Uelzen (Niedersachsen)

Uelzen mit derzeit ca. 35.000 Einwohnern liegt im nordöstlichen Niedersachsen – ca. 55 Kilometer südlich der Hansestadt Hamburg.

Jüdische Einwohner sind in Uelzen erst seit Anfang des 19.Jahrhunderts nachzuweisen; in den Jahrhunderten zuvor durften sich Juden nicht in der überregional bedeutenden Handelsstadt dauerhaft niederzulassen. Nur während der zweimal im Jahr abgehaltenen Freimärkte war jüdischen Händlern kurzzeitig ein Aufenthalt in Uelzen erlaubt. Hinter diesen restriktiven Maßnahmen stand vor allem das Krameramt, das sich durch den von Juden betriebenen Handel in seiner Tätigkeit bedroht sah und dies durch striktes Handeln durchzusetzen versuchte; bis 1843 galt das Privileg des Krameramtes.

So hieß es in einem Schreiben des Krameramtes aus dem Jahre 1711:

... Außer den öffentlichen Jahrmärkten solle ... so wenig in der Stadt alß denen Vorstädten frembde Crahmer Savogarden*[ reisende Händler aus Savoyen] oder frembde Juden mit ihren Wahren geduldet, Vielweniger damit Zu Hausiren ihnen erlaubet werden, Würde aber einer gefunden der Hierinnen sich Versehen, der soll Verwarnet werden, will er sich denn nicht warnen lassen, soll er nach Vorgängiger Obrigkeitlicher Erkäntniße seiner Wahren Verlustig seyn. ...”

Zahlreiche Erlasse gegen das „Betteljudentum“ und umherziehende jüdische Händler waren auch für Uelzen gültig. Dem Ellenwaren- und Landproduktenhändler Levy A. Benjamin aus Bleckede wurde 1813 der erste Schutzbrief für Uelzen ausgestellt; doch auch noch 20 Jahre später lebten nur zwei jüdische Familien in Uelzen. Nachdem sich die Rechtsverhältnisse der Juden 1842 geändert hatten, bestand für sie u.a. die Möglichkeit, ‚Vollbürger’ der Stadt zu werden; seit 1843 leisteten in Uelzen lebende Juden dort ihren Bürgereid.

Um 1830 hatten sich die in der Region um Uelzen lebenden Juden zu dem „Synagogenverband Uelzen“ zusammengeschlossen; diesem gehörten Bevensen, Bienenbüttel, Ebstorf und Suderburg an. In den genannten Dörfer lebten jedoch nur sehr wenige Juden, die zumeist ihre Waren auf dem Markt in Uelzen anboten.

Gottesdienste wurden in einem Betraum in Privathäusern, z.B. in einem Hinterhaus in der Schuhstraße abgehalten; der zuletzt genutzte Raum befand sich vermutlich in der Alewinstraße im Wohnhaus des Lehrers Hirsch Bachenheimer, der mehr als ein halbes Jahrhundert die Uelzener Lehrerstelle innehatte; verbunden war diese Stelle mit dem Kantoren- und Schächteramt. Einen eigenen Synagogenbau hat es in Uelzen zu keiner Zeit gegeben. In Anbetracht der wenigen Kinder existierte in Uelzen auch keine regelrechte jüdische Elementarschule; Religionsunterricht wurde privat organisiert.

Dagegen besaß die kleine jüdische Gemeinde am Ende der Niendorfer Straße ein Bestattungsgelände, das ein wohlhabender Kaufmann 1849 erworben hatte und es der Gemeinde als Schenkung überließ. - Seit 1855 war Bergen a. d. Dumme der Synagogengemeinde Uelzen angeschlossen.

Juden in Uelzen:

        --- 1833 .................  7 Juden,

    --- 1848 ................. 12   “  ,

    --- 1855 ................. 23   “  ,

    --- 1884 ................. 53   “  ,*   * Gemeinde Uelzen

    --- 1900 ................. 93   “  ,*

    --- 1905 ................. 79   “  ,

    --- 1919 ................. 54   “  ,

    --- 1925 ................. 57   “  ,

    --- 1933 ................. 34   “  ,

    --- 1938 ................. 18   “  ,

    --- 1939 (Juni) .......... 16   “  ,

    --- 1941 ................. 10   “  ,

    --- 1942 (Dez.) .......... keine.

