Budweis (Böhmen)

Bildergebnis für vymperk böhmen mapBudweis Im südböhmischen Budweis - im Jahr 1265 von Kg. Ottokar II. als "königliche Stadt" mit starken Befestigungsanlagen gegründet - lebte jahrhundertelang eine deutsche Bevölkerungsmehrheit, die nach 1890 durch die Masseneinwanderung tschechisch sprechender Bewohner verschwand. Budweis ist die tschechische Stadt České Budějovice mit derzeit ca. 94.000 Einwohnern (links: Ausschnitt aus hist. Karte   -  rechts: Kartenausschnitt, aus: europe1900.eu).

Die im Spätmittelalter existierende kleine Judengemeinde in Budweis ist seit der ersten Hälfte des 14.Jahrhunderts nachweisbar und wurde bereits 1337 erstmals vernichtet. Wenige Jahre später erlaubte der böhmische König Johann von Luxemburg einigen jüdischen Familien erneut, sich hier anzusiedeln; weitere Juden folgten nach. Sie lebten in einem eigenen Viertel („vicus Judaorum“). Aus der Zeit um 1380 stammt auch die erste Synagoge in Budweis. Im Jahre 1480 wurde die Judengasse samt Synagoge durch eine Großbrand zerstört. Seit den 1480er Jahren kam es wiederholt zu antijüdischen Unruhen. Als um 1500 Budweiser Bürger mehrfach über hiesige Juden Klage führten, stellte sich der König hinter „seine“ Juden und verbot jegliche Art von Übergriffen. Die Vertreibung der Juden im Jahre 1505/1506 - Grund war ein angeblicher Ritualmord - führte zu einem abermaligen Ende jüdischer Ansässigkeit in Budweis. Denn nun ermächtigte der König die Stadt, gegen die jüdischen Bewohner vorzugehen; nach einer Anklage wurden 24 Juden öffentlich verbrannt bzw. ertränkt, die anderen vertrieben und deren Vermögen konfisziert; eine Reihe jüdischer Kinder wurde zwangsgetauft. Die Synagoge wurde in eine christliche Kapelle umgewandelt; die beiden Friedhöfe wurden zerstört. In den Folgezeiten durften sich Juden nur noch zu den hier stattfindenden Märkten und gegen Zahlung eines „Eintrittsgeldes“ in der Stadt aufhalten.

Budweis by Johann Georg Vogt 1712.tiff

Stadtgrundriss von Budweis, um 1710 (Abb. Petr Fiala, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0)

Erst im Revolutionsjahr 1848 wurden die Wohnbeschränkungen für Juden aufgehoben. Unmittelbar danach begann eine sehr starke Zuwanderung nach Budweis, die 1859 hier zur offiziellen Gründung der neuzeitlichen jüdischen Kultusgemeinde führte. Ein Beweis für den sich entwickelnden Wohlstand der Angehörigen der Budweiser Kultusgemeinde war der Bau der neuen Synagoge am Platz des Krumlauer Deiches. Das einer gotischen Kirche sehr ähnliche, aus roten Ziegeln errichtete Gebäude - es war vom bekannten Wiener Architekten Max Fleischer konzipiert worden - wurde im Jahre 1888 feierlich eingeweiht.

  Synagoge in Budweis (Postkarte um 1910, aus: wikipedia.org, CCO) 

Die Anlage eines eigenen Friedhofs mit einer Zeremonienhalle war bereits Mitte der 1860er Jahre erfolgt; zuvor hatten Beerdigungen im nahegelegenen Frauenberg stattgefunden.

Juden in Budweis:*

        --- 1849 ...........................    keine,

    --- 1857 ...........................    165 Juden,

    --- 1872 ...........................    612   “  ,

    --- 1880 ...........................    969   “  (4,1% d. Bevölk.)

    --- 1890 ...........................  1.088   “  ,

    --- 1900 ...........................  1.673   “  ,

    --- 1910 ...........................  1.640   “  (3,7% d. Bevölk.),

    --- 1921 ...........................  1.423   “  ,

    --- 1930 ...........................  1.138   “  ,

    --- 1941 (Okt.) ....................  1.151   “  ,  

    --- 1942 (März) ....................  1.132   “  .

* Alle Angaben beziehen sich auf den gesamten Synagogenbezirk Budweis, dem 19 Gemeinden angehörten.

Angaben aus: Rudolf M. Wlaschek, Juden in Böhmen - Beiträge zur Geschichte des europäischen Judentums ..., S. 25

Erwin Spindler Ansichtskarte Budweis2.jpghistorische Stadtansicht - Postkarte (Abb. aus: wikipedia.org, gemeinfrei)

Anfang der 1930er Jahre zählte die jüdische Bevölkerung etwa 1.100 Personen und machte etwa 2,5% der Gesamtbevölkerung von Budweis aus.

