Kieselhof (Böhmen)

Die Ortschaft Kieselhof ist das heutige Čkyně (Ckyn bzw. Czkyn) etwa acht Kilometer nördlich der Stadt Winterberg/Vimperk in der südböhmischen Region nordwestlich von Prachatitz/Prachatice (ca. 120 Kilometer südwestlich von Prag gelegen).

Die Anfänge jüdischen Lebens in der Region um Kieselhof reichen bis ins 16.Jahrhundert zurück, als der Ort zentraler Handelsplatz für die ländliche Umgebung war. Am Ende des zerstörerischen Dreißigjährigen Krieges lebte nur noch eine einzige jüdische Familie in Kieselhof. Erst im Laufe des folgenden Jahrhunderts wuchs die Zahl der jüdischen Bewohner an; sie lebten vor allem vom Handel mit Wolle, Leinen und Federn. Im 19.Jahrhundert erreichte dann die Anzahl der in Kieselhof lebenden jüdischen Familien mit mehr als 200 Personen ihren Höchststand.

Mit dem Neubau einer Synagoge - sie soll eine der größten und schönsten in der Grafschaft Prachen gewesen sein - erhielt die jüdische Gemeinde 1828 einen neuen gottesdienstlichen Mittelpunkt, der zu Festtagen auch von jüdischen Familien aus dem nahen Umland aufgesucht wurde. Zu diesem Zeitpunkt besaß die Gemeinde einen eigenen Rabbiner und Kantor.

  Synagoga Čkyně 01.jpg

Synagogengebäude (Aufn. um 2005, aus: synagoga-ckyne.cz und J.Erbenova, 2011, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0)

Grabsteine des jüdischen Friedhofs lassen darauf schließen, dass dieser Begräbnisplatz spätestens im letzten Viertel des 17.Jahrhunderts angelegt wurde; der älteste vorhandene Stein datiert von 1688. Auf dem östlich der Ortschaft gelegenen Friedhofsgelände wurden auch Verstorbene aus dem ländlichen Umland begraben.

Juden in Kieselhof (Ckyne):     

    --- um 1655 ........................   2 jüdische Familien,

    --- um 1750 ........................  10     “       “    ,*      * Grafschaft Prachen

    --- 1783 ...........................  22     “       “    ,

    --- 1825 ....................... ca. 150 Juden (ca. 22% d. Bevölk.),

    --- 1840 ........................... 207   “   (in 34 Familien),

    --- 1880 ...........................  80   “  ,

    --- 1900 ...........................   ?   “  ,

    --- 1930 ...........................  16   “  .

Angaben aus: Hugo Gold, Die Juden und Judengemeinden Böhmens

und                 Jiri Fiedler, Jewish Sights of Bohemia und Moravia, o.O. 1991, S. 58

Das Zusammenleben der jüdischen Minderheit mit der katholischen Bevölkerungsmehrheit soll hier insgesamt - bis auf zuweilen auftretende Dissonanzen im wirtschaftlichen Bereich - harmonisch gewesen sein. Nachdem nach 1850/1860 zahlreiche Juden aus Kieselhof abgewandert waren, wurde im Jahre 1897 der Sitz der jüdischen Gemeinde nach Winterberg verlegt.

Wegen der zunehmenden jüdischen Abwanderung in größere Städte lebten bald nur noch wenige Familien in Kieselhof/Čkyně. Regelmäßige Gottesdienste fanden bis 1895 statt; bis in die Zeit des Ersten Weltkrieges wurde die Synagoge nur gelegentlich noch benutzt; Mitte der 1920er Jahre wurde das Gebäude dann profaniert, von Privatleuten erworben und von diesen zum Wohnhaus mit Werkstatt umgewandelt; nach 1945 diente es als Lagerhaus und verwahrloste in den Folgejahrzehnten zusehends.

Zu Beginn der 1930er Jahre waren nur noch drei jüdische Familien in Ckyne wohnhaft. In der NS-Besatzungszeit konnten nur zwei Juden aus Čkyně, die „in Mischehen“ lebten, dem Holocaust entgehen, etwa 15 wurden ermordet.

Das Ende der 1990er Jahre umfassend sanierte ehemalige Synagogengebäude und der jüdische Friedhof mit seinen ca. 400 Grabsteinen legen heute noch Zeugnis davon ab, dass Čkyně einst eine jüdische Gemeinde besessen hat. Im Jahre 2013 wurde die Dorfsynagoge nach langen Restaurationsarbeiten wieder eingeweiht.

Auf Betreiben einer hiesigen Bürgerinitiative wurden 2014 deren Vorstellungen verwirklicht, im Synagogengebäude ein Museum einzurichten, das sich der jüdischen Geschichte der südböhmischen Region widmet.

                    

           Restauriertes Synagogengebäude - geöffneter Thoraschrein (Aufn. H. Pašková, 2014 / J. Erbenová, 2011, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0)

Synagoga Čkyně 18a.jpg Synagoga Čkyně 18b.jpg

museale Kostbarkeiten (Aufn. J. Erbenová, 2013, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0)

Die vorhandenen Grabsteine des alten Friedhofs - das Gelände umfasst etwa 1.800 m² - tragen Inschriften in deutscher, hebräischer und tschechischer Sprache.

 

Jüdischer Friedhof und Taharahaus in Kieselhof (Aufn. K. Hahne, 2008)

Am Taharahaus ist die Inschrift angebracht: „Beobachte den Unschuldigen und sieh auf den Redlichen; denn eine Zukunft hat der Mann des Friedens“ (Psalm 37.37).

alter Grabstein (Aufn. J. Erbenova, 2011, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0)

http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/e/ea/Alois_Zucker_1886_Vilimek.png/228px-Alois_Zucker_1886_Vilimek.png Ein berühmter Sohn Kieselhofs/Ckynes war der 1842 geborene Rechtsanwalt Alois Zucker, der an der juristischen Fakultät in Prag eine Professur besaß und sich durch zahlreiche Publikationen über Strafrecht einen Namen machte. Alois Zucker war auch Mitglied der Tschechisch-Jüdischen Bewegung. Er starb 1906.

[vgl. Winterberg (Böhmen)]

Weitere Informationen:

Hugo Gold, Die Juden und Judengemeinden Böhmens, Brünn/Prag 1934, S. 691 - 698

Jiri Fiedler, Jewish Sights of Bohemia und Moravia, o.O. 1991, S. 58 f.

Randol Schoenberg (Red.), Čkyně - Czech Republic, online abrufbar unter: kehilalinks.jewishgen.org/Ckyne/

Jacub Siska, Vom Nachtclub zum Museum: Die Synagoge von Ckyne, Radio Praha am 18.3.2007 (online abrufbar unter: radio.cz/de/rubrik/panorama/)

Tourístische Ziele Südböhmen (Hrg.), Jüdische Synagoge in Čkyně, online abrufbar unter: jiznicechy.cz/de/ziele/389-jewish-synagogue-in-ckyne