Apolda (Thüringen)

File:Apolda Karte 1921.JPG Apolda mit derzeit ca. 24.000 Einwohnern ist die Kreisstadt des mittelthüringischen Landkreises Weimarer Land im Städtedreieck mit Weimar ca. 20 Kilometer südwestlich und Jena ca. 15 Kilometer südlich (Karte Apolda und Umland von 1921, aus: wikipedia.org, gemeinfrei).

Erst in der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts sind erstmalig sehr wenige jüdische Familien im thüringischen Apolda nachweisbar; bis in die 1880er Jahre blieb ihre Anzahl gering, vergrößerte sich aber später infolge von Zuzügen.

Die jüdischen Einwohner waren fast ausschließlich als Kaufleute tätig.

Geschäftsanzeige des „Spezialgeschäfts“ Salomon Strumpfner (Quelle: „Apoldaer Tageblatt“)

Als sich um 1890/1895 die Zahl der Apoldaer Juden vergrößert hatte, stellte sich die Frage der Gründung einer Gemeinde bzw. Religionsvereinigung wie auch der Schaffung gemeindlicher Einrichtungen wie Friedhof und Schule. Im Jahre 1899 wurde dann die „Israelitische Religions-Gemeinschaft zu Apolda“ begründet, die in ihrem Statut als dringlichste Aufgabe die Schaffung von „regelmäßigen rituellen Gottesdiensten und israelitischen Religionsunterrichtes für schulpflichtige Kinder“ sah.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20190/Apolda%20Israelit%2003051900.jpg aus: "Allgemeine Zeitung des Judentums" vom 3. Mai 1900

Der Versuch, eine autonome Kultusgemeinde zu etablieren, war aber zum Scheitern verurteilt, da die Zahl der Apoldaer Juden zu gering war bzw. unter ihnen eine recht hohe Fluktuation herrschte; die sog. „Israelitische Vereinigung“ bestand in den ersten beiden Jahrzehnten des 20.Jahrhunderts.

                                  Signet der Apoldaer „Israelitischen Vereinigung“

Ein angemietetes Betlokal diente der Religionsgemeinschaft als religiöser Mittelpunkt.

Einen eigenen Friedhof gab es in Apolda nicht; Verstorbene wurden zumeist auf dem israelitischen Friedhof in Erfurt bestattet.

Juden in Apolda:

        --- 1858 .........................  ein Jude,

    --- 1880 .........................  12 Juden,

    --- 1885 .........................  39   “  ,

    --- 1895 .........................  47   “ (ca. 10 - 12 Familien),

    --- 1901 .........................  18 jüdische Familien,

    --- 1913 .........................  67 Juden,

    --- 1924 .........................  59   “  ,

    --- 1930/33 .................. ca.  80   “  ,

    --- 1935 .........................  81   “  ,

    --- 1936 ......................... 114   “  ,

    --- 1940 .........................   ?   “  .

Angaben aus: Thomas Bahr (Hrg.), “Die Rosewitz, Prager, Lichtenstein ....”, S. 61

In den Jahren nach dem Boykott verließ ein Teil der Gemeindeangehörigen die Kleinstadt; während einige in Großstädte verzogen, gingen andere in die Emigration. Während der „Reichskristallnacht“ wurden Geschäfte und Wohnungen jüdischer Besitzer verwüstet und elf Männer festgenommen und ins nahe KZ Buchenwald gebracht. Nach dem Novemberpogrom wurden alle noch bestehenden jüdischen Geschäfte „arisiert“, so z.B. die Kaufhäuser Rosewitz und Fortuna-Wohlwert, die Textilhandlungen Fleischmann, Lichtenstein und Heymann, die Schokoladenfabrik Heinrich Strasser u.a. Den meisten jüdischen Einwohnern Apoldas gelang noch vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges die Emigration. 1941 mussten die Familien Sichel, Lichtenstein und Friedmann in das „Judenhaus“ in die Bernhardstraße 34 umziehen, wo bereits die Familie Fleischmann lebte.

15 Apoldaer gehörten zu jenen 342 Thüringer Juden, die am 9. Mai abgeholt und in das Weimarer Gestapo-Gefängnis im Marstall gebracht wurden. Von hier aus erreichte der Deportationstransport wenige Tage später Belzyce (nahe Lublin), eines der sog. Durchgangsghettos in Ostpolen. Bis Oktober 1942 blieben die Menschen hier. Nach Auflösung des Lagers wurden einige der „Vernichtung durch Arbeit“ zugeführt, die Mehrheit aber in den Gaskammern vom Majdanek ermordet. - Ein weiterer Transport aus Apolda erfolgte nach Theresienstadt.

Insgesamt 27 jüdische Bürger Apoldas wurden Opfer der NS-Rassenpolitik.

 

In der Bernhard-Prager-Gasse erinnert seit 1988 eine Gedenktafel an die jüdische Fellhändler-Familie von Salomon Prager, deren Angehörige zu den Opfern der NS-Verfolgung zählten. Nach Bernhard Prager ist in der Stadt eine Schule benannt. 2007 wurde in Apolda ein Verein mit dem Ziel gegründet, das Prager-Haus als Gedenk- und Erinnerungsort an die jüdischen Einwohner der Stadt zu erhalten.

