Haßfurt/Main (Unterfranken/Bayern)

Datei:Haßfurt in HAS.svg Haßfurt mit seinen derzeit ca. 13.000 Einwohnern ist die Kreisstadt des Landkreises Haßberge im bayerischen Regierungsbezirk Unterfranken - ca. 20 Kilometer östlich von Schweinfurt gelegen (Karte Hagar, 2010, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0).

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Haßfurt am Main – Stich M. Merian, um 1655 (Abb. aus: wikipedia.org, gemeinfrei)

Ein erster urkundlicher Beleg über Juden in Haßfurt stammt aus dem Jahre 1427; doch vermutlich haben bereits vor diesem Zeitpunkt einzelne jüdische Familien hier gelebt; sie waren möglicherweise durch die Pogrome 1298 und 1349 vertrieben bzw. ermordet worden. Nach der Verfolgung von 1349 lebten vermutlich erst 1414 wieder Juden in Haßfurt; ihre Behausungen waren in der „Judengasse“, westlich der Brückengasse an der Stadtmauer. Die wenigen jüdischen Familien mussten sich ihren Schutz beim Fürstbischof von Würzburg immer wieder erkaufen. Verschiedene Dekrete seiner Nachfolger verboten schließlich im Bistum jede weitere Ansiedlung von Juden.

Um in Haßfurt bleiben zu können, mussten die Juden an die Stadt feste Kontributionen zahlen und bestimmte Regeln einhalten; so durften sie z.B. nicht in den Straßen wohnen, in denen Prozessionen stattfanden; auf den Märkten wurden sie nur an festgelegten Standplätzen zugelassen. Im 17./18.Jahrhundert lebten nur vereinzelt Juden in Haßfurt. Bei der Erstellung der Matrikel (1817) wurden für den Ort sechs Stellen bewilligt.

                                           Memorbuch der Haßfurter Gemeinde (Titelblatt)

1888 richtete die kleine jüdische Gemeinde eine eigene Synagoge in der Schlesingerstraße ein; bisher waren Gottesdienste in angemieteten Räumen abgehalten worden.

Anm.: In den Synagogenräumen verwahrte die Haßfurter Gemeinde Kultgeräte und Archivmaterial der inzwischen aufgelösten Nachbargemeinden Obereuerheim, Wonfurt und Zeil.

Als Einrichtungen der Haßfurter Kultusgemeinde waren auch eine Mikwe, eine Lehrerwohnung und ein Unterrichtsraum vorhanden. Zur Besorgung religiöser Aufgaben hatte die Gemeinde seit der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts einen Religionslehrer in Anstellung, der zugleich als Vorbeter u. Schächter tätig war. Bereits 1817 soll am Ort ein jüdischer "Privatlehrer" gewesen sein.

In den 1860er/1870er-Jahren kam es hier zu mehrmaligen Wechsel der Lehrer, die jeweils nur für wenige Jahre in der Stadt blieben.

Stellenangebote der jüdischen Gemeinde Haßfurt von 1867 - 1873 - 1878:

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20100/Hassfurt%20Israelit%2011091867.jpg http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20100/Hassfurt%20Israelit%2008011872.jpg http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20100/Hassfurt%20Israelit%2018121878.jpg

Seit Mitte der 1880er Jahre wirkte Moritz Hammelburger als Lehrer im Ort und erwarb sich in seiner mehr als 40jährigen Dienstzeit allgemeine Anerkennung; er prägte die jüdische Gemeinde in dieser Zeit in starkem Maße. Nach seinem Tode wurde die Stelle neu besetzt:

         http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20136/Hassfurt%20BayrGZ%2011111927.jpg aus: "Bayerische Israelitische Gemeindezeitung" vom 11. November 1927

Ihre Begräbnisstätte befand sich auf dem jüdischen Friedhof der benachbarten Gemeinde in Kleinsteinach.

Juden in Haßfurt:

        --- um 1440 .......................   3 jüdische Familien,

    --- um 1640 .......................   5     “       “    ,

    --- um 1800 .......................   3     “       “    ,

    --- 1830 ..........................   4     “       “    ,

    --- 1840 ..........................  43 Juden,

    --- 1871 ..........................  61   “  ,

    --- 1885 ..........................  65   “  ,

    --- 1895 ..........................  86   “  ,

    --- 1900 ..........................  71   “  ,

    --- 1910 .......................... 125   “   (4,5% d. Bevölk.),

    --- 1925 ..........................  93   “  ,

    --- 1933 ..........................  91   “  ,*   *andere Angabe: 72 Pers.

    --- 1935 ..........................  66   “  ,

    --- 1939 ..........................  33   “  ,

    --- 1940 ..........................  25   “  ,

    --- 1942 (Jan.) ...................  21   “  ,

             (April) ..................   2   “  ,

             (Juli) ...................   keine.

