Unterdeufstetten (Baden-Württemberg)

Unterdeufstetten mit derzeit ca. 1.100 Einwohnern ist seit 1973 ein Ortsteil der Kommune Fichtenau im Kreis Schwäbisch-Hall - in unmittelbarer Grenzlage zum Freistaat Bayern gelegen.

Der reichsritterschaftliche Flecken Deufstetten beherbergte seit Anfang des 18. Jahrhunderts einige jüdische Familien; diese standen unter dem Schutz des Ortsherrn Caspar Rüdiger von Rüdingsfels und hatten diesem dafür regelmäßige Zahlungen zu leisten. Schon wenige Jahrzehnte später konnten die jüdischen Familien hier einen Synagogenraum einrichten und Gottesdienste begehen, allerdings nur gegen Entrichtung einer jährlichen Abgabe; gleiches galt für die Einrichtung und Benutzung einer Mikwe.

In den 1730er Jahren war die Zahl der jüdischen Familien - im Vergleich zur christlichen Dorfbevölkerung - relativ hoch; die meisten lebten in einer alten Ziegelei. Einige Jahrzehnte später wurden ihnen neue Unterkünfte mitten im Dorf gegen Mietzins zur Verfügung gestellt.

Mit dem Wechsel der Herrschaft auf den Freiherrn vom Holtz schmolz die Judenschaft in Unterdeufstetten zunächst auf wenige Familien zusammen, um danach wieder anzuwachsen. Auch unter den nachfolgenden Ortsherren war eine größere Fluktuation zu verzeichnen. Ihr Lebensstandard war kärglich; viele lebten von der Bettelei, vom Lumpenhandel und von kleinen Tauschgeschäften. Andauernde Streitigkeiten unter den Gemeindemitgliedern, die sogar in Schlägereien in der Synagoge ausarteten, und ihre häufigen Umzüge rückten die jüdischen Familien bei den übrigen Dorfbewohnern in ein schlechtes Licht.

Mit dem Bau der neuen Judensiedlung ging auch der Neubau einer Synagoge einher, die um 1765 eingeweiht wurde; die Plätze im neuen Gotteshaus sollen meistbietend versteigert worden sein.

Als in den folgenden Jahren die Zahl der jüdischen Familien am Ort zurückging, konnten die verbliebenen vier Haushalte nicht mehr die Ausgaben der Gemeinde begleichen. Um die Schulden der Judenschaft zu reduzieren, wurde die Synagoge am 1. Oktober 1777 mit allem Inventar - außer drei Messingleuchtern - an zwei Christen für 140 Gulden verkauft. In den folgenden Jahren wurden Gottesdienste - soweit auf Grund der geringen Mitgliederzahl der Gemeinde überhaupt durchführbar - nur in den jüdischen Häusern bzw. in einem Betsaal im Hause eines Gemeindemitglieds abgehalten. Erst 1850/1851 konnte wieder eine neue Synagoge erbaut und eingeweiht werden; einen eigenen Rabbiner besaß die Gemeinde zu keiner Zeit.

Über die Einweihung der Synagoge im August 1849 liegt der folgende Bericht in der Ausgabe der „Allgemeinen Zeitung des Judentums“ vom 3.Sept. 1849 vor:

Deustetten (Württemberg), 12. August. (Privatmitth.) ... Was ein geordneter Zustand, was eine tüchtig wirkende Oberinstanz zu schaffen vermag, das hat die hiesige kleine, aus circa 50 Seelen bestehende Gemeinde erfahren. Aus meist armen, hier sich zusammengefundenen Mitgliedern bestehend, war sie vor 12 Jahren noch ein Bild der Verwahrlosung. Da brachte der damalige Bezirksrabbiner Dr. Frankfurter den ersten, seminaristisch gebildeten Lehrer hierher, und die israelitische Oberkirchenbehörde verwilligte einen jährlichen Zuschuss von 100 fl.(Gulden) aus der Zentralkasse. Von der Zeit an ging die Gemeinde Schritt vor Schritt vorwärts, und gedieh sichtlich, so daß sie an Schule und Synagoge wuchs, bis es endlich gelang, mit den größten Opfern eine neue, geschmackvolle Synagoge zu erbauten, die am 10. August mit vieler Feierlichkeit eingeweiht wurde. Unter der Anwohnung der Behörden und Geistlichen aller Konfessionen geschah die Einweihung auf verherrlichende Weise, die durch die Reden des Bezirksrabbiners Dr. Hirsch und des sehr verdienten Lehrers Stern gehoben wurde. letzterem ward als Anerkennung ein silberner Pokal überreicht. Wir haben jetzt einen geregelten Gottesdienst, Chorgesang, eine schöne Synagoge, eine blühende Schule, Wohltätigkeitsvereine, und - wenn auch Schulden, hoffen wir doch bei der Eintracht, die unter uns heimisch ist, sie mit der Zeit abzutragen. Ja, diese kleine Gemeinde kann vielen und großen zum Muster dienen, und - frage man, wo ist noch eine Religionspartei, die in einer Gemeinde von 12 Familien Solches zu leisten vermag?"

