Reichenbach/Eulengebirge (Schlesien)

 Die Wurzeln des niederschlesischen Reichenbach - etwa 25 Kilometer östlich von Waldenburg bzw. etwa 15 Kilometer südlich von Schweidnitz gelegen - reichen bis ins 13.Jahrhundert zurück; die Kleinstadt wurde 1946 in Dzierżoniów umbenannt.

Die ersten Juden siedelten sich Ende des 13.Jahrhunderts im an einer alten Handelsstraße gelegenen Reichenbach an. Die wenigen jüdischen Familien wurden 1453 im Zusammenhang mit dem Auftreten des Mönches Capistrano bzw. des Hostienschändungsprozesses in Breslau aus Reichenbach vertrieben. Über einen eigenen Begräbnisplatz verfügten die Reichenbacher Juden zur damaligen Zeit nicht; sie begruben ihre Verstorbenen auf dem jüdischen Friedhof in Schweidnitz. An frühere Ansiedlung von Juden im Mittelalter erinnert noch die abseits vom Markt gelegene „Judengasse“. Über mehrere Jahrhunderte war Reichenbach „judenfrei“; auch noch zu Beginn der preußischen Herrschaft (um 1740) lebten in Reichenbach keine Juden. Erst im Laufe der zweiten Hälfte des 18.Jahrhunderts siedelten sich einige wenige „auf gewisse Zeit“ hier an; ein Niederlassungsprivileg für Reichenbach gab es aber lange Zeit nicht. Mit Beginn des 19.Jahrhunderts zogen wenige jüdische Familien zu, die ihren Lebensunterhalt durch den Verkauf von importierter Schafwolle bestritten.

Um 1820 gründete sich hier eine sehr kleine Gemeinde; aus dieser Zeit stammt auch die Anlage eines jüdischen Friedhofs. Einen Synagogenbau errichtete die Judenschaft erst Mitte der 1870er Jahre in der Trenkstraße; zuvor hatten Gottesdienste in einem privaten Betraum stattgefunden.

Bildergebnis für synagoga Dzierżoniów   

Synagoge von Reichenbach (hist. Postkarte um 1915  und  hist. Aufn., um 1925 ?)

Juden in Reichenbach:

        --- um 1820 .................... ca.     20 Juden,

    --- 1840 ...........................     59   “  ,

    --- 1849 ...........................     79   “  ,

    --- 1871 ...........................    185   “  ,

    --- 1880 ...........................    155   “  ,

    --- 1925 ...........................     61   “  ,

    --- 1930 ...........................     52   “  ,

    --- 1933 ...........................     67   “  ,

    --- 1939 ...........................     19   “  ,

    --- 1945 (Mai) ................. ca.  2.600   “  ,

             (Juli) ................ ca.  1.200   “  ,

             (Aug.) ................ ca.  2.300   “  ,

    --- 1946 (Mai) ................. ca. 15.300   “  ,

             (Dez.) ................ ca. 16.000   “  ,

    --- 1947 (Apr.) ................ ca.  6.100   “  ,

    --- 1948 (Febr.) ............... ca.  6.800   “  .

Angaben aus: Bernhard Brilling, Die jüdischen Gemeinden Mittelschlesiens - Entstehung und Geschichte, S. 162

und                 B. Szaynok, Ludność żydowska na Dolnym Śląsku 1945-1950, Wroclaw 2000                          

Stadtansicht (Abb. aus: kreis-reichenbach.de)

Ihren zahlenmäßigen Höchststand erreichte die jüdische Gemeinde in Reichenbach in den 1870er Jahren mit knapp 200 Angehörigen; in den folgenden Jahrzehnten ging deren Zahl sehr stark zurück. Zu Beginn der NS-Zeit setzte sich die jüdische Gemeinde nur noch aus knapp 70 Mitgliedern zusammen.

