Kalisch (Südpreußen)

* Die Provinz Südpreußen entstand durch die Teilung Polens (1793 bzw. 1795) und bestand bis 1807 nach der Niederlage Preußens durch Napoleon.

Kalisch ist eine Stadt mit sehr wechselvoller Geschichte: Es war die erste urkundlich erwähnte Stadt auf dem Gebiet des heutigen Polen; ab 1793 war sie für wenige Jahre preußisch und Deutsche aus der Mark Brandenburg und Niederschlesien siedelten sich hier an. Ab 1815 gehörte die Stadt zum russischen ‘Kongresspolen’; heute ist Kalisz eine polnische Kreisstadt im Verwaltungsbezirk Großpolen.

Erste Hinweise über den Aufenthalt von Juden in Kalisch stammen aus dem 12.Jahrhundert. Seit dem 13.Jahrhundert verfügten die hiesigen Juden über einen auf einem Hügel gelegenen eigenen Friedhof; dieses Areal hatten sie der Stadt abgekauft, indem sie als Gegenleistung Gewürze lieferten; die Art der Bezahlung lässt auf gewissen Reichtum und weitreichende Handelskontakte der damals in Kalisch lebenden Juden schließen. Ein 1264 von Boleslaw dem Frommen erteiltes königliches Privileg garantierte den jüdischen Familien in Kalisch Sicherheit, freien Handel und Glaubensfreiheit; sogar eine eigenständige Rechtsprechung in innerjüdischen Belangen wurde ihnen zugestanden. Dessen Nachfolger Kasimir d. Gr. baute die jüdischen Privilegien 1334 sogar noch aus; seine Zeitgenossen nannten ihn den „König der Leibeigenen und der Juden“. Obwohl die Juden in Polen während Kasimirs Herrschaft meist angstfrei leben konnten, waren auch sie von den Pestverfolgungen 1348/1349 betroffen; zu Pogromen kam es auch in Kalisch und anderen Städten entlang der deutschen Grenze, bei denen schätzungsweise 10.000 Juden getötet wurden.

Das Wohngebiet der Juden in Kalisch befand sich entlang eines Teils der Stadtmauer. Seit dem 14.Jahrhundert ist die Existenz einer Synagoge belegt.

In den folgenden Jahrhunderten war die wirtschaftliche Situation der Juden Kalischs sehr unterschiedlich; so sollen sich seit dem 16.Jahrhundert deren Lebensverhältnisse deutlich verschlechtert, seit dem 18.Jahrhundert aber wieder verbessert haben; Handel und Handwerk prägten damals das Wirtschaftsleben der zahlreichen Juden in Kalisch. 1792 legte ein Großbrand den jüdischen Teil der Stadt in Schutt und Asche; wenig später erstand dieser aber wieder zu neuem Glanze.

          Typische Bekleidung von Juden im 17./18.Jahrh. in Polen

Mitte des 19.Jahrhunderts wurde Kalisch von mehreren Naturkatastrophen heimgesucht: So 1848 von einer Typhus-Epidemie; vier Jahre später brach im überbelegten jüdischen Viertel eine Cholera-Epidemie aus, die sich schnell verbreitete. 1852 zerstörte auch erneut ein Großbrand das Judenviertel, dabei wurde die alte Synagoge vernichtet. Es wurde zwar bald ein neues Gebäude errichtet, doch soll dieses bei weitem nicht die Pracht des alten besessen haben.

Juden in Kalisch:

    --- 1804 ................ ca.  2.100 Juden (ca. 30% d. Bevölk.),

    --- 1897 ....................     ?    “   (ca. 37% d. Bevölk.),

    --- 1908 ................ ca. 14.000   “   (ca. 36% d. Bevölk.),

    --- 1913 ................ ca. 16.000   “   (ca. 25% d. Bevölk.),

    --- 1934 ................ ca. 20.000   "  ,

    --- 1939 ................ ca. 20.000   “   (ca. 50% d. Bevölk.),

    --- 1940 (Jan.) .............    612   “  ,

    --- 1941 ....................    200   "  .

Angaben aus: Angaben des Magistrats von Kalisz

Als sich Anfang der 1860er Jahre die polnische Befreiungsbewegung entwickelte, solidarisierte sich die jüdische Gemeinde von Kalisch mit deren nationalen Zielen; gemeinsame Gottesdienste von Katholiken und Juden unterstrichen diese Haltung.