Pragersches Haus um 1900 Der Vorgängerbau des Prager-Hauses, um 1900 (Abb. aus: prager-haus-apolda.de)

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20301/Apolda%20Stadt%20145.jpg  http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20301/Apolda%20Stadt%20141.jpg Das Prager-Haus (Aufn. J. Hahn, 2011)

Ende 2018 konnte nach Rekonstruktion und Sanierung das ehemalige Geschäfts- u. Wohnhaus der jüdischen Familie Prager als „Lern- u. Gedenkort“ eingeweiht werden.

2008 wurden die ersten sog. „Stolpersteine“ in Apolda verlegt; weitere 15 dieser Gedenktäfelchen folgten im Jahr darauf; inzwischen sind es nahezu 80 (Stand 2019), die an Personen erinnern, die Opfer des NS-Regimes geworden sind.

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/6/6f/Apolda-Stolperstein-Jakob-Bukofzer-CTH.JPGApolda-Stolperstein-Emma-Bukofzer-CTH.JPGFanny Katzenstein Stolperstein tom.JPGBerthold Fleischmann Stolperstein tom.PNGStolperstein Ida Fleischmann.JPG

"Stolpersteine" in der Bahnhofstraße, Bernhard-Prager-Gasse und Dr. Rudi-Moser-Straße (Aufn. aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0)

 

Weitere Informationen:

Thomas Bahr (Hrg.), “Die Rosewitz, Prager, Lichtenstein ....”, o.O. 1992, S. 9 f.

Gedenkstätten für die Opfer des Nationalsozialismus - Eine Dokumentation, Hrg. Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 1999, S. 789 - 791

The Encyclopedia of Jewish Life before and during the Holocaust (Vol. 1), New York University Press, Washington Square, New York 2001, S. 51

Peter Franz, Der gewöhnliche Faschismus. Über die alltägliche Herrschaft der ‘Nationalsozialisten’ am Beispiel einer Mittelstadt (Apolda). Eine Chronologie in Jahresscheiben, Weimar 2001

Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu Stätten des Widerstandes und der Verfolgung 1933-1945, Band 8 – Thüringen, Frankfurt/M. 2003, S. 349 - 352 

Monika Gibas (Hrg.), ‘Arisierung’ in Thüringen: Entrechtung, Enteignung und Vernichtung der jüdischen Bürger Thüringens 1933 - 1945, in: Quellen zur Geschichte Thüringens 27, hrg. von der Landeszentrale für Politische Bildung Thüringen, 2 Halbbände, Erfurt 2006

Peter Franz/Udo Wohlfeld, Jüdische Familien in Apolda: Diffamierung, Ausgrenzung, Entrechtung, Vertreibung, Deportation, Vernichtung, Ungehorsam. Die Apoldaer Judenheit während des Faschismus, hrg. von der Geschichtswerkstatt Weimar/Apolda e.V., 2007

P.Franz/T.Unglaube/U.Wohlfeld, Die Pragers. Eine jüdische Familie in Apolda, Hrg. Geschichtswerkstatt Weimar-Apolda e.V., Apolda 2008

Wolfgang Peller, Die Pellers. Eine jüdische Familie in Apolda, Hrg. Geschichtswerkstatt Weimar-Apolda e.V., Weimar 2008

Monika Gibas, „Ich kam als wohlhabender Mensch nach Erfurt und ging als ausgeplünderter Mensch davon“ – Schicksale 1933 – 1945, hrg. von der Landeszentrale für politische Bildung Thüringen, Erfurt 2008, S. 51 – 66 (Fam. Bernhard Prager aus Apolda)

Peter Franz/Udo Wohlfeld, Die Fleischmanns. Eine jüdische Familie in Apolda, Apolda 2009

Peter Franz (Bearb.), Geschichte der Juden in Apolda, in: Netzwerk für jüdisches Leben in Thüringen, online abrufbar unter: juedisches-leben-thueringen.de

Apolda, in: alemannia-judaica.de

Peter Franz/Udo Wohlfeld, Jüdische Häuser in Apolda. Ein Stadtrundgang, Apolda 2012

Zeev Raphael, „Die Emigration" in Zusammenarbeit mit der Geschichtswerkstatt Weimar-Apolda, Haifa/Israel - Apolda, 2015

Sascha Margon (Red.), Fünf neue Stolpersteine“ auf Apoldas Fußwegen, In: „Ostthüringer Zeitung“ vom 12.11.2016

Auflistung der Stolpersteine in Apolda, online abrufbar unter: wikipedia.org/wiki/Liste_der_Stolpersteine_in_Apolda

Peter Franz, Das Prager-Haus in der Bernhard-Prager-Gasse No. 8, online abrufbar unter: prager-haus-apolda.de (2018)

Martin Kappel (Red.), Stolpersteine in Apolda erinnern an jüdische Opfer der NS-Zeit, in: „Thüringer Allgemeine“ vom 27.11.2019