Während des Novemberpogroms von 1938 wurden die Inneneinrichtung der inzwischen nicht mehr benutzten Synagoge, drei jüdische Geschäfte und Wohnungen jüdischer Familien demoliert. Das Synagogengebäude – inzwischen „nichtjüdisches Eigentum“ blieb unversehrt; in den Kriegsjahren diente das Haus als Domizil der HJ! Ende 1942 lebten keine jüdischen Bewohner mehr in Reichenbach.

In unmittelbarer Nähe von Reichenbach waren im vorletzten Kriegsjahr Außenlager des KZ Groß-Rosen eingerichtet worden, in denen meist weibliche Häftlinge Zwangsarbeit verrichten mussten.

Nach Kriegsende war Reichenbach/Rychbach/Dzierżoniów Sammelpunkt der aus den Konzentrations- und Zwangsarbeitslagern der Region befreiten Juden. Im Mai 1945 hielten sich in der Stadt ca. 2.600 Juden auf, drei Monate später hatte sich - unter anfänglicher Unterstützung der sowjetischen Militärbehörden - ihre Anzahl mehr als verdoppelt; zu den befreiten Häftlingen waren auch Juden aus Ost- und Zentralpolen hinzugekommen. Hier sollten die Juden, die den Horror der NS-Zeit überlebt hatten oder Rückkehrer aus der Sowjetunion waren, einen sicheren Platz finden, an dem sie leben, arbeiten und ihre jüdische Traditionen und jiddische Sprache pflegen konnten. Dass sich in und um Dzierzoniów – allerdings nur für die Dauer von drei Jahren - eine „jüdische Republik“ etablieren konnte, ist vor allem dem jüdisch-polnischen Politiker Jakub Egit (1908–1996) zu verdanken, der ein „Gegenmodell“ zur Auswanderung nach Palästina/Israel schaffen wollte.

Die neuen Bewohner nannten die Stadt „Zydbach“. Sie schufen eine Selbstverwaltung: es entstanden jüdische Schulen, Kranken- und Waisenhäuser, es wurden landwirtschaftliche Kibbuzim, Handwerksgenossenschaften, Theater, Zeitungen und ein Buchverlag gegründet. Die in der Stadt traditionelle Textilindustrie lebte wieder auf, hinzu kam als weitere Branche die Elektroindustrie. So entstand eine autonome jüdische Siedlung, ein Jischuw. Im Jahr 1946 lebten rund 18.000 jüdische Einwohner in der kleinen Stadt.

Das baulich erhaltengebliebene Synagogengebäude wurde fortan auch wieder zu gottesdienstlichen Zwecken benutzt.

                        Gottesdienst in der Synagoge (Aufn. um 1955)

Da nach Ansicht der polnischen Behörden die weitgehende jüdische Autonomie von Dzierzoniów ihre staatliche Autorität in Frage stellte, wurde dem Projekt die Unterstützung entzogen. Zudem wurden von sowjetischer Seite fortan zionistische Ideen als „konterrevolutionär“ betrachtet und hart verfolgt.

Anfang der 1950er Jahre setzte verstärkt die Emigration nach Israel bzw. in die USA ein. In den 1980er Jahren lebten nur noch sehr wenige alte jüdische Menschen in Dzierżoniów; das Synagogengebäude war nun dem Verfall preisgegeben. Im Jahre 2007 erwarb Raphael Blau, ein in Israel lebender polnischer Jude, das seit 1994 als Baudenkmal eingestufte Gebäude, um es zu originalgetreu restaurieren zu lassen. Die Stiftung „Beitenu Chaj“ („Unser Haus lebt“) stellte die finanzielle Grundlage für das geplante jüdische Kulturzentrum zur Verfügung. 2015 waren die Sanierungsarbeiten im wesentlichen abgeschlossen.


