Rees (Nordrhein-Westfalen)

Datei:Rees in KLE.svg Rees ist eine Stadt mit derzeit ca. 23.000 Einwohnern am unteren Niederrhein im Kreis Kleve – unweit der deutsch-niederländischen Grenze (Karte TUBS, 2008, aus: wikimedia.org CC BY-SA 3.0).

POPPEL(1852) p645 REES.jpg Rees um 1850 (Abb. aus: wikipedia.org, gemeinfrei)

Erste urkundliche Nennung eines jüdischen Bewohners, namens Salomon (gen. Vynes von Rees) datiert aus dem Jahre 1346. Auch nach dem Pestpogrom von 1349 sollen sich im niederrheinischen Rees vereinzelt Juden aufgehalten haben; sie waren hier überwiegend als Geldverleiher tätig. Nach vorübergehender Ausweisung aus der Stadt 1583 - mehrfach wurden durch den Rat der Stadt Aufenthaltsverbote ausgesprochen - erhielten nur einige wenige Juden wieder ein Aufenthaltsrecht in Rees zugestanden.

Über eine Ausweisungsverfügung von 1549 hieß es z.B. :

„ ... Uff Gunsdagh den 8.Marty 1549 haben Bürgermeister, Scheffen, Rhadt und Geschworene concludirt, daß man hinfüro keine Juden in der Stadt dulden / und da einige nach beschehener Anmahnungh sie die Stadt räumen sollen / sich darinnen finden lassen würden, dieselben gefänglich hinsetzen sollen, bis Rhadt und Geschworene sich erklärt, wie man gegen dieselben verfahren solle. ...”

Bis Anfang des 19.Jahrhunderts blieb die Zahl der ortsansässigen jüdischen Familien stets sehr gering; eine Gemeinde muss sich aber schon zu Beginn des 18.Jahrhunderts gegründet haben.

Ein erstes Bethaus bestand im 17.Jahrhundert in der Wasserstraße; bei einer Überschwemmung des Rheins wurde das Gebäude 1680 mitsamt den Kultgegenständen von den Fluten weggerissen. Gegen Mitte des 19.Jahrhunderts besaß die Kultusgemeinde, die auch die Familien aus den Nachbarorten Haldern, Hasselt, Elten, Millingen und Isselburg umfasste, ein zweigeschossiges Gebäude in der Oberstadt; im Obergeschoss war 1840 der Synagogenraum eingerichtet worden, der insgesamt etwa 75 Personen Platz bot. Im Erdgeschoss des Gebäudes befanden sich die einklassige jüdische Elementarschule und die Lehrerwohnung, im hinteren Bereich eine Mikwe.

        Synagoge von Rees 3. Gebäude links (hist. Aufn., Stadtarchiv)

                                        Synagoge in Rees (Skizze um 1930)

Bei einem Großfeuer in der Oberstadt im September 1911 wurde auch die Synagoge teilweise zerstört, die alsbald aber wieder erstellt wurde.

Um 1700 erwarb die Reeser Judenschaft von der Stadt ein Grundstück auf (!) der ca. acht Meter breiten Stadtmauer (am „Weißen Turm“) zur Anlage eines hochwasserfreien Friedhofs; eine Erweiterung erfuhr dieser in den 1780er Jahren. Das Begräbnisgelände diente auch verstorbenen Juden aus Haldern, Isselburg und Millingen als letzte Ruhestätte. Etwa 100 Jahre später musste der Friedhof wegen vollständiger Belegung geschlossen werden; Bestattungen erfolgten seit 1872 auf dem zweiten jüdischen Friedhof an der Weseler Straße.

*Anm.: Die Lage dieses Friedhofs auf der Stadtmauer ist einmalig im Rheinland. Da jüdische Beerdigungen auf Anweisung des Magistrats von Rees außerhalb der Stadt vorgeschrieben waren, hätten die Gräber im Umfeld der Stadt bei Rheinhochwasser weggespült werden können. - Angeblich mussten auf dem Friedhof stets vier Plätze frei bleiben; hier wurden bei Hochwasser christliche Verstorbene „zwischengelagert“, bis die Flut zurückging und eine endgültige Beerdigung auf dem christlichen Friedhof möglich war.

Juden in Rees:

        --- um 1660 .........................   2 jüdische Familien,

    --- um 1750/60 ...................... keine,

    --- 1812 ............................   6 jüdische Familien,*   *  andere Angabe: 12 Familien

    --- um 1840 ..................... ca. 130 Juden,**              ** gesamte Gemeinde

    --- um 1850 ..................... ca. 150   “  ,**

    --- 1925 ............................  41   “  ,   (59 Pers. incl. umliegender Ortschaften)

    --- 1933 ............................  55   “  ,**              ** gesamte Gemeinde 66 Pers.

    --- 1937 ............................  35   “  ,

    --- 1938 (Nov.) ................. ca.  10   “  ,

    --- 1941 (Dez.) .....................  keine.

