Bünde (Nordrhein-Westfalen)

Bildergebnis für bünde westfalen historisch landkarte Bünde ist eine Stadt mit derzeit mehr als 45.000 Einwohnern im Kreis Herford im nordöstlichen Nordrhein-Westfalen - etwa 20 Kilometer nördlich von Bielefeld gelegen (Karte TUBS, 2008, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0).

Die ersten Hinweise auf eine jüdische Ansiedlung im westfälischen Bünde stammen aus der Zeit des ausgehenden 17.Jahrhunderts. Im Laufe der ersten Hälfte des 18.Jahrhunderts nahm die Zahl der in Bünde wohnhaften Juden langsam zu. Um 1810/1815 schlossen sich die Juden zu einer Synagogengemeinde zusammen, der auch Glaubensgenossen aus den Ämtern Ennigloh und Rödinghausen sowie der Ortschaft Kirchlengern angehörten. 1815 wurde auf einem Hinterhofgrundstück in der Eschstraße eine Synagoge errichtet, der ab den 1830er Jahren auch eine private jüdische Grundschule angeschlossen war, die bis 1890 bestand. Gottesdienste wurden hier weitgehend in traditioneller Form abgehalten: Frauen und Männer saßen während der Gottesdienste streng getrennt. Auf Grund ihrer geringen Mitgliederzahl konnte sich die Bünder Gemeinde keinen eigenen Rabbiner leisten, deshalb griff man auf den in der Bielefelder Synagogengemeinde tätigen Rabbiner zurück, der das Amt des Bezirksrabbiners innehatte.

Im Jahre 1828 wurde ein eigener jüdischer Friedhof angelegt, bis dahin hatten die Juden von Bünde ihre Verstorbenen auf dem jüdischen Friedhof im nahen Enger bestattet. 1896 musste der Bünder Friedhof geschlossen werden, und der Synagogengemeinde wurde nun ein Geländestück auf dem städtischen Friedhof an der Feldstraße zugewiesen.

Juden in Bünde:

        --- 1687 ........................... eine jüdische Familie,

    --- 1714 ...........................   3     “       “   n,

    --- 1765 ...........................   5     “       “    ,

    --- 1783 ...........................  26 Juden,

    --- 1812 ...........................  50   “  ,

    --- 1836 ........................... 145   “  ,

    --- 1849 ........................... 109   “  ,

    --- 1861 ........................... 111   “  ,

    --- 1899 ........................... 112   “  ,

    --- 1925 ...........................  73   “  ,

    --- 1932 ...........................  72   “  ,

    --- 1933 ...........................  56   “   (1,1% d. Bevölk.),

    --- 1937 ...........................  52   “  ,

    --- 1939 ...........................  28   “  ,

    --- 1946 ...........................   4   “  .

Angaben aus: Norbert Sahrhage, “Juden sind in dieser Stadt unerwünscht!”, S. 14

Ihre Blütezeit erreichte die Bünder Jüdische Gemeinde um 1835; ab Mitte des 19.Jahrhunderts ging dann die Zahl ihrer Mitglieder kontinuierlich zurück. Die Bünder Judenschaft setzte sich ab der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts aus relativ wohlhabenden Familien zusammen, was auch durch die in Bünde ansässige Zigarrenindustrie bedingt war. Die Bünder Juden waren weitestgehend assimiliert und in das gesellschaftliche Leben der Stadt einbezogen; gleichwohl waren Ehen zwischen Christen und Juden selten. Die jüdischen Kinder besuchten nach Schließung der jüdischen Elementarschule (1890) die allgemeinbildenden Schulen der Stadt.

Bildergebnis für bünde westfalen historisch Bildergebnis für bünde westfalen historisch

Historische Ansichten: Kirchstraße und Eschstraße (Abb. Stadtarchiv Bünde, aus: buende.de)

