Cammin (Hinterpommern)

 Cammin (auch: Kammin) war die nördlichste Stadt im Regierungsbezirk Stettin und fiel nach dem Zweiten Weltkrieg an Polen; sie tzrägt heute den Namen Kamien Pomorski.

In der in Hinterpommern gelegenen Kreisstadt Cammin durften seit der zweiten Hälfte des 17.Jahrhunderts jüdische Händler gegen Zahlung bestimmter Beträge Handel treiben - später nach Ausstellung eines Schutzbriefes. Den ersten Geleitbrief besaß Moses Lewin aus Frankfurt/Oder, der ihn befähigte, im Fürstentum Cammin ungehindert Handel zu treiben.

Erst Anfang des 18.Jahrhunderts wurde wenigen jüdischen Familien die Erlaubnis erteilt, sich dauerhaft in Cammin niederzulassen.

Die jüdische Gemeinde verfügte über eine Synagoge in der Speicherstraße (eingeweiht 1877) und einen eigenen Friedhof (Mühlenstraße/Feldstraße).

           Ehem. Synagoge in der Speicherstraße - Bildmitte (Aufn. aus: cammin-pommern.de, um 1990)

Über die Schulverhältnisse berichtet um 1840 ein Chronist: „ ... In dem genanntem Ort, wie fast allgemein in ganz Hinterpommern, befindet sich der jüdische Unterricht in der traurigsten Lage. Der Lehrer, der zugleich Vorsänger, Gemeindediener und Schächter ist, wird gemeinhin so kärglich besoldet, und dabei von seinen vielen Ämtern so beschäftigt, daß er wenig Zeit und Lust zur Erfüllung seines so mächtigen Berufes findet. So wächst dann die Jugend in der traurigsten Unwissenheit alles dessen auf, was zu wissen unsere Religion zu so heiliger Pflicht macht. ...

Juden in Cammin:

--- um 1720 ................   2 jüdische Familien,

--- 1752 ...................  23 Juden,

--- 1782 ...................  29   “  ,

--- 1812 ...................  15 jüdische Familien,

--- 1831 ...................  45 Juden,

--- 1843 ...................  57   “  ,

--- 1849 ................... 123   "  ,*        * Synagogengemeinde

--- 1861 ................... 112   "  ,

--- 1871 ................... 152   “  ,

--- 1880 ................... 158   “  ,

--- um 1890 ............ ca. 110   “  ,**       ** andere Angabe: ca. 80 Pers.

--- 1925 ...................  35   “  ,

--- 1932/33 ................  67   “  .*

Angaben aus: M.Heitmann/J.H.Schoeps (Hrg.), “Halte fern dem ganzen Land jedes Verderben ...”, S. 44

                             Cammin i. Pommern, Luftbild (Aufn. 1941)

Gegen Ende der Weimarer Republik lebten nur noch wenige jüdische Familien in Cammin. Während der Novembertage 1938 wurden die wenigen jüdischen Geschäfte teilzerstört und auch geplündert.  Im Gefolge der „Kristallnacht“ wurden acht jüdische Männer „in Schutzhaft“ genommen und nach Swinemünde verbracht. Nach ihrer Rückkehr verließen fast alle jüdischen Bewohner Cammin; ihre Schicksale nicht z.T. ungeklärt.

Das Synagogengebäude blieb als „arisierter“ Besitz erhalten und wird nach Umbauten heute noch als Wohnhaus genutzt.

Andere Erinnerungszeichen an die ehemalige jüdische Gemeinde der Stadt sucht man heute vergebens.

Der Friedhof, der während der NS-Zeit unzerstört blieb, wurde Anfang der 1960er Jahre behördlicherseits eingeebnet und zu einer Grünanlage umgewandelt; erst in jüngster Zeit wurde ein Gedenkstein gesetzt, der an die einstige jüdische Gemeinde erinnert.

                            Gedenkstein auf dem ehem. Friedhofsgelände (Aufn. aus: wikimedia, 2009)

Weitere Informationen:

M.Heitmann/J.H.Schoeps (Hrg.), “Halte fern dem ganzen Land jedes Verderben ...” Geschichte und Kultur der Juden in Pommern, Georg Olms Verlag, Hildesheim/Zürich 1995, S. 43/44

The Encyclopedia of Jewish Life before and during the Holocaust (Vol. 1), New York University Press, Washington Square, New York 2001, S. 232

Wolfgang Wilhelmus, Geschichte der Juden in Pommern, Ingo Koch Verlag, Rostock 2004

Gerhard Salinger, Die einstigen jüdischen Gemeinden Pommerns. Zur Erinnerung und zum Gedenken, Teilband 2, Teil III, New York 2006, S. 366 – 376

Kamien Pomorskie, in: sztetl.org.pl