Pleschen (Posen)

 Pleschen - ca. 85 Kilometer südöstlich von Posen gelegen - ist die Stadt Pleszew im Südteil der Woiwodschaft Poznan mit derzeit ca. 18.000 Einwohnern.

Urkundliche Hinweise auf dauerhafte Ansiedlungen von Juden in Pleschen liegen erst seit Anfang des 19.Jahrhunderts vor; doch sollen hier bereits im 16.Jahrhundert zeitweilig einzelne jüdische Familien gelebt haben. Dass es erst relativ später zu Ansiedlungen von Juden in Pleschen kam, war den polnischen Gilden zuzuschreiben, die sich energisch gegen eine mögliche jüdische Konkurrenz zur Wehr setzten. In nachnapoleonischer Zeit durften sich die ersten Juden im Ort niederlassen, die bald darauf eine Gemeinde bildeten, zu der auch Glaubensgenossen aus den umliegenden Dörfern gehörten. Zunächst wurde ein Betlokal, ab ca. 1830 eine Synagoge eingerichtet.

                                Synagoge in Pleschen (hist. Postkarte, um 1910, aus: fotopolska.eu)

Auf einem vom Stadtherrn zur Verfügung gestellten Gelände legte die Judenschaft ihren Friedhof an, auf dem 1817 das erste Begräbnis erfolgte.

In wenigen Jahrzehnten entstand in Pleschen eine mehrhundertköpfige jüdische Gemeinde. Das Zusammenleben mit der christlich-evangelischen Mehrheit soll im allgemeinen konfliktfrei gewesen sein; nur mit Angehörigen der katholischen Konfession soll es Probleme gegeben haben. Ein Beweis für das nicht immer einfache Verhältnis mit dem polnisch-katholischen Bevölkerungsteil war die Aufkündigung einer gemeinsamen Beschulung von jüdischen und christlichen Kindern; so setzten die Katholiken 1852 eine Trennung zwischen katholischen auf der einen und evangelischen und jüdischen Schülern auf der anderen Seite durch. Damit wurden zwei Konfessionsschulengeschaffen.

 Der seit 1822 als Rabbiner in Pleschen tätige Elias Guttmacher (geb. 1796 in Borek/Prov. Posen) leitete dort auch die von vielen Schüler besuchte Jeschiwa.

Juden in Pleschen:

        --- 1815 ........................ ca.   100 Juden,

--- 1835 ............................   757   “  (in ca. 100 Familien),

--- 1860 ........................ ca.   900   “  ,

    --- 1875 ............................ 1.039   “  ,

    --- 1895 ............................   550   “  ,

    --- um 1900 .........................   570   “  ,

    --- um 1910 .........................   330   “  ,

    --- 1921 ............................   116   “  (ca. 1,5% d. Bev.),

--- 1932 ........................ ca.    50   “  .  

Angaben aus: Heppner/J.Herzberg, Aus Vergangenheit und Gegenwart der Juden und der jüdischen ..., S. 704

und                The Encyclopedia of Jewish Life before and during the Holocaust (Vol. 2), S. 1000

Die Pleschener Juden sollen in der kommunalen Selbstverwaltung aktiv tätig gewesen sein. Die zu Beginn der 1880er Jahre einsetzende Emigration ließ die Zahl der Gemeindemitglieder deutlich zurückgehen. Innerhalb von nur drei Jahrzehnten verringerte sich der jüdische Teil der Bevölkerung um mehr als 70% (!).

Die nur noch sehr wenigen jüdischen Bewohner Pleschens wurden im Februar 1940 „ins Generalgouvernement umgesiedelt“. Der jüdische Friedhof wurde während der NS-Zeit zerstört; nur spärliche Grabsteinrelikte sind heute noch auf der zu einer Grünanlage gestalteten Fläche vorhanden.

teren cmentarza żydowskiego w Pleszewie Ehem. Friedhofsareal (Aufn. Jacques Lahitte, aus: kirkuty.xip.pl)

Das ehemalige Synagogengebäude befindet sich heute in einem maroden Zustand.

http://2.bp.blogspot.com/-ZumQaBJOZFU/Uu1cOy0zR0I/AAAAAAAABYw/cpV4Z_Bo1NI/s1600/Synagoga+2.JPG Giebel des ehem. Synagogengebäudes (Aufn. aus: zapomniane-miejsca.blogspot.com)

 

Im ca. 25 Kilometer westlich von Pleschen gelegenen Jarotschin (poln. Jarocin) gab es auch eine jüdische Gemeinde; ihre Wurzeln sollen bereits aus dem 17.Jahrhunderts stammen (Erwähnung eines Bethauses). Zuzüge erfolgten vor allem aus Kalisch und Posen. Neben dem Handel bestritten im 19.Jahrhundert zahlreiche Familien ihren Lebensunterhalt im Handwerk (Schneider, Kürschner).