Angaben aus: Ralf Busch, Synagogengemeinde Uelzen

und                 E.Woehlkens/L.Kuhlmann/B.Weiland, Beiträge zur Geschichte der Juden in Uelzen ..., S. 27/28                                                          

Im 19.Jahrhundert lebten die jüdischen Familien Uelzens vor allem vom Handel mit Textilien und Häuten/Fellen. Mit dem wirtschaftlichen Aufschwung von Uelzen wuchs auch die jüdischen Gemeinde, die um 1900 ihren zahlenmäßigen Höchststand erreichte. Anfang der 1930er Jahre bestanden noch acht Geschäfte; neben zwei Banken besaß eine Färberei/Reinigung überregionale Bedeutung.

Zu Beginn der NS-Zeit lebten noch etwa 35 jüdische Einwohner in Uelzen; bis Kriegsbeginn halbierte sich deren Zahl.

Während der Boykott-Aktion gegen jüdische Geschäfte am 1.April 1933 blieb es in Uelzen ruhig; allerdings hatten einige jüdische Geschäftsleute an diesem Tag ihre Läden geschlossen. Im Zuge der Verschärfung der antijüdischen Hetze wurde 1935 in Uelzen ein Flugblatt verbreitet, das unter der Parole „Wer bei Juden kauft, ist ein Volksverräter” alle in Uelzen lebenden Juden auflistete.

Im Sommer 1938 lebten nur noch wenige jüdische Bürger in der Stadt; im Kreisgebiet waren bereits alle jüdische Familien abgewandert. Während des Novemberpogroms von 1938 blieb der Betraum von Zerstörungen verschont; mehrere Schaufenster wurden eingeworfen, einige jüdische Männer festgenommen und in ein Konzentrationslager abtransportiert.

Aus der „Allgemeinen Zeitung” vom 11.11.1938:

Empörung auch in Uelzen. - Nach Bekanntwerden des Ablebens des durch feige jüdische Mörderhand niedergestreckten deutschen Diplomaten vom Rath (in Paris) haben sich vorgestern abend und in der Nacht zum Donnerstag im ganzen Reich spontane judenfeindliche Kundgebungen entwickelt. ... Bei uns in Uelzen führte die helle Empörung, von der das ganze Volk ergriffen ist, dazu, daß einem in der Alewinstraße wohnenden Juden in der Nacht zum Donnerstag einige Scheiben eingeworfen wurden. Auch in den Nachbarstädten kam es zu antijüdischen Kundgebungen.

Wem die Auswanderung bis 1941 nicht gelang, der wurde nach Theresienstadt bzw. Minsk deportiert.

Neben dem alten Amtsgericht in der Veerßerstraße steht seit 1988 ein Mahnmal für die Opfer des Nationalsozialismus - geschaffen vom Ebsdorfer Künstler Klas Tilly.

 Mahnmal in Uelzen (Aufn. aus: nibis.ni.schule.de)

Am Fuße einer großen Stele, an der mit einem Tau eine kleinere abgewinkelte Stele gefesselt ist, ist eine Bronzeplatte angebracht, die folgende Inschrift trägt:

1933 - 1945

“Möge alles, was der Ausbreitung oder der Wiederholung des Unheils entgegenwirkt,

nicht umsonst und nicht zu spät sein.” (KOGON)

1999 wurden zudem am Fuße des Denkmals drei metallene Tafeln angebracht, die an die Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft gedenken, so u.a. auch auf die Zerstörung der jüdischen Gemeinde Uelzens verweisen. Eine andere Aufschrift lautet: "Von März bis April 1945 befand sich in Uelzen ein Aussenlager des KZ-Lagers Neuengamme."

2011/2012 wurden in den Gehwegen Uelzens die ersten sog. „Stolpersteine“ verlegt.

 Stolpersteine“ in der Brückenstr. (Aufn. Geschichtswerkstatt Uelzen)

Datei:Stolperstein-02-ue.jpg  Datei:Stolperstein-01-ue.jpg

weitere "Stolpersteine" in der Lüneburger Straße und Gudesstraße (beide Aufn. August Rumpenhorst, 2014)

Auf dem jüdischen Friedhof an der Niendorfer Straße befinden sich 37 Grabsteine für Verstorbene aus Uelzen und Umgebung, die in den Jahren 1850 bis 1940 hier beerdigt worden sind.