Die Bünder Juden hatten ihre Wohnsitze im Stadtzentrum, wo die Mehrzahl von ihnen ein eigenes Geschäft betrieb oder in Angestelltenberufen tätig war. Bekannte Familien in der Stadt waren die Familien Levison (Zigarrenfabrik), Rosenwald, Spanier und Blumenau (Zigarrenfabrikanten). Doch infolge der Abwanderung insbesondere der jüngeren Menschen in die deutschen Großstädte war die Bünder Synagogengemeinde stark überaltert. 1932 lebten in der Stadt 72 Bewohner mosaischen Glaubens, was ca. 1% der Bevölkerung entsprach. Erste deutliche Hinweise auf hier auftretenden Antisemitismus traten bereits Ende der 1920er Jahre zutage, als die hiesige NSDAP-Ortsgruppe zunehmend eine antijüdische Propaganda betrieb und in öffentlichen Veranstaltungen gegen die jüdische Bevölkerung Front machte. 1929 verteilten Bünder NSDAP-Mitglieder vor jüdischen Geschäften Flugblätter „eindeutigen“ Inhalts. Unmittelbar nach der NS-Machtübernahme begann auch in Bünde die systematische Diskriminierung der jüdischen Mitbürger. Am 4.Februar 1933 machte die Bünder NSDAP-Ortsgruppe in einem an den „Bünder Generalanzeiger” gerichteten Schreiben ihre Haltung gegenüber den ortsansässigen Juden mehr als deutlich:

... Die Juden unterscheiden sich von den Deutschen nicht durch eine andere Konfession, sondern sind vielmehr ein rassisch gänzlich anders geartetes Volk, das bisher vorbildlich blutsbewußt innerhalb des deutschen Volkes seine rassische und völkische Einheit zu wahren wußte, mit Hilfe seiner Religion. Im Laufe der Zeit hat sich dieses jüdische Volk im Pressewesen, kulturell und finanziell, die Vorherrschaft über sein deutsches Wirtsvolk zu erwerben verstanden. Die völlige kulturelle Unterjochung in wirtschaftlicher Beziehung, durch jüdische Warenhäuser und Banken, die Beeinflussung der öffentlichen Meinung durch Juden, sind traurige Tatsachen. Hier setzt unser Kampf ein. ... Das jüdische Volk lebt als Gastvolk unter dem deutschen Wirtsvolk. Diese Sachlage sich klar zu machen, und sich dadurch einzurichten, empfehlen wir den Juden. DEUTSCHLAND DEN DEUTSCHEN

Ende März 1933 kam es in Bünde zu ersten Boykottaktionen gegen jüdische Geschäfte.

Der „Bünder Generalanzeiger” berichtete am 30.3.1933:

... Vor den jüdischen Geschäften sind SA-Posten aufgestellt, die mit Plakaten und mündlicher Aufklärung das Publikum an dem Betreten der Geschäfte zu hindern trachten. Vereinzelt hatten die Geschäfte zunächst nicht geöffnet, zogen später jedoch die Rolläden auf. Die Aktion verläuft in vollkommener Ruhe und Disziplin. Zwischenfälle haben sich bisher noch nicht ereignet.

Am 1.4.1933 zogen SA-Angehörige durch die Straßen; SA-Trupps zwangen jüdische Geschäftsinhaber, ihre Läden zu schließen. An die Schaufenster wurden Plakate mit der Aufschrift „Unsere Antwort auf die jüdische Welthetze. Geschlossen. NSDAP” angebracht. Mit der Ablösung des Bürgermeisters Dr. Moes Ende 1937 und der Einsetzung des ‚alten Kämpfers’ Dr. Rattay verschlechterten sich die Lebensbedingungen der Bünder Juden weiter. Ab 1938 kam es zu „Arisierungs“-Verfahren, dabei achtete der Gauwirtschaftsberater darauf, dass alle Käufer - die meisten von ihnen waren ortsansässige Geschäftsleute - politisch ‚zuverlässig’ waren und der jeweile Kaufpreis unter dem eigentlichen Geschäftswert lag. Vorausgegangen waren ab Ende 1937 weitere Boykottaktionen gegen jüdische Geschäftsinhaber.

Die Pogromnacht in Bünde verlief - was die „Vorgänge“ um die Synagoge anging - anders als in anderen Städten. Mit der Zerstörung der Synagoge wurde erst am 10.11.1938 begonnen, als der aus Herford angereiste Landrat Erich Hartmann anwesend war. Unter seiner Leitung wurde die Synagogeninneneinrichtung verwüstet, herausgerissenes Mobiliar auf den Marktplatz gebracht und dort in Anwesenheit einer größeren Menschenmenge verbrannt.