In der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts war eine deutliche Assimilierung von Teilen der Judenschaft, vor allem der Intelligenz und reichen Kaufmannschaft, festzustellen, was allerdings bei den orthodox ausgerichteten Glaubensgenossen wenig Verständnis fand. Ausdruck einer liberaleren Auffassung ihres Glaubens war auch die Eröffnung einer eigenen Synagoge außerhalb des Wohnbezirks, in der Kurzen Straße, im Jahre 1911.

                                     Synagoge in Kalisch (hist. Aufn., um 1940)

Zu Beginn des Ersten Weltkriegs wurde die multinational geprägte Stadt von deutscher Artillerie fast dem Erdboden gleichgemacht; nur einige wenige Gebäude bleiben unversehrt, so auch die Synagoge.

http://images.delcampe.com/img_large/auction/000/283/072/224_001.jpg Warschauer Straße (hist. Aufn., 1914/1915, aus: delcampe.net)

In der Zwischenkriegszeit verfügte die jüdische Gemeinde über sechs Grundschulen, eine 1916 errichtete Mittelschule und ein Gymnasium.

Die deutschen Besetzung (1939) besiegelte dann das Ende der jüdischen Gemeinde von Kalisch - damals zweitgrößte im Warthegau. Bereits in den ersten Wochen unter deutscher Militärverwaltung drängten die deutschen Behörden die Kalischer Juden fast vollständig aus dem Wirtschaftsleben; meist übernahmen einheimische Volksdeutsche die jüdischen Geschäfte.

Mitte November 1939 ordnete der Regierungspräsident in Kalisch, Friedrich Uebelhoer, an, dass in seinem Verwaltungsbereich die jüdische Bevölkerung gelbe Armbinden zu tragen habe.

V E R O R D N U N G

vom 14. November 1939

   Erhebliche durch die Juden verursachte Mißstände im öffentlichen Leben des Verwaltungsbereichs des Regierungspräsidenten zu Kalisch veranlassen mich, für den Verwaltungsbereich des Regierungspräsidenten zu Kalisch folgendes zu bestimmen:

§ 1   Als besonderes Kennzeichen tragen Juden ohne Rücksicht auf Alter und Geschlecht am rechten Oberarm unmittelbar unter der Achselhöhle eine 10 cm breite Armbinde in juden-gelber Farbe.

§ 2  Juden dürfen im Verwaltungsbereich des Regierungspräsidenten zu Kalisch in der Zeit von 17 - 8 Uhr ihre Wohnung ohne meine besondere Genehmigung nicht verlassen.

§ 3  Zuwiderhandlungen gegen diese Verordnung werden mit dem Tode bestraft. Bei Vorliegen mildernder Umstände kann auf Geldstrafe in unbeschränkter Höhe oder Gefängnis, allein oder in Verbindung miteinander, erkannt werden.

§ 4   Diese Verordnung tritt bis auf die Bestimmung in § 1 sofort,   § 1 vom 18. November 1939 ab in Kraft.

Lodz, den 14. November 1939.                                 Der Regierungspräsident zu Kalisch

                                                                                                          U e b e l h o e r

Ein Jahr nach der Errichtung eines Ghettos wurde dieses wieder aufgelöst und die meisten Juden nach Warschau, aber auch nach Lodz (Litzmannstadt), verbracht; die wenigen noch in Kalisch verbliebenen Juden wurden in einem nahegelegenen Arbeitslager in Kozminek kaserniert. Von hier aus wurden im Laufe des Jahres 1940 mehrere hundert nicht mehr arbeitsfähige Juden in mehreren Transporten mit unbekannten Ziel deportiert.

Gleichzeitig wurde eine konsequente „Germanisierungspolitik“ umgesetzt: Alle polnischen Einwohner hatten die Stadtmitte zu verlassen, um Platz für deutsche Neusiedler zu machen. Zwischen 1942 und 1944 wurden etwa 30.000 polnische Bewohner deportiert.

Unmittelbar nach Ende des Krieges wurde in Kalisch ein „Jüdisches Komitee“ eingerichtet, das Überlebenden half, ihre Angehörigen zu finden. 1945/1946 sollen sich in der Stadt zeitweilig mehr als 1.000 jüdische Personen aufgehalten haben.

