Rawitsch (Posen)

Bildergebnis für rawitsch posen landkarte   https://upload.wikimedia.org/wikipedia/de/4/44/Kreis_Rawitsch_1905.jpgDas im Südwestteil Posens gelegene Rawitsch – als Folge der 2.Teilung Polens zum preußischen Staat und nach dem Ersten Weltkrieg zum neugegründeten Polen gehörig - ist die heutige Kreisstadt Rawicz; ihr wurde 1973 die bis dato selbstständige Stadt Sarnowa (dt. Sarne) eingemeindet (Karte aus: hgsackmann.de).

Die ersten Juden siedelten sich in Rawitsch vermutlich schon zur Zeit der Stadtgründung um 1640 an. In den folgenden Jahrzehnten wurden die hier tätigen jüdische Kaufleute wiederholt vertrieben, konnten aber Ende der 1690er Jahre endgültig wieder in die Stadt zurückkehren. Um 1700 gründete sich in Rawitsch eine jüdische Gemeinde, der damals nur sehr wenige Angehörige angehörten; etwa 20 Jahre später erhielten die Familien - gegen Zahlung von festgelegten Abgaben – einen sog. „Freibrief“, der ihnen gewisse Privilegien einräumte. Im Laufe des 18.Jahrhunderts wurden den Rawitscher Juden weitergehende Rechte zugesprochen – immer von der Absicht der Herrschaft auf höhere Steuern getragen. Besonders im Woll- und Tuchhandel spielten Juden in der Stadt eine große Rolle; dabei kam es immer wieder zu Konflikten mit der christlichen Konkurrenz.

Zunächst wurden Gottesdienste in einem Privathause abgehalten; 1783 wurde ein Synagogengebäude erstellt. Bereits seit 1755 hatte es in Rawitsch den ersten Rabbiner, Menachem Mendel Gradenwitz, gegeben. Seit den 1770er Jahren gab es in Rawitsch eine Thora-Schule (Bet midrasch). Ihre Einrichtung war auch der Tatsache geschuldet, dass nach 1750/1760 zahlreiche Familien aus Lissa und anderen jüdischen Gemeinden, in denen das Talmudstudium gepflegt wurde, hierher kamen.

1888/1889 wurde eine neue, im maurisch-byzantinischem Stile gestaltete Synagoge gebaut - zu einer Zeit, als die jüdische Gemeinde zahlenmäßig und wirtschaftlich in voller Blüte stand. Der von einer gewaltigen Kuppel gekrönte Bau – mit vier Ecktürmchen verziert – verfügte über mehr als 300 Männerplätze; daneben gab es eine an drei Seiten umlaufende Empore für die Frauen. 

  Synagoge in Rawitsch (aus: wikipedia.org, gemeinfrei)

                                             Jüdisches Gymnasium in Rawitsch (hist. Postkarte)

Die älteste Begräbnisstätte für die Juden aus Rawitsch befand sich zunächst in Sierakowo, einem Dorf nahe der Stadt; eine Beerdigungsbruderschaft lässt sich bereits seit 1728 nachweisen. Der neue jüdische Friedhof wurde dann in Rawitsch angelegt. Einige Steine des alten Friedhofs haben die Jahrhunderte überdauert; vom neuen Begräbnisgelände finden sich keine nennenswerten Überreste mehr.

Ab 1871 wurden jüdische männliche Gefangene aus Posen sowie aus den Provinzen Brandenburg, Pommern und Schlesien in die Königliche Strafanstalt Rawitsch eingewiesen, weil hier die Möglichkeit einer koscheren Verpflegung und Betreuung durch einen Rabbiner bestand.

Juden in Rawitsch:

        --- um 1720 ..........................    12 jüdische Familien, 

    --- 1739 .............................    35     “       “    ,

    --- 1797 .............................   198     “       “    ,

    --- 1835 ......................... ca.   400     “       “   (ca. 50% d. Bevölk.),

    --- um 1850 ...................... ca. 1.700 Juden (ca. 18% d. Bevölk.),

    --- um 1870 ...................... ca. 1.200   “   (ca. 11% d. Bevölk.),

    --- 1895 ......................... ca.   760   “   (ca. 6% d. Bevölk.),

    --- 1900 ......................... ca.   410   “  ,

    --- 1905 .............................   363   “  ,

    --- 1921 ......................... ca.   140   “  ,

    --- 1928 .............................    35   “  ,

    --- 1933 .............................    15   “  ,

--- 1939 .............................   ein   “ ().

