Mährisch-Ostrau (Mähren)

Mährisch-Ostrau, erstmalig erwähnt 1267, ist heute ein Teil von Moravska Ostrava, der Hauptstadt eines tschechischen Kreises in Nordmähren. Die Stadt – derzeit mit ca. 300.000 Einwohnern drittgrößte Stadt Tschechiens - liegt an der Oder, zehn Kilometer südwestlich der Grenze zu Polen.

Die jüdische Kultusgemeinde Mährisch-Ostrau war eine der jüngsten Kultusgemeinden Mährens. Zu Beginn des 20.Jahrhunderts war Ostrava ein jüdisches Zentrum Mährens; um 1925 bestand hier nach Prag die zahlenmäßig stärkste Gemeinde.

Mährisch-Ostrau gehörte zu den Städten, in denen sich Juden nicht ansiedeln durften; als sog. „Bergstadt“ genoss M.-Ostrau besondere Privilegien, zu denen u.a. auch ein striktes Ansiedlungsverbot für Juden zählte. Noch zu Beginn des 19.Jahrhunderts durften Juden im Orte nicht einmal übernachten. In den folgenden Jahrzehnten gelangten jüdische Familien nach Mährisch-Ostrau - zunächst nur zögerlich, nach 1848 dann verstärkt. Sie ließen sich im entstehenden Industriegebiet nieder; ein Großteil der jüdischen Einwanderer stammte aus Galizien und der Bukowina.

http://static2.akpool.de/images/cards/4/40940.jpg Industrielandschaft in Mährisch Ostrau (hist. Postkarte, um 1905)

Unter Führung der Teschener Gemeinde bildete sich 1860 ein Betverein. Die hiesige Kultusgemeinde gründete sich offiziell 1875. Zuvor hatte es Differenzen mit der unmittelbar benachbarten Gemeinde von Polnisch-Ostrau gegeben, die sich gegen die Schaffung jüdischer Gemeindeeinrichtungen im mährischen Gebiet ausgesprochen hatte. Zur jüdischen Gemeinde Mährisch-Ostrau gehörten in der Folgezeit zahlreiche Ortschaften, auch der weiteren Umgebung.

Gegen Ende der 1870er Jahre wurde eine relativ große Synagoge in der Pittlergasse in Gegenwart tausender Menschen eingeweiht.

https://www.ostrava.cz/cs/o-meste/tiskove-zpravy/historicke-kalendarium-1/archiv-historickeho-kalendaria/historicke-kalendarium-40/c-users-krzyzankovavl-desktop-historicka-c-kalenda-rium-24.-ta1-2den-2012-synagoga-web.jpg  Synagoge in Mährisch-Ostrau (hist. Aufn., aus: ostrava.cz)

Über die Synagogeneinweihung schrieb Hugo Gold: „ ... Dieser Akt fand in feierlicher Weise vor einer nach Tausenden zählenden Volksmenge statt und der schöne, wirklich erhebende Verlauf dieser Feier stellte der Ostrauer Bevölkerung ein ehrendes Zeugnis ihrer Toleranz aus, um das sie die Einwohnerschaft mancher anderen Stadt mit Recht beneiden konnte. - Die Eröffnung des Tempels erfolgte durch den Regierungsvertreter ..., welchem beim Anlangen des Festzuges vor dem Tempelgebäude der Schlüssel vom Präses der Kultusgemeinde ... übergeben worden war. Die Festpredigt hielt der erste Prediger des Isr. Kultusgemeinde Dr. A. Jellinek, sie machte auf die Zuhörerschaft einen tiefen Eindruck und war ganz geeignet, den bedeutenden Ruf ihres Autors noch zu erhöhen.“ (aus: Hugo Gold, Geschichte der Juden in Mährisch-Ostrau, Brünn 1929, S. 375)

Die zahlreichen jüdischen Immigranten aus Osteuropa richteten 1925 eine eigene Synagoge ein, um die strenge Einhaltung der religiösen Kultusvorschriften zu gewährleisten.