In den Nachkriegsjahren lebten etwa 100 jüdische Bewohner dauerhaft in der Stadt.

Der im 19.Jahrhundert angelegte jüdische Friedhof im Stadtteil Widok ist heute die einzige Begräbnisstätte, die noch erhalten ist. Der unweit der Stadtmitte gelegene älteste Friedhof mit seinen teilweise aus dem Mittelalter stammenden Gräbern war von den deutschen Besatzern zerstört worden; die Grabsteine wurden zu Uferbefestigungen zweckentfremdet. Inzwischen wurden einige aus dem Mittelalter stammende Grabsteine wieder aufgefunden, die auf dem neuen Friedhof einen Platz fanden.

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/7/76/Jewish_cemetery_in_Kalisz_-_entrance.jpg https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/a/aa/Jewish_cemetery_in_Kalisz_-_gravestones_risen_from_river.jpg

Eingang zum Friedhof und Hunderte von wiederaufgefundenen Grabsteinen (Aufn. aus: commons.wikimedia.org, 2011)

            Modell der ehem. Synagoge (Abb. aus: en.wikipedia.org)

In Kalisch wurde 1641 Sabbatai Ben Josef - auch Josef von Prag genannt - geboren, der als Gelehrter, Schriftsteller und Verleger in Polen, Böhmen, Schlesien und Holland wirkte. In Prag wurde er zum Talmud-Gelehrten ausgebildet. In den folgenden Jahren führten ihn seine Wege bis nach Amsterdam, dem damaligen intellektuellen Zentrum des europäischen Judentums. Mit einer Bibelübersetzung ins Jiddische und der Veröffentlichung einer großen Bibliographie („Sifte jaschanim“ – „Münder der Schlafenden“) machte er sich einen Namen. Eine andere bekannte Publikation war sein Reiseführer für jüdische Reisende und Kaufleute. Seit 1687 führte er eine jüdische Druckerei im schlesischen Dyhernfurth, die bis um 1750 bestand. Sabbatai verstarb um 1715 in Krotoschin.

In Grabow (poln. Grabów nad Prosna) – ca. 25 Kilometer südlich von Kalisch – ließen sich im Laufe des 16.Jahrhundert wenige jüdische Familien nieder; um 1775 lebten in der Region ca. 45 Juden. Um 1860 weihte die kleine jüdische Gemeinde ein neues Synagogengebäude ein, das einen maroden Vorgängerbau ersetzte. Bereits ein halbes Jahrhundert zuvor war ein eigenes Bestattungsgelände angelegt worden; zuvor waren Verstorbene auf dem jüdischen Friedhof in Kempen beerdigt worden. Handel, Handwerk und Kleinindustrie waren die Lebensgrundlagen der hiesigen jüdischen Bevölkerung. Um 1900 erreichte die Zahl der Gemeindeangehörigen mit ca. 180 Personen ihren Höchststand; 20 Jahre später waren es nur noch ca. 60; denn nach dem Ersten Weltkrieg verließ der Großteil der Juden das Städtchen und übersiedelte auf deutsches Staatsgebiet. Am Vorabend des Zweiten Weltkrieges lebten in Grabow noch etwa 40 jüdische Bewohner. Nach der deutschen Okkupation (1939) wurden diese in ein Ghetto nach Zentralpolen deportiert; hier verlieren sich ihre Spuren. Das Synagogengebäude blieb unzerstört und wurde andersweitiger Nutzung zugeführt; so diente es zeitweilig als Laden und auch als Kinoraum; gegenwärtig ist es dem Verfall preisgegeben. Vom einstigen jüdischen Friedhof sind nur noch ein paar spärliche Relikte vorhanden; ansonsten hat die Vegetation das Areal völlig überwuchert.

Cmentarz żydowski w Grabowie nad Prosną Ehem. jüdisches Begräbnisgelände (Aufn. aus: kirkuty.xip.pl)

In Mixstadt (poln. Mikstat), südlich von Kalisch gelegen, gab es eine jüdische Gemeinde, die in den 1870er Jahren etwa 150 Angehörige besaß; damals war jeder 10.Einwohner von Mixstadt mosaischen Glaubens. Nach dem Ersten Weltkrieg lebten hier nur noch ca. 60 jüdische Personen. Noch Anfang des 20.Jahrhunderts hatte die hiesige Gemeinde eine neue Synagoge erbauen lassen. Die Begräbnisstätte der Mixstadter Juden war in der ersten Hälfte des 19.Jahrhunderts angelegt worden; heute erinnern kaum noch Spuren an den im Zweiten Weltkrieg zerstörten Friedhof. Die wenigen im Ort verbliebenen Juden wurden 1939 in ein Ghetto im "Generalgouvernement" deportiert; ihre Schicksale sind ungeklärt. 