Angaben aus: Aus den Annalen der Gemeinde Rawitsch

http://static1.akpool.de/images/cards/8/81434.jpg Am Markt in Rawitsch (hist. Postkarte, um 1910 ?)

Die Rawitscher Juden waren im 19.Jahrhundert vor allem Kleinhändler und Handwerker, aber auch Viehhändler. Um die Jahrhundertwende setzte der Auflösungsprozess der jüdischen Gemeinde ein, als nun immer mehr Familien ins Innere des Deutschen Reiches drängten. Als die Stadt nach Ende des Ersten Weltkrieges an Polen fiel, verstärkte sich - auf Grund diskriminierender Maßnahmen - die Abwanderung weiter, sodass zu Beginn der 1930er Jahre kaum noch Juden in Rawitsch lebten; die Gemeinde - zuletzt vom Rabbiner John Cohn geführt - löste sich schließlich ganz auf. Während des Zweiten Weltkrieges wurden sowohl die Rawitscher Synagoge als auch der dortige neuere jüdische Friedhof zerstört. Die Synagogenruine blieb vermutlich bis in die 1980er Jahre fast unverändert, ehe diese dann wegen einer beabsichtigten Neubebauung des Geländes abgeräumt wurde; heute befindet sich auf dem Areal ein Parkplatz. 

Im Jahre 1943 gab es in Rawitsch ein Zwangsarbeiterlager für Juden, die aus dem Ghetto Lodz hierher gebracht und zu Tiefbauarbeiten herangezogen wurden.

Aus Rawitsch stammte der 1849 geborene jüdische Historiker und Rabbiner Markus (Mordechai) Brann, Sohn des Talmudisten und Rabbiners Salomon Brann. Sein Wirken an zunächst verschiedenen Stätten wurde durch eine Berufung an das jüdisch-theologische Seminar Breslau gekrönt, wo er die Nachfolge von Heinrich Graetz antrat und dieses Amt bis zu seinem Tode inne hatte. Seine Verdienste würden mit der Verleihung eines Professorentitels gewürdigt. Brann starb 1920 in Breslau.

Ebenfalls aus Rawitsch stammte Hirsch Gradenwitz; als Sohn einer Rabbinerfamilie wurde er dort 1876 geboren. Nach seinem Besuch des Rabbinerseminar in Berlin und dem Studium an den Universitäten Berlin und Erlangen trat er 1905 seine erste Stelle als Rabbiner in Tarnowitz/Oberschlesien an. Im Ersten Weltkrieg war er Feldrabbiner auf dem Balkan. 1921 übernahm er das Provinzialrabbinat in Hanau, das er bis 1938 führte. Nach dem Novemberpogrom flüchtete Gradenwitz mit seiner Familie in die Niederlande. Von dort erfolgte seine Deportation via Westerbork ins KZ Auschwitz, wo er und seine Frau 1943 ermordet wurden.

 

Im niederschlesischen Dorf Winzig (poln. Winsko) - ca. 20 Kilometer südwestlich von Rawitsch – lebte seit der ersten Hälfte des 19.Jahrhunderts eine überschaubare Zahl jüdischer Familien; um 1860 zählte die kleine Gemeinde ca. 50 Angehörige und erreichte etwa zehn Jahre später mit 68 Personen ihre maximale Zahl. Seit 1862 gab es im Dorf eine neue Synagoge (in der Junkerstraße) – eingeweiht vom Liegnitzer Rabbiner - und einen eigenen Begräbnisplatz. Infolge Abwanderung lebten in Winzig in den 1920er Jahren nur noch sehr wenige Familien; 1937 waren es noch zwölf Personen. Im November 1938 wurden die Synagoge und die beiden jüdischen Geschäfte zerstört. Über das Schicksal der verbliebenen jüdischen Bewohner gibt es keine Angaben.

 

In Sarne (poln. Sarnowa) – wenige Kilometer östlich von Rawitsch – sollen Juden erstmals im beginnenden 15.Jahrhundert gelebt haben. Sichere urkundliche Hinweise sind erst aus dem beginnenden 18.Jahrhundert überliefert. Um 1800 erreichte die Zahl der jüdischen Dorfbewohner etwa 90 Personen (etwa 6% d. Bevölkerung). Ein Bethaus soll zu Beginn des 19.Jahrhunderts eingerichtet worden sein; 1885 wurde es durch einen kleinen Synagogenneubau ersetzt. Ein kleinflächiges Begräbnisgelände war bereits ein Jahrhundert eher in pachtliche Nutzung genommen worden. Zur benachbarten größeren Gemeinde Rawitsch bestanden enge Verbindungen. Um 1900 lebten nur noch zehn Juden im Ort, zwei Jahrzehnte später keine mehr.