In einer am 19.Juni 1939 erschienenen Notiz im Prager „Der Neue Tag“ hieß es:

                       Budweiser Synagoge wird Stadtbesitz

Die Israelitische Kultusgemeinde in Budweis hat in einer Zuschrift der Polizeidirektion mitgeteilt, dass sie bereit ist, ihre Synagoge in der Gerstgasse in die Verwaltung der Stadtgemeinde zu übergeben. ... Über die Art der Verwendung des Gebäudes wird in kürzester Zeit entschieden werden.

       Sprengung der Synagoge in Budweis (1942, Yad Vaschem)

Die Budweiser Synagoge wurde auf Anweisung des damaligen Stadtprotektors Friedrich David im Juni 1942 von den Nationalsozialisten gesprengt; das Gelände liegt bis heute brach.

Im Juli 1939 wurden jüdische Geschäfte demoliert; im Folgejahr wurden die jüdischen Bewohner unter erbärmlichsten Bedingungen in alten Gemäuern zusammengepfercht, wo sie bis zu ihrer Deportation verblieben. Die hier noch lebenden jüdischen Einwohner - mehr als 900 Personen - wurden dann Mitte April 1942 nach Theresienstadt, Auschwitz und Bergen-Belsen verschleppt; die meisten kamen ums Leben.

 

Nach Ende des Krieges bildete sich zwar wieder eine kleine Gemeinde, die aber auf Grund abnehmender Mitgliederzahl nach 1970 aufgelöst wurde. In den 1960er Jahren gab es in der Stadt noch eine kleine Betstube.

Auf dem jüdischen Friedhof, der 1942 schweren Verwüstungen ausgesetzt war, erinnert seit 1950 ein Mahnmal an die Opfer der NS-Zeit. In der Folgezeit kam es hier zu weiteren Beschädigungen: Grabsteine wurden abgetragen, auf dem Gelände Schutt abgelagert und 1970 die Trauerhalle abgerissen. Nach der Wende (1989) wurde der Friedhof - so gut es eben ging - wieder instand gesetzt; allerdings ließen sich nur ca. 350 von insgesamt mehr als 1.300 Grabsteinen auffinden und aufstellen.

Židovský hřbitov (ČB) - branka.jpg Židovský hřbitov (ČB) - 3 velké náhrobky.jpg

 Jüdischer Friedhof in České Budějovice - Eingang und Grabstelen (Aufn. J. Erbenová, 2009, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0)

Židovský hřbitov (ČB) - tumba+domek.jpg Taharahaus und Holocaust-Denkmal (Aufn. J. Erbenová, 2009)

Am 50.Jahrestag der Zerstörung der Budweiser Synagoge wurde in der Nähe der ehemaligen Synagoge ein Mahnmal für die Opfer der Shoa errichtet; die steinerne stilisierte Menora mit Davidstern ist ein Werk des Bildhauers Roman Brichcin.

   Synagoga Č.Budějovice 01.jpg

Shoa-Denkmal: Vorder- u. Rückseite (Aufn. J. Erbenová, 2011, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0)

 

Für den 1927 in Budweis geborenen Harry Kende erinnert vor seiner ehemaligen Schule ein sog. „Stolperstein“. Nach seiner Deportation nach Theresienstadt (1942) durchlief er mehrere Konzentrationslager; in Flossenbürg wurde er im März 1945 ermordet. Neben disem Stolperstein erinnert auch eine in der Schule angebrachte Gedenktafel an Harry Kende.

  Abb. Chr. Mechelides, 2015, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 4.0)

 

In der etwa 40 Kilometer nördlich von Budweis gelegenen Ortschaft Bechin (auch Beching, tsch. Bechyne, derzeit ca. 5.000 Einw.) lebten ab dem Ausgang des 16.Jahrhunderts einige wenige jüdische Familien. Mit Anwachsen der jüdischen Bevölkerung legte die Judenschaft im 17.Jahrhundert ihren Friedhof an; der älteste noch vorhandene Grabstein datiert von 1687.

Juden in Bechin/Bechyne:

--- 1715 .......................   81 Juden (in 14 Familien),

--- 1725 .......................   56   “  ,

--- 1902 .......................  145   “  ,

--- 1929 .......................   39   “  ,

--- 1930 .......................   47   “  .