Jüdischer Friedhof Uelzen (Aufn. N. 2014, aus: wikipedia.org, CC BY 3.0)

Im etwa 20 Kilometer südöstlich Uelzens gelegenen (Bad) Bodenteich bestand ab den 1840er Jahren eine sich nur aus wenigen Familien zusammensetzende jüdische Gemeinschaft, die Synagogengemeinde Bodenteich-Hankensbüttel; zu ihr zählten auch die Familien aus Beedenbostel, Hermannsburg und Wittingen. Vorsteher dieser Landgemeinde war zunächst der in Bodenteich ansässige Simon Plaut, in dessen Privathaus auch der Betraum untergebracht war; nach 1863 übte der in Wittingen lebende Mendel Nathan diese Funktion aus; nun war Wittingen der Versammlungsort. Seit etwa 1800 stand ein Friedhofsgelände in Bodenteich zur Verfügung, auf dem auch verstorbene Juden von Orten aus der Umgebung (Hankensbüttel, Wittingen und Beedenbostel) begraben wurden. Die letzte Beerdigung fand hier 1905 statt. 1908 wurde die kleine Synagogengemeinde Bodenteich-Hankensbüttel aufgelöst.

Weitere Informationen:

Zvi Asaria, Die Juden in Niedersachsen - Von den ältesten Zeiten bis zur Gegenwart, Verlag Georg Rautenberg, Leer Ostfriesland 1979, S. 177

E.Woehlkens/L.Kuhlmann/B.L.Weiland, Beiträge zur Geschichte der Juden in Uelzen und in Nordostniedersachsen, Hrg. für die Stadt Uelzen von Ralf Busch, Isensee Verlag, Oldenburg 1996

H.Blunck/J.Linker, Zwischen Zeit und Ewigkeit. Der jüdische Friedhof in Bodenteich, Bodenteich 1996

Ralf Busch, Synagogengemeinde Uelzen (Entwurf: uni-hannover.de/hdb-synagogen-nds/Uelzen.htlm)

Stephan Heinemann, Jüdisches Leben in den nordostniedersächsischen Kleinstädten Walsrode und Uelzen, in: Schriftenreihe des Bundes der Freunde des Heidemuseums Walsrode e.V., Band 14, Walsrode 2001

Martin Tamcke, Leben zwischen Kirchengemeinde und Synagogenverband in Uelzen. Exemplarisches unter besonderer Berücksichtigung der Bresslaus, in: Jahrbuch der Gesellschaft für niedersächsische Kirchengeschichte, Band 103 (2005), S. 101 - 123

Ralf Busch (Red.), Uelzen, in: Herbert Obenaus (Hrg.), Historisches Handbuch der jüdischen Gemeinden in Niedersachsen und Bremen, Wallstein-Verlag, Göttingen 2005, Band 2, S. 1486 - 1491

Sibylle Obenaus (Red.), Hankensbüttel – Bodenteich – Wittingen, in: Herbert Obenaus (Hrg.), Historisches Handbuch der jüdischen Gemeinden in Niedersachsen und Bremen, Wallstein-Verlag, Göttingen 2005, Band 1, S. 721 - 726

Förderkreis Burg Bodenteich e.V. (Hrg.), Jüdisches Leben in Bodenteich im 19.Jahrhundert, Bad Bodenteich 2005

Förderkreis Burg Bodenteich e.V. (Hrg.), Zwischen Zeit und Ewigkeit. Der jüdische Friedhof in Bad Bodenteich, 2. Aufl., Bad Bodenteich 2006

Dietrich Banse (Hrg.), Gedemütigt – vertrieben – ermordet. Uelzener Bürgerinnen und Bürger jüdischen Glaubens zwischen 1933 und 1942, in: Schriften zur Zeitgeschichte Band 2, Uelzen 2008

Gernold Urban, Das verschwundene jüdische Modehaus, in: Allgemeine Zeitung – Altmark-Zeitung vom 20.10.2012

Juden in Uelzen – Die Geschichte der jüdischen Gemeinde Uelzen bis 1942, online abrufbar unter: geschichtswerkstatt-uelzen.de

Dietrich Banse/u.a., Stolpersteine in Uelzen. Spurensuche. Erinnerungen an Uelzener Bürgerinnen und Bürger jüdischen Glaubens, hrg. von der Geschichtswerkstatt Uelzen e.V., 2013