Kirchheim/Weinstraße (Rheinland-Pfalz)

Bildergebnis für kirchheim postleitzahl karte Kirchheim an der Weinstraße ist eine derzeit ca. 1.700 Bewohner zählende Ortsgemeinde (der Verbandsgemeinde Grünstadt-Land angehörig) im pfälzischen Landkreis Bad Dürkheim – ca. 25 Kilometer nordwestlich von Mannheim gelegen (Karte aus: suche-postleitzahl.org).

Das an der Weinstraße gelegene kleine Dorf Kirchheim, ehemals Kirchheim an der Eck, gehörte zu den pfälzischen Gemeinden, die im 19.Jahrhundert über einen jüdischen Bevölkerungsanteil von mehr als 10% verfügten.

Juden siedelten sich hier erstmals vermutlich zu Beginn des 18.Jahrhunderts an; im Laufe des Jahrhunderts bildete sich eine Gemeinde heraus. Ende der 1880er Jahre ließ die Kirchheimer jüdische Gemeinde einen Synagogenneubau an der Ecke Hintergasse/Kirchgasse errichten, der ein älteres, inzwischen marodes Gebäude aus dem Jahre 1798 ersetzte. Die neue Synagoge verfügte je über 35 Männer- und Frauenplätze.

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Synagoge in Kirchheim (Postkartenausschnitte, um 1900 und um 1925, aus: commons.wikimedia.org, CCO)

Zur Verrichtung religiöser und ritueller Aufgaben war seitens der Gemeinde zeitweise ein Religionslehrer angestellt.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%2087/Kirchheim%20Eck%20Israelit%2002091889.jpg Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 2. Sept. 1889

Seit Ende der 1880er Jahre stand verstorbenen Gemeindeangehörigen ein Friedhofsgelände südlich des Ortes in der Dürkheimer Straße zur Verfügung.

Zur Kirchheimer Gemeinde zählten auch die Juden aus Weisenheim am Berg, Kleinkarlbach und Großkarlbach.

Die Kultusgemeinde gehörte zum Bezirksrabbinat Frankenthal.

Kirchheim/Weinstraße:

          --- 1804 .......................... 55 Juden,

    --- 1848 .......................... 93   “  (in 22 Familien),

    --- 1871 .......................... 70   “  ,

    --- 1875 .......................... 58   “  ,

    --- 1900 .......................... 69   “  ,

    --- 1925 ...................... ca. 35   “  (ca. 3% d. Bevölk.),

    --- 1936 .......................... 33   “  ,

    --- 1939 (Jan.) ...................  3   “  .

Angaben aus: Stefan Fischbach/Ingrid Westerhoff, Synagogen. Rheinland-Pfalz und Saarland, S. 207

Mitte der 1930er Jahre lebten nur noch knapp 30 Juden in Kirchheim. Während der Novembertage 1938 drangen auswärtige SA-Angehörige in die von Juden bewohnten Häuser ein, zerschlugen das Mobiliar und luden die verängstigten Bewohner auf Lastwagen, die sie nach Mannheim verfrachteten. Von einer Brandlegung blieb das Synagogengebäude - wegen seiner unmittelbaren Nähe zu anderen Häusern - verschont, doch wurde die Inneneinrichtung demoliert. Kurz nach dem Pogrom wurde das Gebäude an die Kommune zwangsverkauft. Unmittelbar nach der „Reichskristallnacht“ wurden die Kirchheimer Juden gezwungen, ihr Grundeigentum zu veräußern; Äcker und Weinberge gingen in „arischen“ Besitz über.

Die letzten drei noch in Kirchheim lebenden jüdischen Personen wurden 1940 nach Gurs deportiert.

Während der NS-Zeit wurde auch der jüdische Friedhof geschändet und zerstört; fast alle Grabsteine wurden zerschlagen bzw. verschwanden. Mindestens zwölf gebürtige bzw. längere Zeit in Kirchheim lebende Juden kamen in der NS-Zeit gewaltsam ums Leben.

Das einstige Synagogengebäude wurde in den 1970er Jahren zu einem Wohnhaus umgebaut. Nur wenige bauliche Äußerlichkeiten lassen auf dessen einstige Nutzung schließen. Eine Gedenktafel, die auf die Historie dieses Gebäudes hinweist, vermisst man allerdings. 

