für Geschichte, Volkskunde und Naturgeschichte des Gebietes zwischen Rhein, Donau und Bodensee, Jahrbuch 64/2007, S. 40 - 42

Ravensburg, in: alemannia-judaica.de (mit diversen Textbeiträgen zur jüdischen Ortshistorie)

Stefan Jehle, Ravensburg im Dritten Reich, online abrufbar unter:landeskunde-baden-wuerttemberg.de

Auflistung der in Ravensburg verlegten Stolpersteine, online abrufbar unter: wikipedia.org/wiki/Liste_der_Stolpersteine_in_Ravensburg

http://www.swr.de/swr2/stolpersteine/orte/akustische-stolpersteine-ravensburg

Bernd Adler (Red.), In der Reichspogromnacht regierte auch in Ravensburg Barbarei und Terror, in: "Schwäbische Zeitung“ vom 19.8.2018