Ungarisch Brod (Mähren)

Die an der Grenze zur Slowakei liegende Stadt Ungarisch-Brod ist das tschechische Uherský Brod.

Im Zuge des wachsenden Handelsverkehrs des Grenzortes siedelten sich vermutlich bereits Ende des 13.Jahrhunderts Juden hier an, denen von der städtischen Obrigkeit persönliche Freiheiten und das Recht auf Selbstverwaltung zugestanden wurden und die nur geringe Schutzgeldzahlungen leisten mussten. 1470 datiert die älteste städtische Urkunde, in der Juden genannt werden. Ihre Behausungen befanden sich unmittelbar hinter den Festungsmauern der Stadt.

Bis in die Zeit des Dreißigjährigen Krieges schienen die jüdischen Bewohner kaum Repressionen ausgesetzt gewesen zu sein; dies änderte sich in den 1620er Jahren, als Soldateska in die Stadt eindrang, jüdische Häuser als Unterkünfte requirierte und deren Bewohner zu hohen Kontributionen zwang. Schließlich wurden sowohl Behausungen als auch die Synagoge von den Söldnern zerstört. Die obdachlos geworden jüdischen Familien fanden in der Tuchwebergasse, der künftigen „Judengasse“, Zuflucht. Als gegen Kriegsende schwedische Truppen raubend und brandschatzend die Stadt heimsuchten, war die einst wohlhabende jüdische Gemeinde verarmt; zudem erschwerte eine hohe Steuerlast das Leben in der Nachkriegszeit.

Als nach 1670 aus Wien ausgewiesene jüdische Familien in Ungarisch-Brod Aufnahme fanden, schmälerten sich die ohnehin schon geringen Verdienstmöglichkeiten noch mehr. Anfang der 1680er Jahre besetzten ungarische Reiterscharen die Stadt Brod und massakrierten die jüdische Gemeinde. Die hiesige Bevölkerung wurde ausgeraubt, viele ermordet. In der „Judengasse“ wurden viele Häuser niedergebrannt; die in den Kellern Zuflucht suchenden Juden erlitten den Feuertod. Ein Teil der überlebenden Juden verließ daraufhin die stark zerstörte Stadt. Zudem grassierte zu dieser Zeit eine Epidemie, die hunderte Opfer forderte. Trotz der erheblichen Dezimierung der jüdischen Bewohner Brods erholte sich die Gemeinde bald von den Verfolgungen; nun unter dem Schutz der Fürsten Kaunitz stehend, die hohe Abgaben und Steuern einforderten, wurden in der „Judengasse“ neue Häuser gebaut, auch eine neue Synagoge dort errichtet.

  Teilansicht des ehem. Ghetto (Muzeum Uherský Brod)

In der Folgezeit entwickelte sich die Broder Gemeinde zu einem religiösen Zentrum für zahlreiche andere Gemeinden. Um 1715/1720 wurde ein neuer Synagogenbau eingeweiht, der bis 1941 in Nutzung war.

                       Ehem. Synagogengebäude (Aufn. um 1940, Muzeum Uherský Brod) 

Seit den 1870er Jahren gab es in Brod zeitweilig zwei miteinander konkurrierende Gemeinden: eine reform-orientierte und eine strengreligiös-orthodox ausgerichtete. Im Laufe der Jahrzehnte konnte die konservative Gemeinde Terrain zurückgewinnen.

Als das jahrhundertelang genutzte Beerdigungsgelände vor den Stadtmauern belegt war, wurde um 1870 ein neuer Friedhof angelegt; vom alten Friedhof wurden wertvolle alte Grabmäler hierher transferiert.

Juden in Ungarisch Brod:

    --- um 1470 ......................     16 jüdische Familien,

    --- 1595 .........................      5     “        “   ,

    --- 1683 .........................    438 Juden,

    --- um 1745 .................. ca.    940   “  (ca. 160 Familien),

    --- 1843 .........................    827   “  (ca. 34% d. Bevölk.),

    --- 1857 .........................  1.068   “  (ca. 26% d. Bevölk.)

    --- 1900 .........................    825   “  ,

    --- 1910 ..................... ca.  1.200   “  ,*    * gesamte Kultusgemeinde

    --- 1930 .........................    493   “  (ca. 8% d. Bevölk.),

    --- 1939 (März) ..................    489   “  ,

    --- 1943 (März) ..................    keine.

