Unteraltertheim (Unterfranken/Bayern)

In dem etwa 20 Kilometer südwestlich von Würzburg gelegenen Dorf Unteraltertheim existierte bis 1942 eine kleine jüdische Gemeinde.

Bei der Erstellung der Matrikellisten (1817) waren in Unteraltertheim - es gehörte seit 1814 zu Bayern - 13 Stellen aufgeführt; als Lebenserwerb der Familienvorstände wurde mehrheitlich „Vieh- und Warenhandel“ genannt.

In den Brunnenstraße verfügte die Judenschaft seit 1841 über eine neuerrichtete Synagoge, in der ein Schulraum und die Mikwe untergebracht waren. Die alte Synagoge war bei einem Großbrand im Dorf 1838 zerstört worden.

Gemeinsam mit der Nachbargemeinde Ober-Altertheim beschäftigte man einen Lehrer, der auch das Amt des Kantors und Schächters ausübte.

                      Anzeigen im „Der Israelit“ vom 9.10.1893 und 26.11.1908

Verstorbene Gemeindeangehörige wurden auf dem jüdischen Verbandsfriedhof in Wenkheim beerdigt.

Die Gemeinde unterstand Anfang der 1930er Jahre dem Bezirksrabbinat Würzburg.

Juden in Unteraltertheim:

       --- 1731 .....................   4 jüdische Familien,

    --- 1767 .....................   8     "        "   ,

    --- 1790 .....................   8     "        "   ,

    --- 1815 .....................  77 Juden,

    --- 1840 .....................  17 jüdische Familien,*     * andere Angabe: 12 Familien

    --- 1867 .....................  64 Juden,

    --- 1880 .....................  74   "  ,

    --- 1890 .....................  94   “   (ca. 14% d. Dorfbev.),

    --- 1910 .....................  50   “  ,

    --- 1925 .....................  38   “  ,

    --- 1933 .....................  34   “  ,

    --- 1937 .....................  27   "  ,

    --- 1939 .....................  22   “  ,

    --- 1942 (Febr.) .............  16   "  ,

             (Mai) ...............  keine.

Angaben aus: Jutta Sporck-Pfitzer, Die ehemaligen jüdischen Gemeinden im Landkreis Würzburg, S. 76

und                 Synagogen-Gedenkband Bayern (Unterfranken), Band III/1, Mehr als Steine ..., S. 760

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20191/Unteraltertheim%20Israelit%2023071900.jpg http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%2088/Unteraltertheim%20Israelit%2025041907.jpgLehrstellengesuch (1900) und Lehrstellenangebot (1907)

Die jüdischen Familien lebten überwiegend vom Vieh- und Warenhandel; es gab auch mehrere Gewerbebetriebe am Ort.

Einen Tag nach den Ausschreitungen in Oberaltertheim (am 11.11.1938) wurde die Inneneinrichtung der hiesigen Synagoge demoliert, Silber-Gerätschaften geraubt und zwei Thorarollen zerrissen; das Gebäude selbst blieb äußerlich erhalten. Täter waren SA-Männer aus Höchberg und Kist, die bereits zuvor das jüdische Gotteshaus in Oberaltertheim geschändet hatten. Auch eine Mikwe wurde zerstört und anschließend zugeschüttet. Ebenfalls demolierte man Wohnungseinrichtungen hiesiger jüdischer Familien; alle Männer wurden „in Schutzhaft" genommen, einer ins KZ Buchenwald verschleppt. Am 25.April 1942 wurden die letzten 15 noch im Ort lebenden Juden deportiert; von ihnen hat keiner überlebt.

Im Jahre 1949 standen vor dem Landgericht Würzburg mehrere Männer, die wegen ihrer aktiven Beteiligung an den Gewalttaten beim Novemberpogrom in Oberaltertheim und Unteralterheim angeklagt waren; nur drei Personen wurden zu sehr geringen Haftstrafen verurteilt, alle anderen freigesprochen.

Das einstige Synagogengebäude, das nach 1938 in den Besitz der politischen Gemeinde übergegangen war, ist baulich noch erhalten und diente lange Jahre einem Landwirt als Lagerraum; später wurde es zu einem Wohnhaus umgebaut. Das jüngst renovierte Gebäude steht unter Denkmalschutz.

 

Ehem. Synagogengebäude (links als Lagerraum, Aufn. haGalil - rechts als Wohnhaus (Aufn. J. Hanke, 2004, aus: alemannia-judaica.de)

Eine Gedenktafel vermisst man bislang allerdings.

[vgl. Oberaltertheim (Bayern)]

Weitere Informationen:

Baruch Z.Ophir/Falk Wiesemann, Die jüdischen Gemeinden in Bayern 1918 - 1945. Geschichte und Zerstörung, Oldenbourg-Verlag, München 1979, S. 414/415

Jutta Sporck-Pfitzer, Die ehemaligen jüdischen Gemeinden im Landkreis Würzburg, Hrg. Landkreis Würzburg, Echter-Verlag, Würzburg 1988, S. 76

Israel Schwierz, Steinerne Zeugnisse jüdischen Lebens in Bayern - Eine Dokumentation, Bayrische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit, 2.Aufl., München 1992, S. 127

Herbert Thoma (Bearb.), Geschichte von Unteraltertheim und Steinach von Pfarrer Lic. Friedrich Hauck (verfasst 1921), Unteraltertheim 1992

Peter Hirsch/Billie Ann Lopez, Reiseführer durch das jüdische Deutschland, Verlag Roman Kovar, München 1995, S. 142

Unteralterheim, in: alemannia-judaica.de (mit Dokumenten zur jüdischen Ortshistorie)

Herbert Liedel/Helmut Dollhopf, Jerusalem lag in Franken. Synagogen und jüdische Friedhöfe, Echter-Verlag GmbH, Würzburg 2006, S. 138/139

Dirk Rosenstock (Bearb.), Die unterfränkischen Judenmatrikeln von 1817. Eine namenkundliche und sozialgeschichtliche Quelle, in: Veröffentlichungen des Stadtarchivs Würzburg Band 13. Würzburg 2008, S. 166

Axel Töllner/Hans-Christof Haas (Bearb.), Oberaltertheim und Unteraltertheim, in: W.Kraus/H.-Chr.Dittscheid/G.Schneider-Ludorff (Hrg.), Mehr als Steine ... Synagogen-Gedenkband Bayern, Band III/1 (Unterfranken), Kunstverlag Josef Fink, Lindenberg/Allgäu 2015, S. 750 - 762