Aus dem „Bünder Generalanzeiger“ vom 11.11.1938:

... Gestern gab die Bevölkerung ihrer Empörung über die feige Meucheltat des Juden Grünspan dadurch Ausdruck, daß die Synagoge, ein altes Fachwerkhaus, niedergerissen wurde. Die hölzerne Inneneinrichtung wurde an dem Marktplatz zusammengetragen, wo sie dem Feuer übergeben wurde. Zu der spontanen Kundgebung, zu der niemand aufgerufen hatte, kam eine tausendköpfige Menge zusammen, die vorher in den Straßen das nie gesehene Bild eines lebhaften Verkehrsstromes entwickelte. Nach der kurzen Kundgebung ... formierte sich ein Demonstrationszug, der besagen wollte, daß unser Langmut nicht ewig dauern kann. Vorher klirrten in dem letzten jüdischen Geschäft, das mit seinem verwahrlosten und schmutzigen Bauwerk keine Empfehlung für unsere Stadt ist, die großen Schaufensterscheiben. Auch bei einem jüdischen Privathaus wurden die Scheiben zertrümmert.

Angetrunkene SA- und SS-Angehörige zerschlugen die Schaufenster des Kaufhauses Spanier, drangen in das Gebäude ein und demolierten die Inneneinrichtung. Zwei Feuerwehrmänner (!) legten einen Brand im Gasthaus der Familie Spanier.

        aus einer aktuellen Pressemeldung (Nov. 1938) über das Schadensfeuer

Die meisten der noch in Bünde lebenden jüdischen Männer waren bereits am 10.11.1938 inhaftiert und ins KZ Buchenwald gebracht worden. Nach einigen Wochen kehrten sie nach Bünde zurück und wurden hier vom Arbeitsamt zur Zwangsarbeit verpflichtet. Mitte Juli 1942 wurden die letzten 17 Bünder Juden - über die ‚Zwischenstation’ Bielefeld - nach Theresienstadt deportiert.

Anfang 1949 fand am Bielefelder Landgericht ein Prozess gegen führende Beteiligte der Vorgänge der Pogromnacht in Bünde statt. Angeklagt waren der ehemalige Herforder Landrat Hartmann und der ehemalige SS-Obersturmführer Bültermann. Während letzterer auf widersprüchlicher Zeugenaussagen freigesprochen wurde, erhielt Hartmann „wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Landfriedensbruchs“ eine zweijährige Haftstrafe.

 

Nur drei jüdische Einwohner kehrten nach Kriegsende nach Bünde hierher zurück. Bis heute ist das Schicksal der Bünder Juden nicht völlig geklärt; zahlreiche Spuren verlieren sich in den Ghettos und Lagern Osteuropas.

Auf dem alten jüdischen Friedhof an der Marktstraße wurde aus Anlass des 50.Jahrestages des Novemberpogroms ein Mahnmal enthüllt, das die Namen von 50 jüdischen Bürgern trägt, die Opfer des Naziregimes wurden. Die Rückseite des Mahnmals trägt folgende Inschrift:

In der Pogromnacht vom 10. zum 11.November 1938 wurden in Bünde die Synagoge und jüdisches Eigentum zerstört.

Die Stadt Bünde gedenkt aller jüdischen Mitbürger, die in Konzentrationslagern der Massenvernichtung durch das nationalsozialistische Deutschland zum Opfer fielen.

Dieses Mahnmal wurde auf dem ehemaligen jüdischen Friedhof 1988 errichtet.

Die Würde des Menschen ist unantastbar.

Das ehemalige Synagogengrundstück wird heute als öffentliche Verkehrsfläche genutzt. In den 1980er Jahren wurde - im Rahmen der Stadtkernsanierung - die Synagogenruine abgetragen. An ihrem einstigen Standort an der Ecke Eschstraße befindet sich eine Tafel mit den Worten:

An diesem Platz stand die Synagoge der jüdischen Gemeinde Bünde,

die im Jahre 1815 errichtet und am 10.November 1938 durch die Bünder Nationalsozialisten zerstört wurde.

Dieses Ereignis verpflichtet uns zu Toleranz und politischer Wachsamkeit.

Wahrlich, der Ewige ist gegenwärtig an diesem Ort und ich wußte es nicht

1.Juli 2002                                                                                                 Genesis 28.16

   Aufn. F., 2009, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0

Seit 2003 wurden auch in Bünde sog. „Stolpersteine“ verlegt; nach dem Abschluss des „Stolperstein“-Projektes (2016) sind nun insgesamt 60 Steine ins Gehwegpflaster hiesiger Straßen eingefügt.