Angaben aus: Hansmartin Kehl, Haßfurts jüdische Bürger, Haßfurt 1985, S. 110

und                 Baruch Z.Ophir/F. Wiesemann (Hrg.), Die jüdischen Gemeinden in Bayern 1918 - 1945, S. 313

Als in den 1890er Jahren sich „antisemitische Regungen“ in der Region Haßfurt bemerkbar machten, fühlte sich der Rat der Stadt Haßfurt angesprochen und distanzierte sich per Zeitungsannonce:

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20100/Hassfurt%20Israelit%2016111893.jpgaus der Zeitschrift "Der Israelit" vom 16.Nov. 1893

zwei Kleinanzeigen:

  

Anzeigen der Konditorei Lonnerstädter (1883) und des Manufakturwarengeschäfts Adler (1915)

Nach der NS-Machtübernahme wurde am 1.April 1933 auch in Haßfurt der Boykott jüdischer Geschäfte durchgeführt; doch zahlreiche Einwohner kauften weiterhin in den Geschäften jüdischer Besitzer. Im Jahre 1935 verschärfte die Stadtverwaltung die wirtschaftliche Ausgrenzung der Juden: Allen örtlichen Firmen, die weiterhin wirtschaftliche Kontakte mit Juden unterhielten, wurde nun mit dem Ausschluss von städtischen Aufträgen gedroht. Auch in der Öffentlichkeit wurden Juden von nun an geächtet: Sie durften nicht mehr die öffentlichen Badeanstalten besuchen und die Bänke in der Promenade benutzen. Diese Ausgrenzungspolitik führte dazu, dass mehr als die Hälfte der jüdischen Bewohner bis 1938 die Stadt Haßfurt verließ; ca. 30 Personen emigrierten und etwa die gleiche Zahl verzog in andere deutsche Städte.

Der Novemberpogrom von 1938 ging auf das Konto einer ca. 20köpfigen SA-Einheit. Die Inneneinrichtung der Synagoge wurde zerstört und die Kultgegenstände vor dem Gebäude unter den Augen einer Menschenmenge verbrannt. Der Ortsbürgermeister versuchte die SA-Aktivisten von weiteren Zerstörungen abzuhalten - doch erfolglos: auch Geschäfte und Wohnungen der Haßfurter Juden wurden demoliert und deren Bewohner misshandelt; die jüdischen Männer inhaftiert. Die in Haßfurt verbliebenen Juden wurden im Laufe des ersten Halbjahres 1942 deportiert; sie wurden über Würzburg bzw. Schweinfurt nach Izbica bei Lublin „umgesiedelt“. Die beiden letzten Gemeindemitglieder kamen im September 1942 via Würzburg ins Ghetto Theresienstadt. 24 Juden Haßfurts wurden Opfer der Shoa.

Einige Jahre nach Kriegsende wurden fast 30 am November-Pogrom Beteiligte in Bamberg vor Gericht gestellt; einige von ihnen wurden zu kurzen Haftstrafen verurteilt.

http://static1.mainpost.de/storage/pic/mpnlneu/hassberge/4162131_1_1BSQ2X.jpg http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%2097/Hassfurt%20Synagoge%20101.jpg

In diesem Gebäude war die Haßfurter Synagoge (links: Aufn. um 1940; rechts: Aufn. J. Hahn, 2007)

An einer Außenwand eines Geschäftshauses an der Ecke Schlesinger Straße/Stadelgasse erinnert eine Tafel daran, dass sich in diesem Hause die ehemalige Synagoge befand:

                                    http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%2097/Hassfurt%20Synagoge%20102.jpg Gedenkinschrift (Aufn. J. Hahn, 2007)

Im Eingangsbereich des seit 2010 hier untergebrachten Staatlichen Schulamtes erinnert seit 2011 eine Erinnerungstafel in Form eines Frieses an die ehemalige Synagoge und die Geschichte der Juden in Haßfurt. Zum 50.Jahrestag der „Reichskristallnacht“ wurde - im Auftrag der Stadt Haßfurt - ein Relief der israelischen Künstlerin Chana Pines (geb. Hannelore Heimann) enthüllt, das an die ehemaligen jüdischen Einwohner erinnern soll; das Denkmal steht in einer Grünanlage zwischen Bahnhof und der Innenstadt; es trägt in deutscher und hebräischer Sprache die folgende Inschrift:

Das Leben und den Tod habe ich dir vorgelebt, den Segen und den Fluch;

wähle das Leben, damit du selber lebst und deine Nachkommen.

Deuteronomium 30,19.