Ehem. Synagogengebäude (Aufn. Ignacego Krasickieg, um 2005, aus: wikimapia  -  Andrzej Otrebski, 2015, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 4.0)

Restaurierter Innenraum (Aufn. MO., 2017, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 4.0 Synagogue in Dzierzoniow (3).jpg

An die einstige israelitische Gemeinde Reichenbachs erinnern heute noch die etwa 100 Grabsteine des um 1825 angelegten Friedhofs.

 

Eingangstor - Grabstätten des jüdischen Friedhofs in Dzierżoniów (aus: jewish.traces, um 2010)

 Unmittelbar nach Kriegsende initiierte Jacub Egit (geb. 1908) das in Reichenbach/Rychbach/Dzierzoniow beheimatete jüdische Siedlungsprojekt. Seine Motivation gründete sich darauf, dass er auf ehemaligen Reichsgebiet eine jüdische Stadt erstehen lassen wollte. Zunächst von sowjetischer Seite unterstützt verlor Egit 1947/1948 die Duldung der Kommunisten; er wurde verhaftet. Nach seiner Freilassung ging er nach Warschau und war dort Redakteur einer jiddischen Zeitung. 1957 emigrierte er nach Kanada. Wenige Jahre vor seinem Tode veröffentlichte er seine Autobiographie ("Grand Illusion"), die einzige historische Aufzeichnung des gescheiterten jüdischen Siedlungsprojektes. Jacub Egit starb 1996 in Toronto.

In Peterswaldau (poln. Pieszyce) – nur wenige Kilometer westlich von Reichenbach gelegen – lebten im 19./beginnenden 20.Jahrhundert nur wenige jüdische Familien. Unmittelbar nach Kriegsende erreichten mehrere hundert Juden – zumeist Überlebende des KZ Groß-Rosen bzw. seiner Außenlager – die Stadt und hielten sich vorübergehend hier auf. Waren es im Sommer 1945 ca. 500 Juden, so vergrößerte sich im Laufe des Jahres 1946 deren Zahl auf mehr als 2.000 Personen. 1948 hatte sich deren Anzahl dann in etwa halbiert; Mitte der 1950er Jahre waren es nur noch wenige hundert, da die meisten von hier abgewandert bzw. emigriert waren.

Weitere Informationen:

Bernhard Brilling, Die jüdischen Gemeinden Mittelschlesiens - Entstehung und Geschichte, in: Studia Delitzschiana, Band 1, Verlag Kohlhammer, Stuttgart/Berlin/Köln/Mainz 1972, S. 160 f.

Germania Judaica, Band III/2, Tübingen 1995, S. 1230/1231

Monika Schmidt, Zwangsarbeit und Lagerhaft als lebenslanges Trauma. Erfahrungen in Langenbielau und Peterswaldau, in: Dachauer Hefte 15/1999, S. 174 ff.

Helga Hirsch, Die letzte Ehre, in: "Die WELT" vom 19.8.2008, S. 8

John Koch, Die jüdische Gemeinde von Reichenbach, 2009 (online abrufbar)

Żydowski Dzierżoniów – Jewish Rychbach – Jüdisches Reichenbach 1945 – 1948.Individuelle und kollektive Erinnerungen - . Dauerausstellung in der ehem. Synagoge, 2011 (Ergebnis eines Projektes von 2010 der Stiftung Kreisau zusammen mit der Stiftung Beiteinu Chaj)

Gabriel Berger, Ein Jischuw in Niederschlesien, in: "Jüdische Allgemeine" vom 19.7.2012

Dzierzoniów, in: sztetl.org.pl

Vera Lengsfeld (Red.), Die kurze Blüte jüdischen Lebens in Polen nach der Schoah, online abrufbar unter: audiatur-online.ch vom 4.10.2016

Gabriel Berger, Umgeben von Hass und Mitgefühl. Jüdische Autonomie in Polen nach der Schoah 1945 – 1949 und die Hintergründe ihres Scheiterns, Lichtig-Verlag, Berlin 2016

Alice Lantzke (red.), Das kurze Wunder von Dzierzoniów, in: "Jüdische Allgemeine“ vom 16.2.2017