In den Vorstädten Ostraus gab es mehrere jüdische Gemeinden, so in Freistadt (Frystat), Karwin (Karviná), Orlau (Orlova), Friedeck (Frydek), Mistek und Hruschau (Hrusov); die genannten Gemeinden besaßen jeweils mehrere hundert Angehörige.

Synagogen im Raume Ostrau:

                                

                                                   Tempel in Witkowitz (Vitkovice)                                             Tempel in Oderfurt (Prívoz)                        

Anfang der 1870er Jahre war ein Gelände für die Anlage eines eigenen Friedhofs angekauft worden; zuvor waren Verstorbene in Teschen begraben worden.

Seit Anfang der 1860er Jahre existierte auch eine jüdische Schule, die zunächst in Polnisch-Ostrau, danach in Mährisch-Ostrau ihren Standort hatte. Eine staatliche, zweiklassig geführte Elementarschule wurde etwa zehn Jahre später zugelassen; danach wurde sie noch weiter ausgebaut; im Jahre 1899 besuchten mehr als 300 Kinder diese Schule.

Juden in Mährisch-Ostrau:

    --- um 1880 ............... ca.    700 Juden,*

    --- um 1890 ............... ca.  3.000   “  ,*

    --- 1900 .................. ca.  5.000   “  ,*

    --- 1921 .................. ca.  6.900   "  ,*

    --- um 1925 ............... ca. 10.000   “  ,*   * gesamte Kultusgemeinde

    --- 1930 .................. ca.  7.200   “  ,

    --- 1941 .................. ca.  3.900   “  .

Angaben aus: Hugo Gold, Geschichte der Juden in Mährisch-Ostrau                             (Anm.: demographische Daten unterscheiden sich in den einzelnen Publikationen)

Der rasante wirtschaftliche Aufschwung in der Region zog zahlreiche jüdische Einwanderer aus Osteuropa an; zudem erreichten im Laufe des Ersten Weltkrieges galizische Flüchtlinge die Stadt, von denen viele später nicht mehr in ihre Heimat zurückkehrten; so wuchs die Zahl der Juden in Mährisch-Ostrau enorm an. In den 1920er Jahren erreichte die Ostrauer Judenschaft ihren zahlenmäßigen Zenit. Ostrauer Juden waren in allen Bereichen der Wirtschaft und des Handels stark vertreten; sie gehörten hier zu den Spitzen der Unternehmerschicht; aber auch freie Berufe wurden von ihnen dominiert.

Als erste jüdische Großgemeinde vertrat die Mehrheit der hier lebenden Juden in Ostrava zionistische Ideen; aus diesem Grunde wurde die Stadt auch zum Sitz der Zionistischen Landesorganisation bestimmt und zum Standort mehrerer Ausbildungsstätten für auswanderungsbereite junge Juden; es gab Umschulungszentren mit Gewerbeschulen und landwirtschaftliche Lehrbetriebe in der Umgebung.

Nach der deutschen Okkupation setzte auch in Ostrau der NS-Terror ein, der seinen ersten Höhepunkt Mitte Oktober 1939 in der Verschleppung von mehr als 900 jüdischen Bewohnern nach Nisko/San erreichte; ein Großteil der Deportierten kam ums Leben.

Anmerkung: Der sog. „Nisko-Plan” war der Versuch einer „territorialen Lösung der Judenfrage“. Anfang Oktober 1939 hatte Hitler öffentlich die Absicht erklärt, die „ethnographischen Verhältnisse“ in Europa neu zu ordnen und in diesem Zusammenhang auch „das jüdische Problem“ zu lösen. Hitler beauftragte Himmler in seiner Funktion als „Reichskommissar für die Festigung deutschen Volkstums“, die neue Ethnopolitik zu planen und zu koordinieren. Nahe der Kreisstadt Nisko im Radom-Distrikt sollte - nach Evakuierung der dort lebenden Polen - eine Art „Judenstaat“ geschaffen werden, der keine Daueransiedlung, sondern eher eine zeitweilige Konzentrierung der Juden bis zum weiteren Abtransport vorsah.