Angaben aus: The Jewish Community of Bechyne (Bechin), Hrg. Beit Hatfutsot

Zu ihrer Blütezeit gegen Ende des 19./Anfang der 20. Jahrhunderts setzte sich die Gemeinde aus ca. 140 Angehörigen zusammen; im Jahre 1930 waren es dann nur noch ca. 30 Personen. Die wenigen, nach der deutschen Okkupation noch in Bechin verbliebenen Juden wurden im November 1942 nach Theresienstadt verschleppt; von hier aus erfolgte ihre Deportation nach Auschwitz; keiner von ihnen soll überlebt haben.

Bechyně - bývalá synagoga v Široké 02.jpg Bechyně Synagoge 142.jpg  Das ehemalige Synagogengebäude ist bis heute erhalten – zwischenzeitlich hatte ein Brand das Haus teilzerstört - und dient seit 1973 als Stadtmuseum; 2007/2008 erfolgte die letzte Restaurierung des Baues (obige Abb. J.Erbenová, 2014 und GFreihalter, 2017, beide aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0)

Auf dem jüdischen Friedhof findet man noch mehr als 200 Grabsteine; davon sind einige bereits tief in den Boden versunken.

http://photos.wikimapia.org/p/00/00/57/21/79_big.jpg

Ummauerter jüdischer Friedhof (Aufn. J. Erbenová) – einzelne Grabsteine (Aufn. aus: wikimapia.org)

 

In Kaladey (tsch. Koloděje nad Lužnicí mit derzeit kaum 200 Einw.) - ca. 40 Kilometer nördlich von Budweis, heute Ortsteil von Moldatein/Týn nad Vltavou - gibt es einen jüdischen Friedhof, der aus dem 17.Jahrhundert datiert.

Aufn. J. Erbenová, 2010, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0)

 

In Nesnaschow (tsch. Neznašov, bis 1923 Nezdašov, derzeit ca. 500 Einw.) - heute Ortsteil der Kommune Všemyslice (dt. Schemeslitz) – erinnert südlich des Ortes ein jüdischer Friedhof an einstige jüdische Besiedlung des Umlandes. Der aus dem 18.Jahrhundert stammende Friedhof – seit 1988 als „schützenswertes Kulturdenkmal“ eingestuft – macht derzeit einen gepflegten Eindruck.

Jewish cemetery in Neznasov 2018 02.jpg Aufn. PetrS., 2018, aus: commons.wikipedia.org, CC BY-SA 4.0)

 

Weitere Informationen:

Reinhold Huyer, Zur Geschichte der ersten Judengemeinde in Budweis, in: "Mitteilungen des Vereins der Deutschen in Böhmen", Heft 2/3, 1911

Hugo Gold (Hrg.), Die Juden und Judengemeinden Böhmens in Vergangenheit und Gegenwart, Brünn 1934, S. 44 ff.

Hugo Gold (Hrg.), Gedenkbuch der untergegangenen Judengemeinden Böhmens, Tel Aviv 1975

Ferdinand Seibt (Hrg.), Die Juden in den böhmischen Ländern - Vorträge der Tagung des Collegiums Carolinum in Bad Wiessee (November 1981), Oldenbourg-Verlag, München/Wien 1983

Germania Judaica, Band III/1, Tübingen 1987, S. 187 - 191

Rudolf M.Wlaschek, Juden in Böhmen - Beiträge zur Geschichte des europäischen Judentums im 19. und 20.Jahrhundert, in: "Veröffentlichungen des Collegium Carolinum", Band 66, Verlag R. Oldenbourg, München 1997

Carol Herselle Krinsky, Europas Synagogen - Architektur, Geschichte und Bedeutung, Fourier Verlag, Wiesbaden 1997, S. 152 - 156

Dějiny židů v Českých Budějovicích (Geschichte der Juden in Böhmisch Budweis), online auf: roman.tf.sweb.cz

The Jewish Community of Ceske Budejovice (Budweis), Hrg. Beit Hatfutsot – The Museum of the Jewish People, online abrufbar unter: dbs.bh.org.il/place/ceske-budejovice

Jewish Families from České Budějovice (Budweis), Bohemia, Czech Republic, online abrufbar unter: geni.com/projects/Jewish-Families-from-%25C4%258Cesk%25C3%25A9-Bud%25C4%259Bjovice-Budweis-Bohemia-Czech-Republic/15126

The Jewish Community of Bechyne (Bechin), Hrg. Beit Hatfutsot – The Museum of the Jewish People, online abrufbar unter: dbs.bh.org.il/place/bechyne

Ursula Prokop, Max Fleischer (1841-1905) und die Verwissenschaftlichung des Synagogenbaus, in: "DAVID – Jüdische Kulturzeitschrift", Heft 98/Sept. 2013

Im Jahre 2002/03 erschien ein Sammelband zur Geschichte der jüdischen Bevölkerung im politischen Bezirk Budejovice (in tschechischer Sprache)