Mährisch-Weißkirchen (Mähren)

Die Stadt Mährisch-Weißkirchen, an der Grenze zwischen Mähren und Schlesien ca. 35 Kilometer östlich von Olmütz gelegen, ist das heutige tschechische Hranice na Morave.

Im Laufe des 16.Jahrhunderts sollen sich Juden in Mährisch-Weißkirchen angesiedelt haben; ein erster urkundlicher Beleg für dauerhafte Ansässigkeit von Juden liegt aber erst aus der Mitte des 17.Jahrhunderts vor. Unter der Herrschaft der Adelsfamilie Pernstein konnten jüdische Händler zunächst die Jahrmärkte der Stadt besuchen; in den folgenden Jahren machten sie sich dann hier ansässig. Zu ihnen gesellten sich dann auch polnische und rumänische Viehhändler, die mährische Märkte aufsuchten und teilweise hier auch sesshaft wurden. Gegen Mitte des 16.Jahrhunderts war die Zahl der Juden in Weißkirchen stark angewachsen; infolge von Pogromen während des sog. „Chmielnicky-Aufstandes“ waren jüdische Flüchtlinge aus der Ukraine hierher verschlagen worden.

Die Judenschaft Weißkirchens, die von 1880 bis 1919 eine selbstständige politische Gemeinde bildete, umfasste mehrere Territorien innerhalb des Stadtgebietes.

                                                           Siegel der Jüdischen Gemeinde Weißkirchen (1700) 

An der Judengasse, einer Häuserzeile entlang der westlichen Stadtmauer, stand auch die alte Synagoge; Anfang der 1860er Jahre wurde sie abgerissen und am gleichen Ort eine neue gebaut, die nach Plänen des Wiener Architekten Franz Macher im maurisch-byzantinischen Stil errichtet und im Jahre 1864 eingeweiht wurde.

1770 wurde die „jüdisch-deutsche Trivialschule“ gegründet. Etwa ein Jahrhundert später wurde die bis dahin einklassige Schule zu einer dreiklassigen erweitert, die danach als „Deutsche Volksschule der Israelitengemeinde“ bezeichnet. Zunächst in unterschiedlichen Räumlichkeiten untergebracht erhielt diese 1897 ein neues Gebäude.

                                  Synagoge (hist. Ansichtskarte, um 1900)

Ein eigenes Bestattungsgelände war in Weißkirchen vermutlich nach Ende des Dreißigjährigen Krieges angelegt worden, auf dem auch verstorbene Juden umliegender Ortschaften beerdigt wurden; der älteste lesbare Grabstein stammt aus dem Jahre 1686.

    Jüdischer Friedhof Weißkirchen (Aufn. Jacques Verlaeken, 2012)

Juden in M.-Weißkirchen:

    --- um 1750 ................. 115 jüdische Familien,

    --- um 1790 ................. 120     “       “    ,

    --- 1830 ................ ca. 660 Juden,

    --- 1857 .................... 802   “   (ca. 13% d. Bevölk.),

    --- 1869 .................... 582   “  ,

    --- 1880 .................... 522   “  ,

    --- 1900 .................... 462   “   (ca. 5% d. Bevölk.),

    --- 1930 .................... 192   “   (ca. 2% d. Bevölk.),

    --- 1938 .................... 143   “  ,

    --- 1942 (Dez.) ............. keine.

Angaben aus: Hugo Gold, Gedenkbuch der untergegangenen Judengemeinden Mährens, S. 89

und                 Encyclopedia of Jewish Life … (2001), S. 531

Die in Weißkirchen verbliebenen jüdischen Bewohner wurden im Laufe des Jahres 1942 in Konzentrations- und Vernichtungslager deportiert; nur 14 Personen sollen die Shoa überlebt haben.

Die Inneneinrichtung der Synagoge wurde dem Zentralen Jüdischen Museum in Prag übereignet.

1945 gründete sich hier eine neue jüdische Gemeinschaft; dieser Synagogenverein nutzte seinen Gebetraum bis 1969. Im 1863/1864 erbauten Synagogengebäude ist heute das Stadtmuseum und die städtische Galerie untergebracht.

                                                    ehem. Synagoge (Aufn. Milan Mraz, um 2005)

1989 wurde damit begonnen, auf Anordnung der kommunistischen Stadtverwaltung den jüdischen Friedhof zu zerstören; eine daraufhin angeordnete Einebnung der Anlage wurde aber gestoppt und die Wiederherstellung der mehrere hundert Grabsteine umfassenden Anlage ins Auge gefasst.

[vgl. Wallachisch-Meseritsch (Mähren)]

 Der deutsch-jüdische Journalist und Schriftsteller Jakob Julius David wurde 1859 in Mährisch-Weißkirchen geboren. Da ihm auf Grund einer durch eine Typhuserkrankung verursachten Behinderung der Lehrberuf verwehrt war, arbeitete er zunächst als Hauslehrer und dann als Journalist bei verschiedenen Wiener Zeitungsverlagen. 1889 erfolgte seine Promotion in Philosophie. Die mährische Landschaft, auch Hanna genannt, prägte ihn und wurde u.a. in der Erzählung „Die Hanna“ (1904) literarisch verarbeitet. Trotz seiner Konversion zum Katholizismus arbeitete er weiterhin für die vom Rabbiner Josef Bloch herausgegebene „Österreichische Wochenschrift“. Seine Romane „Am Wege sterben“ und „Der Übergang“ waren erfolgreicher als seine von ihm verfassten Theaterstücke. Julius Jakob David starb 1906 in Wien.

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/he/c/c8/Isidore_singer.png Der ebenfalls 1859 geborene Schriftsteller und Publizist Isidore Singer, der in den 1890er Jahren in die USA auswanderte, machte sich einen Namen als Herausgeber der zwölfbändigen Jüdischen Enzyklopädie. Zahlreiche Veröffentlichungen wiesen Singer als profilierten Schriftsteller aus, der in drei Sprachen schrieb. Vor seiner Auswanderung war er noch in Frankreich und Italien publizistisch tätig gewesen. 1922 gehörte Singer zu den Gründern der „American League of the Brotherhood of Man“. Im Alter von 80 Jahren verstarb Singer 1939 in seiner Wahlheimat New York.

Weitere Informationen:

J. Rabbinowicz, Geschichte der Juden in Mährisch Weißkirchen, in: Hugo Gold, Die Juden und Judengemeinden Mährens in Vergangenheit und Gegenwart, Jüdischer Buch- und Kunstverlag, Brünn 1929, S. 381 - 385

Hugo Gold, Gedenkbuch der untergegangenen Judengemeinden Mährens, Olamenu-Verlag, Tel Aviv 1974, S. 84 - 89

Wilma Iggers (Hrg.), Die Juden in Böhmen und Mähren. Ein historisches Lesebuch, München 1986

P.Ehl/A.Parík/Jirí Fiedler, Alte Judenfriedhöfe Böhmens und Mährens, Paseka-Verlag, Prag 1991

The Encyclopedia of Jewish Life before and during the Holocaust (Vol. 1), New York University Press, Washington Square, New York 2001, S. 531