1941 lebten in Mährisch-Ostrau noch knapp 4.000 jüdische Bewohner; darunter auch etwa 400 Personen, die aus Nisko zurückgekehrt waren. Im September 1942 begannen die Deportationen im großen Stil; in drei Transporten wurden fast alle hier lebenden Juden nach Theresienstadt verbracht, und von hier aus war ihr Weg nach Auschwitz-Birkenau vorgezeichnet. Nur ca. 250 Ostrauer Juden sollen den Holocaust überlebt haben.

Nach Ende des Zweiten Weltkrieges begründeten wenige zurückgekehrte Ostrauer Juden eine neue Kultusgemeinde, zu deren Angehörigen auch Juden anderer Städte wie Oderberg, Troppau oder Olmütz gehörten; damit wurde Ostrava zur „Muttergemeinde“ der nordmährischen Region. Allerdings umfasste die Gemeinde nie mehr als 500 Angehörige; Überalterung und Abwanderung führten dazu, dass jüdisches Leben hier fast völlig erstarb. Ende der 1990er Jahre soll die Gemeinde noch ca. 80 Angehörige gehabt haben.

Der alte jüdische Friedhof wurde um 1980 eingeebnet und ist heute als öffentlicher Park gestaltet. Mitte der 1960er Jahre war ein neues Begräbnisgelände angelegt worden, auf dem auch etliche Grabsteine vom alten jüdischen Friedhof ihren Platz fanden.

Die Stadt Ostrawa nimmt auch am sog. „Stolperstein“-Projekt teil; in den Straßen findet man derzeit  ca. zehn solcher Gedenktäfelchen, die der Kölner Gunter Demnig verlegt hat (Stand: 2013).

Stolpersteine Slatner 01.jpg  Ostrava, 284.jpg Aufn. aus: wikimedia.org, 2011

In dem auf Grund des Steinkohleabbaus enorm gewachsenen Ortschaft Orlau (tsch. Orlová) – östlich von Mährisch-Ostrau gelegen – gab es im ausgehenden 19.Jahrhundert zwei jüdische Gemeinden: eine orthodox ausgerichtete und eine Reformgemeinde; beide Richtungen verfügten über eigene Synagogen.

                                                 Synagoge in Orlau (hist. Aufn.) 

Vermutlich um die Jahrhundertwende erfolgte die Anlage eines jüdischen Friedhofs in Orlová.

Nach 1918 besaß die zionistische Bewegung hier größere Bedeutung. Zu Beginn der 1930er Jahre zählte die jüdische Bevölkerung etwa 400 Personen (machte damit ca. 4% der Gesamtbevölkerung aus). Im Gefolge des „Münchner Abkommens“ kam die Stadt vorübergehend unter polnische Oberhoheit; Juden tschechischer Staatsangehörigkeit wurden vertrieben. Nachdem Orlová 1939 dann unter deutsche Okkupation geraten war, wurden die verbliebenen jüdischen Bewohner dann in die Ghettos und Todeslager deportiert. Die beiden Synagogen wurden zerstört.

Orlová, židovský hřbitov (5).JPG Orlová, židovský hřbitov (1).JPG

Jüdisches Begräbnisfeld und Mahnmal für die jüdischen NS-Opfer (Aufn. Michal Klajban, 2012, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0)

Im südlich von Ostrau gelegenen mährischen Städtchen Freiberg (tsch. Pribor) gab es seit den 1880er Jahren auch eine jüdische Gemeinde, deren Wurzeln zugewanderte Familien aus Polen gelegt hatten. die Um 1880/90 erreichte die Gemeinde mit ca. 160 Angehörigen ihren zahlenmäßigen Zenit; um 1930 lebten hier nur noch ca. 50 Juden. Im September 1942 wurden die verbliebenen jüdischen Familien nach Theresienstadt, anschließend ins Vernichtungslager Maly Trostinec deportiert.