 

In Görchen (poln. Miejska Górká), einem Dorf östlich von Rawitsch, wurde jüdische Ansiedlung über Jahrhundert hinweg nicht erlaubt; auch ein Handel mit ihnen war zeitweilig ganz verboten. Erst seit den 1820er Jahren sind dann sehr wenige jüdische Familien hierher gekommen, um sich dauerhaft niederzulassen; doch war ihre Anzahl stets überschaubar. Über eigene gemeindliche Einrichtungen verfügte die kleine Gemeinschaft nicht, gottesdienstliche Zusammenkünfte fanden in privaten Räumlichkeiten statt. Nach 1920 lebten im Ort keine Juden mehr.

 

In Bojanowo (poln. Bojanowo) – einer Kleinstadt auf halben Wege zwischen Rawitsch und Lissa – geht erste jüdische Ansässigkeit bis ins beginnende 18.Jahrhundert zurück. Die hier beheimatete Herstellung von Stoffen führte gegen Ende des Jahrhunderts immer mehr jüdische Händler hierher, die aufgekaufte Stoffe in den preußischen Landen zum Verkauf brachten. In etwa gleichzeitig ließen sich dann auch weitere jüdische Familien in Bojanowo nieder, die vermutlich um 1790/1800 eine Gemeinde gründeten. Ihren Lebensunterhalt bestritten die meisten im Handwerk (Weber u. Schneider) und im allgemeinen Handel. Eine erste aus Holz errichtete Synagoge soll bereits um 1795 existiert haben. Bei einem Stadtbrand von 1857 fiel diese – wie viele andere Gebäude Bojanowos auch – dem Großfeuer zum Opfer. Bereits zwei Jahre später konnte die jüdische Gemeinde ihre neue Synagoge einweihen; die feierliche Weihezeremonie führten die Rabbiner von Rawitsch und Breslau gemeinsam durch.

               Synagoge Bojanowo (Ausschnitt hist. Bildpostkarte, aus: wikipedia.org, gemeinfrei)

Seit 1817 verfügte die Gemeinde auch über ein eigenes Friedhofsgelände; zuvor waren Verstorbene in Lissa begraben worden.

Juden in Bojanowo:

    --- um 1775 ..................... ca.  10 jüdische Familien,

    --- 1793 ............................ 151 Juden (ca. 6% d. Bevölk.)

--- 1835 ............................ 304   “   (ca. 13% d. Bevölk.),

    --- 1849 ............................ 253   “   (ca. 11% d. Bevölk.),

    --- 1864 ............................ 173   “   (ca. 9% d. Bevölk.),

    --- 1895 ............................  64   “   (ca. 3% d. Bevölk.),

    --- 1905 ............................  64   “  ,

    --- 1923 ........................ ca.  20   “  ,

--- 1938 ............................  18   “  .

Angaben aus: Bojanowo, in: sztetl.org.pl

Dass jüdische Geschäftsleute in der Stadt großes Ansehen besaßen, kam in deren Zugehörigkeit in kommunalen Gremien zum Ausdruck. Abwanderung zahlreicher jüdischer Familien führte im letzten Viertel des 19.Jahrhunderts zu einem Niedergang der Gemeinde. Ende der 1930er Jahre lebten kaum noch jüdische Bewohner in der Kleinstadt. Das Synagogengebäude überdauerte den Zweiten Weltkrieg äußerlich fast unbeschadet; es diente danach unterschiedlichsten Zwecken. Inzwischen ist das mehrfach umgestaltete Gebäude als Kulturdenkmal eingetragen; gegenwärtig ist es im privaten Besitz.

Bojanowo synagoga 02.JPG Ehem. Synagogengebäude (Aufn. D. Galus, 2013, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0)

Von dem 1940 zerstörten und in kommunistischer Zeit eingeebneten Friedhof sind heute keinerlei Relikte mehr vorhanden.

Weitere Informationen:

Robert Baumhauer, Geschichte der Stadt Bojanowo, in: „Aus dem Posener Lande. Blätter für Heimatkunde” No. 1/1908

Isaak Cohn, Die Geschichte der jüdischen Gemeinde Rawitsch, Rawitsch 1915

Aus den Annalen der Gemeinde Rawitsch, o.O. 1962 (in Hebräisch und Englisch)

The Encyclopedia of Jewish Life before and during the Holocaust, New York University Press, Washington Square, New York 2001, Vol. 2, S. 1062 (awitsch) und Vol. 3, S. 1448/1449 (Winzig)

Rawicz, in: sztetl.org.pl