Ein jüdischer Friedhof wurde vermutlich in der zweiten Hälfte des 18.Jahrhunderts angelegt. Das großflächige Areal mit einer Trauerhalle war mit einer hohen Mauer umgeben. - Die Gemeindesynagoge stammte aus den 1840er Jahren, die einen älteren Bau - um 1795 erstellt - ersetzte. Zur Gemeinde zählten auch die jüdischen Familien aus dem Landkreis.

Juden in Jarotschin:

     --- 1674 ......................   37 Juden,

     --- 1777 .................. ca.  100   “  ,

     --- 1793 ......................  321   “  ,

 --- 1816 ......................  208   “  ,

 --- 1840 ......................  548   “  ,

 --- 1851 ......................  628   “  ,

     --- 1871 ......................  435   “  ,

     --- 1895 ......................  292   “  ,

    --- um 1910 ............... ca.  200   “  ,

    --- 1921 ......................  113   “  ,

    --- 1932 .................. ca.  50   “  .  

Angaben aus: Jarocin, in: sztetl.org.pl

                         Synagoge von Jarotschin (Aufn. aus: sztetl.org.pl)

In den 1920er Jahre kam es zu schweren Pogromen, die von der polnischen Bevölkerungsmehrheit ausgingen; Folge war die Abwanderung zahlreicher jüdischer Familien in größere deutsche Städte. Anfang der 1930er Jahre lebten noch ca. 120 jüdische Bewohner in der Kleinstadt. Im Oktober 1939 wurden die verbliebenen jüdischen Bewohner von der deutschen Besatzungsmacht in den Ostteil Polens vertrieben; die allermeisten fanden in den Ghettos und Lagern den Tod. - Das während der NS-Zeit im Innern demolierte Synagogengebäude ist baulich bis auf den heutigen Tag erhalten und diente seitdem als Lagerhaus bzw. als Sporthalle.

 Der bedeutendste Sohn der jüdischen Gemeinde war Eduard (Jizchak) Lasker (1829–1884), Sohn eines Fabrikanten; er erhielt eine traditionell-jüdische Erziehung. Nach einem Jura-Studium wandte er sich der Politik zu. In der Bismarck-Ära war er zunächst in der Nationalliberalen Partei an herausragender Stelle politisch tätig war; danach wechselte er zur Freisinnigen Partei, er stand in Gegnerschaft zum Reichskanzler Bismarck. Während eines USA-Aufenthaltes verstarb er 1884.

vgl. dazu: Jarotschin (Posen)

 

In der Ortschaft Dobrzyca/Dobberschütz (poln. Dobrzyca) – wenige Kilometer westlich von Pleschen – sollen seit der ersten Hälfte des 17.Jahrhunderts vereinzelt Juden gelebt haben. Das seit 1793 zu Preußen gehörende Dorf beherbergte damals 13 jüdische Familien; in den Folgejahrzehnten vergrößerte sich die Zahl der jüdischen Dorfbewohner und erreichte 1870/1880 mehr als 150 Personen (ca. 12% d. Dorfbevölkerung).

Juden in Dobrzyca:

        --- 1793 .....................  13 jüdische Familien,

    --- 1800 .....................  22     “       “    ,

    --- 1845 ..................... 146 Juden,

    --- 1881 ..................... 152   “  ,

    --- 1929 .....................   2 jüdische Familien.

Angaben aus: Dobrzyca, in: sztetl.org.pl

Als nach 1850 die Gemeinde ihren personellen Zenit besaß, ersetzte man das bestehende Bethaus durch einen Synagogenneubau – errichtet im spätgotischen Stil. Nach ca. 80jähriger Nutzung wurde das Gebäude abgebrochen, da wegen Auflösung der Gemeinde keine Nutzung mehr gegeben war.

                    Synagogenfront (Skizze aus: Notatki Dobzyckie 1996, No.11, S. 9)

1929 lebten nur noch zwei jüdische Familien im Ort; alle anderen waren abgewandert. Vom jüdischen Friedhof sind heute nur noch wenige Grabsteine erhalten.

vgl. Dobberschütz (Posen)

Weitere Informationen:

A.Heppner/J.Herzberg, Aus Vergangenheit und Gegenwart der Juden und der jüdischen Gemeinden in den Posener Landen, Koschmin - Bromberg 1909, S. 693 - 710

The Encyclopedia of Jewish Life before and during the Holocaust (Vol. 2), New York University Press, Washington Square, New York 2001, S. 1000

K. Niesiołowski, Szkice i sylwetki z przeszłości Pleszewa (Skizzen u. Schattenrisse aus der Geschichte von Pleschen), Selbstverlag o.J.

Pleszew, in: sztetl.org.pl

Bielawski (Red.), Pleszew, in: kirkuty.xip.pl