Winkelstraße 14 1.jpg Winkelstraße 14 2.jpg Winkelstraße 14 3.jpg

Stolpersteine - verlegt in der Winkelstraße (Aufn. Hiddenhauser, 2017, aus: wikipedia.org, CCO)

 Salomon Blumenau wurde 1825 als Sohn einer westfälischen Viehhändlerfamilie jüdischen Glaubens in Bünde geboren. Als Lehrer und Kantor war er dem Reformjudentum verpflichtet. Er gehörte zu den Mitbegründern des Israelitischen Lehrervereins. Noch im hohen Alter fungierte er als Delegierter des Israelitischen Gemeindebundes in Berlin. 1904 verstarb er in Hannover.

 

Weitere Informationen:

Arno Herzig, Judentum und Emanzipation in Westfalen, Münster 1973

Norbert Sahrhage, “Juden sind in dieser Stadt unerwünscht!” - Die Geschichte der Synagogengemeinde Bünde im “Dritten Reich”, Verlag für Regionalgeschichte, Bielefeld 1988

Monika Minninger, Salomon Blumenaus aus Bünde (1825 – 1904). Lehrer, Kantor, Prediger, Freimaurer, Autor, in: "Ravensberger Blätter", No. 1/1988, S. 8 - 21

Novemberpogrom in Bünde - Wanderausstellung aus dem Jahre 1988, Hrg. Stadtverwaltung Bünde

Norbert Sahrhage/Kerstin Stockhecke (Hrg.), “ ... sich in Zukunft mit der tragischen Geschichte auseinandersetzen” - Dokumentation der Veranstaltung zum 50.Jahrestag des Novemberpogroms von 1938, Stadt Bünde 1989

Norbert Sahrhage, Bünde zwischen “Machtergreifung” und Entnazifizierung - Geschichte einer westfälischen Kleinstadt von 1929 bis 1953, Bielefeld 1990, S. 204 - 230

Norbert Sahrhage, “ ... weil wir hofften, daß nach all dem Erleben uns nunmehr Gerechtigkeit widerfahren würde.” Reintegration und Entschädigung der jüdischen Bevölkerung des Kreises Herford nach 1945, in: "Menora. Jahrbuch für deutsch-jüdische Geschichte 1991", S. 371 - 404

Elfi Pracht, Jüdisches Kulturerbe in Nordrhein-Westfalen: Band III: Regierungsbezirk Detmold, J.P.Bachem Verlag, Köln 1998, S. 106 f.

Michael Brocke (Hrg.), Feuer an dein Heiligtum gelegt - Zerstörte Synagogen 1938 in Nordrhein-Westfalen, Ludwig Steinheim-Institut, Kamp Verlag, Bochum 1999, S. 85

"Stolpersteine" sollen erinnern - Netzwerkgruppe des Gymnasiums am Markt trägt Familien-Biografien vor, in: „Bünder Zeitung – Westfalen-Blatt“ vom 23.11.2005

Andrea Hüttenhölscher (Red.), Stolpersteine mahnen sich zu erinnern. Drei Gedenktafeln in der Heidlkampstraße verlegt, in: „NW - Neue Westfälische“ vom 26.9.2011

Norbert Sahrhage (Bearb.), Bünde, in: Historisches Handbuch der jüdischen Gemeinschaften in Westfalen und Lippe. Die Ortschaften und Territorien im heutigen Regierungsbezirk Detmold, Ardey-Verlag, Münster 2013, S. 337 - 446

Freiherr-vom-Stein-Gymnasium Bünde (Bearb.), Arisierungsmaßnahmen in der Stadt Bünde und im Amt Ennigloh 1938 – 1942, in: fvsg-buende.de/geschichtsarchiv

Corinna Schwanhold (Red.), Künstler verlegt letzte Stolpersteine in Bünde, in: “NW - Neue Westfälische” vom 7.10.2016

Auflistung der in Bünde verlegten Stolpersteine, online abrufbar unter: wikipedia.org/wiki/Liste_der_Stolpersteine_in_Bünde

Thomas Klüter (red.), Stolpersteine leichter zu finden, in: "Westfalen-Blatt" vom 23.5.2018

Gruppe Netzwerk “Auf den Spuren der Bünder Juden” (Hrg.), Stolpersteine in Bünde (Flyer), Bünde 2018

Jasmin Hoymann (Red.), Tod im KZ: Aus dieser Bünder Familie überlebte nur einer das Todeslager, in: “NW - Neue Westfälische” vom 5.4.2020

Hartmut Horstmann (Red.), Erinnerung an den Schrecken.  Norbert Kaase arbeitet an Film über das Schicksal der Bünder Juden – bis Jahresende fertig, in: “Westfalen-Blatt” vom 17.9.2020