Ulrichstein/Vogelsberg (Hessen)

Ulrichstein ist heute ein kleines Städtchen mit ca. 3.000 Einwohnern im hessischen Vogelsbergkreis – zwischen Fulda und Gießen gelegen.

Vermutlich haben bereits im 14.Jahrhundert wenige jüdische Familien im kleinen Orte Ulrichstein gelebt; das Privileg zur Aufnahme von sechs Familien hatte Kaiser Ludwig der Bayer dem Stadtherrn, Heinrich von Eisenbach, im Zuge der Stadtrechteverleihung 1347 verbrieft.

Die Ulrichsteiner Juden standen jahrhundertelang unter dem Schutz der hessischen Landgrafen. Eine selbstständige Gemeinde bildete sich aber erst Ende des 18.Jahrhunderts. 1847 - oder erst in den 1860er Jahren - richtete die Gemeinde in einem zweigeschossigen Fachwerkgebäude in der Ludwigstraße, der heutigen Herrngartenstraße, einen Sakralraum ein.

 Haus, in dem sich der ehem. Betraum befand (Aufn. um 1970, aus P. Arnsberg)

Im gleichen Hause fand auch der Religionsunterricht für die jüdischen Kinder statt.

       Anzeigen von 1872 und 1884

In unmittelbarer Nähe befanden sich die Mikwe und das „Judenbackhaus“, das die Gemeinde 1849 hatte errichten lassen.

Ein eigenes Friedhofsgelände wurde vermutlich schon in der zweiten Hälfte des 18.Jahrhunderts angelegt; anderen Angaben zufolge soll dieses erst nach 1800 belegt worden sein, weil bis dato der jüdische Friedhof in Kestrich verstorbenen Juden Ulrichsteins zur Verfügung stand.

Die jüdische Gemeinde Ulrichstein gehörte zum Bezirksrabbinat Gießen.

Juden in Ulrichstein:

    --- um 1730 ..................   3 jüdische Familien,

--- 1770 .....................   5     “       “    ,

--- 1808 .....................  11     “       “    ,

    --- 1830 .....................  82 Juden (ca. 10% d. Bevölk.),

    --- 1861 ..................... 107   “  ,

    --- 1880 .....................  99   “  ,

    --- 1890 .....................  81   “  ,

    --- 1905 .....................  80   “  ,

    --- 1925 .....................  75   “  ,

    --- 1933 .....................  54   “   (ca. 15 Familien),

    --- 1939 .....................   6   “  .

Angaben aus: Paul Arnsberg, Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang - Untergang - Neubeginn, Bd. 2, S. 314

Ende des 19.Jahrhunderts sollen die Ulrichsteiner Juden zumeist in wirtschaftlich gesicherten Verhältnissen gelebt haben; ihren bescheidenen Wohlstand verdankten sie hauptsächlich dem Vieh- und Textilhandel; nebenbei betrieben einige auch eine kleine Landwirtschaft.

In den ersten fünf Jahren der NS-Herrschaft verließen die allermeisten jüdischen Bewohner Ulrichstein; während ein Teil nach Frankfurt/M. übersiedelte, ging der andere Teil in die Emigration, zumeist nach Übersee. Wochen vor dem Novemberpogrom 1938 lösten die letzten beiden männlichen Gemeindeangehörigen die Kultusgemeinde Ulrichstein auf; sie veräußerten das Synagogengebäude, das Judenbackhaus mit Mikwe und auch den jüdischen Friedhof. Die Ritualgegenstände aus der Synagoge wurden nach Frankfurt/M. ausgelagert; dort wurden sie beim Novemberpogrom vernichtet.

Nach Kriegsende wurde die ehemalige Synagoge zu einem Wohn- und Wirtschaftshaus umgebaut. Am Haus befinden sich zwei Informationstafeln mit Hinweisen auf die einstige Synagoge.

 Jüdischer Friedhof in Ulrichstein (Aufn. U. 2013, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0)

In Bobenhausen II, einem Ortsteil von Ulrichstein, existierte auch eine winzige jüdische Gemeinde, die sich um 1900 aus mehr als 50 Personen zusammensetzte. Ihr Lebenserwerb war zumeist der Viehhandel. Neben einem Betraum besaß die winzige Gemeinde auch einen weit außerhalb des Dorfes liegenden Friedhof, dessen Anlage vermutlich um 1830 erfolgt sein muss; zuvor wurden Verstorbene in Schotten beerdigt. Anfang der 1930er Jahre lebten zwölf jüdische Familien in der Ortschaft. Den meisten gelang ihre Emigration in die USA bzw. nach Palästina; vier wurden deportiert.

Etwa 20 Gräber auf dem jüdischen Friedhof Bobenhausen haben die Zeiten überdauert.

File:Ulrichstein Bobenhausen II Juedischer Friedhof s.png

Jüdisches Begräbnisgelände in Bobenhausen (Aufn. aus: wikimedia.org, 2015)

Mehrere Ausstellungstafeln am sog. „Judenpfad“, auf dem im 18./19.Jahrhundert jüdische Klein- u. Viehhändler und Hausierer unterwegs waren, sollen an das mühselige Leben der Landjuden dieser Zeit erinnern.

Anm.: Der Wanderweg „Judenpfad“ soll die alten Handelswege der Vogelsberger Juden wiederbeleben und Orte miteinander verbinden, in denen einst jüdische Gemeinden existierten. Auf Initiative des 1999 gegründeten „Fördervereins zur Geschichte des Judentums im Vogelsberg“ soll der Wanderweg auf ca. 50 Kilometer Länge die Verbindung von Gedenk- und Dokumentationsstätten im Vogelsbergkreis fördern und mit ca. 50 Tafeln als ein „dezentrales Museum“ die jüdische Geschichte der ländlichen Region vermitteln.

Im Frühjahr 2012 wurde die erste Etappe des „Judenpfades“ eingeweiht.

Weitere Informationen:

Paul Arnsberg, Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang - Untergang - Neubeginn, Societäts-Verlag, Frankfurt 1971, Bd. 2, S. 314/315

Reinhard Thomas, Das hessische Judentum und die Judengemeinde Ulrichstein, in: Ulrichstein - Burg und Stadt, Hrg. Stadt Ulrichstein, Ulrichstein 1989, S. 213 ff.

Heinrich Dittmar, Spuren ... Spurensuche im Vogelsberg - Wegweiser zu den jüdischen Stätten im Vogelsberg, Alsfeld 1994

A.Wiesemüller/M. Krauss, Jüdische Friedhöfe im Vogelsbergkreis, in: Kulturverein Lauterbach e.V. (Hrg.), Fragmente ... jüdischen Lebens im Vogelsberg, Lauterbach 1994, S. 86

Jüdisches Familienleben in Ulrichstein, in: www.judaica-vogelsberg.de

Ulrichstein, in: alemannia-judaica.de

Das hessische Judentum und die Judengemeinde Ulrichstein, in: Heimatbuch Ulrichstein - Burg und Stadt, Ulrichstein o.J.

Katharina Jacob (Verein Landjudentum Vogelsberg), Jüdisches Familienleben in Ulrichstein. Allgemeines zur Geschichte der Ulrichsteiner Juden, 2011 (online abrufbar)