  Ehemaliges Synagogengebäude in Unterdeufstetten (hist. Aufn., um 1930)

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zwei Anzeigen in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 29.Oktober 1867 und vom 1.April 1876

Die jüdischen Kinder besuchten die katholische Ortsschule; ein eigener Lehrer, der gleichzeitig auch als Schächter und Vorsänger fungierte, unterrichtete die Kinder in Religion.

Ihre Verstorbenen begrub die hiesige Judenschaft auf dem jüdischen Verbandsfriedhof in Schopfloch.

Seit den 1830er Jahren war Unterdeufstetten als Filialgemeinde der israelitischen Gemeinde Crailsheim unterstellt.

Juden in Unterdeufstetten:

         --- 1714 ....................... 13 jüdische Familien,

    --- um 1730 ................ ca. 20 jüdische Haushalte,

    --- um 1745 ....................  7     “         “   ,

    --- um 1765 .................... 15     “         “   ,

    --- um 1790 ....................  5     “         “   ,

    --- 1823 ....................... 53 Juden,

    --- 1838 ....................... 50   “  ,

    --- 1861 ....................... 65   “  ,

    --- 1890 ....................... 46   “  ,

    --- 1905 ....................... 29   “  ,

    --- 1910 ....................... 11   “  ,

    --- 1925 ....................... keine.

Angaben aus: Gerhard Taddey, Kein kleines Jerusalem - Geschichte der Juden im Landkreis Schwäbisch Hall, S. 317

In einem Kurzartikel in der Zeitschrift „Der Israelit” vom 12.5.1902 hieß es zum Ableben des damaligen jüdischen Lehrers:

                              

Ende des 19.Jahrhunderts hatte die Abwanderung vor allem jüngerer Menschen die Zahl der in Unterdeufstetten lebenden Juden merklich reduziert.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20132/Unterdeufstetten%20Israelit%2001081901.jpg http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20132/Unterdeufstetten%20Israelit%2004081904.jpg Anzeigen jüdischer Gewerbetreibender von 1901/1904

1910 (oder 1912) löste sich die jüdische Gemeinde auf; die vorhandenen gemeindlichen baulichen Einrichtungen wie Synagoge, Schule und Badehaus wurden meistbietend versteigert. Das Synagogengebäude in der Dinkelsbühler Straße wurde zu einem Wohnhaus umgebaut, das bis heute besteht.

Anfang der 1920er Jahre verließ die letzte jüdische Familie das Dorf.

Weitere Informationen:

Hans-Joachim König, Unterdeufstetten in Geschichte und Gegenwart, in: Württembergisch Franken, Band 49/1965, S. 105 - 149

Paul Sauer, Die jüdischen Gemeinden in Württemberg und Hohenzollern. Denkmale - Geschichte - Schicksale, Hrg. Archivdirektion Stuttgart, Kohlhammer Verlag, Stuttgart 1966, S. 185/186

Joachim Hahn, Synagogen in Baden-Württemberg, Konrad Theiss Verlag, Stuttgart 1987

Joachim Hahn, Erinnerungen und Zeugnisse jüdischer Geschichte in Baden-Württemberg, Konrad Theiss Verlag, Stuttgart 1988, S. 510

Gerhard Taddey, Kein kleines Jerusalem - Geschichte der Juden im Landkreis Schwäbisch Hall, Jan Thorbecke Verlag, Sigmaringen 1992, S. 183 - 207 und S. 312 - 326

Joachim Hahn/Jürgen Krüger, “Hier ist nichts anderes als Gottes Haus ...” Synagogen in Baden-Württemberg, Teilband 2: Orte und Einrichtungen, Konrad Theiss Verlag GmbH, Stuttgart 2007, S. 124 – 126

Unterdeufstetten, in: alemannia-judaica.de (mit Dokumenten zur jüdischen Ortshistorie)