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Ehem. Synagogengebäude um 1960 (Aufn. aus: Synagogen in Rheinland-Pfalz) und nach dem Umbau zum Wohnhaus (Aufn. J. Hahn, 2005)

Nach 1945 wurde der kleinflächige jüdische Friedhof – soweit möglich - wieder hergerichtet; allerdings blieben die meisten Grabsteine verschwunden.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%2062/Kirchheim%20WS%20Friedhof%20104.jpg http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%2062/Kirchheim%20WS%20Friedhof%20106.jpg

Der jüdische Friedhof in Kirchheim – eine Grabstätte fast ohne Grabsteine (Aufn. J. Hahn, 2006)

Auf dem Friedhof bei Kirchheim erinnert seit 1947 ein Denkmal an die einstigen jüdischen Bewohner des Ortes; die Beschriftungen lauten:

Durch Menschenhände wurde auch dieser jüdische Friedhof im November 1938 vollständig zerstört. Selbst den Toten nahm man ihren Frieden.

Dieses Monument wurde durch die Gemeinde Kirchheim an der Eckim Jahre 1947 als Wiedergutmachung errichtet.

Es soll eine ewige Mahnung sein, daß eine Schändung des Menschenantlitzes, wie in den Jahren 1933 bis 1945 geschehen, sich niemals wieder ereignen möge,

denn alle Menschen sind doch Brüder und haben einen Gott.

In diesem Friedhof ruhen in Frieden

(Nun folgen die Namen von 19 Personen)

Durch die Deportationen fanden den Tod

(Nun folgen die Namen von 27 Personen)

In diesem Friedhof ruhen in Frieden

(Es folgen die Namen von weiteren 18 Personen)

 

Im wenige Kilometer entfernten Dörfchen Bissersheim gab es seit der zweiten Hälfte des 18.Jahrhunderts eine kleine jüdische Landgemeinde; die Zahl ihrer Angehörigen erreichte zu keinem Zeitpunkt mehr als 50 Personen. Zunächst suchten die Bissersheimer Juden die Synagoge von Kirchheim auf, weil sie einen von ihnen eingerichteten Betraum nicht nutzen durften. Zusammen mit den Glaubensgenossen aus dem Nachbarort Großkarlbach bildete man um 1800 eine autonome Kultusgemeinde; seit 1865 war das kleine Synagogengebäude in ihrem Besitz; doch bereits 1880 wurde es wieder aufgegeben. Nach Auflösung der Gemeinde schlossen sich die verbliebenen Juden Kirchheim an. 1917 verließen die letzten jüdischen Bewohner ihr Dorf.

 

In der württembergischen Kleinstadt Kirchheim unter Teck gab es eine mittelalterliche jüdische Gemeinde, die aber während der Pestpogrome von 1348/1349 vernichtet wurde. Bis in die Mitte des 19.Jahrhunderts lebten hier - von wenigen Ausnahmen abgesehen - keine jüdischen Bewohner. In den folgenden Jahrzehnten zogen einige jüdische Familien zu, die als Filialgemeinde der Kultusgemeinde Göppingen angehörten. Mindestens zwölf jüdische Bewohner Kirchheims wurden Opfer der Shoa.

[vgl. Göppingen (Baden-Württemberg)]

Weitere Informationen:

Brigitte Kneher, Chronik der jüdischen Bürger Kirchheims seit 1896, in: Schriftenreihe des Stadtarchivs Kirchheim unter Teck 3/1985, S. 71 - 114

Rainer Kilian, Fragmente hebräischer Handschriften im Stadtarchiv, in: Schriftenreihe des Stadtarchivs Kirchheim unter Teck 7/1988, S. 117 - 130

Landeszentrale für politische Bildung Rheinland-Pfalz (Hrg.), Gedenkstätten für die Opfer des Nationalsozialismus in Rheinland-Pfalz, 2.Aufl., Mainz 1991, S. 57

Willi Jakobs, Denkmal dunkler Zeiten: Friedhof in Synagoge der jüdischen Kultusgemeinde Kirchheim, in: Heimatjahrbuch des Landkreises Bad Dürkheim 15/1997, S. 177 – 179

Klaus Lux (Hrg.), Bissersheim - Ortsgeschichte, Grünstadt 2000, S. 277 f.

Stefan Fischbach/Ingrid Westerhoff (Bearb.), “ ... und dies ist die Pforte des Himmels “. Synagogen. Rheinland-Pfalz Saarland, Hrg. Landesamt für Denkmalpflege, Mainz 2005, S. 117 (Bissersheim) und S. 206 - 208 (Kirchheim)

Otmar Weber, Die Synagogen in der Pfalz von 1800 bis heute. Unter besonderer Berücksichtigung der Synagogen in der Südwestpfalz, hrg. von der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Pfalz (Landau), Dahn 2005, S. 41 und S. 95

Kirchheim a.d.Weinstraße, in: alemannia-judaica.de (mit diversen Aufnahmen des Synagogengebäudes)

Bissersheim, in: alemannia-judaica.de