 Bekanntester Sohn der jüdischen Gemeinde von Freiberg war der 1856 geborene Siegmund Freud, der Begründer der Psychoanalyse. Er starb 1939 in London.

Im nur wenige Kilometer entfernten Oderberg (tsch. Bohumín) sollen bereits gegen Mitte des 17.Jahrhunderts Juden gelebt haben. Die israelitische Gemeinde - sie entstand erst in der ersten Hälfte des 19.Jahrhunderts - erreichte um 1920 ihren zahlenmäßigen Höchststand mit ca. 800 Angehörigen; zahlreiche Juden Oderbergs standen den zionistischen Ideen offen gegenüber. Ihre neue, im maurischen Stile gestaltete Synagoge weihte die hiesige Judenschaft im Jahre 1900 ein; ein Gemeindezentrum öffnete 1921 seine Pforten.

                                             Synagoge in Oderberg (hist. Ansichtskarte)

Noch zu Beginn der 1930er Jahre lebten etwa 700 jüdische Bewohner in Oderberg; doch mit der deutschen Besetzung hatten die meisten bereits die Stadt verlassen; wer geblieben war, wurde 1940 nach Nisko deportiert. Das Synagogengebäude war im Frühjahr 1940 zerstört worden.

In Karwin (tsch. Karviná), einer Bergbau- und Industriestadt, ließen sich im 19.Jahrhundert zahlreiche Juden nieder, die gemeinsam mit denen aus Freistadt (Frystat) eine Gemeinde bildeten. Anfang der 1930er Jahre lebten hier mehr als 1.100 jüdische Einwohner. Im Sept. 1938 wurde Karwin von Polen annektiert, ein Jahr später von der deutschen Wehrmacht besetzt. Die jüdische Bevölkerung wurde zumeist ins Ghetto Lodz deportiert, wo die Mehrzahl ums Leben kam.

In der Doppelgemeinde Friedeck-Mistek (Frydek-Mistek) - einige Kilometer südlich von Ostrawa gelegen - gab es eine jüdische Bevölkerung, die Anfang der 1930er Jahre aus mehr als 400 Personen bestand. 1890 war die Vereinigung der beiden Einzelgemeinden vollzogen worden; damals zählten beide Gemeinden jeweils mehr als 200 Angehörige.

[vgl. Friedeck-Mistek (Mähren)]

Weitere Informationen:

Hugo Gold, Geschichte der Juden in Mährisch-Ostrau, in: Hugo Gold, Die Juden und Judengemeinden Mährens in Vergangenheit und Gegenwart. Ein Sammelwerk, Jüdischer Buch- und Kunstverlag, Brünn 1929, S. 372 - 377

Ferdinand Kraus, Geschichte der Jüdischen Volksschule in Mähr.-Ostrau, in: Hugo Gold (Hrg.), Die Juden und Judengemeinden Mährens in Vergangenheit und Gegenwart, Jüdischer Buch- und Kunstverlag, Brünn 1929, S. 377 f.

Hugo Gold, Gedenkbuch der untergegangenen Judengemeinden Mährens, Olamenu-Verlag, Tel Aviv 1974, S. 82 - 84

Seev Goshen, Eichmann und die Nisko-Aktion im November 1939, in: VZG 29/1981, S. 74 ff.

Wilma Iggers (Hrg.), Die Juden in Böhmen und Mähren. Ein historisches Lesebuch, München 1986

Jaroslav Klenovský, Židovské památky Ostravy [Jüdische Denkmäler in Ostrau], Ostrava 1998

The Encyclopedia of Jewish Life before and during the Holocaust, New York University Press, Washington Square, New York 2001, Vol.1, S. 165; Vol. 2, S. 949/950 und S. 1026

Ludmila Nesládková, Eine Episode in der Geschichte des Dritten Reichs - Das Lager in Nisko und die Juden aus dem Ostrauer Gebiet, in: Hefte von Auschwitz 22/2002, S. 343 ff.

Ostrava, in: jewishvirtuallibrary.org