  Relief der Bildhauerin Chana Pines* (B. Hauck 2015, aus: hauck-modelle.de)

* Die israelische Künstlerin Chana Pines hatte als jüdisches Kind unter dem Namen Hannelore Heimann (geb. 1925 in Bamberg) ihren Wohnort Haßfurt verlassen und war mit einem Kindertransport nach Großbritannien gelangt. Ihre Eltern Salomon und Ida H. (sie hatten ein Schuhgeschäft in der Hauptstraße betrieben) fielen der Shoa zum Opfer.

Auf dem Sockel des Gedenkreliefs sind seit 2015 auch die Namen der 24 während der NS-Zeit ermordeten Angehörigen der Haßfurter Gemeinde angebracht.

Im Frühjahr 2002 haben Schüler/innen des hiesigen Regiomontanus-Gymnasiums eine Gedenk- bzw. Klagemauer errichtet, die alle Namen der vertriebenen, deportierten und ermordeten Juden des Landkreises trägt.

Auch die Stadt Haßfurt wird sich mit einer Skulptur (in Form einer zusammengerollten Decke) am Mahnmal-Projekt "DenkOrt Aumühle" beteiligen. (Anm: Zum Projekt siehe: Würzburg/Unterfranken)

 

Bis gegen Ende des 19.Jahrhunderts existierte im wenige Kilometer südwestlich von Haßfurt gelegenen Dorfes Wonfurt eine relativ große jüdische Gemeinde, die zeitweilig mehr als 100 Angehörige zählte. Ab den 1890er Jahren wanderten fast alle jüdischen Bewohner ab, und um 1920 löste sich die Gemeinde ganz auf; die wenigen Juden wurden der Kultusgemeinde Haßfurt angeschlossen.

[vgl. Wonfurt (Bayern)]

 

In Königsberg - ca. zehn Kilometer nordwestlich von Haßfurt gelegen - gab es seit dem 14.Jahrhundert eine kleine israelitische Gemeinde; 1418 lebten elf jüdische Familien in der Kleinstadt, 1485 waren es noch acht; diese lebten vor allem vom Geldhandel. Die Ausweisung der Familien im Jahre 1725 besiegelte das Ende jüdischer Ansässigkeit. Einziger Hinweis auf einstige Anwesenheit jüdischer Bewohner ist heute die Flurbezeichnung „Judengärtlein“.

Weitere Informationen:

Baruch Z.Ophir/F. Wiesemann (Hrg.), Die jüdischen Gemeinden in Bayern 1918 - 1945. Geschichte und Zerstörung, Oldenbourg-Verlag, München/Wien 1979, S. 313 - 315

Herbert Schultheis, Juden in Mainfranken 1933 - 1945 unter besonderer Berücksichtigung der Deportationen Würzburger Juden, in: Bad Neustädter Beiträge zur Geschichte und Heimatkunde Frankens, Band 1, Verlag Max Rötter, Bad Neustadt a.d.Saale 1980, S. 282 ff.

Hansmartin Kehl, Haßfurts jüdische Bürger, in: Stadt Haßfurt (Hrg.), Stadt Haßfurt 1235 - 1985, Haßfurt 1985, S. 109 – 111

Germania Judaica, Band III/1, Tübingen 1987, S. 519/520

Cordula Kappner, Buchführung des Todes. Die Deportation der jüdischen Bürger des heutigen Landkreises Haßberge in Dokumenten, Briefen, Fotographien. Katalog der Ausstellung im Bibliotheks- und Informationszentrum Haßfurt (Nov. 1983), Haßfurt 1987

Cordula Kappner, Die jüdischen Friedhöfe im Landkreis Haßberge, Hrg. Bibliotheks- u. Informationszentrum Haßfurt, Haßfurt 1990

Israel Schwierz, Steinerne Zeugnisse jüdischen Lebens in Bayern, Hrg. Bayrische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit, München 1992, S. 69/70 und S. 89

Cordula Kappner, Aus der jüdischen Geschichte des heutigen Landkreises Hassberge, Hrg. Landratsamt Haßberge, Haßfurt 1998

Dirk Rosenstock (Bearb.), Die unterfränkischen Judenmatrikeln von 1817. Eine namenskundliche und sozialgeschichtliche Quelle, in: Veröffentlichungen des Stadtarchivs Würzburg, Band 13, Würzburg 2008, S. 142

Haßfurt, in: alemannia-judaica.de (mit zahlreichen, zumeist personenbezogenen Dokumenten zur jüdischen Ortshistorie)

Königsberg in Bayern (Kreis Haßberge), in: alemannia-judaica.de

Wolfgang Sandler (Red.), Stadt Haßfurt beteiligt sich am DenkOrt, in: „Main-Post“ vom 20.11.2018