                                             Synagoge von Mixstadt (Aufn. um 1920)

In Turek (poln. Turek) – ca. 40 Kilometer nordöstlich von Kalisch – lässt sich jüdische Ansässigkeit bis ins ausgehende 18.Jahrhundert zurückverfolgen. In den Jahrzehnten nach 1820 nahm die jüdische Bevölkerung sprunghaft zu und erreichte gegen Ende der 1860er Jahre mehr als 1.000 Personen; 30 Jahre später hatte sich deren Zahl in etwa verdoppelt und machte ein Viertel der gesamten Bevölkerung von Turek aus. Die expandierende Gemeinde ließ Ende der 1850er Jahre eine Synagoge errichten. Jahrzehnte zuvor war bereits ein Friedhof angelegt worden

                Synagoge in Turek (um 1920)

Als deutsche Truppen 1939 Turek besetzten, lebten in der Stadt etwa 2.300 jüdische Bewohner; diese wurden alsbald aus dem hier eingerichteten Ghetto weiter nach Osten deportiert, von hier dann ins Vernichtungslager Chelmno. Vom ehemaligen jüdischen Friedhof, der derzeit einen recht gepflegten Eindruck macht, sind noch eine Reihe Grabsteine erhalten geblieben.

Pierres tombales du cimetière de Turek sur le site de Chełmno - Tombstones of the jewish cemetery of Turek in Chełmno<br />© www.shabbat-goy.com  Le cimetière - The cemetery - Turek<br />© www.shabbat-goy.com 

Jüdischer Friedhof in Turek (aus: Présentation du cimetière juif de Turek, aus: shabbat.goy.com)

Im 18.Jahrhundert lässt sich die ältest bekannte jüdische Ansässigkeit in Schwarzau (poln. Blaszki) – südöstlich von Kalisch - nachweisen. In dem seit 1815 zu Kongress-Polen gehörenden Ort ließen sich im Laufe des 19.Jahrhundert viele jüdische Familien nieder; noch Anfang der 1920er Jahre machte der jüdische Bevölkerungsteil ca. 50% der Einwohnerschaft aus. 1890 ersetzte ein massiver Synagogenbau ein aus Holz gefertigtes Bethaus. Wenige Monate nach Kriegsbeginn wurden die jüdischen Einwohner größtenteils in die Region Lodz/Warschau „umgesiedelt“; 1942 erfolgte von hier ihr Abtransport in die Vernichtungslager.

Die noch in Blaszki erhaltenen gebliebenen Grabsteine wurden nach Kalisz verbracht und dort auf dem jüdischen Friedhof wieder aufgestellt.

In Stawiszyn (poln. Stawiszyn), 1943/1945 Stavensheim – einer kleinen Ortschaft nördlich von Kalisch – bestand die Bevölkerung im 19.Jahrhundert zu etwa einem Drittel aus Juden. Nach ihrer „Aussiedlung“ aus dem „Wartheland“ (Ende 1940) endete ihr Lebensweg für die meisten zwei Jahre später im Vernichtungslager Chelmno.

Weitere Informationen:

The Encyclopedia of Jewish Life before and during the Holocaust, New York University Press, Washington Square, New York 2001, Vol.1, S. 449 (Grabow nad Prosna) - Vol.2, S. 586/587 (Kalisz), und 822 (Mikstat) - Vol. 3, S. 1348 (Turek)

Michael Alberti, Die Verfolgung und Vernichtung der Juden im Reichsgau Wartheland 1939 - 1945, hrg. vom Deutschen Historischen Institut Warschau, Quellen und Studien, Band 17, Wiesbaden 2006

Angaben des Magistrats der Stadt Kalisz

diverse Angaben aus: sztetl.org.pl

diverse Angaben aus: kirkuty.xip.pl

Présentation du cimetière juif de Turek (Jüdischer Friedhof in Turek), aus: shabbat-goy.com