Angaben aus: Elfi Pracht-Jörns, Jüdisches Kulturerbe in Nordrhein-Westfalen, Teil II: Reg.bez. Düsseldorf, S. 355

und                 Bernhard Schäfer, Es geschah in der Oberstadt , S. 89

Zu Beginn der 1930er Jahre lebten etwa 50 Bürger mosaischen Glaubens in Rees. Am 10.November 1938 demolierten SA-Angehörige die Inneneinrichtung des Synagogengebäudes; das zerstörte Inventar und die Kultgegenstände wurden auf den Hinterhof geworfen und teilweise verbrannt. Bei dieser „Aktion“ sollen auch Angehörige der NS-Frauenschaft aktiv beteiligt gewesen sein; das Gebäude wurde nicht in Brand gesetzt. Gegen Kriegsende zerstörte ein Bombenangriff das ehemalige Synagogengebäude, das zwischenzeitlich als Lagerraum gedient hatte. Auch beide Reeser Friedhöfe wurden von Nationalsozialisten verwüstet; Kriegseinwirkungen taten ein übriges.

Eine schlichte Gedenktafel am Hause Oberstadt 16 erinnert heute an die Synagoge der einstigen jüdischen Gemeinde Rees; ihre Inschrift lautet:

An dieser Stelle stand seit etwa 1840 die Synagoge der ehemaligen jüdischen Gemeinde von Rees.

Sie wurde im Februar 1945 bei einem Bombenangriff auf Rees zerstört.

Auf dem alten jüdischen Friedhof „Am weißen Turm” finden sich nur noch ca. 25, teilweise stark zerstörte Grabsteine; insgesamt sollen hier etwa 160 Beerdigungen stattgefunden haben. Zusammen mit dem Begräbnisareal an der Weseler Straße – hier sind noch ca. 70 Grabsteine vorhanden - wurde der alte Friedhof 1997 von der Stadt Rees unter Denkmalschutz gestellt.

http://www.baukunst-nrw.de/bilder/full/2712_816699.jpgalter jüdischer Friedhof (Aufn. Stadt Rees) 

Das letzte Begräbnis auf dem jüdischen Friedhof an der Weseler Straße war 1979 vorgenommen worden.

Seit 2009 erinnern ca. 35 sog. „Stolpersteine“ an ehemalige jüdische Bewohner der Stadt.

Vier „Stolpersteine“ Rees, Kirchplatz

... und verlegt in der Oberstadt Stolperstein für Herbert Sander Stolperstein für Hertha Sander geb. Röttgen (Aufn. Gmbo, 2014, aus: wikipedia.org, CCC)

Im Koenraad-Bosman-Museum werden seit 2014 im Raum „Jüdische Traditionen“ Fundstücke gezeigt, die vor der Vernichtung bewahrt werden konnten; darunter befinden sich auch ein Thora-Fragment und einige Gebetbücher.

Weitere Informationen:

Hermann Terlinden, Die jüdischen Friedhöfe in Rees, in: Kalender für das Klever Land 1977

Dieter Roos, Jüdische Friedhöfe in Rees, Hrg. Reeser Geschichtsverein Ressa e.V., Emmerich 1996

Bernhard Schäfer, Auch sie waren Reeser. Zur Erinnerung an die jüdische Gemeinde Rees, in: Kalender für das Klever Land 1997, S. 133 - 136

Bernhard Schäfer, Es geschah in der Oberstadt . Die Reichspogromnacht des Jahres 1938 in Rees, in: Kalender für das Klever Land auf das Jahr 1998, S. 86 - 90

Michael Brocke (Hrg.), Feuer an dein Heiligtum gelegt - Zerstörte Synagogen 1938 Nordrhein-Westfalen, Ludwig Steinheim-Institut, Kamp Verlag, Bochum 1999, S. 447/448

Elfi Pracht-Jörns, Jüdisches Kulturerbe in Nordrhein-Westfalen. Teil II: Regierungsbezirk Düsseldorf, J.P. Bachem Verlag, Köln 2000, S. 355 - 361

Chronik der jüdischen Gemeinde in Rees (chronologische Übersicht), PDF-Datei unter: rees-erleben.de

Bernd Finke (Red.), Rees/Haldern/Isselburg. Zwei, die den Holocaust überlebten, in: rp-online.de vom 29.1.2013

Die Friedhöfe in Rees, online abrufbar unter: juedische-friedhoefe.info (mit Bildmaterial)

Stefanie Bleckmann, Jüdische Lebenswelten im 19. Jahrhundert im ländlichen Raum unter emanzipatorischen Aspekten dargestellt an der Synagogengemeinde Rees, Facharbeit in Geschichte, 2014

Christiane E. Müller/Wolfgang Jung /Bearb.), Juden in Wesel und am Niederrhein – eine Spurensuche, hrg. vom Jüdisch-Christlichen Freundeskreis Wesel e.V. in Zusammenarbeit mit der Stadt Wesel, 2014 (verschiedene Aufsätze, u.a. auch von Bernhard Schäfer und Stefanie Bleckmann)

Michael Scholten (Red.), Auf den Spuren jüdischen Lebens, in: rp-online vom 10.12.2016

Auflistung der in Rees verlegten Stolpersteine, online abrufbar unter: wikipedia.org/wiki/Liste_der_Stolpersteine_in_Rees

Maria Raudszus (Red.), Das Pogrom: Was geschah vor 80 Jahren in Rees, in: NRZ vom 8.11.2018 (Interview)