Angaben aus: Hugo Gold (Hrg.), Gedenkbuch der untergegangenen Judengemeinden Mährens, S. 115

und                 Institut Terezínské iniciativy

Illustration Ungarisch-Brod

Ansicht von Ungarisch-Brod (Abb. aus: austria-forum.org)

In den 1930er Jahren konnte sich die jüdische Gemeinde - was die Zahl ihrer Angehörigen anging - behaupten. Die deutsche Besetzung führte dann auch hier zu einem gewaltsamen Ende. Nach der Verhaftung des Oberhauptes der Gemeinde, Felix Brunn, und sieben Vorstandsmitgliedern wurden diese 1941 wegen angeblicher Untergrundaktivitäten gegen die deutsche Besatzungsmacht hingerichtet. Im gleichen Jahre wurde die Synagoge teilzerstört, später abgerissen.

                       antijüdische Slogans in Ungarisch Brod

Nachdem im Laufe des Jahres 1942 die Juden aus der Region in Ungarisch Brod konzentriert worden waren, begannen Ende Januar 1943 die Deportationen; in drei großen Transporten führte ihr Weg via Theresienstadt für die meisten in die Vernichtungslager.

                         Deportation von Juden bei Ungarisch-Brod (Aufn. Jan. 1943)

Nach Kriegsende kehrten etwa 30 Juden in die Stadt zurück; unterstützt vom amerikanischen Joint wurde Uherský Brod zu einer Art Regionalzentrum für kleinere Nachbarorte, in denen sich auch jüdische Personen aufhielten. Nach der Staatsgründung Israels verließen die allermeisten der hier lebenden Juden die Region, auch veranlasst durch zunehmenden Antisemitismus.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das ehemalige Judenviertel abgerissen und auf der freigewordenen Fläche eine Neubausiedlung errichtet; nur wenige ursprüngliche Bauten blieben erhalten.

Auf dem neuen Friedhof in Uherský Brod wird bis heute bestattet; auf dem Areal findet man etwa 80 barocke und klassizistische Grabsteine, die vom alten Friedhof - dieser wurde während der deutschen Okkupation verwüstet - hierher gebracht wurden.

  File:New Jewish cemetery in Uherský Brod 21.JPG

Trauerhalle (Aufn. um 1940, Muzeum Uherský Brod) - neuere Grabsteine (Aufn. Fet'our, 2011, aus: commons.wikimedia.org, CCO)

Zu den bekanntesten Rabbinern, die in Ung.-Brod tätig waren und weit über die Region hinaus wirkten, zählte Moritz (Meir) Jung (geb. 1859 in Tisza Eszlar/Ungarn). Im Jahre 1891 gründete er hier ein jüdisches Gymnasium, die erste Schule dieser Art. Nach vorübergehender Schließung, die der oppositionelle Gemeindevorstand erzwungen hatte, wurde diese wieder eröffnet; Hunderte Schüler aus Mähren, Galizien und Ungarn besuchten fortan diese Einrichtung. Auch in anderen Städten führte Moritz Jung sein Schulwerk fort. Als Befürworter des althergebrachten Judentums gründete Jung die „Agudath Charedim“, eine politische Vereinigung orthodoxer Juden in Galizien; damit wollte er den Einfluss der Orthodoxie gegen die zunehmende Liberalisierung stärken. Nach mehr als 20jähriger Tätigkeit in Ung.-Brod folgte Jung einem Rufe aus London, wo er bis zu seinem Tode (1921) als Oberrabbiner wirkte.

 

In Brumow (tsch. Brumov) lebte seit Mitte des 18.Jahrhunderts eine kleine jüdische Gemeinschaft, die aber zu keiner Zeit mehr als 60 Angehörige besaß. Um 1900 löste sich die Gemeinde auf; 1930 wohnten hier noch fünf Juden. Der aus den Anfängen der Gemeinde stammende Friedhof hat die Jahrhunderte überdauert.

Friedhof in Brumov (Aufn. A., 2012, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0) 

Weitere Informationen:

Adolf Frankl-Grün, Geschichte der Juden in Ungarisch-Brod nebst Biographien von ..., Wien 1905

Kalman Nürnberger, Geschichte der Juden in Ung. Brod, in: Hugo Gold, Die Juden und Judengemeinden Mährens in Vergangenheit und Gegenwart, Jüdischer Buch- und Kunstverlag, Brünn 1929, S. 549 - 559

Bertold Bretholz, Die Judengemeinde von Ungarisch-Brod u. ihr Streit mit dem Grundherrn Grafen Wilhelm von Kaunitz, in: Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Tschechoslowakischen Republik, 4 (1932), S. 107 - 181

Kalman Nürnberger, Geschichte der Juden in Ung.-Brod, in: Hugo Gold (Hrg.), Die Juden und Judengemeinden Mährens in Vergangenheit und Gegenwart, Jüdischer Verlag, Brünn 1929, S. 549 - 561

Hugo Gold (Hrg.), Gedenkbuch der untergegangenen Judengemeinden Mährens, Tel Aviv 1974, S. 113 – 116

Jiri Fiedler, Jewish sights of Bohemia and Moravia, Prag 1991, S. 189/190

Gerhard Hanak (Bearb.), Juden in Mähren - Judengemeinden in Südmähren, o.O. 2002